Digitale Kompetenz: Junge trauen sich wenig zu

handysBescheidene Selbsteinschätzung oder realer Mangel? Wie heute bekannt wurde, geben sich die Deutschen in einer repräsentativen Umfrage des IT-Verbands Bitkom selbst eher schlechte Noten hinsichtlich ihrer digitalen Medienkompetenz. Kann das auch an einer technologischen Reizüberflutung liegen?

Besonders die Jüngeren kennen das: Mit oftmals sinnfreien Nachrichten überfüllte WhatsApp-Gruppenchats, gefühlte 3.000 Mails/Newsletter und dann brauchen Uni-Prüfungsamt, Arbeit und Eltern gleichzeitig noch dutzende Bescheinigungen. Am besten sofort. Vielleicht in einer halben Stunde? Währenddessen ist der Toast verbrannt und die Bahn fährt bereits in 10 Minuten. Unterwegs zeigt Youtube neue Videoempfehlungen und Freunde schicken unentwegt Bilder von ausufernden Partys am letzten Wochenende. Wer all diesen Erwartungen auf dem täglichen Arbeitsweg mittels Wischen und Tippen in Lichtgeschwindigkeit gerecht werden kann, der sollte sich selbst doch wohl als angekommen in der Digitalen Welt sehen, oder?  Scheinbar nicht. Zumindest wenn man einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom glauben schenken darf. Demnach geben sich selbst Befragte der Altersgruppe zwischen 14 und 29 Jahren lediglich eine Durchschnittsnote von 3,2, befragt man sie danach, wie sie ihre eigene Digitalkompetenz beurteilen. Wie kommt eine solche Selbsteinschätzung zustande?DBpReN-XoAABFRg

Komplexität und Reizüberflutung

Einer der Gründe könnte die Komplexität der heutigen digitalen Welt sein. Wir sind als junge Erwachsene de facto permanent auf unser Smartphone angewiesen. Wir kommunizieren in Alltag und Berufsleben zu einem großen Anteil über Soziale Netzwerke. Es erscheint simpler, schneller, informativer. Und wird an vielen Stellen auch einfach gefordert. Gleichzeitig gewinnt man den Eindruck, als sei das nie genug. Der rasante Fortschritt der Digitalisierung im technologischen Bereich überfordert häufig. Ständig erscheinen neue Apps, die quasi übermorgen schon wieder durch neue ersetzt werden. Wer sich dem Informationsfluss, den Erwartungen und der damit verbundenen Reizüberflutung entziehen möchte, läuft – zumindest gefühlt – Gefahr, Vieles schlicht zu verpassen. Wichtige Termine, gute Dates, günstige Urlaubsangebote. Die Online-Welt ist schnelllebig und fordert viel. Nur nicht bei der Bedienbarkeit. Die ist mittlerweile so intuitiv, dass auch unsere Eltern problemlos das neueste Tablet-Modell nutzen können, um damit Grußmails an die Verwandten zu schicken.

Technik schafft Distanz

Dennoch schaffen genau diese leicht bedienbaren Nutzeroberflächen auch eine nicht zu unterschätzende Distanz des Users zur Technik. Wer zwar weiß, wo man drücken muss, um Bilder zu posten, aber das Zusammenspiel von Software und Hardware im eigenen Gerät kaum nachvollziehen kann, fühlt sich nicht selten abhängig. Abhängig von einer Digitalisierung, die immer mehr Lebensbereiche konsequent durchdringt und dabei immer komplexere Strukturen entstehen lässt. Wer kann da schon von sich behaupten, eine stark ausgeprägte Digitalkompetenz zu besitzen? Die Möglichkeiten scheinen unendlich, die Dynamik kaum greifbar. Nischenwissen oder gar “nur” die selbstverständliche Nutzung digitaler Medien im Alltag kann da nicht ausreichen, oder?

Was ist eigentlich “Digitalkompetenz”?

Vielleicht wäre es schon ein sinnvoller Anfang, den Begriff der “Digitalkompetenz” einmal näher zu hinterfragen. Schon der ist nämlich so weit gefasst, dass er ganz unterschiedlich interpretiert werden kann. In der Wirtschaft versteht man darunter die Fähigkeit, den Herausforderungen der Digitalisierung durch die Reformierung von Arbeitsabläufen und Investition in neue Technologien zu begegnen. Im Bildungssektor spricht man eher von Medienkompetenz und meint damit sachgerechte Einbindung digitaler Medien in den Lernprozess. Digitalkompetenz im Alltag jedoch erfordert mehr als nur das “Nutzen-Können” von Snapchat, Facebook und Co. Es bedeutet auch, einen verantwortungsvollen Umgang mit und innerhalb der Sozialen Medien zu pflegen. Hierzu gehört zum Beispiel ein respektvoller Umgang mit anderen Usern, aber ebenfalls die Fähigkeit zu besitzen, sich selbst nicht mit Aufgaben zu überfordern. Die kluge Nutzung digitaler Medien ist es, die erlernt werden muss. Wie schaffe ich es, die für mich passenden Applikationen zu finden? Welche Art von Kommunikation (z.B. Gruppenchats) bringen mich regelmäßig um meinen Feierabend oder hindern mich daran, meine Projekte rechtzeitig fertigzustellen?

Die eigene “digitale Grenze” kennenlernen

Nicht umsonst gelten Facebook, WhatsApp und Co. bei vielen Studenten als Ablenkung, weshalb Rückzüge in die Ruhe und Abgeschiedenheit der Uni-Bibliotheken deutlich an Beliebtheit zugenommen haben. Digitalisierung sollte, wie alle anderen Errungenschaften, dem Einzelnen bei der Bewältigung seines Alltagslebens helfen, sei das nun durch leichtere Organisation, Kommunikation oder simples Entertainment. Sie ist kein Selbstzweck, kein stetig mehr forderndes System. Von daher wäre eine vernünftige Digitalkompetenz neben technischen Aspekten vor allem mit einer höheren Fähigkeit zur Differenzierung verbunden, die fraglos bereits Gegenstand in den Schulen sein sollte. Die zentralen Fragen wären hierbei: Was ist wichtig für mich? Und ganz wichtig: Wann ist meine persönliche “digitale Grenze” erreicht?

Titelbild: Smartphones von Jana Donat/politik-digital, CC-BY-SA 3.0

Grafik: Umfrage, Quelle: Bitkom Research

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