Silver Surfer: Brücken über den digitalen Graben

SiSu_crop1Mit der Digitalisierung ist das so eine Sache: Da hat man 50, 60 oder 70 Jahre lang gut gelebt und muss plötzlich etwas lernen, wovon man keinen blassen Schimmer hat. Trotzdem steigt die Internetnutzung in der Altersgruppe über 50 Jahren am stärksten an. Wie nutzen die sogenannten Silver Surfer das Internet, welche Bedenken gibt es und wo liegt das größte Potenzial für sie?

Der soeben erschienene Digital Index 2014 der Initiative D21 beziffert den Anteil der 60- bis 69-jährigen „Onliner“ mit 64,5 Prozent (2013: 63,7 Prozent) und bestätigt damit den Trend des überproportionalen Wachstums in der Altersgruppe (im Vergleich: In der Gesamtbevölkerung stieg die Zahl der Onliner seit 2013 nur um 0,3 Prozent an). Von den über 70-Jährigen hingegen sind nach wie vor lediglich 29,4 Prozent online, Tendenz sogar leicht abnehmend. Trotz des relativen Anstiegs in der Generation 60+ liegen die Zahlen nach wie vor unter dem Durchschnitt der deutschen Internetnutzer über 14 Jahren (76,8 Prozent). Woran liegt das?

Menschen, die bewusst offline sind oder planen, sich künftig einen Internetzugang zuzulegen, nennen am häufigsten Datenschutzbedenken als Grund für ihre Internet-Abstinenz, wie der (N)ONLINER-Atlas 2013 belegt. An zweiter Stelle geben sie an, dass sie Kinder, Enkel, Freunde oder Bekannte haben, die Dinge für sie im Internet erledigen. Als weitere Gründe führen die Befragten an, das Internet aus Altersgründen oder Mangel an Erfahrung nicht zu nutzen, weil sie es zu kompliziert finden, keinen Mehrwert darin sehen oder niemanden kennen, der ihnen den Weg ins Netz erklären könne. Diese Daten wurden für alle Offliner erhoben; gesonderte Daten nach Altersklassen liegen nicht vor. Da sich jedoch der größte Teil der Offliner in der Altersgruppe der 60- bis über 70-Jährigen finden lässt, treffen die Gründe offenkundig vor allem auf SeniorInnen zu.

Ältere Onliner surfen anders

Auffällig ist auch, dass es für SeniorInnen nur schwarz oder weiß zu geben scheint: Entweder sind sie vollständig offline oder mit Begeisterung online. Trotzdem unterscheidet sich ihr Nutzungsverhalten merklich von anderen Altersgruppen. SeniorInnen greifen eher auf die altbewährten Instrumente des Internets zurück. So erfreut sich beispielsweise die E-Mail großer Beliebtheit. Auch Nachrichtenseiten, der Wetterbericht und Enzyklopädien werden von Älteren geschätzt. Kenntnisse in Bildbearbeitung oder Reiseplanung sind ebenfalls Bereiche, die SeniorInnen als hilfreich für ihr Leben erachten, wie die Kursprogramme verschiedener Senioren-Computerclubs, die sich in der ganzen Republik gegründet haben, zeigen. Gegenüber Online-Banking bestehen häufig Vorbehalte, dennoch wagen sich einige auch an dieses Thema heran. In den vergangenen Jahren haben viele SeniorInnen Videotelefonie-Programme wie Skype für sich entdeckt. Deren Vorteile schätzen sie insbesondere deshalb, weil sie so mit der jungen Generation leichter und über große Distanzen hinweg in Kontakt bleiben können. Für interaktive Dienste wie Social Media oder Videoplattformen sind SeniorInnen hingegen bisher keine relevante Zielgruppe. Möglicherweise sind sie von der Vielfalt der Angebote und Formate schlicht überfordert. Dabei verfügen auch diese Dienste über großes Potential für Ältere.

Internetnutzung: Luft nach oben

Seit September 2012 ist „Seniorbook“ Teil der Social Network-Landschaft in Deutschland. Die Gründer haben den Anspruch, ein „zeitgemäßes, zukunftsweisendes Bild vom Älterwerden [zu] fördern“. Zunächst können Netzwerke dieser Art einfach Mittel sein, um SeniorInnen zu mehr Selbstbestimmung zu verhelfen. Dass  Ältere sich nicht schon früher über derartige Dienste vernetzt haben, ist genau genommen verwunderlich, bedenkt man, dass viele von ihnen bereits Partner oder Freunde verloren haben und häufig einsam sind. Soziale Netzwerke können insbesondere ältere Menschen, die weniger mobil sind, wieder verbinden und ihnen zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verhelfen. Ob ältere Menschen sich durch spezielle Netzwerke für ihre Altersgruppe überhaupt angesprochen fühlen, sei jedoch dahingestellt. Ebenso fraglich ist es, ob ein exklusives Netzwerk für Ältere die generationsübergreifende Kommunikation, die für eine Gesellschaft von großer Bedeutung ist, zu fördern vermag.

