Rhetorik heute – eine Frage des Gefühls?

Jeder Mensch kann heute zum Sender und Journalisten werden, entscheiden, was sie oder er sehen will und selbst produzieren, was fehlt. Damit gewinnen die Zuschauer und Zuschauerinnen an Macht über den öffentlichen Diskurs und verschieben, was überzeugende Rhetorik heutzutage ausmacht. Diese Entwicklung legt eine Betrachtungsweise nahe, die nicht die Rednerin oder den Redner als Person selbst, sondern das Publikum und die Verbindung, die er oder sie zu diesem schafft, in den Mittelpunkt stellt.

Rhetorik unter anderen Umständen

Die Verschiebung des öffentlichen Diskurses auf Soziale Netzwerke und Plattformen hat vieles an den Umständen geändert, unter denen Reden gehalten werden und Rhetorik ihren Einsatz findet. Früher standen sich Rednerin und Redner und das Publikum mehr oder weniger direkt und zur gleichen Zeit gegenüber, es wurde praktisch ohne mediale Unterstützung gesprochen und versucht, argumentativ zu überzeugen. Heute sind Rednerinnen und Redner und die Zuhörerschaft nicht mehr so unmittelbar aneinander gekoppelt. Auch früher gab es schon schriftliche Aufzeichnungen von Reden, die nachträglich verbreitet und unter die Menschen gebracht worden sind, doch lässt sich heute in einem Bruchteil der Zeit eine weitaus größere Masse erreichen. Nahezu jede größere Rede wird heute aufgezeichnet, übertragen, gestreamt oder auf Sozialen Netzwerken geteilt. Was einmal gesagt wurde, kann man Jahre später noch verfolgen, und auch wie es gesagt worden ist.

Doch damit verändert sich nicht nur wo und wie Reden gehalten werden, sondern auch die Rede selbst. War es früher schon immer wichtig, Kernaussagen in Reden so kurz und eingängig zu formulieren, dass sie als O-Ton in TV- und Hörfunkbeiträgen verwendet werden konnten oder sich für Überschriften anboten, so hat die verstärkte Kommunikation über Soziale Medien diesen Trend noch verstärkt, sagt Mediencoach und Redenexpertin Jacqueline Schäfer. Als Präsidentin des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) ist sie überzeugt: In Zeiten von begrenzter Zeichenanzahl und kurzen Statements auf Twitter & Co ist es beinahe zwingend, dass gute Reden inzwischen auch einschlägige, „twitterfähige“ Äußerungen enthalten, die sich schon während des Vortragens verbreiten lassen, das Wichtigste auf den Punkt bringen, aber auch ein gewisses Diskussionspotential innehaben. Alles andere geht in der Vielzahl an Beiträgen unter oder ist zu lang und kompliziert, als dass sich die Rezipientinnen und Rezipienten darauf einlassen.

  • Grundprinzipien der Rhetorik
Die Begriffe Logos, Ethos und Pathos stellen die Grundprinzipien der klassischen Rhetoriklehre dar. Logos bezieht sich auf die sachbezogene und logische Ebene der Argumentation und meint konkret Daten, Statistiken, Fakten, etc. Das Ethos, als moralischer Appell, meint die Glaubwürdigkeit und die Integrität einer Rednerin oder eines Redners, während das Pathos als emotionaler Appell für die Verbindung zwischen der Gefühlswelt der Zuhörenden und dem Thema steht. Die Rednerin oder der Redner kann diese Mittel einsetzen, um das Publikum bezogen auf einen bestimmten Sachverhalt zu überzeugen.

