Glaube in Indien und China: Von Mantren und Tablets als digitalem Höllengeld

Josspaper GaneschaMan stelle sich vor, die Welt sei ein Dorf mit 100 Einwohnern. Fast die Hälfte von ihnen wäre online. Bereits über 3,5 Milliarden User gibt es heute und es werden täglich mehr. Insbesondere im bevölkerungsreichsten Teil der Erde entdecken immer mehr Menschen das Netz. Uralte Traditionen treffen plötzlich auf moderne Technologien und verändern die Glaubenspraxis in Asien. Ein Blick auf Glauben in Indien und China in Zeiten der digitalen Revolution.

Göttliche Bites für gläubige User

„Was ist der Glaube wert, wenn er nicht in die Tat umgesetzt wird?“, fragte einst der Staatsgründer Mahatma Gandhi. In Indien wird die Bedeutung des Glaubens in allen seinen Farben und Facetten deutlich.

Fast 80% der Inder sind Hindus, doch über den ganzen Subkontinent unterscheiden sich die Traditionen und Bräuche stark. Jede Region, ja jedes Dorf kennt seine eigenen Schutzheiligen und Götter, die verehrt werden. Im Puja, wie das traditionelle Ritual in Indien bezeichnet wird, wenden sich die Gläubigen bei Fragen und Problemen an diese. Dazu werden Bildnisse oder Statuen mit Mantren angebetet in der Hoffnung, die dargestellte Gottheit möge im Bildnis anwesend sein. Anschließend werden Speisen, Blüten und edle Dufte geopfert, als dass die Gottheit die Bitten erhören möge.

In Indien sind die Distanzen häufig sehr groß und nicht immer ist der gewünschte Tempel in unmittelbarer Nähe. Daher bieten Portale wie Saranam einen besonderen Dienst an: Online kann jeder Hindu einfach den Tempel seiner Wahl auswählen, die anzubetende Gottheit sowie die Person für die das Puja bestimmt ist.

Einmal alle 12 Jahre wird die Bedeutung von Religion auf dem Subkontinent besonders deutlich. Wenn die Sonne im Widder und der Jupiter im Sternbild des Löwen stehen, so ist es wieder Zeit für die Simhast Kumbh Mela. Einer Legende nach soll einst der Gott Vischnu vier Tropfen des göttlichen Elixiers Amrit, das unsterblich macht, verschüttet haben, darunter auch in Ujjain, im Bundesstaat Madhya. Nach der hinduistischen Vorstellung verwandelt sich zu Kumbh Mela das Wasser des Ganges für kurze Zeit in Amrit. Viele Menschen, allein über 50 Millionen in diesem Jahr, pilgern in die Region zu den Ufern des Ganges. Sie hoffen, dass sie sich von ihren Sünden reinwaschen können, um so dem ewigen Kreislauf aus Geburt und Wiedergeburt zu entfliehen.

„Die Wahrheit siegt immer“, ist das Motto des Staates Indien. Analog hierzu ist die Kumbh Mela als eine Art religiöse Börse zu verstehen. Sadhus, Gurus, Gelehrte bieten dort ihre verschiedenen Erkenntnisse für ein erfülltes, spirituelles Leben auf dem Weg zur Wahrheit an. Aber nicht nur religiöse, sondern auch weltliche Dienstleister haben ihren Platz in diesem Kosmos gefunden. Ob Gottheiten per App auf dem Smartphone oder freie Parkplätze für die Pilger, das Angebot ist fast so groß wie die Weisheit der Gurus. Wer sich nicht in die Fluten des heiligen aber stark verschmutzen Ganges oder die Massen von Menschen stürzen will, dem bieten spezielle Zelte voll Technik die Möglichkeit, bequem und ungestört virtuell die Tempel zu besuchen und ungestört dem Glauben nachzugehen.

