Smart Meter: Der Datenschutz bleibt auf der Strecke

Teaser-Smart-Meter-3Nicht nur finanziell sind intelligente Stromzähler kein gutes Geschäft. Auch beim Datenschutz gibt es zahlreiche Bedenken gegen die sogenannten Smart Meter. Die Verbrauchsdaten verraten sogar, welches Haushaltsgerät wann in Betrieb ist. Damit ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten für Big Data.

Es ist drei Uhr nachts. Wir befinden uns in einem klassischen Mehrfamilienhaus. Die gesamte Bewohnerschaft hat sich schon vor Stunden schlafen gelegt. Die Waschmaschine bei Müllers im zweiten Stock springt von alleine an – zweieinhalb Stunden Waschgang mit 1.300 Umdrehungen. Natürlich im längeren Energiesparmodus, schließlich möchte man möglichst die Umwelt schonen. Nur die darunter im ersten Stock lebende Familie findet das aber nicht ganz so lustig.

Waschen, wenn der Strom am günstigsten ist. Dies ist eines der Kernargumente der Befürworter von Smart Meter. Und dieser Logik kann man sich auch nicht verschließen: Wer möchte nicht an der Stromrechnung sparen? Dazu braucht es intelligente Haushaltsgeräte sowie sogenannte Smart Meter, die intelligenten Stromzähler. In einem Smart Grid können beliebige Geräte zur optimalen Zeit eingeschaltet werden – alles im Sinne des günstigen Strompreises und der Verschiebung von Lastzeiten. Doch das Waschmaschinen-Beispiel verdeutlicht, dass diese idealisierte Vorstellung meistens an der Realität scheitert.

Welcher Film läuft im Fernsehen?

Wie groß ist das Einsparpotential, das intelligente Stromzähler angeblich versprechen? Die meisten Studien kamen zum selben Schluss: Sie kosten viel und sparen wenig. Als die Europäische Union den Einbau von Smart Metern in Haushalten als Zielvorgabe formulierte, sollten die Mitgliedsländer Nützlichkeitsstudien in Auftrag geben. In Deutschland war es die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die aber feststellte: Nur für Großverbraucher lohnt sich die Anschaffung finanziell. Haushalte mit bis zu 6.000 Kilowattstunden Verbrauch würden nur 1,2 bis 1,8 Prozent einsparen. Auf dieser Grundlage entschied die Bundesregierung, nur Verbraucher mit mehr als 6.000 Kilowattstunden in die Pflicht zu nehmen.

Um die Energiesparpotentiale optimal ausnützen zu können, müssten Energieunternehmen oder automatisierte Smart Grids die Geräte in einem Haushalt von außen steuern können. Damit ergeben sich aber datenschutztechnische Probleme. Durch Smart Metering hätte ein Stromkonzern detaillierten Einblick in das Verbrauchsprofil eines Haushalts. Je nach Einstellung können die intelligenten Stromzähler auch im Minutentakt Informationen an den Energielieferanten schicken. Das mag zwar gewisse Vorteile haben, jedoch beginnt hier ein empfindlicher Bereich der Privatsphäre. Für die Bundesregierung als auch den Bundestag sind solche Informationen sensible Daten, die besonders vertraulich behandelt werden müssen. Und wer findet die Vorstellung, dass Haushaltsgeräte von alleine anspringen, nicht auch irgendwie gruselig?

Mittels solcher Daten kann präzise ermittelt werden, welche Haushaltsgeräte gerade benutzt werden. Eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie an der Fachhochschule Münster konnte genau nachvollziehen, welche Geräte in Betrieb waren und welche nicht. Kühlschrank, Mikrowelle und Co. haben spezifische Stromverbrauchsprofile. Vergleicht man die Daten, die der Smart Meter sendet, mit bekannten Verbrauchskurven, ist eine Identifizierung kein Problem mehr. Die Forscher waren sogar in der Lage festzustellen, welcher Film gerade im Fernsehen lief. So lassen sich darüber hinaus Rückschlüsse auf die Zahl der Personen in einem Haushalt schließen.

