Judentum und Internet – 613 Mitzwot und einen digitalen Sabbat

Telefonierender Jude an der Klagemauer von David OrtmannIm Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Im ersten Byte schuf der User digital und analog. Das Judentum gilt als die älteste monotheistische Religion, die Beziehung von Mensch und Gott in der Welt zu ergründen. Im Jahre 5776 seit Anbeginn der Schöpfung wird auch das Digitale in die Glaubenswelt integriert. Über koscheres Internet, den digitalen Sabbat und Glaube zwischen Tradition und Moderne.

Gemeinsam und doch verschieden

Alles begann mit dem Ruf an Abraham. Der Herr sprach: „Zieh weg aus deinem Land, […] in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen.“ Große Visionen hatten auch die Macher des Videospiels „Bible Chronicles-The call of Abraham“. Hier sollten die Spieler noch einmal direkt die Geschichte des Vaters der Völker, hebräisch Abraham, nachspielen und nachempfinden können. Dieser Traum ist jedoch ausgeträumt, verschiedene Umstände verhinderten eine Realisierung des Projekts. Das göttliche Versprechen jedoch wurde gehalten. Heute berufen sich der Islam, das Christentum und insbesondere das Judentum auf Abraham als ihren Stammvater.

Am Berg Sinai, nach dem Auszug aus Ägypten offenbarte Gott Moses die zehn Gebote. Zusammen mit der Tora und dem Talmud sind sie heute die Grundlage der jüdischen Religion, sind hier doch die 613 Mitzwot, also die 365 Verbote und 248 Gebote, enthalten, an denen sich ein jüdisches Leben zu orientieren habe. Heute gibt es unterschiedliche Ausrichtungen, orthodox, konservativ und liberal, die sich unterschiedlich streng an diese Vorschriften halten. Orthodoxe Juden sehen in den heiligen Schriften eine strenge Verbindlichkeit, während das liberale Judentum diese stets dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen versucht. Das konservative Judentum nimmt hierin eine Mittlerrolle zwischen der traditionellen und der modernen Ausrichtung ein.

Für die Partnerwahl spielt die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen nicht selten eine wichtige Rolle. Darum ermöglicht es die Dating App JCrush, ob säkular, traditionell oder konservativ, gezielt Dates je nach Glaubensauffassung zu arrangieren.

Alles digital und doch koscher?

Zu den strengsten Gruppen zählen die Ultraorthodoxen, auch als Haredi, von hebräisch charada für gottesfürchtig, bezeichnet. Kern ihres Glaubens ist es, ein aus ihrer Sicht gottgefälliges Leben in der Befolgung der jüdischen Gesetze und im Studium der heiligen Schriften zu führen. Moderne Technologien werden in den meisten Fällen als etwas Sündhaftes abgelehnt. Heute gehören dieser Richtung etwa 1,5 Millionen Gläubige an. Davon leben etwa 700.000 in Israel, wo sie rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Andere Zentren sind unter anderem New York, London, Zürich und Wien.

Um ein technisches Gerät benutzen zu dürfen, bedarf es einer Zustimmung durch die zuständigen Rabbiner. Dank deren Segen gibt es seit einigen Jahren koschere Smartphones. Um nicht in Versuchung geführt zu werden, verfügen diese Apparate weder über SMS oder E-Mail von Sozialen Medien ganz zu schweigen. Mit diesen Smartphones lässt sich lediglich telefonieren, am Sabbat, wenn jegliche Elektrizität verboten ist, sogar zum Preis von 2€ die Minute. Im Gegenzug kann der Benutzer im jiddischen Betriebssystem aus einer Reihe frommer Klingeltöne wählen.

