Medienpädagogischer Küchentalk: die Jugend wird lauter

190605_IFSM#_PHT11.JPGBeim Medienpädagogischen Küchentalk #5, der gemeinsam von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK) und der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V. (FSM) veranstaltet wird, ging es dieses Mal um die politische Jugend: „Zwischen Memes und Protest: Pubertät oder vom Suchen und Finden der eigenen politischen Haltung“.

Die besten Gespräche finden bekanntlich in der Küche statt. Sie leben von einer offenen Atmosphäre, in der alle Menschen gleichberechtigt sind und jede Meinung zählt. Genau diese Stimmung versuchen die Veranstaltenden der Medienpädagogischen Küchentalks zu kreieren. Dazu laden sie interessante Gäste ein, mit denen sie aktuelle Fragen zu Medienbildung, Politik und digitaler Gesellschaft diskutieren. Ein Platz am Küchentisch bleibt frei, sodass Gäste aus dem Publikum stets die Möglichkeit haben, sich am Gespräch zu beteiligen.

Ein Blick in die Medien zeigt: das Thema des fünften Küchentalks ist hochaktuell. Jugendliche Stimmen werden lauter – sei es auf der Straße oder im digitalen Raum. Sie fordern eine bessere Zukunft, ein freies Internet und vor allem lassen sie sich nicht länger ignorieren.

Mit von der Partie waren dieses Mal neben den Moderierenden Kristin Narr (GMK) und Björn Schreiber (FSM) vier kompetente Gäste mit unterschiedlichen Blickwinkeln: Während Lilly Oesterreich (politik-digital e.V.) von ihren Erfahrungen in der Projektarbeit mit Jugendlichen berichtete, lieferte André Nagel von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) den theoretischen Überbau zur Thematik. Die Dritte im Bunde, Franziska Hoferer, ist selbst seit Kindheitstagen in der Deutschen Katholischen Jugend  (BDKJ) Speyer politisch aktiv und Christopher Lawniczak konnte als Vorsitzender der Jungen Union Berlin Einblicke in die Arbeit einer politischen Jugendorganisation liefern.

Vom Klopapier zum Klimawandel – wofür brennt die Jugend?

Welche Inhalte interessieren Jugendliche? Diese Frage kann Oesterreich, die beim Beteiligungsprojekt aula mitverantwortlich für die Koordination und die Entwicklung der didaktischen Materialen ist, aus ihrer eigenen Erfahrung beantworten: „Es geht immer stark um das Lebensumfeld der Jugendlichen. Damit sie sich für etwas interessieren, sich zu etwas positionieren und sich engagieren, muss es eine klare Betroffenheit geben.“ Zu Anfang der Projektarbeit gehe es um banale Fragen wie: „Gibt es auf der Toilette genug Klopapier?“ Allerdings, so betont Oesterreich, entwickelten die Jugendlichen im Laufe der Projektzeit Visionen: „Sie bekommen zu spüren was es heißt, den eigenen Willen zu äußern und dafür einzustehen. Plötzlich stehen Themen wie die Unterrichtsgestaltung im Vordergrund.“

Lawniczak bestätigt Oesterreichs These von der Wichtigkeit der eigenen Betroffenheit als Voraussetzung für Engagement. Was sie in der JU umtreibe, sei „alles was den eigenen Lebensbereich tangiert, also die wachsende Stadt, der Verkehr und die Zukunft des Sportvereins.“ Und im digitalen Raum? Beherrschen dort auch die lebensweltlichen Themen den politischen Diskurs der Jugend? Vor Fridays for Future hätte man nicht ahnen können, dass gerade ein so komplexes Thema wie Klimapolitik Jugendliche abholen würde, merkt Nagel an. Verwundert scheint er darüber nicht. Schließlich habe sich schon in der letzten Shell Jugendstudie angekündigt, dass sich unter Jugendlichen ein immer stärkeres Umweltbewusstsein entwickelte.

Die Rezo-Affäre – digital native vs. digital naiv

Die Rezo-Affäre hat so eindeutig wie kein anderes Vorkommnis der jüngsten Zeit verdeutlicht, wie groß der Gap zwischen den digitalen Kompetenzen der Jugend und der etablierten Politik derzeit ist. Während Oesterreich bei den Politikerinnen und Politikern vor allem eine komplette Überforderung beobachtet habe, ärgert sich Lawniczak über seine Mutterpartei. Die CDU habe in der Rezo-Affäre „maximal schlecht reagiert.“ Er findet, ein elfseitiges PDF als Reaktion auf ein Youtube-Video sei das Gegenteil von zielgruppenadäquat. Könnte die JU denn nicht eine Vermittlungsrolle übernehmen und AKK und Co. erklären, wie der digitale Hase läuft? Dieser Vorschlag käme ständig, so Lawniczak: „Macht doch mal was Freches!“, heiße es dann. Das Problem des Rezo-Videos sei auch gewesen, dass sich die Politik darauf nicht habe vorbereiten können, so Nagel. Er beklagt, dass im Nachhinein kaum über die Inhalte des Videos gesprochen wurde, sondern lediglich über den Umgang mit Youtubern. An dieser Stelle widerspricht Lawniczak: „Rezo hat zehn Mal ,Das ist Fakt’ gesagt, aber das macht die Kausalkette auch nicht besser. Ich halte seine Tat für maximal populistisch. Deswegen finde ich es gut, dass wir nicht über Inhalte reden, sondern nur über das was da passiert ist.“

Ob Fridays for Future oder Rezo: Es macht derzeit den Anschein, dass die Politik teilweise überrascht und empört darüber ist, dass sich die Jugend bemerkbar macht. Hoferer glaubt, man hätte diese bisher einfach nicht ernst genommen. Vor allem so lange es keine Proteste auf der Straße gegeben habe, fügt Nagel hinzu. Für ihn spielten allerdings auch polittaktische Gründe dabei eine Rolle. Schließlich seien Jugendliche ohne Wahlrecht einfach keine sehr attraktive Gruppe, um Wahlkampf zu machen.

Und wie lösen wir nun das Problem der Schere zwischen Jung und Alt, zwischen digital native und digital naiv? Gerade in Hinblick auf die immer älter werdende Zivilgesellschaft, plädiert Oesterreich dafür, schnell (digitale) Räume für den generationellen Austausch zu schaffen. Dafür müsse aber erst mal eine Bereitschaft der Erwachsenen erzeugt werden, sich mit der (digitalen) Lebenswelt der Jugendlichen auseinanderzusetzen. Medienpädagogisch müsse man aber bei den Jugendlichen ansetzen, so Nagel. In diesem Kontext lobt er aula als Vorzeigeprojekt. Man brauche mehr solcher Beteiligungsprojekte, bei denen Jugendliche schon früh Demokratie lernen und Selbstwirksamkeit erfahren. Es gehe vor allem um die Vermittlung von (demokratischen) Kompetenzen, so Oesterreich. Im herkömmlichen Unterricht finde das kaum statt. aula versuche deshalb Demokratie konkret anhand alltäglicher Erfahrungen erlebbar zu machen.

Anmerkung: Lilly Oesterreich arbeitet seit Oktober 2018 bei politik-digital e.V.. Sie unterstützt das Projekt aula in der Koordination und bei der Entwicklung der didaktischen Materialien und führt Workshops an Schulen mit den Jugendlichen durch.

Den Mitschnitt vom Medienpädagogischen Küchentalk #5 finden Sie hier.

Titelbild: © FSM/Thomas Imo – photothek.net

Creative Commons Lizenz CC-BY-SA 3.0

Kommentar verfassen