“Die Entwicklung ist viel zu langsam” – Andreas Hofmann über digitales Lernen

school-1517196_1280Digitale Inhalte sinnvoll in Schulen einzubinden ist in Deutschland noch immer schwierig. Der Bedarf jedoch steigt mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft. Um diese Diskrepanz auszugleichen, findet dieses Jahr zum 7. Mal die Tagung mobile.schule in Oldenburg statt. Wir haben mit dem Initiator Andreas Hofmann über die Entstehung der Tagung und die Digitalisierung der Bildung gesprochen.

Sie sind einer der Hauptinitiatoren der Tagung mobile.schule. Was war ihre persönliche Motivation, die Tagung zu organisieren und seit wann gibt es die Veranstaltung?

Die Mobile.schule habe ich vor etwa 5 Jahren ins Leben gerufen; damals noch als Fortbildungsveranstaltung an meiner Schule in Niedersachsen im Zuge eines Referenzschulnetzwerkes des Vereins n21. Ich wollte den Schulen in der Region einen Einblick in meine Arbeit bieten und die mir damals zur Verfügung stehenden Möglichkeiten digitalen Arbeitens zeigen. Beim ersten Treffen waren wir 40 Leute und ich war sehr glücklich über die Resonanz. Anfangs führte ich die Fortbildung zweimal pro Jahr durch, später dann einmal pro Jahr und 2014 erstmals in der Uni Oldenburg. Nachdem wir knapp 300 Gäste begrüßen durfte, wurde man auch in anderen Bundesländern auf uns aufmerksam.

Wer sind die (finanziellen) UnterstützerInnen der Tagung?

Seit diesem Jahr gibt es ein festes Budget vom Land Niedersachsen, das bei fast 70 Referenten allerdings nicht ausreicht. Das Event ist eigentlich kostenlos, der Beitrag von 10 Euro dient lediglich dazu, das Catering zu zahlen und die Professionalität von Jahr zu Jahr zu erhöhen. Das ist mir ganz wichtig, denn ich möchte, dass die Gäste sich wohlfühlen. Die Haupteinnahmen haben wir durch die etwa 50 Aussteller, die einen Beitrag und  Workshops anbieten dürfen, die allerdings von Lehrern oder anderen Referenten gehalten werden müssen. In diesem Jahr sind fantastische Workshops von den Ausstellern im Portfolio. Ich bin gespannt und froh, dass dieses Konzept aufgeht.

Generell ist das Event eine Kooperation von NLQ (Niedersächsischer Bildungsserver), dem OFZ (Oldenburger Fortbildungszentrum) und n21. Bei uns wird das niedersächsische Medienkonzept nicht nur gedacht sondern gelebt. Darauf sind wir sehr stolz.

Unter welchen Kriterien wurden die Themen der Tagung ausgewählt, wer koordiniert das Programm und wie kommen Sie an die Referenten?

Die inhaltliche Gestaltung des Events übernehme weitgehend ich, bekomme aber Hilfe von den anderen Koordinatoren und natürlich dem NLQ. Wir nehmen die Strömungen und Entwicklungen über die Monate auf und sprechen dann unser Netzwerk an. Dadurch kommen all diese Einflüsse automatisch in das Programm. Ein schönes Beispiel ist das Thema “Coding”, dass sich dieses Jahr an allen Ecken und Enden zeigt.

Mein Netzwerk hat sich in den letzten Jahren durch meine Tätigkeit in Niedersachsen als Berater, aber auch in meiner Nebentätigkeit als Trainer und Berater in anderen Bundesländern sehr erweitert. Mir ist es wichtig, dass ich überall, wo ich war, weiter in Kontakt bleibe. So kommen tolle Kooperationen wie z.B. mit dem Land Baden- Württemberg zustande oder enge Kontakte mit Mecklenburg- Vorpommern. Ein weiterer Motor der Vernetzung sind sicherlich auch unsere Blogs tablets.schule und mobile.schule sowie Twitter und Facebook. Social Media ist hier ein fantastischer Weg, mobile.schule zu bewerben und die Leute zu erreichen, die wirklich Interesse haben.

Im Anbetracht der Ergebnisse des letzten Jahres, gibt es Themen die bei den TeilnehmerInnen besonders populär sind?

Ja, interessante Frage. Letztes Jahr war Gamification ein populäres Thema, und Hospitationen (Anm. d. Red.: Unterrichtsbesuch eines Fachleiters in der Lehrerausbildung eines Referendars) sind auch immer sehr gut besucht. Auch Mathematik, Inklusion und Differenzierung ist heiß begehrt. Und das Thema Kollaboration in allen Facetten ist auch sehr beliebt gewesen bei der Anwahl.

Die Tagung findet zum wiederholten Male in Oldenburg statt. Wieso dort, und gibt es ähnliche Veranstaltungen in anderen Bundesländern?

Das Event findet hier statt, weil die Uni uns den Support bietet und die Infrastruktur liefert. Ich arbeite gerne mit dem Team des OFZ zusammen. Deshalb suche ich keine Alternative.

