Was macht eigentlich…? Teil 4: Reiner Calmund in Second Life

„Calli Island“, die Insel des Ex-Fußballmanagers Reiner Calmund in „Second Life“ hat die deutsche Community in der virtuellen Welt wachsen lassen. Während die Einkaufstempel einiger Konzerne veröden, schwankt die Atmosphäre bei Calmund zwischen Ballermann und Fanmeile.

Als der ehemalige Fußballmanager Reiner Calmund und seine
Frau Sylvia Anfang Mai 2007 in Günther Jauchs Stern TV die
Eröffnung einer eigenen Insel in Second Life verkündeten,
hatte der Hype um die virtuelle Welt gerade seinen Zenit überschritten.
Konzentrierten sich die ersten Berichte über Second Life noch
auf den sagenhaften Reichtum, zu dem einzelne in ihrem Zweitleben
gelangt sein sollten, dominierten zum Start von „Calli Island“
Berichte über illegales Glücksspiel und Kinderpornographie
die deutschen Schlagzeilen über das digitale Utopia. Zudem
sprach sich langsam herum, dass die meisten virtuellen Firmenrepräsentanzen
und Geschäfte ungefähr so spannend sind wie ein Einkaufszentrum
nach Ladenschluss.

Calli Island
Calli Island aus der Vogelperspektive

Schwieriger Startzeitpunkt

Ein denkbar schlechter Zeitpunkt also für die Calmunds, um
mit ihrer Insel Calli Island zu starten. Blogger prophezeiten dem
Projekt ein baldiges Scheitern. Während der Live-Präsentation
in Günther Jauchs Fernsehsendung Stern TV wurden die Calmunds
dann auch prompt mit fragwürdigen Werbemails bombardiert, sodass
der Projektleiter zur Hilfe eilen musste. Der schlechte Ruf von
Second Life als neue Schmuddelecke des Internets schien sich zu
bestätigen.
Und doch kam alles anders. Der Auftritt bei Stern TV und ein weiterer
bei Stefan Raabs TV Total führten zu einem sprunghaften Anwachsen
der deutschen Community in Second Life. Für viele schien erst
mit dem gemeinsamen Nenner Fußball ein ausreichend starker
Anreiz geschaffen worden zu sein, um sich durch den widerspenstigen
Anmeldevorgang der Kommunikationsplattform zu kämpfen und die
ersten Gehversuche im Zweitleben zu wagen.
Innerhalb von wenigen Wochen wuchs die Gruppe „Calli and Friends“
auf mehrere tausend Mitglieder an. Gelegentlich ist die Insel seitdem
sogar wegen Überfüllung geschlossen.

Einfamilienhaus und Fußballstadion

Was ist es also, das Calli Island von den tausenden einsamen Inseln
unterscheidet, wie sie zum Beispiel von den Konzernen Adidas oder
American Apparel hinterlassen wurden? Auf den ersten Blick nicht
viel – wie überall in der virtuellen Welt findet sich
pompöse Architektur – in diesem Fall ein Fußballstadion
– in tropischem Ambiente. Hinzu kommen ein Vereinsheim, eine Fotogalerie
und Calmunds Einfamilienhaus mit persönlichen Gegenständen
und einer großzügigen Küche, einem Nachbau aus Calmunds
Kochshow TV Gusto.
Gestaltet wurde all das von der Kölner Agentur Breitbandevent
unter der Leitung von Mario Di Ninni und Carmen Dohmen. Beide sind
mit den Calmunds befreundet, seit die Gründerin das Startkapital
für ihre Firma in Calmunds RTL-Gründershow „Big
Boss“ gewonnen hatte. Doch es ist nicht die Architektur, die
die Avatare dazu veranlasst, immer wieder nach Calli Island zurückzukehren,
es ist die Community.

Präsenz allein reicht nicht

Im Gegensatz zu anderen Agenturen, die in Second Life Inhalte produzieren,
ging bei Breitbandevent dem eigentlichen Bau eine ausgiebige Recherche
über die soziale Dynamik in Second Life voran. Im Interview
mit politik-digital.de betonte Mario Di Ninni, dass das Engagement
von Breitbandevent in Second Life immer darauf ausgerichtet sei,
einen Mehrwert für die Bewohner der virtuellen Welt zu schaffen.
Und so legte man den Schwerpunkt nicht auf Bauten, sondern auf Aktivitäten.
Selbst der Neubau des zentralen Stadions wurde als öffentliches
Ereignis inszeniert. Callis Angels, eine Gruppe von drei dutzend
Helfern, nimmt im Schichtwechsel Neuankömmlinge auf der Insel
in Empfang, gibt Hilfestellungen und hält das Gespräch
am Laufen. Neben zahlreichen fußballorientierten Veranstaltungen
und Spielen legen regelmäßig DJs Musik auf und schaffen
so eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Ballermann und Fanmeile
angesiedelt ist – und sich großer Beliebtheit erfreut.

Das Thema Fußball, zusammen mit der Gewissheit, dass das virtuelle
Gegenüber aller Wahrscheinlichkeit nach Deutsch spricht, erleichtert
den Einstieg in die Kommunikation. Und alle wollen mit ihrem Calli
sprechen! Dieser wandelt tatsächlich, ähnlich raumgreifend
wie im wirklichen Leben, durch sein virtuelles Anwesen, um mit den
Gästen zu plaudern. Die meiste Zeit wird der XXL-Avatar von
Sylvia Calmund gesteuert, von der übrigens auch die Idee kam,
sich in Second Life zu engagieren.

Cross-Promotion

Geduldig beantwortet sie die immer gleichen Fragen der Fans und
bildet so die zentrale Anlaufstelle der Insel. Die Party ist da,
wo Calli ist, und wenn der Hausherr persönlich unter den Avataren
weilt, prangt der Schriftzug „Yes, it is me“ über
seinem Kopf. Dann haben es die Organisatoren schwer, die zahlreichen
Kommunikationsversuche über Chat, Instant Message und Voice
Stream in geordnete Bahnen zu lenken.
Offensichtlich wurde vieles richtig gemacht bei dem Aufbau der virtuellen
deutschen Fußball-Community. Doch um den Ball am Rollen zu
halten, bedarf es eines nicht unerheblichen finanziellen und vor
allem personellen Aufwands. Die Unterhaltskosten für ein derartiges
Projekt überschreiten die Baukosten um ein Vielfaches. Durch
eine strategische Partnerschaft zwischen der Reiner Calmund GmbH
und der Breitbandevent GmbH, die auf Calli Island gegenseitig Werbung
für einander machen, lassen sich die Kosten jedoch in einem
überschaubaren Rahmen halten. So musste laut Mario Di Ninni
kein Geld an externe Agenturen gezahlt werden. Finanzstarke Medienpartner,
auf die man dennoch hofft, lassen bisher aber auf sich warten.

In loser Reihenfolge schaut und fragt politik-digital.de nach,
was aus Menschen und Phänomenen geworden ist, die bewegten.
Bisher sind erschienen:

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