Smart Cities – Teil 4: Wien

Smart Wien, Dieter_G via Pixapay, CC0, bearbeitet. Manuchi via Pixabay, CC0, bearbeitet.Im Buzzword-Bingo der Digitalisierungsdebatte scheint sich ein Wort ohne Wenn und Aber den ersten Platz gesichert zu haben: Der neue Hype heißt Blockchain. Auch in den Visionen der Smart Cities spielt die Blockchain eine tragende Rolle. Das Wiener Wohnprojekt „VIERTEL ZWEI“ zeigt, wie es der Technologie nun auch gelingen könnte, die Energieversorgung in der Stadt der Zukunft revolutionieren.

Seit einigen Jahren entsteht in der österreichischen Hauptstadt das Stadtentwicklungsprojekt VIERTEL ZWEI. Auf mehr als 120.000 m² entwickelt IC Development in unmittelbarer Nähe zum Wiener Prater ein Viertel, in dem Wohn-, Büro- und Geschäftsflächen entstehen sollen. Bis 2021 soll das „VIERTEL ZWEI“ das Zuhause von mehr als 10.000 Menschen werden. Dabei soll der Ortsteil zu einer grünen Oase im Herzen Wiens ausgebaut werden und gleichzeitig Raum für neue Ideen schaffen. Das innovative Wohnprojekt hat sich zur Aufgabe gemacht, ein Viertel zu entwickeln, in dem es sich sowohl stadtnah als auch grün leben lässt. Neben dem Versuch, die Blockchain für eine Erneuerung der Energieversorgung zu nutzen, arbeitet das Wohnprojekt auch an anderweitigen innovativen Lösungen für ein modernes Zusammenleben. So werden beispielsweise Elektro-Autos zum Car-Sharing angeboten oder Wohnungen entworfen, die mit 32 m² das Konzept des minimalistischen Wohnens umsetzen. Die Idee, Strom per Blockchain weiter zu verkaufen, klingt im Vergleich zu diesen, mittlerweile etablierten Ansätzen äußerst innovativ. Das VIERTEL ZWEI begibt sich dabei auf bisher mehr oder weniger unbekanntes Terrain. Das Pilotprojekt zeigt, dass die Blockchain-Technologie nicht nur für Kryptowährungen, wie zum Beispiel den Bitcoin, Zukunftspotential bereithält.

Blockchain – was war das nochmal?

Analog laufen bisher viele Transaktion zwischen zwei Parteien über eine Drittpartei ab. Wer diese Drittpartei ist, hängt vom Produkt ab, das transferiert wird: bei einer Überweisung ist die Bank dieser Intermediär, beim Hauskauf ist es der Notar oder die Notarin. Eine Transaktion über eine Drittpartei auszuführen kostet Geld, verlangsamt den Prozess und setzt voraus, dass alle Beteiligten der Drittpartei vertrauen. Mit der Blockchain-Technologie fällt diese dritte Partei nun weg. Über das Internet können Transaktionen verschiedener Güter dezentral, das heißt ohne zentrale Überwachungspartei, abgewickelt werden. Wie genau eine Transaktion über die Blockchain abläuft, wird dabei oft am Beispiel eines Kassenbuches erklärt. In einer Art Online-Kassenbuch werden alle Transaktionen notiert, die zwischen zwei Parteien stattfinden. Dieses Kassenbuch ist dezentral. Das bedeutet, dass keine zentrale Instanz, wie beispielsweise eine Bank, das Kassenbuch überwacht, wie das bei einer klassischen Überweisung der Fall wäre. Stattdessen befindet sich das Kassenbuch in tausendfacher Kopie auf den Computern aller Blockchain-Mitglieder. Das Kassenbuch ist daher auch für alle einsehbar, es ist also nicht nur dezentral, sondern auch transparent. Zudem müssen alle Transaktionen verifiziert werden und anschließend für alle Teilnehmer sichtbar in einem sogenannten Block abgelegt werden. Wie genau die Transaktionen verifiziert werden, hängt von der Art der Blockchain ab. Einmal abgelegt, lassen sich diese nicht mehr verändern. Transaktionen können also lückenlos und unveränderbar festgehalten werden. Das Kassenbuch ist damit potentiell also auch sicherer, da die Transaktionen nicht mehr nachträglich manipuliert werden können. Reihen sich verschiedene Blöcke aneinander, entsteht eine Kette von Blöcken: die Blockchain. Stark vereinfacht ausgedrückt, handelt es sich bei der Blockchain also um eine Art dezentralisierte Datenbank, die es ermöglicht, Transaktionen über das Internet dezentral, transparent und somit auch potentiell sicherer durchzuführen.

