Die Macht der Worte – Wie sich politische Framing-Effekte durch unsere digitale Kommunikation selbst verstärken

Hand die Schild hochhält auf dem "Lügenpresse" steht„Wirtschaftsflüchtling“, „Erdowahn“, „links-grün-versifft“. Schlagwortbegriffe prägen unsere politische Debattenkultur stärker als gedacht – mit nicht unerheblichem Einfluss auf unsere Wertvorstellungen und die damit verbundenen Forderungen an politische Entscheidungsträger. Weshalb Framing viel mehr ist als nur eine wissenschaftliche Modeerscheinung und im Kontext der digitalen Kommunikation immer wichtiger wird.

Als die an der Berkeley University in Kalifornien forschende deutsche Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling 2015 ihre populärwissenschaftliche Abhandlung „Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ veröffentlicht, ist das Medienecho riesig. Das Buch wird zum Spiegel-Bestseller, Wehling zum Dauergast auf Talkshowsesseln und die großen Zeitungen ringen um Interviews mit der Frau, die vom Tagesspiegel zum „Framing-Guru“ ernannt wird. In der Wissenschaft hingegen bleibt es – bis zum heutigen Tage – weitgehend ruhig. Wehling, die auch ihre fachlichen Texte in einprägsamer, leicht verständlicher Sprache schreibt, stößt vor allem bei der von Komplexität und Präzision manchmal geradezu besessen wirkenden deutschen Forschungselite auf wenig Gegenliebe. Zu wenig anschlussfähig scheinen ihre mit Kleingruppen durchgeführten neuropsychologischen Experimente, zu fragmentiert das Feld derjenigen, die seit Jahrzehnten versuchen, Framing im wissenschaftlichen Diskurs zu etablieren.

Für politische Akteure ist Framing mehr als nur ein Trend

Wo die Wissenschaft an ihrer Inhomogenität scheitert, sind sich politische Akteure und öffentliche Träger schnell einig: Framing ist mehr als ein Trend oder eine Eintagsfliege, sondern maßgeblicher Teil der Meinungsbildung eines jeden Einzelnen. Nicht umsonst ist die Liste derer von Rang und Namen, die sich von Wehling und ihrem Team in Kommunikationsfragen coachen lassen, mittlerweile recht lang. Ob der WWF, Oxfam, Bertelsmann oder die Bayerische Polizei: Unterschiedlichste einflussreiche Organisationen haben längst begriffen, dass die Art, wie wir Sprache verwenden, massiven Einfluss auf unsere Weltansichten, die unseres Umfelds und damit auch die Entscheidungen, die wir treffen hat. Und wo sollte diese Erkenntnis relevanter sein als im politischen Tagesgeschäft, diesem undurchsichtigen Ringen um Deutungshoheit zwischen Parteien, Regierung und Opposition unter dem stetigen Versuch von Seiten der Lobbyisten und NGOs, eigene Interessen in Gesetzesvorhaben zu etablieren?

Aber was ist eigentlich dieses „Framing“? Um das zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die Grundfunktionen des menschlichen Lernens werfen. Wie der kanadische Psychologe Donald Olding Hebb Ende der 1940er Jahre herausfand, eignen wir uns Wissen an, in dem unser Gehirn – ganz simpel – Reize aus unserer Umwelt, die wir zeitgleich oder zeitnah aufnehmen, miteinander verknüpft. Zeigen uns unsere Eltern als Baby also eine Tanne im Wald und erklären uns, dies sei ein „Baum“, verknüpfen wir automatisch das im Gehirn abgespeicherte Bild der Tanne mit einem Baum. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch als Erwachsene immer an eine Tanne denken werden, wenn wir das Wort „Baum“ hören, erhöht sich, je öfter wir in unserer Kindheit Tannen sehen und von Bäumen hören. Auf der neurologischen Ebene spricht man in diesem Fall davon, das Aktivierungspotential der neuronalen Verbindung von „Tanne“ zu „Baum“ habe sich erhöht und selbige Verbindung damit manifestiert.

