Inklusion und das Digitale: Drei Mythen zur inklusiven Schule

ewheelchair-538138_1920Deutschland ist auf dem Weg zu einem inklusiven Bildungssystem. Mit der Ratifizierung der UN-Konvention 2009 hat sich Deutschland verpflichtet, die politische, wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu verwirklichen. Dazu gehört der gemeinsame Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderung. Allerdings verläuft die Umsetzung sehr schleppend; an vielen Stellen regt sich Widerstand, der sich zum Teil auf strittige Annahmen stützt. Mythen zum Thema gibt es viele, doch wie viel Wahrheit steckt dahinter? Drei Mythen zur inklusiven Schule.

Mythos 1: ‚Inklusion ist teuer”

Dass schulische Inklusion erstmal mit Mehrkosten verbunden ist, liegt auf der Hand: zusätzliche Sonder- und Sozialpädagogen werden gebraucht, Baukosten fallen an. Und auch die Praxis zeigt: Inklusion kostet Geld. In Nordrhein-Westfalen haben die Grünen für den Zeitraum 2010-2019 1,2 Milliarde Euro für die Umsetzung angesetzt. In Hamburg hat man seit 2010 viele zusätzliche Lehrkräfte angestellt: 450 direkt für die Inklusion, 950 allgemeine zusätzliche Lehrer und 30 für spezielle Förderschulen.

Doch die Kostenfrage ist komplizierter als oft angenommen. So ist der Aufbau eines inklusiven Bildungssystems teuer, doch nehmen die Kosten mit der Zeit ab. Am Beispiel Nordrhein-Westfalen sind etwa 37,8 Millionen Euro pro Jahr angesetzt, doch ergeben sich nach einigen Jahren finanzielle Handlungsspielräume. Jede Förderschule, die mit der Zeit nicht mehr gebraucht wird, setzt 200.000 Euro frei.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat sich den Kosten verschiedener Inklusions-Ansätze gewidmet. Die Studie zeigt: Der Erhalt der bisherigen Doppelstruktur kostet zusätzliche 660 Millionen Euro, während die Umverlagerung der Ressourcen und Kompetenzen der Förderschulen an die allgemeine Schulen mit keinem zusätzlichen finanziellen Mehraufwand verbunden wäre. Die Lösung scheint auf der Hand zu legen: Die Doppelstruktur abschaffen. Allerdings gilt auch das Wahlrecht der Eltern, das Eltern entscheiden lässt, ob sie ihre Kinder in separate Institutionen oder in Inklusionsschulen schicken wollen. Eine komplette Abschaffung der Doppelstruktur ist deshalb nicht möglich.

Zu beachten ist, dass bei den Kosten oft  die außerschulischen Folgen von sonderpädagogischen Schuleinrichtungen unberücksichtigt bleiben. Ein Großteil der Schüler_innen an sonderpädagogischen Einrichtungen verlässt die Schule ohne Abschluss. Fehlende Bildung erhöht die Wahrscheinlichkeit, später von Transferleistungen abhängig zu sein. Vor allem Schüler_innen mit Lernproblemen, die größte Gruppe in sonderpädagogischen Einrichtungen, profitieren von der inklusiven Schule. Mit Schulabschluss haben sie bessere Chancen auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Der erschwerte Zugang von Menschen mit Behinderungen zum Arbeitsmarkt mindert das Bruttoinlandsprodukt. Das bedeutet, dass Inklusion sowohl volkswirtschaftlich sinnvoll, als auch sozial nachhaltig ist.

Fazit: Ja, Inklusion bedeutet finanzielle Ausgaben, doch verringert sie gleichzeitig auch die Abhängigkeit von sozialen Hilfesystemen und bringt mehr ausgebildete Arbeitskräfte hervor. Eine Frage, auf die wir als Gesellschaft in diesem Zusammenhang eine Antwort finden müssen, ist, ob Geld in einem wohlhabenden Land wie Deutschland ein ausschlaggebender Faktor bei der Schaffung einer inklusiven Gesellschaft sein sollte. Wichtig ist, dass das Wahlrecht der Eltern in der Frage der Doppelstruktur berücksichtigt werden muss.

Mythos 2: “Inklusion wird auf dem Rücken leistungsfähiger Schüler_innen umgesetzt”

Für diesen Mythos ist es hilfreich, die Annahmen hinter der Aussage anzuschauen. Die Aussage setzt erstens voraus, dass es im “regulären” Klassenzimmer generell zwei Gruppen gibt: eine große, homogene Gruppe, die im Unterricht mehr oder weniger gut mitkommt, und eine zweite, die Leistungsfähigen, die mehr können. Unser aktuelles Schulsystem selektiert Schüler_innen in verschiedene, vermeintlich homogene Leistungs-Gruppen, wodurch Lernen effektiver möglich sein soll. Es wird angenommen, dass alle in ihrem passenden Lernumfeld gut mitkommen und die Leistungsfähigen zumindest mit guten Noten belohnt werden. Bei der Inklusion, so die zweite Annahme, wird das Leistungsniveau aller Schüler_innen “nach unten” an die Hilfsbedürftigen angepasst.

Die erste Annahme deckt ein falsches Inklusionsverständnis auf. Die Annahme von fächerübergreifend mehr oder weniger homogenen Gruppen leugnet fachspezifische Stärken und Schwächen von Schüler_innen. Schüler_innen, die in manchen Fächer nicht mitkommen und sich in anderen langweilen oder mehr wissen wollen. Die Segregation in verschieden Schulformen verstärkt diesen Effekt. Inklusion sollte als Chance gesehen werden, individuelle Förderung in einem gemeinsamen Raum zu ermöglichen. Leistungsfähige Schüler_innen würden hier nicht weniger gefördert werden, sondern ganz im Gegenteil: jeder Schüler wird im angemessenen Niveau unterrichtet, somit bietet inklusiver Unterricht gerade für leistungsfähige Schüler_innen die Möglichkeit, ihre Talente und Interessen zu entfalten.