 

Andreas Hofmann ist Lehrer an der Waldschule Hatten und Koordinator der Konferenz mobile.schule. Er ist außerdem als medienpädagogischer Berater des Niedersächsischen Bildungsservers NLQ, freier Trainer und Referent und Sprecher tätig.  

Liegt der Fokus der Tagung auf dem Thema digitale Bildung im Bundesland Niedersachsen oder werden auch andere Länder mit einbezogen?

Wir liegen bei einer Verteilung von Zweidritteln zu Eindritteln. Also 75% Niedersachsen. Ich weiss, dass es kein Event außer den großen Messen gibt, dass dies bislang geschafft hat. Vielleicht geht es den Weitgereisten aber auch um unsere wirklich schönen Netzwerkabende.

Das Thema Bildung liegt in der Hoheit der Bundesländer. Wünschen Sie sich gerade bei Zukunftsthemen wie der Digitalen Bildung eine stärkere Zentralisierung und wenn ja, warum?

Ich wünsche mir keine Zentralisierung, sondern das Ermöglichen länderübergreifender Zusammenarbeit. Kollegen kämpfen mit der bitte um Freistellung, weil mobile.schule in einem anderen Bundesland ist. Man muss für seine Reisekosten diskutieren und kommt tatsächlich in Nöte wegen der auf ein Bundesland ausgerichteten Bürokratie. Das NLQ ist da bereits gedanklich sehr weit und fördert diese Kooperationen, was ich großartig finde. Jedes Bundesland baut das Rad neu, jedes Kultusministerium startet neue Pilotprojekte, ohne vom Nachbarn zu lernen. Alle machen dieselben Fehler, verbrennen dieselbe Zeit. Das ist für mich unerklärlich. Man könnte so viel effektiver sein.

Gibt es ein bundesweites Netzwerk zum Thema digitale Bildung, in dem sich untereinander ausgetauscht wird?

Nein! Das einzige Netzwerk, das ich kenne, nennt sich Twitter. Der Rest sind private Initiativen. Netzwerken ist zeitintensiv, das schreckt viele ab.

Sind Schulen Vorreiter beim Thema „Digitale Bildungsangebote“, in dem Sinne, dass dort schon vieles umgesetzt wird, wovon die Politik theoretisch spricht?

Vorreiter? Ich muss mich manchmal selbst erden, weil ich diesen Eindruck bekomme. Ich sehe ja auch seit Jahren die Leuchttürme und Piloten. Man sieht immer dieselben engagierten Leute. Aber die Realität sieht doch anders aus. Wie viel Prozent erreiche ich mit mobile.schule? Das will ich gar nicht errechnen, weil es deprimierend wäre. So viele Schulen haben noch nicht einmal ein Konzept zur Umsetzung angedacht. Mir fehlen beweisbare Zahlen aber ich sehe es immer wieder in meiner Tätigkeit als Berater. Wenn Schulen nicht Gas geben bzw. die nachkommende Lehrergeneration endlich mit Hochdruck ausgebildet wird, mache ich mir ernsthafte Sorgen. Die Entwicklung ist viel zu langsam.

Was halten Sie von den politischen Initiativen zum Thema, wie etwa der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft des BMBF?

Ich begrüße alle Initiativen diesbezüglich sehr, habe nur zunehmend Probleme bei den Worten “Projekt” und “Initiative”. Ich vermisse die Nachhaltigkeit sehr oft. Bevor irgendein Projekt nachhaltig in die Breite gehen kann, muss ein Umdenken stattfinden. Digitalität als Exot, als etwas, das separiert betrachtet wird, anstatt als ganzheitliche Realität und Lebenswelt, wird nie ankommen. Die unterrichtende Generation muss dieses Umdenken mittragen, die neuen Kolleginnen und Kollegen müssen nicht nur fachlich darauf vorbereitet werden sondern diesen Gedanken zur Selbstverständlichkeit werden lassen.

 

Titelbild: by stux via pixabay, licensed CC0 Public Domain

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Eine Antwort auf “Die Entwicklung ist viel zu langsam” – Andreas Hofmann über digitales Lernen

  1. Genauso sehe ich das auch. Daumen hoch, Andreas für dein Durchhlaltevermögen. Leider scheint bei allen politischen Willensbekundungen eine Nachhaltigkeit und länderübergreifende Kooperation der an Schule Beteiligten immer noch nicht angekommen zu sein. Meiner Meinung nach wird auch der Zeitfaktor vernachlässigt, welche viele Lehrer auch daran hindert, sich mit einer intensiven Auseinadersetzung mit eine veränderten Lernumgebung auseinanderzusetzen. Zunehmende Bürokratisierung in der Schule ist dabei nicht gerade förderlich. Es sind leider immer noch meist die selben Pioniere, welche sich den neuen Herausforderungen stellen, aber eben auch als Exoten angesehen werden.

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