Gegen Plastiktüten und Gesichtserkennung – Kreativer Protest heute

Mann mit Kameraverkleidung auf Demonstration
Foodsharing-Schnibbelparty oder pinke „Pussy hats“ gegen Donald Trump – Protest ist oft bunt und kreativ. Durch das Netz und sein Mobilisierungspotenzial können Protestkampagnen heute mehr Menschen erreichen als noch zu Zeiten vor der Digitalisierung. So scheint die Kreativität zuzunehmen und die Aussicht, dass sich einprägsame Bilder über das Netz verbreiten, dabei als Ansporn zu dienen.

Protestaktionen und -kampagnen haben heute durch vielfältige Wege der digitalen Verbreitung eine große Reichweite. Wir untersuchen kreative, öffentlichkeitswirksame Protestaktionen und speziell die Rekursivität von Online- und Offline-Elementen von kreativem Protest. Beispielhaft dafür stellen wir eine Protestkampagne gegen übermäßigen Plastikkonsum und eine aktuelle Protestaktion gegen Überwachung und zum Schutz der Privatheit vor.

Das erste Beispiel beschäftigt sich mit der Online-Petition „Umweltabgabe auf Plastiktüten!“ von Stefanie, mit ihrem Blog, auf dem sie Upcycling-Praktiken vorstellt und mit ihren weiteren (‚offline‘) Aktivitäten in Zusammenarbeit mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH). An Stefanies Engagement lässt sich sowohl die Rekursivität von Online- und Offline-Protestpraktiken, als auch die Rolle von Kreativität für Protest anschaulich darstellen.

Umweltschutz durch Online-Petitionen und Social Media

Im Sommer 2013 organisierte Stefanie sogenannte Upcycling-Workshops im Berliner Prinzessinnengarten. Beim Upcycling werden aus vermeintlichem Müll Gebrauchs- oder Dekorationsgegenstände hergestellt, die dem Material einen neuen Sinn zuschreiben. Ein Jahr später, im Sommer 2014, veranstalteten Stefanie und die DUH dann sogenannte Tütentausch-Tage in der Berliner Innenstadt. Hier konnten Passanten an einem Straßenstand ihre benutzten Plastiktüten gegen Mehrweg-Stofftaschen umtauschen. Ziel der Aktion war es, Menschen auf die enorme Verschwendung von Plastiktüten aufmerksam zu machen und zum Wechsel auf Stofftaschen anzuregen. Die bei der Aktion gesammelten Tüten wurden im September 2014 dann weiterverwertet. Beim Umweltfestival „Berlin tüt was!“ auf dem Tempelhofer Feld haben mehr als 3.000 TeilnehmerInnen die 30.000 Plastiktüten zu einer langen Plastiktüten-Kette verknotet und damit einen neuen Weltrekord erstellt, sowie ein Zeichen gegen die übermäßige Plastik-Verschmutzung gesetzt.

Während der Tütentausch-Tage lernte Stefanie wiederum die DUH-Mitarbeiterin Julia kennen und es entstand ‚offline‘ die Idee für eine gemeinsame Online-Petition. Gemeinsam wurden Text und Forderungen formuliert und die Petition ging auf der Webseite Change.org an den Start. Mit „Umweltabgabe auf Plastiktüten!“ forderten Stefanie und die DUH eine Abgabe von 22 Cent pro Tüte und richteten ihre Petition an das Bundesumweltministerium. Schon nach nur fünf Tagen konnten mehr als 80.000 elektronische Unterschriften verzeichnet werden, einige Zeit später fand eine offizielle Übergabe mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Florian Pronold statt und Stefanie und die DUH erhielten zahlreiche Interview-Anfragen und öffentliches Interesse für das Thema.

Stefanie selbst bewarb die Online-Petition unter anderem auf Facebook und Twitter, rief unter dem Hashtag #ichtragjute dazu auf, auf Facebook ein Profilbild hochzuladen, auf dem man eine Stofftasche als T-Shirt trägt und dokumentierte die verschiedenen Entwicklungsschritte der Petition in Blogeinträgen auf Change.org. Auch für das Umweltfestival auf dem Tempelhofer Feld mobilisierte Stefanie auf der Website der Online-Petition. Dort rief sie zur Teilnahme an der Aktion und zur Spende an die DUH auf. Stefanie nutzte hier das schon bestehende Netzwerk der Petitions-UnterzeichnerInnen für die Mobilisierung für eine weitere (offline) Aktion.

