Digital durchs Jahr – Wer und was 2017 noch so online war

Rückspiegel by Momentmal via pixabay, CC0, editedBildung, Bundestagswahl und Bots: Unser Autor Stephan Raab lässt anhand unserer Artikel das Jahr 2017 Revue passieren.

„Oh das Internet gibt es jetzt auch für Computer“, muss nicht nur der Digitalisierungsexperte Homer Simpson feststellen. Einst meinte Microsoft Gründer Bill Gates: „Internet ist nur ein Hype“. Doch dieser Hype hält bis heute an. Mittlerweile benutzten mehr als 3,7 Milliarden Menschen das Internet weltweit. Wir blicken zurück wer und was 2017 noch so online war.

Digital war 2017 einiges los. Ein Blick zurück auf die Timeline genügt und es wird klar, auch in diesem Jahr wurden wieder unzählige Mengen an Daten produziert. Das neue Open Data Gesetz soll Behörden dazu verpflichten ihre Daten zu veröffentlichen. Leider meist nur als Rohdaten erhältlich sind sie für den Laien eher ungeeignet. Gleichzeitig versucht das Netzwerkdurchsuchungsgesetz dazu beizutragen, diese Datenmengen an Meinungen und Ideen zu verarbeiten. Betreiber von sozialen Plattformen sollen stärker in die Verantwortung genommen werden, Hasskommentare zu löschen. Technisch ist dies nur mit Algorithmen möglich. Aber entscheiden diese darüber, wie die Digitalisierung unseren Alltag verändern soll?

Daten, Daten und noch vielmehr

Internet ist weniger eine Glaubensfrage als auch eine Generationenfrage. Im Schnitt verbrachten die über 70-jährigen 2017 etwa 28 Minuten täglich im Netz. Die 14 bis 29-jährigen hingegen nutzen als Generation der Digital Natives das Internet für etwa 4 Stunden am Tag.

Auch 2017 machten wir uns Gedanken über die technischen Fortschritte der Digitalisierung. Diese Gedanken mögen zwar frei sein, doch vielleicht lassen sie sich bald erraten. Neurotechnologie widmet sich der Erforschung der menschlichen Gehirnaktivitäten. Dabei geht es längst nicht mehr darum nur Hirnströme zu messen. Vielmehr steht bereits die Stimulation und Beeinflussung im Vordergrund, menschliches Denken effizienter zu machen. Vielleicht heute noch Zukunftsmusik, möglicherweise aber bald Alltag, müssen wir schon heute über die ethischen Grenzen der immer größeren technischen Machtbarkeit nachdenken.

Digital und dann weiter

Aber was machen wir eigentlich in Zukunft, wenn immer mehr Aufgaben von Maschinen übernommen werden? Ein Klick genügt, um die wichtigsten Aufgaben des Tages zu erledigen. Plattformen können einen Beitrag leisten, um unser Leben und Wirtschaften zu verbessern. Algorithmen helfen in Rechtsfragen, Roboter übernehmen die Pflege unsere Angehörigen, Killerroboter  könnten gar unsere globalen Interessen verteidigen, Kriege der Zukunft austragen. Innovationen wie Smart Contracts sollen dabei helfen, die Vernetzung zu erleichtern, das Internet demokratischer etwa im Bereich Journalismus zu gestalten. Die Energie für diese Vorhaben könnten auch Blockchain und Smart Meter mit dezentraler Versorgungen erzeugen.

„Vernetze Gesellschaft, Vernetze Bedrohungen“ warnt der Autor Joachim Jakobs. Identity Kits zum Stehlen digitaler Identitäten sind bereits für 1.500 bis 2.000 Dollar erhältlich. Die Attacken des Virus Wanna Cry zeigten, die Anfälligkeit der weltweiten Vernetzung. Das Darknet gilt als Inbegriff für illegale Aktivitäten, doch zeigt sich, es ist nur eine andere Art der verschlüsselten Kommunikation. Die Regeln der digitalen Ökonomie sorgten sogar für ein Regelwerk mit Qualitätskontrolle unter Drogendealern. Illegale Aktivitäten finden überall statt, sorgen für einen Crypto War zwischen Geheimdiensten, organisierter Kriminalität und Datenschützern.