Nicht nur soziale Netzwerke können SeniorInnen zu mehr Selbstbestimmung verhelfen – der verstärkte Einsatz digitaler Technologie in der Pflege würde es ihnen ermöglichen, länger in ihren eigenen vier Wänden zu leben. Denn: Gerade in höherem Alter spielen die regionale Verbundenheit und die Integration in die vertraute Umgebung eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden. Angebote wie das medizinische Portal  „Was hab‘ ich“ können den erneuten Gang zum Arzt ersparen. Mit dem Projekt „Sehr Mobil“ wurde eine Mobilitätsplattform speziell für die Bedürfnisse älterer Menschen geschaffen. Das Portal zeigt private wie öffentliche Transportwege an und hat eine besonders intuitiv zu handhabende Oberfläche.

Damit SeniorInnen sich an die Technologie herantrauen, ist die Bedienungsfreundlichkeit ausschlaggebend. Während Kinder und Jugendliche auch komplexe Technik annehmen und sie einfach ausprobieren, ist eine nutzerfreundliche Oberfläche eine wichtige Voraussetzung dafür, dass SeniorInnen sich damit beschäftigen. Diese scheint Apple mit seinem iPad zu erfüllen: Obwohl der Konzern das Tablet nicht speziell für die ältere Zielgruppe designt hatte, fand das Tablet  im Gegensatz zu anderen Geräten großen Anklang bei ihnen.

Lernen: Langsamer, aber nicht schlechter

In der aktuellen Hirnforschung ist schon seit Langem die landläufige Meinung entkräftet, dass Menschen mit zunehmendem Alter schlechter lernen: Das Vorurteil „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, ist wissenschaftlich widerlegt. Lediglich die Annahme, dass ältere Menschen langsamer lernen, diskutieren einige Forscher kontrovers. Denn langsam ist keinesfalls mit schlecht gleichzusetzen. Im Gegenteil – dank ihres großen Erfahrungs- und Wissensreichtums behandeln ältere Menschen neue Informationen selektiver und können sie so leichter einordnen und abspeichern. Diese Komponente der Intelligenz beschrieb der Psychologe Raymond Bernard Cattell als „kristalline Intelligenz“. Was hingegen die „fluide Intelligenz“, also die Kompetenz, Probleme zu lösen, neue Dinge zu lernen und Muster zu erkennen, anbelangt, mögen SeniorInnen derzeit einen Nachteil haben: Tätigkeiten, die ausschließlich mit Computern und Internet zu tun haben, müssen komplett neu gelernt werden, denn hier kann nicht aus Erfahrungen geschöpft werden. Kinder und Jugendliche hingegen erwerben diese Kompetenzen von Anfang an und können sie als Wissen in Form von Erfahrung abspeichern. Dass der Erwerb digitaler Kompetenzen für SeniorInnen mehr Zeit in Anspruch nimmt, ist also nachvollziehbar – bedeutet aber nicht, dass er unmöglich ist.

Je stärker der demographische Wandel voranschreitet, desto wichtiger wird lebenslanges Lernen. Laut des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sollte lebenslanges Lernen als „lebensbegleitendes Lernen“ verstanden werden.  Bildung im Sinne lebensbegleitenden Lernens ist demnach „kein Prozess, der in einer bestimmten Lebensphase begonnen und abgeschlossen wird“. Ein Leben lang zu lernen, um eine attraktive Arbeitskraft für den Arbeitsmarkt zu bleiben, ist dabei nur ein Aspekt. Darüber hinaus geht es vielmehr um die Fähigkeit zur politischen und gesellschaftlichen Teilhabe. Genau hier stellt die Digitalisierung eine wichtige Chance für die Einbeziehung auch älterer Menschen dar.

SeniorInnen bewegen sich im Internet wie „Kinder, die im Meer planschen und endlich schwimmen lernen wollen“, so beschrieb die damals 85-jährige Silver Surferin Ilse Sturk es in einem Spiegel-Artikel. Mithilfe generationsübergreifender Patenschaften und dank Projekten wie dem Lernkanal könnten die Integration älterer Menschen gelingen und die digitale Spaltung der Gesellschaft langfristig überwunden werden.

Bild: Garry Knight

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