Zwischen Stiftung und Startup: Die Strategie von First Look Media

5336842036_e1ebb7d410_z_SliderErfindet das Silicon Valley auch engagierten Journalismus im Netz neu? Diese Verheißung machte Multimilliardär Pierre Omidyar mit “First Look Media”.

Bislang arbeitete nur das Online-Magazin “The Intercept”, das vor allem für Auswertungen der von Edward Snowden geleakten Dokumente bekannt ist, an der Umsetzung der philanthropischen Programmatik des eBay-Gründers Pierre Omidyar. Ein zweites Projekt scheiterte kürzlich und warf Fragen zur Vereinbarkeit der journalistischen Ansprüche mit der Mentalität des Managements auf. Nun geht unter der Leitung von Andy Carvin das Experiment “reported.ly” an den Start, das Inhalte sozialer Medien als Ausganspunkt für globales Storytelling fokussiert.

In letzter Zeit hat der vom eBay-Gründer Pierre Omidyar ins Leben gerufene und finanzierte journalistische Projektzusammenhang “First Look Media” eher negative Schlagzeilen über sich selbst produziert. Nachdem zunächst “The Intercept” unter der Leitung von Glenn Greenwald, Laura Poitras und Jeremy Scahill die einzige Online-Publikation unter der Dachmarke war, sollte in diesem Herbst unter dem Titel “Racket” ein weiteres Magazin starten. Doch der dafür verantwortliche Matt Taibbi verließ im Streit mit dem Management das Medienunternehmen. Diese Entwicklung wurde zum Anlass für diverse kritische Kommentare genommen. Unter anderem veröffentlichten die Verantwortlichen von “The Intercept” Ende Oktober selbst eine “Inside Story“. Darin bezeichnen sie den Abgang des populären Taibbi als “serious setback” und Ausdruck eines “culture clash” innerhalb der Organisation:

“A collision between the First Look executives, who by and large come from a highly structured Silicon Valley corporate environment, and the fiercely independent journalists who view corporate cultures and management-speak with disdain. That divide is a regular feature in many newsrooms, but it was exacerbated by First Look’s avowed strategy of hiring exactly those journalists who had cultivated reputations as anti-authoritarian iconoclasts.”

“The Unmanageables”

Das Motiv unterschiedlicher Orientierungen nimmt auch ein Beitrag von Sarah Ellsion in Vanity Fair auf. Darin beschreibt sie die voluntaristische Vorgehensweise des philanthropischen Multimilliardärs als “expansion without direction”: Omidyar heuert reihenweise renommierte Journalisten an, die dann Projekte entwickeln sollen. Das hört sich zwar wie ein Idyll des Stiftungsjournalismus an, beinhaltet aber eben auch Elemente des Scheiterns, die aus der Perspektive eines an Innovationen interessierten Entrepreneurs unabdingbar erscheinen.

Konzeptionelle Selbstdarstellung von First Look Media:

Nun ist ein neues Projekt aus dem Hause “First Look Media” an die Öffentlichkeit getreten. Verantwortlich dafür zeichnet Andy Carvin, der zuletzt beim National Public Radio tätig war und vor allem mit Crowdsourcing und Kuratieren sozialer Medien im Kontext der sogenannten Twitter-Revolutionen des Arabischen Frühlings bekannt wurde (siehe dazu auch sein Buch Distant Witness: Social Media, the Arab Spring and a Journalism Revolution). Bei Medium.com veröffentlichte Carvin kürzlich das Mission Statement von “reported.ly”. Ausgangspunkt ist das Unbehagen an der verbreiteten Nutzung sozialer Medien als “Linkschleuder”:

“For these news outlets, social media is simply a tool to redirect people to their own websites. Social media ‘users’ are just that — users that can be tallied as pageviews and unique visitors, rather than vibrant communities of people with cultural expertise and life experiences who could contribute to our better understanding of the world, if only given the chance.”

Journalismus als Konversation und Kollaboration

Demgegenüber soll der Online-Journalismus von reported.ly in und im Austausch mit den sozialen Netzwerken entstehen, in denen das sechsköpfige Team internationaler Autoren vertreten ist: Man unterhält Dependancen bei Twitter, Facebook, Reddit und Medium. Das Team sei so zusammengestellt, dass möglichst viele Zeitzonen abgedeckt werden können, erklärt Carvin in einem Interview. Während sich das daraus resultierende Echtzeit-Format, das weltpolitische Themen wie IS oder den Ukraine-Konflikt adressiert, noch unscharf abzeichnet, wurden die “core values” dezidiert formuliert und in einem eigenen Beitrag veröffentlicht: Es handelt sich um bewährte Prinzipien wie Unabhängigkeit und Transparenz, ergänzt um Bekenntnisse zu Fehlerkultur und Offenheit. Was genau von “reported.ly” zu erwarten ist, bleibt aber auch nach einem einstündigen Twitter-Chat (#AskReportedly) unklar. Insofern ist abzuwarten, was Carvin und sein Team dem internationalen Publikum sowie seinem Sponsor außer einem experimentellen Ansatz in Zukunft anbieten werden.

 

Dies ist ein Crosspost von netzpiloten.de. Der Artikel ist zuerst dort erschienen.

Bild: Nan Palmero

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