Aus westlicher Perspektive erscheint dieser Glauben oft archaisch, chaotisch und unverständlich. Manche fragen sich, warum Menschen bereit sind, so viel für ihre religiösen Vorstellungen auszugeben oder speziellen Ritualen nachgehen. Doch wie macht es ein altes indisches Sprichwort deutlich: „Wenn du glaubst, so ist es eine Gottheit, wenn nicht, ein Stein.“

Vom Himmel auf Erden

„Ist sie, oder ist sie nicht aus dem Weltall zu sehen, die chinesische Mauer?“ Diese Frage beschäftigte das Reich der Mitte für lange Zeit, ist doch der Himmel entscheidend für das Schicksal Chinas.  Als „Sohn des Himmels“ erhielt der chinesische Kaiser ein „Mandat des Himmels“, um im Zentrum des Kosmos die Geschicke der Welt zu lenken. Dieses Mandat war jedoch nicht für alle Zeiten gesichert, sondern musste stets legitimiert werden. Nur solange es dem Kaiser gelang, Harmonie und Stabilität im Reich zu wahren, nur solange war ihm die legitime Herrschaft über die Welt gesichert. Missernten und Unruhen galten hingegen immer als ein Zeichen dafür, dass der Himmel dem Herrscher nicht mehr gewogen ist. Umstürze und Machtwechsel konnten gerechtfertigt sein, wenn das „Mandat des Himmels“ abgelaufen zu sein schien. Es zählte nicht die edle Herkunft eines Herrschers, sondern seine Fähigkeit, Stabilität und Harmonie im Reich der Mitte zu wahren. Diesen Aufgaben müssen sich alle chinesischen Machthaber bis heute stellen.

„Lass uns eine neue Mauer bauen“, heißt es in der chinesischen Nationalhymne. Allerdings ist diese neue„Great Firewall“ unsichtbar. Einst wollten die Ming-Kaiser mit einer Mauer China vor äußeren Feinden schützen. Die gleiche Funktion soll nun neue digitale Mauern erfüllen. Anfangs versuchte die Führung des Landes sogar, ein eigenes Internet aufzubauen, was in Teilen auch gelang. Die Riesen des neuen digitalen Reiches wie Facebook oder Google konnten bis heute in China nicht Fuß fassen. Es erscheint fast, als ob die Kommunistische Partei das virtuelle Mandat in den Clouds und Bytes des digitalen Kosmos innehat. Zwar ist Religion in China Privatsache, die meist toleriert wird, aber nur solange die absolute Meinungsführerschaft der Partei unbestritten bleibt. Am Anfang des digitalen Chinas musste sich jeder User noch registrieren. Bis heute sind nur Spielekonsolen aus heimischer Produktion zugelassen, welche die Bedingungen der chinesischen Behörden erfüllen.

Nichts darf der Harmonie und der Stabilität des Riesenreiches widersprechen, soll das virtuelle Mandat erfüllt werden. Schließlich war dies ein Grund für den Erfolg und Aufstieg Chinas. Dies setzt aber die Bereitschaft voraus, sich stetig mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen und mit ihnen auf einer Wellenlänge zu sein.

Kontakte jenseits aller Kontakte

Die richtige Wellenlänge in Form von Kontakten sind das, was die chinesische Gesellschaft ausmacht. Nur wer Kontakte hat, der hat einen Namen, existiert. Dieses System als „Guanxi“, zu Deutsch Netzwerk, entstammt der konfuzianischen Tradition. Sie besagt, Streit muss vermieden und Gemeinsamkeiten müssen gefördert werden. In diesem Sinne beschreibt „Guanxi“ ein komplexes Geflecht aus Beziehungen, die immer wieder aktiviert und gepflegt werden müssen. In China gelten Verträge nur als Rahmenordnung, viel wichtiger ist die einzelne Person. Gegenseitige Hilfe, kleine Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten pflegen und stärken das Guanxi.  Darunter fallen auch Geldgeschenke an wichtige und enge Kontakte. Je nach Anlass wie Geburt, Hochzeit oder sonstiges lassen sich mittlerweile bequem per Apps wie Wechat und Alipay Beträge an die Beschenkten versenden. Guanxi ist der Kern der chinesischen Gesellschaft. Jedes Netzwerk ist ein persönliches und nicht übertragbar.

Nur wer die richtigen Leute kennt, kann erfolgreich sein. Die Wichtigkeit des Guanxi geht jenseits aller Vorstellungen bis über den Tod hinaus. Gemäß der chinesischen Volksreligion gibt es zwei Welten, die Welt der Lebenden und die der Geister (Shen), welche miteinander verwoben sind. Die Traditionen und Bräuche sind zwar regional verschieden, doch eint sie alle die Verehrung der Ahnen. Sie wachen aus einer anderen Sphäre über die Familie.

Ob jenseits oder diesseits, in China geht man davon aus, dass die Sphäre der Geister und Ahnen ein Abbild der eigenen Lebenswelt ist. Ähnlich dem Alltag der Lebenden gibt es in der chinesischen Vorstellung Bedürfnisse, welche auch nach dem Tod noch weiterbestehen. Werden diese nicht erfüllt, die Verstorbenen nicht geehrt, können die Geister der Ahnen keinen Frieden finden und plagen als gui die Hinterbliebenen.

