Vergessene Online-Welten – Teil 1: Die VZ-Netzwerke

Sommerreihe1Social Media und Online-Plattformen… da denkt jeder an Facebook, Twitter, Google +. Diese Namen gehören heute zum Internet wie die Predigt in die Kirche. Doch es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der von Facebook (noch) keine Rede war, es andere digitale Treffpunkte gab, um miteinander zu kommunizieren und in Verbindung zu bleiben. Viele sind in Vergessenheit geraten. Dabei waren sie in ihren Glanzzeiten das zweite Zuhause für ihre Mitglieder. Für einige kam irgendwann das jähe Ende, andere dümpeln bis heute vor sich hin und wieder andere wagen ein Comeback. Für unsere Sommerreihe haben wir in die Mottenkiste der sozialen Medien geschaut und ein paar Schätze ausgegraben. Den Anfang machen die VZ-Netzwerke SchülerVZ, StudiVZ und MeinVZ.

Es ist gerade ein paar Monate her, da flimmerte die Meldung über die Bildschirme, dass SchülerVZ – einer dieser frühen Angebote aus dem Social-Media-Bereich – offline geht. Anlass, sich zu erinnern, wie die große Mehrheit sich bis vor wenigen Jahren online austauschte.

Wie es wurde, was es war

„Zutritt nur von 10 bis 21 Jahren!“ – was vor einer Diskothek oder einem Kino für Verwunderung sorgen würde, war beim sozialen Netzwerk SchülerVZ Programm. Die Plattform war, wie der Name leicht verrät, ausschließlich für Schüler konzipiert, Erwachsene konnten sich erst gar nicht registrieren. Profile von Personen, die älter als 21 Jahre alt waren, wurden gelöscht.

Das Anfang 2007 als Schulableger für das 2005 von dem Volkswissenschaftler Ehssan Dariani und dem Informatiker Dennis Bemmann gegründete Studentenportal StudiVZ gestartete Netzwerk legte einen rasanten Start hin. Insgesamt tummelten sich bis zu fünf Millionen Nutzer auf dem virtuellen Pausenhof; das entspricht etwa 70 Prozent der gesamten deutschsprachigen Schülerschaft in der genannten Altersklasse! Finanziert wurden die dahinter stehenden Server mit derart großem Speicherplatz durch Werbung und den Verkauf von Merchandising-Artikeln.

Anders als bei den meisten sozialen Netzwerken war die Nutzungsweise nicht offen: Um beizutreten, musste man von einem bereits registrierten Schüler eingeladen werden, was dem Bekanntheits- und Verbreitungsgrad aber nicht schadete. Verbunden mit der Anmeldung war auch die Angabe der Schule, die man besuchte. Wenn dann der (heiß ersehnte?) Tag der Schulentlassung kam, bedeutete das aber mitnichten das Ende der eigenen Social-Media-Karriere. Weiter ging es auf StudiVZ, einem 2005 gegründeten Portal, das sich vor allem an Studenten richtete, oder auf dem seit 2008 bestehenden MeinVZ für jene, die sich gegen den akademischen Bildungsweg entschieden. Das Besondere hierbei: Die ehemaligen Klassenkameraden verloren sich dank der Verknüpfung von StudiVZ und MeinVZ nicht aus den Augen; die jeweiligen Profile waren miteinander kompatibel, die Nutzer konnten weiterhin direkt mit den Profilen des jeweils anderen Netzwerks kommunizieren.

Verbunden waren und sind die VZ-Netzwerke aber vor allem durch den identischen Aufbau: Auf SchülerVZ konnten sich die Pennäler als Schüler ihrer Schule eintragen, StudiVZ enthielt eine Liste mit allen Universitäten, auf MeinVZ diente die Ortsangabe als Referenz. So war auf den ersten Blick ersichtlich, wer wo zur Schule geht, wen es nach dem Abschluss in ferne Universitätsstädte verschlug und wer am Heimatort blieb. StudiVZ zählte zu Spitzenzeiten 16 Millionen Nutzer, damit gehörte es zu den bis heute erfolgreichsten deutschen Online-Medien. MeinVZ kommt bis heute auf insgesamt etwa 32 Millionen Mitglieder, davon jedoch viele, die als Nicht-Studenten oder nach dem Uniabschluss von StudiVZ in MeinVZ wechselten.

