Quo Vadis Tageszeitung? OFF THE RECORD – Der Medientalk im Amplifier

Artikelbild_Dennis_KlutDie Zukunft der Zeitung – die Zeitung der Zukunft. Wie geht es der Tageszeitung und welchen Stellenwert wird sie in Zukunft noch haben? Diese Fragen standen am 10.02.2020 im Mittelpunkt des ersten OFF THE RECORD Events im Amplifier.

Zu Gast war Anke Myrrhe, die Ressortleiterin Berlin/Brandenburg des Tagesspiegels, die gemeinsam mit Steffen Wenzel (politik-digital) und dem Publikum über mögliche Neuausrichtungen und Trends in der Zeitungsbranche sprach. Der Tagesspiegel ist Berlins auflagenstärkste Tageszeitung.

Das Format

OFF THE RECORD – so der Name der neuen Veranstaltungsreihe im Amplifier Berlin. Gemeinsam mit wechselnden Gästen ermöglichen die Partner GSG Berlin, Netzpiloten, NKF Media, FTWild und politik-digital einen Blick hinter die Kulissen der Berliner Medienwelt. Dabei geht es nicht um Enthüllungen, nicht um vertrauliche oder inoffizielle Informationen und schon gar nicht um Verschwörungen oder Skandale. Im Mittelpunkt stehen Eindrücke und Überlegungen von Vertretern der Branche, welche gemeinsam mit dem Publikum analysiert und diskutiert werden sollen. Ein offenes Gespräch also, ganz ohne strategische Hintergedanken.

Bestandsaufnahme

„Wir sind ein bisschen so wie Tchibo“ fasst Myrrhe den Wandel ihrer Arbeitswelt zusammen. Längst geht es bei Zeitungen nicht mehr nur um klassische Printmedien, das Angebot ist breiter geworden. Einerseits ist da natürlich das Internet mit all seinen Möglichkeiten und neuen Formen Inhalte zu verbreiten. Auf der anderen Seite müssen sich Zeitungen in Anbetracht stetig sinkender Auflagen nach einer weiteren Finanzierungsquelle umsehen. Attraktiv sind in diesem Zusammenhang vor allem Veranstaltungen, kann doch auf ein bestehendes Netzwerk zurückgegriffen werden, um interessante Themen und Gäste zu ermöglichen.

Die altbekannte Tageszeitung als Printversion verliert tatsächlich an Relevanz. Das heißt aber nicht, dass das Format einer täglich erscheinenden unveränderlichen Nachrichtenquelle keine Zukunft hat – Stichwort ePaper. Genau wie die Printversion, nur eben digital. Durch das Angebot eines solchen Formats konnte der Tagesspiegel dem Trend der fallenden Absatzahlen entgegenwirken und die Auflage sogar minimal steigern, berichtet Anke Myrrhe.

Alles Neu?

Auch in den Redaktionen hat sich einiges getan, größtenteils ausgelöst durch einen Wandel im Nutzungsverhalten. Nachrichten werden heutzutage vor allem früh morgens am Frühstückstisch oder auf dem Weg zur Arbeit konsumiert, so Myrrhe. So sei zum Beispiel die täglich stattfindende Redaktionskonferenz einige Stunden nach vorne verlegt worden, um rechtzeitig die Linie des Tages festzulegen. Und wie wirkt sich das veränderte Konsumverhalten auf die Nachricht als solche aus? Funktionieren nur noch schnelle, einfach verständliche Nachrichten? Einerseits ja, Newsletter und entsprechend angepasste Angebote feiern große Erfolge, doch auch das Gegenteil lässt sich beobachten: besonders interessante Artikel werden für später gespeichert und gelesen, wenn sich Zeit dafür findet. So kann es vorkommen, dass bereits einige Tage alte Artikel am Wochenende eine erneute Welle an Abrufen erfahren.

„Im Print ist der Platz begrenzt“ durch eine „nicht journalistische Macht“, merkt Myrrhe an. Gemeint sind Anzeigen, mittlerweile zwingend notwendig zur Finanzierung, aber eben auch platzraubend. So kann es vorkommen, dass gar nicht alle relevanten Themen im vollen Umfang behandelt werden können – einfach, weil der Platz nicht reicht. Online sieht das anders aus, Artikel müssen nicht in ein feststehendes Layout eingefügt werden, können theoretisch so viel Platz in Anspruch nehmen, wie sie eben brauchen und daher häufig tiefer in die Materie eindringen und damit Hintergrundinformationen liefern, welche in der Printversion nicht unterkommen.

Ein Punkt der an diesem Abend besonders deutlich wird: Nicht alles, was im Internet funktioniert, muss neuartig sein. Während der Lokaljournalismus immer mehr aus den großen Zeitungen verschwindet, blüht er im Internet erneut auf. Nachrichten mit starkem regionalen Fokus finden ihre Adressaten, ohne denjenigen Lesern, die nicht von ihnen betroffen sind, im Weg zu stehen.
Mittlerweile erfahren über 180.000 Abonnenten durch die Tagesspiegel Leute-Newsletter was in ihrem Stadtteil vor sich geht. Vom neuen Altglascontainer an der Ecke bis zum millionenschweren Bauvorhaben. Alle Infos aus der Nachbarschaft und näheren Umgebung, ganz individuell für jeden Bezirk.

Die Zukunft

Was passiert denn nun mit der Tageszeitung? Wann ist der Punkt gekommen, an dem man sagt „nur noch ePaper“, lautet eine Frage aus dem Publikum.
Eine klare Antwort bringt dieser Abend nicht hervor, wohl aber verschiedene Standpunkte. Print ist zu teuer, zu aufwendig, heißt es auf der einen Seite, „Ich habe gerne Papier in der Hand“ auf der anderen.

Auch über die zukünftige Finanzierung ist man sich uneinig: „Paywalls funktionieren nicht, Informationen gibt es überall“ – „Für gute Artikel zahle ich gerne auch etwas“. Man einigt sich darauf, dass besonders aufgewerteter Content durchaus Geld einbringen kann. Für bloße Informationen zahlt aber kaum jemand gerne. Anke Myrrhe ist etwas optimistischer und zieht einen Vergleich zu Napster und Spotify. Anfang der 2000er sah es ganz so aus, als würde niemand mehr Geld für Musik ausgeben. Heute erleben Streaming-Anbieter mit Abo-Modellen Hochkonjunktur.

Es braucht auch neue Formate, wie beispielsweise den Tagesspiegel Checkpoint.
„Neue Form des Journalismus, die es so noch nicht gab“ nennt Myrrhe dieses Angebot. Die wichtigsten Nachrichten des Tages werden hier kommentiert und zusammengefasst – „Es soll auf einen iPhone-Bildschirm passen, damals noch das iPhone 4“. Pünktlich morgens um 6 Uhr wird der Newsletter verschickt und informiert über das aktuelle Tagesgeschehen. Mittlerweile sieben Autoren schlagen sich dafür die Nacht um die Ohren. Mit Erfolg! Das sagen sowohl die Zahlen, als auch die anwesenden Gäste.

Werden Nachrichten also bald nur noch online stattfinden und gedruckte Zeitungen aus unserem Alltag verschwinden?

Was auf jeden Fall bleiben wird, so resümiert Anke Myrrhe, ist „unabhängiger Journalismus, getrieben von dem Willen die Welt verständlicher zu machen“.

Titelbild: Cai Schultz

Text: CC-BY-SA 3.0

CC-BY-SA

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