Facebook, Filterblasen und „Fake-News“ – ein Gespräch mit Nikil Mukerji

In Zeiten von Facebook, Filterblasen und Fake-News wird es zunehmend schwierig einen vernünftigen politischen Dialog zu führen. Fakten werden durch Behauptungen ersetzt und Vernunft durch Rhetorik. Wir haben Nikil Mukerji von der Ludwig Maximilian Universität München zur dieser Problematik befragt. Seine Lösung: Der gesunde Menschenverstand!

politik-digital: Sehen sie den politischen Diskurs durch soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook gefährdet?

Nikil Mukerji: Wie jede neue Technologie stecken in den sozialen Medien sowohl Risiken als auch Chancen für die politische Debatte. Eine Chance liegt darin, dass sich Informationen sehr viel schneller ausbreiten können als früher. Das ist sicherlich ein Zugewinn, weil die Qualität der politischen Diskussion davon abhängt, dass relevante Fakten schnell bei den Menschen ankommen. Allerdings gibt es – wie Sie sagen – auch Risiken mit Facebook, Twitter und Co. Ein solches Risiko sehe ich in der enormen Geschwindigkeit, mit der diskutiert wird. Wenn Sie beobachten, wie schnell eine Diskussion entsteht, wenn etwa SpiegelOnline einen neuen Beitrag auf Facebook postet, dann sehen Sie, dass viele Nutzer Nachrichten allenfalls oberflächlich zur Kenntnis nehmen und nur kurz nachdenken, bevor sie kommentieren. Außerdem führt die Anonymität der Interaktion dazu, dass teilweise alle Anstandsregeln unter den Tisch fallen. Wer eine andere Meinung hat, der wird beschimpft und beleidigt. In einer persönlichen Debatte, wo man dem anderen in die Augen schauen muss, wäre so etwas die absolute Ausnahme. Das schlägt natürlich auch auf’s Niveau der Diskussion durch.

politik-digital: Und die Politiker? Was tragen die dazu bei?

Nikil Mukerji: Das kann ich schwer beurteilen, weil ich die Social-Media-Aktivitäten von Politikern nicht wirklich überblicken kann. Was auffällt, ist eben, dass sich mittlerweile alle Politiker am Social-Media-Wahnsinn beteiligen. Viele davon widerwillig, würde ich vermuten. Eine klare Ausnahme ist Donald Trump: der Twitter-Präsident. Der hat eine Menge dazu beigetragen, dass das Niveau des Wahlkampfes komplett den Bach runter gegangen ist. Bisweilen war das sehr unterhaltsam. Mich hat das an den Film „Idiocracy“ erinnert. Aber im Grunde war es tragisch, weil bei einer Präsidentschaftswahl enorm viel auf dem Spiel steht. Da hilft es nicht, wenn einer der führenden Kandidaten auf Twitter behauptet, die Chinesen hätten die Erderwärmung erfunden und Impfung würde Autismus verursachen.

politik-digital: Erstaunlich viele Menschen haben Trump diese Dinge abgekauft. Wie ist das zu erklären?

Nikil Mukerji hat Philosophie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Heute ist er Geschäftsführer des Executive-Studiengangs Philosophie Politik Wirtschaft an der LMU München und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie. Zudem arbeitet er als freiberuflicher Unternehmens- und Politikberater für das Institut für Argumentation in München.   

Nikil Mukerji: Das liegt wohl an der unheilvollen Mischung von Facebook, Filterblasen und Fake-News. Facebook und andere Plattformen haben Algorithmen, die über die Zeit hinweg erkennen, welche Informationen Nutzer gerne haben. Wer Trump gut findet, bekommt auch Informationen, die seine Standpunkte bestätigen – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – Stichwort: Fake-News. So entstehen völlig abstruse Gedankengebäude und Verschwörungstheorien, die den Realitätssinn der Nutzer schädigen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Qualität der politischen Debatte aus.

politik-digital: Ein Beitrag auf Twitter ist auf 140 Zeichen beschränkt. Ist es Ihrer Ansicht nach überhaupt möglich, in solch kurzen Texten klar und logisch zu formulieren?