Die zweite Annahme ist die berechtigte Befürchtung, dass sich das allgemeine Leistungsniveau an den Schwächsten ausrichtet. Die Praxis zeigt aber, dass dies nicht unbedingt geschieht. Eine durchwege Vereinfachung des Schulstoffes sollte vermieden werden. So sind ein leistungsfähiges Schulsystem und Inklusion kein Widerspruch in sich, wie das folgende Modell zeigt:

Auf Rügen wird seit 2010 das Rügener Inklusionsmodell (RIM) umgesetzt. Es verbindet Prävention und Integration. Die Schüler_innen werden über das Schuljahr hinweg gescreent, um Risiken in einzelnen Schulfächern oder Kernkompetenzen zu identifizieren. Wöchentliche Tests helfen beim Erfassen des Wissenstandes der Kinder. Anhand dessen werden Kinder in drei Förderebenen eingeteilt, die auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes eingehen. Die Intensität und Spezifität der Fördermaßnahmen unterscheidet sich in allen drei Ebenen und ermöglicht individuelles Lernen im gemeinsamen Raum. Das System hat bisher positive Ergebnisse hervorgebracht. Während keine negativen Auswirkungen auf die schulische Leistung der anderen Schüler_innen zu beobachten waren, wirkte es sich positiv auf die Leistungen der förderbedürftigen Kinder aus. Im Bereich emotional-soziale Entwicklung traten ebenfalls positive Effekte auf. Ein Bereich, der erst in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen hat.

Fazit: Stimmt so nicht. Die Daten zeigen, dass Inklusion keine negativen Auswirkungen auf die Schulleistungen von Kindern hat. Sie kann eventuell auch positive Auswirkungen haben, da individueller gefördert werden kann. Im Bereich emotional-soziale Entwicklung scheint Inklusion ebenfalls positive Auswirkungen zu haben.

Mythos 3: “Das ist mit unserem Bildungssystem nicht vereinbar”

Durch den deutschen Föderalismus ergibt sich die Situation, dass Inklusion auf das jeweilige Schulsystem angepasst und neu durchdacht werden muss. In den Bundesländern sind verschiedene Schulformen für die Inklusion verantwortlich. So übernehmen in Baden-Württemberg die Gemeinschaftsschulen Inklusion, während gleichzeitig ein mehrgliedriges Schulsystem erhalten bleibt. In Hamburg gibt es seit 2010 die Stadtteilschule, in der Haupt-, Real- und Gesamtschulen und die Aufbaugymnasien zusammengeführt wurden. Dort lernen schon länger alle Schüler_innen gemeinsam. Inklusion geht daher immer mit dem Abbau von separaten Institutionen einher. Es ist richtig, dass Inklusion schwer vereinbar ist mit einem Schulsystem, das früh versucht, Schüler_innen in vermeintlich homogene Gruppen zu separieren. Dies zeigt sich auch in der Exklusionsquote: während in Hamburg 4.2% aller Schüler_innen in separaten, sonderpädagogischem Institutionen unterrichtet werden, sind es in Baden-Württemberg 5,0%.

Wenn konsequent umgesetzt, hat Inklusion daher auch tiefgehenden Einfluss auf die Organisation des Regelschulsystems. Wann und unter welchen Umständen gemeinsames Lernen hilfreich ist, muss im spezifischen Fall behandelt werden. Erfolg kann Inklusion nur haben, wenn eine ausreichende Finanzierung für die Übergangsphase bereitgestellt wird. Fest steht aber, dass eine Zusammenlegung der beiden Systeme Vorteile für die Schüler_innen haben und im Endeffekt sogar kosteneffektiv sein kann (siehe Mythos 1 + 2).

Oft wird angenommen, dass ein leistungsfähiges, mehrgliedriges Schulsystem und ein inklusives Schulsystem widersprüchlich sind. Doch Beispiele wie auf Rügen (siehe Mythos 2) zeigen, dass dies nicht der Fall sein muss. Vielmehr stellt sich insgesamt die Frage, welche Werte und Einstellungen mit einem mehrgliedrigen Schulsystem aufrechterhalten werden und welche gesellschaftlichen Folgen das hat. Selektion schafft exklusive, kostenaufwändige Räume. Der Mythos ihrer einzigartigen Effizienz wird von vielen Seiten weiterhin verteidigt, auch wenn immer mehr inklusive Schulen zeigen, dass gemeinsames Lernen unter den richtigen Konditionen funktionieren kann.

Fazit: Ja, Inklusion ist nicht mit einem selektiven Bildungssystem vereinbar. “Unser” Bildungssystem gibt es aber so erstmal nicht. Wer Inklusion umsetzen will, muss exklusive Räume abschaffen. Inklusive Schulen zeigen, dass gemeinsames Lernen funktionieren kann und dass sie leistungsfähige Schüler_innen hervorbringen können.

Im ersten Teil der Serie “Inklusion und das Digitale” haben wir uns gefragt, was zeitgemäße Teilhabe bedeutet. Im zweiten Teil haben wir uns über barrierefreie Kommunikation unterhalten. Im dritten Teil haben wir das PIKSL-Projekt vorgestellt.

Titelbild, by Stefan_Schranz on pixabayCC0 1.0

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