Predictive Policing könnte eingesetzt werden, Verbrechen aufzudecken, bevor diese geschehen.Wenn jedoch das Verhindern von Straftaten höchste Priorität genießt, lässt sich der Bogen weiter spannen: Immer mehr Daten werden benötigt, immer umfassendere Profile erstellt, Bürger geraten unter Generalverdacht.

Je mehr wir Algorithmen Prognosen und Entscheidungen überlassen, desto weniger Freiheit bleibt beim Menschen. Wenn Pflegeroboter nicht mehr nur Berater sind, sondern zu Entscheidern werden, Verbote aussprechen, kann dies die Autonomie von Patienten beschränken. Befürworter argumentieren, solche Zuwendungsroboter wären nötig, um  den Pflegebetrieb in einer alternden Gesellschaft aufrecht zu erhalten, Kritiker vermissen die (zwischen-)menschliche Komponente von Fürsorge und Betreuung.

Das Internet, die Digitalisierung sind das Produkt menschlicher Erfindungskraft. Jedoch scheinen Humanisierung und Rationalisierung in Ungleichgewicht geraten zu sein, wie Gewerkschaften beklagen. Asymmetrische Machtverhältnisse zwischen Plattformbetreibern und ihren Mitarbeitern weichen soziale Errungenschaften im Arbeitsrecht auf. Fragen wie Leistungsschutzrecht oder Privatsphäre müssen in einer neuen Arbeitswelt 4.0 neu verhandelt werden. Arbeit soll nicht nur dem Broterwerb dienen, sondern Teil der Selbstverwirklichung werden.

Digitale Demokratie oder Wahlkampf 2.0.

„Jamaika Aus“ wurde zum Wort des Jahres gewählt. 2017 war ein Jahr der politischen Überraschungen, oder wie es Roman Koidl formulierte: „Warum wir irre wählen?“ Der Wahlkampf zur Bundestagswahl war auch ein digitaler. Es wurden WhatsApp, Instagram, Snapchat, Tinder  verwendet, um  niedrigschwellig und direkt mit Wählerinnen und Wählern in Kontakt zu treten. Aber eine digitale Demokratie oder zumindest ein digitaler Diskurs benötigt faire Grundlagen. Der Einfluss von Fake News im US-Wahlkampf wurde kontrovers diskutiert. Hinzu kommen Chatbots, die schwer erkennen lassen, ob noch ein menschlicher Nutzer oder einem künstlicher Chatbots agiert. Je größer der Einfluss von Fake News wird, desto wichtiger werden journalistische Kompetenzen einer ausgewogenen, differenzierten Berichterstattung.

Den Konsumenten zum Produzenten von Medieninhalten zu machen, waren einst die Hoffnungen der digitalen Revolution. Allerdings deutet derzeit  die Zunahme Polarisierung und Populismus eher auf das Gegenteil hin. Rasch entwickeln sich in den sozialen Medien Debatten. Diese bleiben jedoch eher an der Oberfläche, bestätigen nur die eigene bestehende Meinung gegen andere. Hatespeech oder Fake News lassen sich nicht mit Algorithmen allein in den Griff bekommen, es bedarf der menschlichen Fähigkeit, zwischen Meinung und Hetze zu unterscheiden. Daher sind insbesondere die großen Technikunternehmen gefragt, sich an der Entwicklung eines digitalen Ethikkodex zu beteiligen. Digitale Unternehmen könnten eine Art Rotes Kreuz im Cyberwar, eine digitale Schweiz werden, welche sich bei Cyberangriffen neutral verhält und gemeinsam mit demokratischen Regierungen die Gesellschaft auf das digitale Zeitalter vorbereitet.

Mit der Digitalisierung war eine große Hoffnung auf Demokratisierung verbunden. Mittlerweile macht sich bei einigen Enthusiasten Katerstimmung breit. Statt der Ermächtigung jedes Bürgers, zur öffentlichen Meinungsbildung beizutragen, verstärken digitale Mechanismen den Einfluss von nicht demokratischen legitimierten Gruppen und Personen, wie die Diskussion um die Macht der  Influencer zeigt. Trotz allem darf nicht vergessen werden, dass dies noch stets menschliche Erfindungen sind, sodass sich auch die analoge Gesellschaft in der digitalen Gemeinschaft wiederfindet. Online-Debatten unterliegen den gleichen Regeln wie die Diksussionen in der physischen Welt. Digital macht noch keine Demokratie.