Unter Framing versteht man genau diese Verknüpfung von Begriffen oder generell Eindrücken miteinander: Je öfter wir einen Begriff im Kontext eines anderen hören oder lesen, je öfter wir etwa mediale Klischees vom „faulen Hartz IV-Empfänger“, Horrorgeschichten von „tödlichen Flugzeugabstürzen“ und Berichte über „korrupte Politiker“ lesen, desto mehr verfestigt sich unser scheinbar objektives Wissen über die Vorgänge in der Welt – ein sogenannter Framing-Effekt, dem wir kaum entkommen können, besonders in unserer modernen Digitalgesellschaft.

Im Netz haben politische Schlagwortdebatten Hochkonjunktur

Aber ist es nicht so – könnte man jetzt einwerfen – dass gerade die publizistische Freiheit des World Wide Web und die Öffnung des vormals dominant massenmedialen Diskurses durch soziale Medien, Blogs und Kommentarfunktionen dazu beiträgt, dass einseitige Deutungsmuster, die sogenannten Frames, durch eine Vielzahl von Perspektiven ersetzt wurden? Meinungsvielfalt statt Einheitsbrei? Freies Denken und transparente Informationen? Wie wir wissen, sind diese Erwartungen an die Online-Welt längst maßgeblich getrübt worden. Gerade durch die Möglichkeit der schnellen und unkontrollierten Verbreitung von Inhalten und aufgrund der kurzen Aufmerksamkeitsspanne vieler Konsumenten gelingt es besonders gut, politische Themen mit Schlagwörtern zu besetzen. Schlagwörter, die dann in meinungstechnisch weitgehend homogenen Echokammern und durch den gezielten Einsatz von Bots und Trollen im Sinne von Hebb so oft wiederholt werden, bis sie die Debatte vollständig überlagern.

Dieses „politische Framing“ findet sowohl bewusst als auch unbewusst statt – angetrieben von Verschwörungstheoretikern, Parteien, Nichtregierungsorganisationen – aber auch von Journalisten, die sich nicht selten in einer ganz eigenen Filterblase befinden und über die großen Medienunternehmen Online-Artikel publizieren, die Millionen User konsumieren. Gerade hinter dem unbewussten politischen Framing verbirgt sich eine große Gefahr: Wenn politische Akteure unreflektiert die Frames anderer übernehmen, dann verstärken sie nicht nur deren Diskursrelevanz, sondern tragen auch dazu bei, dass sich das öffentliche Meinungsbild zulasten der eigenen Ansichten verändert. Denn politische Frames beinhalten immer auch bestimmte Werte und Forderungen an die Politik.

Von geisteskranken Präsidenten und ekelerregenden Parteien

Ein paar Beispiele: Im Zuge der Debatte über die sogenannte „Flüchtlingskrise“ hat es sich durchgesetzt, auch von sogenannten „Wirtschaftsflüchtlingen“ zu sprechen. Die Nutzung dieses Begriffes prägt unbewusst auch unser Wissen darüber, was eigentlich einen „Flüchtling“ ausmacht – und was nicht. Wenn nicht nur politisch oder anderweitig Verfolgte  und Geflüchtete aus Kriegsgebieten, sondern auch Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben unter das „Flüchtlingslabel“ fallen, dann hat das weitreichende Konsequenzen für den politischen Umgang mit Geflüchteten: Getreu dem dem Palmer-Motto „Wir können nicht allen helfen“ kommt es beispielsweise zu weitreichenden Kapazitätsdebatten und zu einer Aufweichung des Flüchtlingsbegriffs zulasten von Geflüchteten, deren Leben durch Krieg und Verfolgung akut bedroht ist.

