Neues Zentrum für Internetforschung wird in Bochum eröffnet

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Heute nimmt das Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum seine Arbeit auf. Internationale Forscher und Forscherinnen, Per­sön­lichkeiten aus der Praxis und interessierte Bürgerinnen und Bürger können einzeln oder gemeinsam und in interdisziplinären Teams verschiedene Forschungsprojekte im Bereich der Digitalisierung und Internetforschung durchführen.

Wir haben Dr. Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme Instituts, und Prof. Dr. Michael Baurmann, wissenschaftlicher Leiter des CAIS, ein paar Fragen zu der Arbeitsweise, den Kooperationspartnern und den Zielen des Institutes gestellt.

Michael Baurmann (MB) / Frauke Gerlach (FG)

Aus welchen Anlass wurde das Zentrum für Internetforschung gegründet?

MB: Das CAIS wurde gegründet im Zusammenhang der Beteiligung der Universitäten Bochum, Bonn, Düsseldorf und Münster, des Grimme Instituts (Marl) sowie des GESIS Instituts für Sozialwissenschaften an dem Antrag für ein deutsches Internet-Institut, das durch das BMBF mit einem Fördervolumen von 50 Millionen Euro ausgeschrieben wurde. In dem Konzept dieses NRW Konsortiums für ein deutsches Internet-Institut spielt das CAIS eine wichtige Rolle als integriertes Forschungskolleg, an dem sich sowohl externe Wissenschaftler als auch Forschungspartner des Internet-Instituts für Forschungsarbeiten aufhalten können. Das CAIS kann mit seinen attraktiven Programmen für Fellowships, Arbeitsgruppen und Veranstaltungen aber auch als eigenständiges Forschungszentrum existieren. Das nordrhein-westfälische Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung (MIWF) hat sich deshalb sehr schnell entschlossen, das CAIS unabhängig von Ausgang des Antrags für ein deutsches Internet-Institut für zunächst drei Jahre mit 3 Millionen Euro mit einer Verlängerungsoption für zwei weitere Jahre zu fördern.

Gibt es bereits konkrete Forschungsthemen und Projekte?

MB: Als Kolleg wird die Forschung am CAIS vor allem durch die Wissenschaftler geprägt, die sich für eine bestimmte Zeit als Fellows und Gäste am CAIS aufhalten. Wir wollen natürlich, dass sie sich dabei mit der Digitalisierung und dem Internet auseinandersetzen. Aber wir wollen ihnen auch einen großen Freiraum lassen und hoffen, dass sie uns mit originellen und innovativen Vorhaben und Projekten überraschen. Der Rahmen der Forschung ist dabei weit gezogen, Internetforschung soll am CAIS in ihrer ganzen Breite erfolgen, das schließt die Folgen der Digitalisierung für Wirtschaft und Arbeit ebenso ein wie die Potentiale des Internets für demokratische Partizipation und politische Kommunikation oder die Herausforderungen für Bildung und Wissen. Dabei geht es nicht nur um Chancen und Möglichkeiten, sondern auch um Risiken und Gefahren. Stichworte sind hier etwa der Missbrauch des Internets durch extremistische und terroristische Gruppen, Hassmails, Indoktrination, rassistische Hetze oder die Verbreitung von Fake-News und Verschwörungstheorien.

Das zentrale Anliegen des CAIS ist der Dialog mit der Öffentlichkeit. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

MB: Von unseren Fellows und Gästen erwarten wir vor allem auch ihre Bereitschaft zum aktiven Austausch mit der Bürgerschaft, mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und den Medien. Und wir wollen nicht nur, dass sie als Experten ihr Wissen und ihre Erkenntnisse weitergeben, wir wollen auch, dass sie die Menschen mit ihren praktischen Erfahrungen ernstnehmen und von ihrem Wissen und ihren Erkenntnissen lernen. Digitalisierung und Internet sind gewissermaßen flüchtige Forschungsgenstände, die sich häufig schneller verändern als es die Methoden und die skrupulöse Sorgfalt der Wissenschaft erlauben. Das heißt aber: Ohne Kontakt zu der Praxis und zu den Menschen, die diesen permanenten Veränderungsprozess in ihrem privaten und beruflichen Alltag antreiben und erfahren, kann wissenschaftliche Forschung in diesem Bereich einpacken. Für diesen Dialog haben wir unterschiedliche Formate vorgesehen, dabei geht es auch um Experimente mit neuen Wegen und Ideen und ihre Erprobung.