Ausgestattet waren und sind die VZ-Projekte mit den gängigen Funktionen sozialer Netzwerke: Fotoalben, Chat, ein eigenes Profil, eine Pinnwand – die Grundstruktur hat sich wenig verändert, auch die heute erfolgreichen sozialen Netzwerke besitzen diese Funktionen als integralen Bestandteil. Eine VZ-Besonderheit ist das Anzeigen von Gruppen: Auf der eigenen Profilseite ist die Zugehörigkeit zu den verschiedensten Gruppen, denen Nutzer beitreten konnten, für jedermann sichtbar. Dies waren etwa Fan-Zusammenschlüsse, Interessengemeinschaften oder auch einfach nur spaßig gemeinte „coole Sprüche“, die als Name für eine Gruppe herhielten. Die Gruppen-Funktion spielt dabei eine zentrale Rolle für das Erscheinungsbild der Nutzerprofile. Die wohl berühmteste Funktion der VZ-Netzwerke aber ist das sogenannte „Gruscheln“, ein Kunstwort, dessen Bedeutung häufig mit einer Kombination aus „grüßen“ und „kuscheln“ gleichgesetzt wurde. Um einem anderen VZ-Mitglied Zuneigung auszudrücken, wurde es „gegruschelt“. Weiteres Alleinstellungsmerkmal: Alle VZ-Netzwerke waren von Anfang an auf den deutschen Sprachraum beschränkt.
All dies und natürlich die großen Nutzerzahlen lockten Investoren und Interessenten. 2007 kaufte die Holtzbrinck-Mediengruppe die VZ-Netzwerke für sage und schreibe 85 Millionen Euro.

Aus der Traum

Mit den Jahren erlag die VZ-Gemeinschaft dem gleichen Schicksal wie so viele andere soziale Netzwerke: Etliche Nutzer kehrten ihren Profilen den Rücken. Diejenigen, die blieben, kamen immer seltener, Inaktivität stellte sich auf den Plattformen ein. Die heute weltweit vernetzte Jugend wanderte zunehmend zur blau-weißen und vor allem international ausgerichteten Übermacht Facebook ab. Das verhinderten weder der Betreiberwechsel von der Holtzbrinck-Gruppe zu dem Investor Adam Levin (die Verkaufssumme wurde geheim gehalten) noch intensive Veränderungen an Aufmachung und Funktionen der Seiten. Zuletzt zählte SchülerVZ gerade noch 200.000 weitgehend inaktive Mitglieder, ein Viertel der Zahlen verglichen mit den Hochzeiten. Einer Umfrage zufolge hatte Facebook die VZ-Netzwerke bereits im Frühjahr 2011 überholt, Aktivität und Verweildauer schnellten damals bei Facebook in die Höhe, bei Schüler-, Studi- und MeinVZ war immer weniger los.

Geht da noch was?

„Wir machen’s kurz: Es ist vorbei“ prangt es auf der Seite von SchülerVZ. Am 30. April 2013 fiel der Vorhang, SchülerVZ ging vom Netz und löschte alle noch existenten Profile.

StudiVZ und MeinVZ existieren noch. Die nach wie vor relativ hohen Mitgliederzahlen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass nur noch sehr wenige aktive Nutzer der beiden verbliebenen VZ-Gemeinschaften aktiv sind. Ein Besuch auf dem eigenen verstaubten Profil mutet an wie eine Reise in die Vergangenheit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stellt man dort fest, dass die letzten Nachrichten und Einträge von 2010 oder 2011 stammen. Und auch die Zukunft der beiden verbliebenen VZs dürfte wenig rosig aussehen. Noch ist unklar, ob sich die beiden verbliebenen VZ-Netzwerke  halten können oder ob sie, wie erste Gerüchte verlauten ließen, SchülerVZ ins Off folgen. Eine weitere Möglichkeit wäre die Vereinigung der Netzwerke unter dem VZ-Fotodienst BilderVZ.

 

Bild: Jane (CC BY-NC-SA 2.0)

2 Antworten auf Vergessene Online-Welten – Teil 1: Die VZ-Netzwerke

  1. Basanta sagt:

    Nette Übersicht über Aufstieg und Fall der VZ-Netzwerke in Zahlen. Mich hätte noch ein wenig mehr der Blick auf Geschäftsmodelle und die Beweggründe der Nutzer interessiert.

    Oh, und mich lässt die Frage nicht los, womit sich eigentlich “Volkswissenschaftler” beschäftigen.

  2. Albrecht sagt:

    Es muß doch irgendwie weiter gehen

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