Leichtes Spiel für Stromdiebe

Bisher ist ein solches Ausforschen noch Zukunftsmusik. Der Smart Meter-Rollout bis zum Jahr 2020 eröffnet jedoch völlig neue Perspektiven für Big Data. Man mag es nicht so schlimm finden, wenn der Stromkonzern weiß, ob nun der Fernseher läuft oder nicht. Aber in Verbindung mit anderen Daten – Stichwort Big Data – lassen sich exakte Profile erstellen, die auch Einfluss auf andere Lebensbereiche haben können. Die Frau Schmidt sitzt also nur vor dem Fernseher und kommt nie vom Sofa hoch? Da kann die Krankenkasse doch mal die Beiträge anheben. Natürlich ist das ein überspitztes Szenario, das aber zur Realität werden kann, wenn wir uns der Konsequenzen von Big Data nicht bewusstwerden.

Aber nicht nur Konzerne könnten die Verbrauchsdaten interessant finden. Kriminelle können mithilfe der Informationen Einbrüche planen. Dafür ist meist nur ein Eindringen über Smart Meter nötig – kein unrealistisches Szenario. Auch Stromdiebe können die Daten manipulieren, um hieraus ihren eigenen Vorteil zu ziehen. Bereits 2012 sollen Mitarbeiter des Stromkonzerns Enemalta über 1.000 Smart Meter manipuliert haben, um Energie abzuzweigen. Die intelligenten Stromzähler zeichneten einfach weniger Verbrauch auf. Wer die Täter bezahlte, durfte sich über eine kleinere Stromrechnung freuen. Insgesamt soll dadurch allein in einem Jahr ein Schaden in Höhe von 30 Millionen Euro entstanden sein.

Verbraucherverbände warnen vor einer „Zwangsdigitalisierung“

Die Hersteller von Smart Metern führen zu ihrer Verteidigung an, dass die gesetzlichen Vorgaben ausreichende datenschutzrechtliche Vorgaben machen. Unter anderem hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ein Schutzprofil entwickelt – diesen Zertifizierungsprozess müssen Smart Meter durchlaufen. Darüber hinaus muss eine Firewall im Übertragungsmodul installiert werden. Außerdem gelte das Gebot der Datensparsamkeit. Eine minutengenaue Übermittlung der Daten an den Anbieter wird es nicht geben – zumindest vorerst.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband warnt trotzdem deutlich vor einer „Zwangsdigitalisierung“ deutscher Haushalte durch den Einbau von Smart Metern. „Die neue ‚intelligente Infrastruktur‘ bringt für die Mehrzahl der Stromverbraucher mehr Kosten als Nutzen. Eine Modernisierungsoffensive in Deutschlands Kellern darf nicht per Zwang und auf Kosten der Verbraucher verordnet werden“, so Marion Jungbluth, Leitung Team Energie und Mobilität des vzbv. Die Verbraucherschützer plädieren stattdessen für den freiwilligen Einbau. „Darüber hinaus sei das Potenzial der Vernetzung auf Haushaltsebene für die Hebung von Effizienzpotenzialen auf der Netzebene gering“, stellt die Verbraucherzentrale in einer Pressemitteilung fest.

Lesen Sie den ersten Teil der Reihe: Eine erfolgreiche Energiewende braucht nicht nur umweltfreundliche Stromquellen, sondern auch geeignete Abnehmer. Hier kommen intelligente Stromzähler ins Spiel. Darauf aufbauende „Smart Grids“ ermöglichen eine effiziente Energienutzung in einem von starken Schwankungen und dezentralisierten erneuerbaren Energien gekennzeichneten System.

Lesen Sie den zweiten Teil der Reihe: Intelligente Stromzähler sind künftig unumgänglich. Die sogenannten Smart Meter stehen jedoch im Verdacht, besonders anfällig für Hacker-Angriffe zu sein. Im schlimmsten Fall könnten so ganze Stromnetze lahmgelegt werden.