Einmal im Jahr im Geistermonat August stehen die Tore der Hölle offen, glaubt man. Dann spucken die gui durch die Straßen der Städte auf der Suche nach Opfern. Insbesondere am 17.August, dem „Fest der hungrigen Geister“, sind sie besonders aktiv. Um von diesen Angriffen verschont zu bleiben, schicken die Chinesen ihren Ahnen Güter in die andere Welt. Am einfachsten geht dies durch die Feuerpost. Traditionell werden sogenannte „Josspaper“ (auch als „Höllengeld“ bekannte Papiergeldscheine) verbrannt, damit die hungrigen Geister sich etwas kaufen können und die eigene Familie in Ruhe lassen. Aber der technische Wandel hat vor den „Toren der Hölle“ nicht haltgemacht. Mittlerweile werden auch aufwendige, teure Papierautos, Smartphones und Tablets verbrannt. Damit stimmt die Wellenlänge jenseits und diesseits wieder, die Onlinewelt vernetzt sogar jenseits aller Vorstellungskraft. Nicht einmal die Geister müssen mehr auf die Bequemlichkeiten der Onlinewelt verzichten.

Digitales China am seidenen Draht

„Wer am falschen Faden webt, zerstört das ganze Gewebe“, sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Das Reich der Mitte ist eines der ältesten Gebilde aus Traditionen, Werten und Beziehungen. Bis heute hat sich der Gedanke der Stabilität und Harmonie erhalten. Nur so konnte China über die Jahrtausende bestehen und gewahrt bleiben, trotz großer Umbrüche und eines stetigen Wandels insbesondere in den letzten Jahren. Einst war es der Kaiser, heute ist es die Kommunistische Partei, welche über das Land wacht. Einst war es das Mandat des Himmels, welches die kosmische Ordnung wahren sollte, heute ist es das digitale Mandat der Clouds und Bits, welches die Ordnung im Netz wahren soll.

Nur solange die kommunistische Partei dieses Mandat erfüllen kann, solange kann sie den Anspruch erhalten, die Meinungsführerschaft zu haben und die letzte Instanz im digitalen Reich der Mitte zu sein. Immer wieder erschüttern aber neue Skandale das Land, seien es Umweltskandale, giftiges Milchpulver oder die großen Korruptionsskandale. Neue Technologien wie Apps und Smartphones erzeugen eine immer schnellere und unkontrollierte Meinungsflut. Immer wieder muss das digitale Mandat neu legitimiert werden. Nur zaghaft öffnet sich China ausländischen Einflüssen und reagiert immer noch mit scharfer Zensur. Angesichts von über 700 Millionen Usern wird dies aber schwer aufrechtzuerhalten sein. China wandelt sich, wenn auch langsam. Doch wie sagt eine chinesische Weisheit: „Habe keine Angst vor der Langsamkeit, sondern fürchte den Stillstand.“ Traditionen und Moderne verschmelzen im digitalen Asien immer mehr. Heute besteht Internetverbindung bereits über den Tod hinaus. Welchen Weg China aber in Zukunft gehen wird, daran scheiden sich die Geister.

Dies ist ein Crosspost von wahl.de, der Artikel ist zuerst dort erschienen.

Alle Artikel der Sommerreihe

Prolog: Religion und Internet: Glaube im digitalen Wandel
Teil 1: Auf einer Wellenlänge mit Gott? Zwischen Godspots und Social Media
Teil 2: Ecclesia 2.0 – Ein Like für die frohe Botschaft
Teil 3: Judentum und Internet – 613 Mitzwot und einen digitalen Sabbat
Teil 4: Fatwas on the Internet – Wenn der Glaube digital wird
Teil 5: Glaube in Korea: Digitalisierte Traditionen
Teil 6: Glaube in Indien und China: Von Mantren und Tablets als digitalem Höllengeld
Teil 7: Der Gottesalgorithmus? – Digitale Suche nach dem „Göttlichen“ 
Teil 8: Sterben 2.0 – Auf dem Weg zur (digitalen) Unsterblichkeit?

 

Titelbild: Josspaper Ganescha von politik-digital, licenced CC-BY-SA 3.0

CC-Lizenz-630x1101

Kommentar verfassen