Dass die zunehmende digitale Kommunikation zum Ende der großen Rede führen wird, glaubt Schäfer nicht. Gerade weil im Alltag vieles verkürzt dargestellt wird, sei es notwendig, neben knackigen Kernbotschaften auch zuzulassen, dass sich Gedankengänge innerhalb einer Rede entwickeln können. Diese sollte dann aber umso mehr nach narrativen Gesichtspunkten aufgebaut sein und berücksichtigen, dass Menschen Dinge am besten verinnerlichen, wenn ihr Gefühl angesprochen, also das limbische System angeregt wird. Ist es so also vielleicht gerade die emotionale Verbindung zwischen den Zuhörenden, dem Gesagten und dem Vortragenden, die besonders wichtig ist?

Die Macht der Emotionen

Es gibt einiges, was für das Pathos als Schlüsselrolle spricht. In einer Vielzahl von Beiträgen, die uns tagtäglich überflutet, bleibt vor allem das hängen, was uns erreicht, in gewisser Weise eine Erregung unseres Gemütszustandes hervorruft. Und es sind diese Beiträge und Themen, die wir mit der Welt teilen, weiter verschicken und die sich innerhalb eines Tages so weit aufladen können, dass am Ende die halbe Welt darüber spricht. Daran zeigt sich auch die große Bedeutung von Bildern und Videos, die auch ohne Worte eine sofortige Reaktion in uns auslösen. Sie berühren uns soweit, dass wir sie, auch ohne den Kontext genauer zu kennen, rasant verbreiten. Ein Beispiel dafür ist das Foto des weinenden Mädchens, was zum Symbolbild der Debatte um Trumps harte Vorgehensweise an der mexikanischen Grenze geworden ist, tatsächlich aber nie von seiner Mutter getrennt worden war. Und auch all die großen Schlagwortbegriffe, die die aktuelle Debatte prägen, sind spürbar emotional aufgeladen: „Shitstorm“, „Wutbürger“, „Gutmenschen“, „Erdowahn“, usw. Sie heizen dabei den Diskurs auf und vereinfachen meist abwertend komplexe Sachverhalte. Nicht selten wird deshalb der Wunsch nach mehr Sachlichkeit und Deeskalation laut.

Das Publikum als fünfte Gewalt

Es wird deutlich: Das Publikum hat an Macht dazugewonnen und bestimmt mit, wonach sich Rednerin und Redner und der Diskurs insgesamt ausrichten. Auch das ist eine Entwicklung, die durch die Digitalisierung begünstigt wird. Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht im Zuge dessen schon von einer „fünften Gewalt“ der digital vernetzten Öffentlichkeit (die sich neben dem klassischen Journalismus, der Exekutive, Judikative und Legislative einreiht). Während sich das Publikum in der Antike zwar einen eigenen Eindruck vom Redner vor Ort verschaffen konnte, war es ihm gleichzeitig auch stärker ausgeliefert. Es konnte zwar den Ort des Geschehens verlassen, so wie wir ein Video oder eine Website einfach schließen können, aber es hatte deutlich eingeschränktere Möglichkeiten, das Gesagte zu überprüfen und seine Informationen aus verschiedenen Quellen zu beziehen. Im Zweifelsfall mussten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer auf die Glaubwürdigkeit eines Redners verlassen und waren so abhängiger von ihm und dessen Aussagen.

Das sieht heute, in Zeiten, in denen rund 80 Prozent der Menschen in Deutschland das Internet nutzen und fast genauso viele im Besitz eines Smartphones sind, deutlich anders aus. Inhalte lassen sich in Echtzeit selbst nochmal überprüfen und müssen dem sekundenschnellen Faktencheck standhalten. Was einen nicht sofort packt und interessiert, sieht man sich auch nicht an und verbannt es aus seiner Filterblase. Für Jacqueline Schäfer bedeutet das, dass „Aufmerksamkeit zu generieren und sie über eine Redestrecke zu halten, in Zeiten, in denen viele schon mit einer eineinhalb minütigen Rede überfordert sind, immer anspruchsvoller und schwieriger geworden ist.“ Sie geht ebenso davon aus, dass es zunehmend auch um den emotionalen Unterhaltungswert geht, wenn man seine Inhalte verkaufen möchte, und dass die Zuhörerinnen und Zuhörer inzwischen auch die Macht dazu haben, dies öffentlich zu kommunizieren und letztendlich auch einzufordern.