Strom-Sharing per Blockchain

Das „VIERTEL ZWEI“ versucht nun, die Blockchain-Technologie im Bereich der Energieversorgung einzusetzen. Anwohnerinnen und Anwohner sollen dabei die Möglichkeit erhalten, den von ihnen zum Beispiel per Solarpanel erzeugten Strom weiterzuverkaufen, wenn sie ihn selbst nicht benötigen. Die Idee, nicht benötigten Strom weiter zu verkaufen, ist nicht neu, wohl aber der Ansatz, diesen Weiterverkauf per Blockchain-Technologie durchzuführen. Das bietet potentiell einige Vorteile. So fallen beispielsweise Drittparteien, die den Stromverkauf von Partei A zu Partei B normalerweise durchführen würden, weg. Dadurch kann der Prozess gewinnbringender werden, denn Kosten für Dritte, wie beispielsweise bei der Einspeisung ins Netz, entstehen erst gar nicht. Aktuell handelt es sich bei dem Versuch des Strom-Sharings per Blockchain allerdings noch um ein Pilotprojekt. Trotzdem bietet die Blockchain gerade im Bereich der Energieversorgung viel Potential und könnte ermöglichen, sich verändernde Lebensweisen stärker zu berücksichtigen. In Zeiten der zunehmenden Elektromobilität beziehen viele Userinnen und User zukünftig vielleicht nicht mehr nur an einem festen Wohnort Strom. Ein Stromvertrag, der beispielsweise nicht länger an Adressen gebunden ist, sondern stattdessen an Personen, könnte daher im Zusammenhang mit der Blockchain zukünftig an Bedeutung gewinnen, so Andreas Zeiselmair, von der Münchner Forschungsstelle für Energiewirtschaft gegenüber dem Online-Magazin futurezone.

Grenzen und Grauzonen des Hypes

Auf der anderen Seite bietet die Blockchain-Technologie auch Nachteile. Da es sich um eine verhältnismäßig neue und komplexe Technologie handelt, stellt derzeit vor allem die Skalierbarkeit noch immer ein Problem dar. Je mehr Menschen innerhalb einer Blockchain mitwirken, desto länger kann es unter Umständen dauern, Transaktionen zu verifizieren. Aus politischer und wirtschaftlicher Perspektive muss außerdem berücksichtigt werden, dass die Rechtslage für Blockchain-Firmen teilweise noch immer nicht eindeutig geklärt ist. Gerade im Energiesektor setzt der Staat strenge Regeln, um den Strombedarf der Bevölkerung zu sichern. Daher stellt die regulatorische Anpassung des Marktes besonders in diesem Sektor eine Herausforderung dar. Trotzdem bietet die Blockchain viel Potential, die Stromversorgung in der Stadt von morgen neu zu gestalten. Gerade die Selbstversorgung mit Öko-Strom könnte für viele Bewohnerinnen und Bewohner attraktiver werden, wenn der Weiterverkauf bei einer Überproduktion neu geregelt wird.

Im VIERTEL ZWEI können Bewohnerinnen und Bewohner in verschiedenen Workshops im Rahmen des „Urban Pioneers Community“-Programmes weitere Ideen für die Anwendung der Blockchain entwickeln. Inspiration für Anwendungsgebiete findet sich dabei in den verschiedensten Bereichen. So hielt der US-Bundestaat West Virginia beispielsweise im Mai diesen Jahres Wahlen ab, die es bestimmten Wählerinnen und Wählern ermöglichten, ihre Stimme auf einer mobilen, blockchain-basierten Plattform abzugeben. Ein weiteres Beispiel bietet die Republik Moldawien, die aktuell versucht Menschenhandel mit Hilfe von Identitätsnachweisen per Blockchain zu unterbinden. Von Versicherungen bis hin zu politischer Teilhabe, das Potential der Blockchain erstreckt sich sektorenübergreifend. Es gilt also den Begriff Blockchain nicht ausschließlich mit Kryptowährungen, wie beispielsweise dem Bitcoin, zu verknüpfen, sondern auch in anderen Bereichen das Potential der Technologie hervorzuheben. Die Stadt Wien geht hier mit gutem Beispiel voran und bietet im VIERTEL ZWEI erste Ansätze dafür, wie auch die Stromversorgung der Zukunft von der Blockchain-Technologie profitieren könnte.

Teil 5 befasst sich mit Tausenden Sensoren in der spanischen Küstenstadt Santander. Die weiteren Stationen auf unserer Smart-City-Reise sind: Rio de Janeiro, Kopenhagen und Dubai. Zum Übersichtsartikel geht es hier.


Titelbild: Dieter_G via Pixabay, CC0, bearbeitet. Manuchi via Pixabay, CC0, bearbeitet.

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