Bild: Elglrdas, CC BY-SA 2.0

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4 Antworten auf Smart Meter: Der Datenschutz bleibt auf der Strecke

  1. Eberhard Blocher sagt:

    Eine Modernisierungsoffensive in Deutschlands Kellern muß per Zwang verordnet werden. Wenn sich zwei, drei Technik-Freaks einen Smartmeter einbauen, macht das überhaupt keinen Sinn. Das ist so ähnlich wie eine Impfpflicht. Mindestens 95% müssen mitmachen, sonst kann man die Effekte in die Tonne kloppen. Und wieso soll es keinen Zwang geben? Politik bedeutet, das Gemeinwohl zu optimieren. Und das geht uns alle an und daher müssen auch alle mitmachen.

  2. Der Datenschutz ist sicher ein wichtiger Aspekt. Er wird aber aus meiner Perspektive in diesem Zusammenhang doch deutlich überstrapaziert. Das viel gefährlichere Thema der Systemsicherheit wird hingegen nur am Rande diskutiert. Wer den Roman von Marc Elsberg – Blackout – Morgen ist es zu spät – gelesen hat, weiß wovon ich spreche. Wenn man die aktuellen Diskussionen auf der 32C3 verfolgt, dann muss es wohl erst passieren, bis wir uns auch darum kümmern. Nur dann ist es bereits zu spät. Man kann nicht einfach Millionen Zähler – so wie Autos – zurückrufen. Vernetzte System verhalten sich anders, Störungen können sich in Sekundenschnelle ausbreiten. Mit der österreichischen Fernabschaltfunktion bauen wir uns den absoluten Overkill ein. Und es muss nicht immer der Hackerangriff sein, der Systeme zum Ausfall bringt, wie etwa 2013 die Leittechnikstörung gezeigt hat (http://www.saurugg.net/2015/blog/stromversorgung/leittechnikstoerung).

    Das blöde Beispiel mit der Waschmaschine in der Nacht zeigt auch, wie wenig man die Energiewende verstanden hat. Denn der Strom ist heute bereits und wird in Zukunft noch mehr am Nachmittag günstig sein, wenn die Sonne scheint. Außer im Winter, wenn die Windstromproduktion auch in der Nacht hoch ist.

    Smart Meter sind nicht per se schlecht. Sie sind jedoch gefährlich, wenn sie zentralisiert eingesetzt werden und eine Fernabschaltefunktion beinhalten. In einem dezentralisierten Stromversorgungssystem werden sie durchaus eine Rolle spielen, aber das erfordert ein anderes Systemdesign. Siehe dazu auch unter “Das Smart Grid im Zeitalter des Cyberwar” http://www.saurugg.net/2015/blog/stromversorgung/das-smart-grid-im-zeitalter-des-cyberwar

  3. Modernisierungsoffensive, Zwang und Gemeinwohl … wenn Smart Meter wirklich Sinn machen würden, würden sie so wie auch sonst im Leben zum Selbstläufer werden. Das planwirtschaftliches Vorgehen selten zum Erfolg führt, sollte mittlerweile hinreichend bekannt sein. Warum gibt es keine Zielvorgabe – was muss erreicht werden, sondern eine genaue Vorgabe, was zu machen ist?

  4. Stefan Slembrouck sagt:

    Es wäre einfach mal interessant, die Problematik des Datenschutzes im Smart Meter Rollout unter Berücksichtigung der sehr komplexen Sicherheits- und Anonymisierungsarchitektur, die vom Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende vorgegeben wird, zu erörtern. – Alle Argumente in diesem Blogbeitrag sind oberflächlich und veraltet, finden sich aber leider in den meisten “kritischen” Beiträgen zu Smart Metern wieder: ein Paradebeispiel von Abschreiberitis.

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