Pfleger, Butler, Gouvernante: Humanoide Roboter in der Altenpflege

fdp artikelbildDer humanoide Roboter Pepper soll im Herbst 2017 in einem Schweizer Pflegeheim die Arbeit der Altenpfleger aktiv unterstützen, indem er eine Reihe von leicht ausführbaren Aufgaben übernimmt und somit eine Entlastung für Personal und Pflegebedürftige darstellt. Als humanoider Roboter besitzt Pepper ebenfalls die Fähigkeit, auf emotionaler Ebene mit den Pflegebedürftigen zu interagieren. Damit kann er theoretisch direkten Einfluss auf die Entscheidungen der mit ihm interagierenden Menschen ausüben. Ist das ethisch vertretbar und welche Risiken birgt die Integration eines humanoiden Roboters in den Alltag?

Wer ist Pepper?

Pepper ist ein humanoider, also menschenähnlicher, Roboter, der in Pflegeheimen eingesetzt werden soll, um sowohl den Pflegebedürftigen, als auch den Pflegern die Arbeit zu erleichtern. Er ist in der Lage, Menschen zu verstehen, auf sie zu reagieren und ihre Befehle auszuführen. Er ist mit den Geräten im Haus vernetzt, kann auf das Internet oder andere Datenbanken zugreifen und verfügt somit über einen enormen Wissenssatz.

Zum einen führt er einfache Aufgaben aus, wie das Bedienen des Fernsehers, das Ein- und Ausschalten des Lichts oder das Regulieren der Zimmertemperatur. Zum anderen ist er in der Lage, mit seinen Mitmenschen emotional zu interagieren, ihre Probleme zu erfassen, auszuwerten und ihnen Lösungsvorschläge anzubieten. Er kann sie zur Reflexion und möglichen Handlungsänderungen anregen.

Welche Vorteile bringt Pepper mit sich?

Da in Pflegeheimen oftmals ein Personalmangel herrscht, kann Pepper mit der Ausführung von Routinetätigkeiten aushelfen. So entsteht die Möglichkeit für Pfleger, sich auf wichtigere Bereiche zu konzentrieren. Für die Pflegebedürftigen bedeutet dies mehr Unabhängigkeit: Während sie zuvor auf die Hilfe vom Fachpersonal angewiesen waren, steht ihnen nun rund um die Uhr Pepper zur Ausführung ihrer Bedürfnisse und Wünsche zur Verfügung.

Ebenfalls kann Pepper bei Problemen, wie dem Sturz eines alten Menschen, das Personal alarmieren und somit das Risiko auf Folgeschäden minimieren. So fühlen sich die Pflegebedürftigen sicherer und auch das Pflegepersonal muss weniger Kontrollgänge ausführen.

Der ethische Konflikt

Zweifelsohne bietet Pepper eine Reihe von möglichen Vorteilen, die sowohl dem Personal als auch den Pflegebedürftigen den Alltag erleichtern können. Aber wie ist es um den ethischen Aspekt bestellt?

Ein Beispiel, dass bei einem Treffen der D21-Ethik-AG intensiv diskutiert wurde, verdeutlicht das Problem: Angenommen Frau XY isst gerne Schokolade auf ihrem Zimmer, obwohl dies strikt gegen die Heimregeln verstößt. Während sie früher kaum erwischt wurde, ist es Pepper möglich, ihren Schokoladenkonsum mit einer 100% igen Wahrscheinlichkeit zu entdecken. Soll Pepper den Verstoß direkt beim Personal melden, nichts tun, der Person XY den Rücken decken oder sogar an die Emotionen und die Reflexionsgabe der Frau XY appellieren, damit diese sich freiwillig gegen den Schokoladenkonsum entscheidet? Ist es ethisch vertretbar, dass Pepper wie eine Kontrollinstanz rund um die Uhr in dem Zimmer der Frau XY weilt und all ihre Bewegungen und Laute auswertet? Angenommen Frau XY leidet unter Diabetes: ist es trotz ihres Krankheitsbildes angemessen, wenn Pepper ihren Regelbruch dem Personal meldet? Oder entzieht er damit Frau XY das Recht auf Entscheidungsfreiheit?

Ist es ethisch vertretbar, wenn Pepper Frau XY den Rücken deckt, indem er sie nicht verpetzt und sie darüber hinaus warnt, sobald Krankenpfleger sich nähern? Oder unterstützt er damit die Stabilisierung der Zone des Regelbruchs?

Mögliche Gefahren

Da Pepper in der Lage ist, aus unterschiedlichen Quellen relevante Informationen heranzuziehen, könnte er mit aussagekräftigen Argumenten Frau XY von dem Schokoladenkonsum abhalten. In Anbetracht des Krankheitsbildes der Frau XY könnte dies von großem Vorteil sein. Jedoch stellt sich die Frage: Wie weit darf ein Roboter einen erwachsenen und geistig präsenten Menschen in seinen Handlungen beeinflussen? Könnte, auf lange Sicht betrachtet, der Roboter eine unerlässliche Rolle in der Entscheidungsfindung der Menschen spielen? Denn im Gegensatz zu Menschen, kann er auf riesige Datensätze zurückgreifen, die Emotionen der Menschen und aus den Gesprächen gewonnenen Erkenntnisse in Verbindung setzen und Antworten geben, sowie Prognosen aufstellen. Birgt dies das Risiko der Abhängigkeit des Menschen von dem humanoiden Roboter?

Die Integration eines Roboters in den Alltag geht einher mit der Transparenz und dem Verlust der Privatsphäre einer Person. Pepper ist in der Lage das Verhalten der Frau XY kontinuierlich auszuwerten und zu speichern. „Das System bekommt ja von uns viel mehr Informationen, als wir einem Gegenüber freiwillig jemals geben würden“, so Professor Franz-Josef Rademacher. Diese Daten fließen in eine riesige Datenbank, gemeinsam mit den gesammelten Daten anderer humanoider Roboter. Der Zugriff auf jene Daten erlaubt den Robotern, menschliche Handlungen und Entscheidungen treffsicher zu prognostizieren und sie somit transparenter und durchschaubarer wirken zu lassen.

Wie werden humanoide Roboter unsere Wahrnehmung und unser Verhalten verändern? Wie werden sie unseren sozialen Zusammenhalt beeinflussen? Und wie weit wollen wir sie in unser Leben integrieren? Diesen und weiteren geht die Ethik-AG der Initiative D21 seit einigen Monaten bei regelmäßigen Treffen nach und hatzum Thema “Roboter als persönliche Assistenten für ältere Menschen” einen ausführlichen, systematischen Denkimpuls veröffentlicht.

 

Titelbild by Alex Knight on Unsplash, eigene Bearbeitung

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