Nikil Mukerji: Mit einem Wort: nein. Natürlich nicht. Aber das ist ja auch gar nicht der Anspruch, den Twitter hat. Twitter verfolgt einen ganz anderen Zweck, nämlich Gewinnerzielung. Das läuft fast alles über Werbeeinnahmen, und die maximiert man am ehesten, wenn man seine Nutzer gut unterhält. Dann bleiben sie lange auf der Seite und kommen regelmäßig wieder. Wahrscheinlich ist die 140-Zeichen-Grenze tatsächlich gut kalkuliert, aber eben nicht, um gute Diskussionen zu ermöglichen, sondern um hohe Klickzahlen und Werbeeinnahmen zu generieren.

politik-digital: Kommen wir noch einmal zurück zum Thema „Fake-News“. Wie können wir uns in Zeiten von Fake-News gewissenhaft informieren?

Nikil Mukerji: Im Grunde genau wie früher: Wir sollten uns fragen, wie plausibel eine gegebene Information ist. Daran hat sich durch das Internet überhaupt nichts geändert. Anders ist nur der Zugang zur Diskussion und die Geschwindigkeit der Debatte. Jeder kann sich an einer Diskussion im Internet beteiligen und in ein paar Sekunden abstruse Falschheiten in die Welt setzen. Das bedroht die Informiertheit der politischen Diskussion. Gleichzeitig ist es durch das Internet aber auch extrem leicht geworden, Fakten zu prüfen. Diese Chance sollten wir nutzen.

politik-digital: Wie können wir das tun?

Nikil Mukerji: Einen Tipp können wir uns von der Wissenschaft abschauen. Dort ist es üblich, dass Hypothesen unabhängig überprüft werden, bevor man sie akzeptiert. Nur weil es einen wissenschaftlichen Fachaufsatz zu einem bestimmten Thema gibt, sollte man nicht alles glauben, was da drin steht. Wichtig ist, dass andere Forscher zu gleichen Ergebnissen gekommen sind. Das garantiert zwar nicht, dass die fraglichen Hypothesen wahr sind. Aber es reduziert deutlich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um einen Irrtum handelt. Bei Fake-News können Sie die gleiche Logik anwenden: Wenn Sie eine Information im Internet finden, sollten Sie zunächst versuchen, diese Information auch in einer unabhängigen Quelle – z.B. auf einer anderen Nachrichtenseite oder auf Wikipedia – zu finden. Ein Allheilmittel ist aber auch das nicht. Es gibt Situationen, in denen Falschinformationen nicht korrigiert werden, weil A sich auf B stützt und B sich auf A. Soweit ich mich erinnere ist das bei Karl-Theodor zu Guttenberg passiert. Ein Wikipedia-Redakteur hatte spaßeshalber die Liste seiner Vornamen um den Namen „Wilhelm“ ergänzt. SpiegelOnline übernahm diese Info. Als der falsche Vorname schließlich aus dem Wikipedia-Artikel gelöscht wurde, war er schnell wieder da. Ein anderer Wikipedia-Redakteur hatte nämlich den Vornamen „Wilhelm“ bei SpiegelOnline gefunden und ihn wieder in den Wikipedia-Artikel aufgenommen. Solche Fälle kommen vor. Ich vermute allerdings, dass das nicht so häufig ist. Deswegen ist es normalerweise eine gute Idee, Informationen anhand anderer Quellen zu prüfen.

politik-digital: Zum Abschluss: Was können wir tun, um die politische Debatte im Zeitalter des Internets und der neuen Medien zu fördern?

Nikil Mukerji: Besonders wichtig ist Bildung, aber nicht Bildung im herkömmlichen Sinne. Wer viel weiß, ist nicht per se vor Filterblasen und Fake- News geschützt. Zumindest legt das eine neuere Studie nahe. Viel wichtiger scheint etwas anderes zu sein: gesunder Menschenverstand. Damit meine ich die Fähigkeit, einfache und eingängige Vernunftgrundsätze zu beachten. Diese Grundsätze stelle ich in meinem neuen Buch Die 10 Gebote es gesunden Menschenverstands vor. Wer sie beherrscht und routinemäßig anwendet, der wird sich auch im Internet und in den sozialen Netzwerken gut orientieren können. Je mehr Menschen diese Fähigkeit haben, desto besser wird auch die politische Debatte!

Titelbild: fake by pixel2013 via pixabay, CC0 Public Domain

 

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