Auf ihrem privaten Blog www.creative-green-life.com stellt Stefanie Upcycling-Praktiken vor, gibt Anleitungen zum Nachbasteln und veröffentlicht Fotos der Objekte. Sie hält hier ihre Ideen fest, wie man aus vermeintlichem Müll sinnvolle Gegenstände kreieren kann (offline), präsentiert dies einer online Community und möchte damit Inspiration für (offline) Veränderung im Leben anderer sein. Über Twitter und ihren Blog hat sie außerdem nach einem Café in Berlin gesucht, das ihre Gegenstände ausstellt.

Die verschiedenen Protestaktionen rund um das Thema Vermeidung von Plastikmüll machen deutlich, wie Online- und Offline-Elemente sich gegenseitig bereichern können. Offline kann eine gute Idee für eine Online-Aktion entstehen, Online-Kanäle können wiederum bei der Mobilisierung für eine Offline-Aktion hilfreich sein und durch Online-Petitionen kann Protest auch nahezu komplett online stattfinden (wobei eine offline-Übergabe der Unterschriften auch hier wieder weitere Aufmerksamkeit generiert, da damit häufig auch massenmediale Kanäle angesprochen werden können). Dass Protest gegen Plastiktüten kreativ sein kann, zeigt sich besonders, wenn Menschen dazu aufgerufen werden, sich in einer Stofftasche als T-Shirt einzukleiden und davon ein Foto zu schießen oder 30.000 Plastiktüten aneinander zu ketten, um einen neuen Weltrekord aufzustellen.

Mit Schminke gegen Gesichtserkennung

Kreativ ist der Protest auch bei unserem zweiten Beispiel, bei dem es um eine Aktion gegen Überwachung im öffentlichen Raum geht. An diesem Beispiel lässt sich sowohl die Rolle von Kreativität für Protest anschaulich darstellen, als auch deutlich machen, dass Offline-Protest-Praktiken selbst dann, wenn sie sich gegen Überwachung mittels digitalisierter Techniken richten, nicht der Vergangenheit angehören. Das Pilotprojekt „Sicherheitsbahnhof Südkreuz“ wurde vom Bundesministerium des Inneren, dem Bundeskriminalamt, der Bundespolizei und der Deutschen Bahn ins Leben gerufen. Konkret ging es darum, die Gesichter jener Personen, die in den gekennzeichneten Testbereichen im Berliner Bahnhof Südkreuz aufgenommen werden, mit einer für das Projekt erstellten Datenbank abzugleichen. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere sagte dazu:

„Durch den Einsatz intelligenter Gesichtserkennungssysteme können zukünftig wesentlich bessere Ergebnisse für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger erzielt werden. Deshalb freut es mich sehr, dass wir am Bahnhof Südkreuz jetzt unter realen Bedingungen testen, was auf der Grundlage der heute vorhandenen Technik möglich ist.“

Das Aktionsbündnis „Endstation“ engagiert sich gegen den Ausbau von Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Gegen die Überwachungsmaßnahmen am Berliner Bahnhof Südkreuz hat das Bündnis daher einen Protest-Aktionstag gestartet, den die AktivistInnen als “Aktionstag gegen den ‘Verunsicherungsbahnhof’ Südkreuz“ bezeichnet haben. Das Ziel dieser Aktion: ein kreativer Protest rund um das Pilotprojekt zur intelligenten Videoüberwachung, der sich deutlich gegen die Gesichtserkennung und einen Datenbankabgleich richtet.

An diesem Aktionstag beteiligten sich auch andere Gruppen, wie zum Beispiel der Verein Digitalcourage e.V., die Studierendengruppe „Digitale Freiheit“ sowie die Initiative #wastun. Der Verein Digitalcourage fordert auf seiner Seite Digitalcourage.de: „Schluss mit der Lüge, Überwachung würde Sicherheit herstellen.“ Nicht der Gesellschaft würde die Überwachung nutzen, sondern ausschließlich den Unternehmen, so der Verein.

Der Protest gegen die Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz kann durchaus als Paradebeispiel für kreativen und bunten Protest beschrieben werden: Musik und eine Performance mit Schminken gegen Algorithmen zur Gesichtserkennung machten den Aktionstag zu einem regelrechten „analogen“ Event und zeigten gleichzeitig, dass Offline-Protest sich durchaus wirkungsvoll gegen den Einsatz digitaler (online) Techniken richten kann.