Frauke Gerlach

Frauke Gerlach, Juristin, ist seit Dezember 2014 Geschäftsführerin des Grimme Forschungskollegs . Sie promovierte zu “[Media Governance] Moderne Staatlichkeit in Zeiten des Internets – Vom Rundfunkstaatsvertrag zum medienpolitischen Verhandlungssystem” und war Aufsichtsratsmitglied in mehreren Medientinstituten.

FG: Das Grimme-Institut als Gesellschafter des CAIS sieht sich hier in der Rolle eines Impulsgebers. Durch unsere Qualitätspreise, den Fernsehpreis und den Online Award, durch unsere vielfältigen Veranstaltungserfahrungen und durch unsere Kontakte in die Medienbranche möchten wir zu einem Dialog mit der Öffentlichkeit beitragen und Schnittstellen anbieten. Wichtig ist uns dabei in der Tat die Zweiseitigkeit des Dialogs. Es geht nicht um einen einseitigen Transferprozess, sondern um einen wechselseitigen Lern- und Austauschprozess. In der praktischen Umsetzung bedeutet dies aus meiner Sicht auch, dass wir unterschiedliche Orte, etwa Kultur- und Bildungseinrichtungen aufsuchen, und digitale Medien für diesen Dialog aktiv einsetzen, insbesondere die Social Media Kanäle, um Menschen zu erreichen.

Sie sprechen unter anderem auch davon, dass sich Bürger und Bürgerinnen an ihrem Institut einbringen können. Wie kann ich mich als interessierte Bürgerin bei Ihnen einbringen?

MB: Grundsätzlich stehen die Förderprogramme des CAIS nicht nur für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler offen, sondern auch für Personen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien oder der Zivilgesellschaft, die über einschlägige praktische Expertise und Erfahrung verfügen. Darüber hinaus werden die schon in anderen Kontexten erprobten Formate der Wissenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit angeboten… Aber auch hier gilt, dass wir in Zusammenarbeit mit unseren Fellows und Gästen neue Möglichkeiten erproben wollen. Eine Idee ist beispielsweise, dass man im Laufe der Zeit eine „Datenbank“ aufbaut, in der sich interessierte Bürgerinnen und Bürger mit ihrem spezifischen Profil an Know-How und Erfahrungswissen eintragen können und auf die man dann für bestimmte Fragestellungen und Themen gezielt zurückgreifen kann.

FG: Wir werden im CAIS auch darüber nachdenken, Bürgerinnen und Bürger im Rahmen von „Citizen Science“ in die Forschungsaktivitäten einzubinden. Bei diesem Ansatz geht es darum, dass interessierte Bürgerinnen und Bürger selbst aktiv Aufgaben im Forschungsprozess übernehmen, etwa Daten erheben oder sogar Forschungsfragen formulieren. Aus der Biologie und der Geschichtswissenschaft gibt es schöne Beispiele für diese Offene Wissenschaft. Im CAIS ginge es um Projektthemen der digitalen Gesellschaft und um Datenerhebungen mittels Apps und Internet.
Grundsätzlich will das CAIS auch einen öffentlichen Diskurs befördern, an dem sich Bürgerinnen und Bürger beteiligen sollten: Denn im Kern geht es um die Frage, wie wir zukünftig in der digitalen Gesellschaft leben wollen.

Sie planen Kooperationen mit Praxispartnern. Steht schon fest wer diese Praxispartner sind und wie ist die Zusammenarbeit geplant?