Wie so vielen technischen Neuerungen stand das ultraorthodoxe Rabbinat dem Internet sehr skeptisch gegenüber und warnte eindringlich davor. In vielen Haredi-Gemeinden müssen die Benutzer von Smartphones die Notwendigkeit für deren Besitz nachweisen. Nicht selten besitzen die Gläubigen jedoch zwei verschiedene Geräte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich  Chatdienste wie Whatsapp auch in ultraorthodoxen Gemeinden der USA großer Beliebtheit erfreuen. Rabbiner erkannten, dass sie ihre ablehnende Haltung gegenüber den digitalen Medien nicht lange aufrechterhalten konnten. Viele Haredi-Familien sind auf die digitalen Alltagshelfer angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Daher ging die ultraorthodoxe Community dazu über, ein eigenes, ein koscheres Internet zu schaffen. Suchmaschinen wie 4Tora oder Koogle garantieren, dass beim Surfen nur koschere Inhalte angezeigt werden. Hinter diesen Suchmaschinen stehen verschiedene religiöse und weltliche Unternehmen, die Seiten nach unerlaubten Inhalten durchforsten und diese gegebenenfalls sperren oder zensieren.

Mittlerweile haben viele Unternehmen in Israel das Potenzial der ultraorthodoxen Bevölkerung erkannt. Trotz  Zuwendungen durch den Staat, den einige radikale jüdische Gemeinschaften dennoch nicht anerkennen, haben die Haredi Familien häufig Probleme, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Klassisch haben diese Familien bis zu acht Kinder, wobei die Frauen für die Ernährung der Familie zuständig sind, während die Männer sich in der Jeschiwa, Toraschule,  dem Studium der heiligen Schriften widmen. An dieser Stelle möchten Initiativen wie Kamtech ansetzen und Haredi in die boomende israelische IT-Industrie vermitteln. Dort werden sie nicht nur als günstige Arbeitskräfte, sondern als Marktöffner für eine eigene Zielgruppe mit besonderen digitalen Bedürfnissen entdeckt.  Es zeigt sich, anstatt die Digitalisierung der Welt zu bekämpfen beginnt die ultraorthodoxe Gemeinde die neuen Technologien für sich zu interpretieren, sie für ihr Weltverständnis zu nutzen.

Tradition und Wandel

Erfinderisch darin zu sein, die eigenen Regeln in der modernen Gesellschaft einzuhalten, das zeichnet den jüdischen Umgang mit der eigenen Religion aus. Um in modernen Zeiten den eigenen Glauben zu leben, hat sich in den letzten Jahren eine Vielzahl an technischen Hilfsmitteln entwickelt. Sei es das Torastudium to go auf dem Smartphone, Gebete oder Sinnsprüche für den Tag: verschiedene Anwendungen können dabei helfen den Glauben digital und lebendig zu halten. Das orthodoxe Startup Rusty Bricks, beheimatet in New York, hat besonders viel Erfindergeist in den letzten Jahren bewiesen. Mit Jew Glasses entwickelte das Unternehmen eine Google Brille mit besonderen Bedürfnissen für gläubige Juden. Neben den Zeiten für den Beginn des Sabbats zeigen die Gläser auch den Weg zur nächsten Synagoge sowie deren Gottesdienstzeiten.

Für einen jüdischen Gottesdienst bedarf es eines Minjans, das Quorum von zehn jüdischen Männern. Dank Minyan Now kein Problem mehr. Die App ermöglicht es, eine Uhrzeit und einen Ort für das gemeinsame Gebet  zu bestimmen. Alle anderen User im Umkreis werden direkt informiert und können ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen.

Soviel moderne Dinge, das ist bestimmt nicht koscher, oder? Die App Iskoscher gibt Gewissheit. Mithilfe eines Barcode Scans vergleicht die Anwendung  Datenbanken verschiedener Rabbinate weltweit und gibt Auskunft, ob das Produkt geeignet ist oder nicht.

Ein Klick in die Moderne

“Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, lautete das Credo der Aufklärung. Zur gleichen Zeit erlebte auch das Judentum seine Aufklärung, die Haskala, abgeleitet von sekhel Vernunft. Jahrhunderte lang durch Sonderstellungen abgegrenzt, wurden im Zuge der Modernisierung Bürger jüdischen Glaubens Bürgern christlicher Konfessionen gleichgestellt.

Juden konnten erstmals ihre Berufe frei wählen, studieren und bekamen einen Zugang zur bürgerlichen Gesellschaft, deren Ideale viele ansprachen. Wie sollte es nun weiter gehen mit dem Judentum?