Aber nicht nur in der Flüchtlingsdebatte lassen sich Frames beobachten, die sich vor allem online hoher Beliebtheit erfreuen. Besonders der türkische Präsident Erdogan wird von vielen deutschen Usern nur noch als „Erdowahn“ verspottet – eine Bezeichnung, die auch Satiremagazine wie „extra 3“ gerne übernommen haben. Die Namensumdeutung Erdogans ist ein klassisches Framing-Beispiel. Sie impliziert: Der türkische Präsident sei wahnsinnig. Von einer politischen Bewertung der türkischen Politik ganz zu schweigen, will uns dieser Frame vor allem sagen: Mit Erdogan als politischer (Gesprächs-)Partner ist nicht zu rechnen, denn dieser Mann ist – so will es der Duden – „krankhaft geistig verwirrt“, „völlig unvernünftig“ und vermutlich sogar „gefährlich“. Hat sich eine solche Ansicht innerhalb der eigenen Bevölkerung mehrheitlich durchgesetzt, fällt es einer Regierung verständlicherweise schwer einen diplomatischen Kurs gegenüber dem Geframeten zu legitimieren. Sanktionen hingegen sind da schon leichter zu begründen.

Vor allem die rechte Szene profitiert massiv vom Domino-Effekt des Framings im World Wide Web. Bereits seit mehreren Jahren schaffen es rechtskonservative bis rechtsextreme Gruppierungen in den sozialen Medien mit erschreckendem Erfolg das Bild einer „links-grünen Meinungsdiktatur“ zu etablieren. Besonders das Attribut „links-grün-versifft“ gehört mittlerweile zum Standardvokabular in den Kommentarspalten der großen Leitmedienartikel. Dass sich gerade diese Bezeichnung im Diskurs als effektiv erweist, ist kein Zufall. Denn: Politische Frames manifestieren sich dann besonders gut in unseren Köpfen, wenn sie unsere Gefühle und Urinstinkte ansprechen. So erweckt etwas „Versifftes“ bei uns vor allem eines: Den Gedanken an Schmutz, Keime und Krankheiten. Die evolutionär bedingte Folgereaktion: Ekel. Der Frame „links-grün-versifft“ funktioniert vor allem deshalb so gut, weil er es schafft, zwei Parteien und zwei innerlich völlig inhomogene politische Lager mit einem Attribut zu belegen, dass gesellschaftliche Ächtung auf einer sehr menschlich grundlegenden Basis erzeugt. Da wundert es auch kaum, dass sich Ammenmärchen wie die vermeintliche Pädophilen-freundliche Haltung der Grünen so hartnäckig halten. Wer braucht bei solchen Frames noch Fakten?

Die eigene Sprache wieder vermehrt hinterfragen

Überhaupt: In einem sind sich trotz der Unstimmigkeiten alle Framing-Experten einig. Wir sind gar nicht in der Lage, auf der Grundlage reiner Fakten Entscheidungen zu treffen. Schon die Art, wie wir über Fakten sprechen („das Glas ist halb leer/halb voll“) löst Gedanken und letztlich Gefühle in uns aus, die unsere Entscheidungen maßgeblich mitbeeinflussen. In der Politik heißt das: Einen wahnsinnigen Präsidenten wollen wir loswerden, fernhalten, denn er macht uns Angst. Warum sollten wir Arbeitslose unterstützen, wenn sie keinen Finger rühren? Und wenn alle Politiker korrupt sind, dann vertrauen wir auch der neuen Partei nicht mehr, die eigentlich ganz vernünftige Ziele hat.

Was können wir tun, um uns – besonders online- besser vor den scheinbar übermächtigen Frames zu schützen? Wie können wir es schaffen, wieder differenzierter über politische Themen nachzudenken? Ohne den Spuren der Debatte blind zu folgen? Die einzige Antwort: Wir müssen die Frames selbst erkennen, sie hinterfragen und reflektieren. Sind das wirklich meine Werte, die hinter diesen Begriffen stecken, die ich auf Facebook und Twitter verwende? Was fordere ich damit, ohne es eigentlich fordern zu wollen? Sprachbewusstsein ist nämlich keineswegs das Luxusproblem einer unterforderten Wissenschaftselite im Elfenbeinturm der Theorien. Wenn Frames den Diskurs bestimmen, müssen wir die Frames bestimmen. Das haben längst auch die Alteingesessenen begriffen.

Titelbild: © Redaktion.

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