Dauergereiztheit statt sachlicher Auseinandersetzung

Doch lässt sich daraus auch ableiten, dass die Leute durch die neuen Möglichkeiten zur Selbstaufklärung, die sie dank des Internets nun haben, auch anspruchsvoller und misstrauischer geworden sind? Laut dem D21-Digital-Index 2017/2018 der Initiative D21 machen immerhin etwa drei Viertel der Deutschen regelmäßig von der Möglichkeit Gebrauch, in Suchmaschinen nach Inhalten und Informationen zu suchen. Doch trauen sich nur 54 Prozent der Befragten auch zu, bei Treffern von Suchmaschinen zu erkennen, welche davon Werbeanzeigen sind und nur knapp jeder zweite geht davon aus, Fake News von glaubwürdigen Nachrichten unterscheiden zu können. Das spricht nicht unbedingt für eine mündigere und kritischere Gesellschaft. Was bringt uns also der Zugang zu einem enormen Vorrat an Information, wenn wir gar nicht genau wissen, wie wir sie richtig nutzen können? Werden wir also vielleicht nur kritischer hinsichtlich der Präsentation und Aufbereitung und weniger dem Inhalt gegenüber?

Laut Pörksen befinden sich die Menschen momentan in einem Zustand der Dauergereiztheit, der die Chance effektiver Desinformation nur noch eher begünstigt und konstant nach neuen Reizen und Impulsen sucht. Daraus entsteht eine eigene Emotions- und Erregungsindustrie, die sich auch auf die Qualität politischer Debatten und die politische Kommunikation auswirkt.

Politische Rhetorik

Politikerinnen und Politiker entdecken diese Industrie zunehmend für sich. Die Zeiten des Wahlkampfs sind immer auch Zeiten der Rhetorik. Parteien und Kandidatinnen und Kandidaten breiten ihre Kampagnen auf immer mehr Medien und soziale Netzwerke aus, um die Macht dieser fünften Gewalt für sich zu nutzen. Und auch außerhalb der politischen Hochphasen lässt man jetzt von sich hören. Video-Selfies und Instagram-Stories werden zu den kleinen Reden unserer Zeit, die, richtig gemacht, bereits ein riesiges Echo hervorrufen können. Und selbst, wenn die Referentin oder der Referent das Medium nicht beherrscht, kann sie oder er als Negativbeispiel viral gehen. In der Erregungsgesellschaft, wie Pörksen sie skizziert, geht es darum einen Nerv zu treffen. Nicht zuletzt ist das auch der Grund, warum populistische Parteien so erfolgreich sind. Durch bewusst emotional aufgeladene Themen bleiben sie im Gespräch. Wut und Angst sind dabei stets lauter als Lob und Zufriedenheit und das kommt nicht zuletzt einer Verfallsrhetorik zugute, die medienwirksam vor allem Vertreter der AfD wie Björn Höcke für sich nutzen. Doch auch insgesamt besteht zunehmend die Gefahr, dass die Grundlage des öffentlichen Diskurses immer häufiger auf Kampfworten basiert, die gegen andere Kampfworte stehen, ohne dass eine Einordnung oder Differenzierung stattfindet.

Die öffentliche Auseinandersetzung ist nach wie vor angewiesen auf inhaltliche Substanz, Glaubwürdigkeit und Vielfalt. Deshalb sollten wir bei aller Verkürzung und Emotion, die die Debatte momentan beherrschen, immer wieder auch zurückkehren zu den Ursprüngen, aus denen ein Schlagwort, ein Statement oder auch die Rede entstanden sind. Am Ende kommt es in aller Rhetorik auf die Beziehung an: es bleibt der Gesamtzusammenhang, an dem wir eine Aussage oder ein Argument messen sollten.

 

Titelbild: Jeronimo Bernot via Unsplash, bearbeitet

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