Vergessene Online-Welten – Teil 5: Mikroblogging-Dienste

bild socialTäglich werden auf Twitter mehr als 1,6 Milliarden Suchanfragen gestellt und über 340 Millionen Tweets gesendet. Das sind Kurznachrichten mit einer maximalen Länge von 140 Zeichen und bei den 200 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks mit dem blauen Vogel sehr beliebt. Doch Twitter war nicht der erste Kurznachrichtendienst und ist heute auch nicht der einzige. Die Auswahl an Alternativen ist groß, doch scheint das Interesse daran gering, mit vielleicht einer Ausnahme.

Was bisher geschah

Nur wenige Wochen vor der Geburtststunde von Twitter enstand im Februar 2006 in Helsinki der finnische Mikroblogging-Dienst Jaiku, der innerhalb kürzester Zeit als öffentlich einsehbares Tagebuch weltweit Beliebtheit erlangte. Der Grund dafür war, dass Jaiku auf Nokias grafischer Oberfläche S60 lief und damit nahezu ohne Konkurrenz auf dem weit verbreitetet Nokia-Handy funktionierte. Bereits ein Jahr später kaufte Google das Unternehmen auf, stellte jedoch im Januar 2012 die Unterstützung für Jaiku ein, um sich mehr auf das eigene soziale Netzwerk Google+ zu konzentrieren. In der Folge veröffentlichte Google Jaiku als Open Source-Software.

Ebenfalls ein “Opfer” von Googles Fokussierung auf Google+ wurden der eigene Dienst Google Buzz, eine im Jahr 2010 vorgestellte Erweiterung für den E-Mail-Dienst Gmail, die bereits 2011 wieder eingestellt wurde. Mit Google Buzz konnten Nutzer wie in einem Mikroblogging-Dienst Nachrichten, Bilder, Videos, Statusnachrichten und Kommentare austauschen, allerdings nur im Browser. Von ernsthafter Konkurrenz für Twitter kann man da nicht sprechen, denn in der Mobilität liegt ein besonderer Reiz.

Frei wie in Freiheit: identi.ca

Bereits ein Jahr nach dem Durchbruch von Twitter gründete der Amerikaner Evan Prodromou das viel gepriesene Projekt Identi.ca. Der Mikroblogging-Dienst erlebten einen rasanten Start. Innerhalb der ersten 24 Stunden registrierten sich 8.000 Nutzer, die mehr als 19.000 Nachrichten schrieben. Nach rund vier Monaten war bereits die Zahl von einer Million versendeten Nachrichten erreicht. Das Besondere an Identi.ca ist, dass die Betreiber den Nutzern Freiheit und Transparenz garantieren – durch die Verwendung der freien Software StatusNet, die auch auf eigenen Servern benutzt werden kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass Nutzer entsprechend dem FOAF-Standard transparent auf ihre Daten zugreifen und sie auf andere StatusNet-Dienste übertragen können. Einzigartig ist auch, dass alle Posts auf Identi.ca unter einer Creative-Commons-Lizenz freigegeben werden.

Identi.ca klingt wie der wahrgewordene Traum der Open-Bewegung, und trotzdem sind gerade mal 150.000 Mitglieder bei identi.ca registriert, davon ein Drittel aus Deutschland. Vor wenigen Wochen kündigte der Dienst einen Umbau an. Prodromou will künftig auf die Software Pump.io setzen, wodurch identi.ca ein Facebook-ähnliches Netzwerk würde, das aber weiterhin dezentral organisiert ist. Ob es eine gute Idee ist, anstatt eines riesigen Marktführers (Twitter) einen gigantischen Marktführer (Facebook) herauszufordern, bleibt abzuwarten.

Wider die Kostenloskultur: App.net

Vor einem Jahr, im August 2012, startete das webbasierte soziale Netzwerk App.net, mit dem bis zu 256 Zeichen pro Nachricht zur Verfügung stehen. Neu war, dass sich das soziale Netzwerk durch Mitgliedsbeiträge finanzierte. Der entsprechende Werbeslogan lautete: “We are selling our product, not our users”. Datenschutz als Geschäftsmodell. Die Bezahl-Alternative zu Twitter kam gut an. Fünf US-Dollar im Monat oder gleich 36 US-Dollar Jahresbeitrag mussten anfangs gezahlt werden, was inzwischen mehr als 100.000 Nutzer auch tatsächlich tun. Seit Februar 2013 kann man sich kostenlos registrieren, wenn man von einem zahlenden Mitglied eingeladen wurde, mit der Einschränkung, dass man dann höchsten 40 Accounts folgen kann.

Zwar bezeichnete die US-Zeitschrift Time das soziale Netzwerk als eine der besten 50 Webseiten im Jahr 2013, aber die niedrigen Mitgliederzahlen, die sogar noch deutlich hinter identi.ca liegen, zeigen deutlich, dass App.net zwar eine Alternative zu Twitter darstellt, aber kein erfolgreicher Konkurrent ist. Auch die öffentlichkeitswirksame Kritik  von App.net-Gründer Dalton Caldwell an der Datensammlwut von Facebook und Twitter mochte seinen Dienst bisher nicht als ernsthafte Alternative aussehen lassen. App.net ist und bleibt zunächst ein schickes Netzwerk für einen kleinen Kreis von Social Media-Begeisterten.

Von Unternehmen werden Dienste wie Communote oder Yammer geschätzt und genutzt, lokal bekannt und erfolgreich sind Twitter-Alternativen wie me2day in Südkorea oder der chinesische Dienst Sina Weibo.

Die heimliche Nummer 1

Ehemals große Vorgänger an Mikroblogging-Diensten, die später scheiterten, gibt es nicht. Der erste Mikroblogging-Dienst, der von nahezu jedem Handybesitzer genutzt wurde, ist sogar in Zeiten von Smartphones noch einer der meistgenutzten Dienste: die SMS . Im Jahr 2012 wurden allein in Deutschland mehr als 58 Milliarden Kurznachrichten versendet. Die Tech-Medien schreiben gerne von neuen SMS-Killern, aber in Wahrheit hat sich die Anzahl der versendeten SMS in Deutschland seit der Einführung des iPhones verzweieinhalbfacht. Überrascht? Dann fragen Sie sich einmal, womit ihre Mutter das letzte Mal gebloggt hat.

 

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