Reformer wie der Rabbiner Abraham Geiger begründeten als Antwort das liberale Judentum. Viele religiöse Vorschriften, die nicht mehr als zeitgemäß empfunden wurden, wurden angepasst um die Integration der jüdischen Gemeinden in die Gesamtgesellschaft zu fördern.

Heute spielen die Kaschrutgesetze, also Speisegesetze, in dieser Auslegung kaum eine Rolle. Ob Gläubige am Sabbat Autofahren oder Elektrizität benutzen, steht jedem frei selbst zu entscheiden. Dafür werden Gottesdienste sowohl auf Hebräisch als auch in der Landessprache gefeiert. Jüdische Traditionen sollen modern und zeitgemäß im Dialog mit anderen Religionen gelebt werden. Neue Möglichkeiten der Teilhabe bieten Angebote wie die erste Online Synagoge SimShalom in New York. Hier können Juden, aber auch Interessierte Gottesdiensten beiwohnen oder in begleitenden E-Learning Angeboten die jüdische Theologie erlernen. Spezielle Kurse führen sogar bis zur Konversion, dem Giur, alles online inklusive einem Beit Din, dem offiziellen rabbinschen Gericht zur Anerkennung des Beitritts, via Skype. Solche Angebote sind jedoch sehr umstritten.

Das Judentum ist die älteste monotheistische Religion, die bis heute vielseitig und bunt in verschiedenen Gebräuchen und Traditionen gelebt wird. Denn wie weiß ein altes jüdisches Sprichwort: “Die besten Fragen haben mehr als eine Antwort.“ Die Halacha, das jüdische Gesetz sagt, jüdisch ist, wer zum Judentum konvertiert ist, oder wer eine jüdische Mutter hat. Aber nicht nur religiöse und säkulare Juden auch  Goys, scherzhaft für Nichtjuden, interessieren sich für die verschiedenen Ausprägungen des jüdischen Lebens.

Verschiedene Webseiten  wie Jewuniverse  geben Einblick in alle Formen und Farben des Judentums zwischen Nordsee und Südsee. Ob als Workout Shvitzing auf Jiddisch, jüdisch Flirten oder die neusten koscheren Rezepte für den Sabbat das Angebot ist vielseitig.

Sabbat to go?

“Am siebten Tage sollst du ruhen“, so steht es schon in der Schöpfungsgesichte. In dem Heckmeck aus dem Tohuwabohu an Nachrichten, Chats und Informationen, die jeden User täglich umgeben, ist dies kaum mehr vorstellbar. „Wenn Israel nur ein einziges Mal den Sabbat wirklich halten würde, würde der Messias kommen, denn das Halten des Sabbat kommt dem Halten aller Gebote gleich.“ An diesen frommen Wunsch knüpft das Sabbath Manifesto an. Am Sabbat des dritten März sind alle User weltweit eingeladen, für 24 Stunden auszuschalten und ein kurzes digitales Sabbatical zu nehmen.

Ein Tag ohne unsere vertrauten Begleiter fern des Cyberspace erscheint schwierig, daher allen Organisatoren und Teilnehmern für den Erfolg des Projektes ein großes „Mazel Tov“.

Alle Artikel der Sommerreihe

Prolog: Religion und Internet: Glaube im digitalen Wandel
Teil 1: Auf einer Wellenlänge mit Gott? Zwischen Godspots und Social Media
Teil 2: Ecclesia 2.0 – Ein Like für die frohe Botschaft
Teil 3: Judentum und Internet – 613 Mitzwot und einen digitalen Sabbat
Teil 4: Fatwas on the Internet – Wenn der Glaube digital wird
Teil 5: Glaube in Korea: Digitalisierte Traditionen
Teil 6: Glaube in Indien und China: Von Mantren und Tablets als digitalem Höllengeld
Teil 7: Der Gottesalgorithmus? – Digitale Suche nach dem „Göttlichen“ 
Teil 8: Sterben 2.0 – Auf dem Weg zur (digitalen) Unsterblichkeit?

 

Titelbild: Telefonierender Jude an der Klagemauer von David Ortmann via flickr, licenced CC BY-NC 2.0

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