Auch in Zeiten von Online-Petitionen, Hacking und Whistleblowing gibt es ihn noch, den Offline-Widerstand. Zwar konnte das Pilotprojekt „Bahnhof Südkreuz“ – anders als der zivile Widerstand gegen die geplante Volkszählung in den 1980er Jahren – bei weitem nicht so viele Menschen mobilisieren. Dennoch ist bemerkenswert, dass ein öffentlich angekündigtes Offline-Überwachungs-Pilotprojekt bei der Bevölkerung heftigere Reaktionen auszulösen vermag, als eine fortschreitende stillschweigende Überwachung im Netz.

Digitalisierung und die neue Kreativität des Protests

Es lässt sich festhalten, dass es weiterhin – gerade wenn es um Protest gegen Überwachung im öffentlichen Raum geht, auch Offline Aktionen sein werden, die auf das Thema Überwachung aufmerksam machen. So veranstalteten sowohl der Verein Digitalcourage.- de als auch die Initiative #wastun, die sich ebenfalls an dem Aktionstag „Bahnhof Südkreuz“ beteiligten, regelmäßige Aktionen, die als „Lesen gegen Überwachung“ bezeichnet wurden.

Ganz ohne die Nutzung digitaler Medien geht es jedoch nicht. Auch wenn Petitionen am Ende offline überreicht werden, werden diese im Netz initiiert und in den sozialen Medien verbreitet. So haben sowohl der Verein Digitalcourage.de als auch die Initiative #wastun bereits in der Vergangenheit Online-Petitionen gestartet.

Auch an unserem zweiten Beispiel zeigt sich somit, dass sich analoger (offline) und digitaler (online) Protest zum Thema Überwachung sinnstiftend ergänzen können und nicht ausschließen müssen. Der Einsatz eines Happenings wie dem Schminken gegen Gesichtserkennung macht außerdem deutlich, dass Protest zum Schutz der Privatheit bunt und kreativ sein kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nicht notwendigerweise eine Reziprozität zwischen inhaltlicher Thematik und gewählter Form einer Protestaktion besteht. Ob Menschen gegen den Einsatz von Plastiktüten oder gegen Kameraüberwachung protestieren, kann deren Protest einmal „analog“/“offline“, ein andermal „digital“/“online“ initiiert worden sein. Gleiches gilt für die Durchführung der einzelnen Protestaktionen. Entscheidend ist vielmehr, dass die Demokratie durch die Herausforderungen der Digitalisierung nicht erstarrt, sondern weiterhin in Bewegung bleibt: Panta rhei „Alles ist im Fluss“ – Heraklit * 520 v.Chr.

Und das ist gut so.

 

 

Über die Autorinnen:

Lisa Villioth (M.A.) hat Politikwissenschaft und Medienwissenschaften an den Universitäten Marburg, Siegen und Coimbra (Portugal) studiert. Sie ist derzeit Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich „Medien der Kooperation“ an der Uni Siegen bei Prof. Dr. Sigrid Baringhorst, zuvor war sie Promotions-Stipendiatin am DFG-Graduiertenkolleg „Locating Media“. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Zusammenspiel von Straßenprotest und Netzaktivismus in der Umweltschutz-Bewegung. Darüber hinaus hält sie zu ihrem Forschungsschwerpunkt Vorträge und Workshops an internationalen Universitäten, auf Konferenzen und für Thinktanks.

Gina Schad studierte an der Humboldt-Universität Berlin Medienwissenschaft, den Schwerpunkt legte sie auf die gesellschaftliche Herausforderung durch die Digitalisierung. Bereits während ihres Studiums startete sie dort mit der Plattform medienfische.de eine Interviewreihe zum digitalen Wandel. Seit 2015 forscht sie als Doktorandin der Universität Siegen zum Thema Privatheit, im Wintersemester 16/17 hatte sie einen Lehrauftrag inne. Beim iRights e.V. leitet sie ein vom Bund gefördertes Projekt zum Thema Algorithmen und Künstliche Intelligenz.


Titelbild: © Stefanie Loos via Flickr, CC-BY, bearbeitet.

CC-BY-NC 2.0

Kommentar verfassen