Digitale Bildung mehr als Internet

Mittlerweile sind mehr Menschen als jemals zuvor über die technischen Innovationen vernetzt. Sie schaffen neue hybride Kulturen die offline und online, regional und global miteinander verbinden. Trotz aller technischen Antworten bleibt die Frage offen, wohin Digitalisierung führen wird. Die digitalen Technologien haben eine Verbindung von Mensch zu Mensch geschaffen, aber sie erfordern eine allumfassende Debatte. „Das Web ist mehr eine soziale Erfindung als eine technische“, konstatierte Tim Berners-Lee, Begründer des World Wide Web. In anderen Worten, digitale Gesellschaften beeinflussen analoge und umgekehrt verschwimmen miteinander. Diese Entwicklungen erforschen seit diesem Jahr  Einrichtungen wie das Center for Advanced Internet Studies (CAIS) oder das Deutsche Internetinstitut. Projekte wie das FSJ digital schicken junge Digital Natives an Schulen, um die Medienkompetenz zu verbessern und zu fördern.

Heute bieten die technischen Mittel neue Möglichkeiten in der Bildung, wie etwa ein ganzes Online Studium zu absolvieren. Die digitale Entwicklung schreitet schneller voran, als es das derzeitige Bildungssystem verarbeiten könnte. Initiativen wie mobileschule.de fördern daher den gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Heutzutage lässt sich jede Multiple-Choice-Aufgabe mit dem Smartphone binnen Sekunden lösen. Aus diesem Grund muss die digitale Bildung neu gedacht werden. Bildungsforscher Andreas Schleicher betont die Wichtigkeit von kritischen Denken, Wissen miteinander zu verbinden und anzuwenden. Viele Schulen wie die deutsch-skandinavische Gesamtschule oder das John-Lennon-Gymnasium in Berlin suchen neue Wege, die digitalen Möglichkeiten in den Unterricht einzubinden. Bildung bildet ab und aus, welche Art von Gesellschaft wir in Zukunft möchten. Das Projekt aula möchte Demokratie an Schulen anhand von Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und kritischen Denken fördern. Digitale Bildung ist kein Selbstläufer, sondern erfordert, dass jeder, der unterrichtet, selber stets dazu lernt. Die Lösungen von Morgen sind die Kinder von heute.

Daheim im digitalen Dorf

Umweltschutz, Migration, Polarisierung, Globalisierung werden auch das digitale Jahr 2018 bestimmten. Gamification kann an diese Themen heranführen, lässt gar Regierungen reagieren. Trotz der vielen neuen Chancen erscheint Digitalisierung, der Zwang immer erreichbar sein zu wollen als Stressfaktor. Sogar die Generation der Digital Natives gibt sich nur eine 3,2 in Sachen Digitalkompetenz. Daher ist es wichtig, eine eigene digitale Grenze zu finden.

Die globale Digitalisierung scheint zu überfordern, weckt den Sehnsucht nach Regionalen, Beschaulichen, Familie und Gemeinschaft. Jedoch erfasst diese Entwicklung auch ländliche Regionen. Die Auseinandersetzung mit den neue Technologien muss keine Angst machen, kann gar inklusiv wirken, wenn die Nutzer lernen, damit selbstbestimmt umzugehen. Kein Medium ist per se positiv oder negativ, es ist die Art und Weise, wie es angewandt wird. Im besten Fall kann die Vielfalt einer Gesellschaft allen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen.

Daten jedoch sind Teil des Schaffens eines Menschen, seiner Identität und auch wichtige Zeugnisse seines Lebens. Die Herausforderung ist, analoges und regionales mit digitalen und globalen zu verbinden. Vielleicht gelingt es, ein globales Dorf mit eigenem Brauchtum zu etablieren, in dem sich die Nutzer genauso zu Hause fühlen wie  daheim.  Als Antwort auf den Digitalisierungsexperten Homer Simpson gilt: Das Internet gibt uns das, was wir bereits sind dafür zu geben, wie wir es nutzen und weiterentwickeln möchten.

 

Das Jahr 2017 geht offline, oder um Peter Lustig zu zitieren: „Ihr könnt jetzt abschalten“. Die Autorinnen und Autoren von politik-digital wünschen einen guten Start in das neue Jahr 2018.

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