MB: Praxispartner werden im Aufsichtsrat und Beirat des CAIS prominent vertreten sein, und sie sollen ja vor allem auch an den Programmen des CAIS selber aktiv teilnehmen. Das befindet sich aber alles noch im Aufbau. Wichtig ist dabei, dass wir uns hier wie bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine dynamische Entwicklung wünschen, die das Kontaktnetz in die Praxis kontinuierlich mit neuen Persönlichkeiten und Institutionen erweitert und bereichert.

 

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Michael Baurmann, wissenschaftlicher Direktor des CAIS, ist seit 1997 Professor für Soziologie an der Universität Düsseldorf. Gastaufenthalte hatte er in Mexiko, Australien, USA und Schweden. Seit 2016 ist er Sprecher des Düsseldorfer Instituts für Internet und Demokratie (DIID). 

FG: Ein Stück weit versteht sich das Grimme-Institut selbst als Praxispartner des CAIS. Wir führen im Hause selbst medienpädagogische Praxisseminare und Fortbildungen für Praktiker der Medienbildung durch und entwickeln Medienbildungskonzepte für die Praxis. Darüber hinaus bieten wir Schnittstellen zu Bildungseinrichtungen und zu Medienschaffenden an. Mit der digitalen Transformation unserer Gesellschaft entstehen neue Herausforderungen für die Bildung und Qualifizierung. Ausgewählte Forschungsergebnisse müssen gemeinsam mit Praktikern und Didaktikern in Schulungsangebote für Pädagogen und Multiplikatoren übersetzt werden. Dazu bringen wir Kontakte zu Schulen und außerschulischen Trägern, zu Volkshochschulen und Medienbildungseinrichtungen ein. Durch Kontakte zu den Kreativen und Produzierenden der Medienbranche eröffnen sich viele Felder der inhaltlichen Zusammenarbeit. Es geht darum, Verbindungen zwischen Forschung und Praxis aufzubauen, und Themen wie etwa der Umgang mit Hatespeech bei Online-Redaktionen von Nachrichtenportalen oder der Einsatz von Big Data im Medienmanagement mit Praxiserfahrungen zu unterfüttern.

In welche Richtung soll sich das Zentrum entwickeln und gibt es eine Agenda für die nächsten fünf oder zehn Jahre?

MB: Es ist eine der Stärken unseres Konzepts, dass es offen ist für eine zügige Anpassung an neue Entwicklungen und Erfahrungen. Das gilt sowohl für Inhalt als auch Struktur unserer Programme. Wir haben eine bereits jetzt breite Forschungsagenda als Orientierungsrahmen für unsere Fellows und Gäste formuliert, diese Agenda kann aber jederzeit revidiert und erweitert werden, eine Notwendigkeit, wenn man es mit einem sich so schnell verändernden Bereich zu tun hat. Was unsere Programmstruktur mit einem Fellow-, Projekt- und Veranstaltungsprogramm angeht, so muss die Erfahrung zeigen, ob wir damit die Bedürfnisse und Präferenzen potentieller Antragstellerinnen und Antragsteller optimal treffen oder ob man Teile dieser Programmlinien umstrukturieren sollte. Auch das ist kurzfristig möglich. Die Agenda für die nächsten Jahre lautet also vor allem: Offen und anpassungsfähig sein für die dynamischen Entwicklungen von Internet und Digitalisierung!

Wie sieht ihr wissenschaftlicher Ansatz aus? Aus welchen Blickwinkeln und anhand welcher Forschungsdisziplinen werden die Phänomene und Problematiken betrachtet?

Das CAIS fördert nicht nur einen Ansatz und nicht nur eine Disziplin: Das würde dem komplexen Gegenstand einer digitalen Gesellschaft in keiner Weise gerecht! Die Limitierung des Blickwinkels einzelner Fächer soll gerade durch die Zusammenarbeit an einem Forschungskolleg überwunden werden. Das CAIS lädt deshalb Vertreterinnen und Vertreter der Sozial- und Kulturwissenschaften, der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, der Psychologie, Pädagogik und Informatik zu vor allem interdisziplinären Vorhaben und Projekten ein.


Das Center for Advanced Internet Studies (CAIS) ist hier zu finden.

Titelbild: by via CAIS

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