Vergessene Online-Welten – Teil 4: Lokalisten

Vergessene Online-Welten_LokalistenSocial Media und Online-Plattformen… da denkt jeder an Facebook, Twitter, Google +. Diese Namen gehören heute zum Internet wie die Predigt in die Kirche. Doch es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der von Facebook (noch) keine Rede war, es andere digitale Treffpunkte gab, um miteinander zu kommunizieren und in Verbindung zu bleiben. Viele sind in Vergessenheit geraten. Dabei waren sie in ihren Glanzzeiten das zweite Zuhause für ihre Mitglieder. Für einige kam irgendwann das jähe Ende, andere dümpeln bis heute vor sich hin und wieder andere wagen ein Comeback. Für unsere Sommerreihe haben wir in die Mottenkiste der sozialen Medien geschaut und ein paar Schätze ausgegraben.Im vierten Teil unserer Reihe widmen wir uns der fast vergessenen virtuellen Welt der Lokalisten.

Wie es wurde, was es war

Alte Bekannte und Schulfreunde wiederfinden, Leute kennenlernen, haufenweise gute Spiele spielen – wer die Seite der Lokalisten-Community aufruft, dem wird auf den ersten Blick das volle Angebot der Social-Media-Aktivitäten angepriesen. Die 2005 von fünf Münchner Freunden (Andreas Degenhart, Peter Wehner, Jürgen Gerleit, Norbert Schauermann und Andreas Hauenstein) als virtueller Treff für deren eigenen Freundeskreis gegründete Online-Community, die unter dem Motto „Meine Freunde, Deine Freunde“ dafür warb, dass „jeder jeden kennt und dadurch alle offener und freundlicher zueinander sind“, erreichte schnell vor allem im Süden der Republik enorme Aufmerksamkeit. Die etwa 3,6 Millionen Nutzer, die sich dank des grün-weißen Kennenlernnetzwerks befreundeten und Ende 2009 für eine Klickrate von mehr als 43 Millionen Seitenaufrufen im Monat sorgten, waren vornehmlich in Bayern und Baden-Württemberg zuhause.

Das eigene Profil – auch bei den Lokalisten das Aushängeschild der Nutzer – kann neben den Standardangaben wie Name und Geburtsdatum mit Informationen zu Freizeitbeschäftigungen, Lieblingsbüchern und der beruflichen Ausbildung bestückt werden. Auch hier findet das Privatprinzip Anwendung: Jeder darf das Profil der anderen Lokalisten anklicken, doch welche Informationen er für das gesamte Netzwerk öffentlich schaltet und was er Freunden vorbehalten will, das entscheidet jeder selbst. Beim Betrachten des Profils eines „Nicht-Freundes“ erhält man zudem Einblick in gemeinsame Verbindungen: Über welche Ecken kennt man sich? Wer hat welche gemeinsamen Freunde? Um auf dem Laufenden zu bleiben, können Lokalisten neben einem internen Nachrichtensystem und verschiedenen Gruppenchats eine Kalenderfunktion nutzen, in die Mitglieder Veranstaltungen und Ereignisse verschiedenster Art eintragen können.

Um die bei hohem Traffic entstehenden Serverkosten zu begleichen, wurde in der Anfangszeit des Netzwerks zwar auf eine Finanzierung durch Werbeeinnahmen verzichtet. Stattdessen konnte sich die Lokalisten Media GmbH – die Firma hinter dem Netzwerk – jedoch durch den Vertrieb von Fanartikeln und die Organisation von Events tragen. Dieser Strategie blieb man sich allerdings nicht lange treu. Ende 2006 übernahm die Mediengruppe ProSiebenSat1 einen Anteil von 30 Prozent der Lokalisten, 2008 wurde dieses Engagement gar auf eine 90-prozentige Beteiligung ausgeweitet. Die Schätzungen über den damaligen Einkaufpreis, der unter Geheimhaltung stand, drehen sich um 25 Millionen Euro. Das ProSiebenSat1-Engagement machte sich in der Öffentlichkeit vor allem durch eine verstärkte Medienpräsenz bemerkbar. Der Moderator Daniel Aminati, bekannt aus Pro7-Formaten wie „taff“ und „Galileo“, warb im Fernsehen für die Lokalisten als Online-Plattform.

Zwischenzeitlich zählte die Betreibergesellschaft 30 Mitarbeiter, Pläne für eine Expansion ins Ausland lagen schon in der Schublade.

Aus der Traum

Doch seit 2009 war ein Einbruch zu beobachten: Die Aktivität der Nutzer nahm rasant ab, auch die Klickzahlen schrumpften; von den über 40 Millionen monatlichen Seitenaufrufen blieben Anfang 2013 gerade mal knappe drei Millionen. Über die Gründe kann wieder nur spekuliert werden: Das Aufkommen der amerikanischen Konkurrenz Facebook und Twitter dürfte viele Nutzer weggelockt haben. Wie die VZ-Netzwerke waren auch die Lokalisten ein national ausgerichtetes Netzwerk, das sich vornehmlich auf die Bundesrepublik beschränkte, in anderen Ländern war es wenig bis gar nicht bekannt, nur vereinzelt gaben Nutzer Wohnorte im Ausland an.

Geht da noch was?

Die Seite Lokalisten.de ist noch online, heute jedoch mit einem erheblich kleineren Nutzerkreis. War das Netzwerk von Anfang an als lokaler digitaler Treffpunkt angelegt, speist sich die Community inzwischen hauptsächlich noch aus bayerischen und schwäbischen Mitgliedern. Angesichts des kontinuierlichen Sinkflugs der monatlichen Aktivität und der boomenden Konkurrenz dürfte die Wahrscheinlichkeit, zu alter Stärke zurückzufinden, trotz andauernder Beteiligung von Pro7Sat1 jedoch überschaubar sein.

Hier finden Sie Teil 1 der Reihe: Was macht eigentlich StudiVZ?

Hier finden Sie Teil 2 der Reihe: Was macht eigentlich MySpace?

Hier finden Sie Teil 3 der Reihe: Was macht eigentlich Second Life?

Bild: Jane (CC BY-NC-SA 2.0)

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