„Hass im Netz“: Von Trollen und Glaubenskriegern

Ob in sozialen Medien oder den Kommentarspalten von Zeitungen: Der Ton zwischen den Nutzern wird immer rauer. Über den Zustand des Umgangs im Internet und was man dagegen unternehmen kann, gibt die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig in ihrem neuen Buch „Hass im Netz“ einen guten Überblick.

Brodnig identifiziert zu Beginn zwei Arten von problematischen Internetnutzern, die stellvertretend und extrem für das raue Klima stehen: Den Troll und den Glaubenskrieger. Ersteren erkennt man daran, dass er bewusst provozierende Äußerungen postet, es dabei oft an richtiger Rechtschreibung mangeln lässt und auch mit Beleidigungen nicht spart. Das alles nur, weil die Person Spaß daran hat, andere User zu provozieren, bewusst aufzustacheln, um sich an den wütenden oder richtigstellenden Antworten zu ergötzen. Anders dagegen ist der sogenannte Glaubenskrieger. Ihm geht es nicht um Spaß, sondern um die „Wahrheit“. Und es ist seine Pflicht, diese möglichst laut weiterzuverbreiten, ob es die anderen Nutzer hören wollen oder nicht. Nicht nur glauben die Glaubenskrieger, die einzigen zu sein, die über diese Wahrheit Bescheid wüssten. Sie sind auch immun gegen Fakten oder Argumente und sehen ihre Position durch ein unliebsames Argument nur untermauert. Zu guter Letzt nutzen die Glaubenskrieger eine sehr aggressive Tonalität, werden schnell sehr unfreundlich und haben dabei wenig Empathie gegenüber ihren Mitdiskutanten.

Diese beiden problematischen Nutzergruppen sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Sie stehen symptomatisch für die Problematik des Internet, das ihre extreme Form hervorgebracht und unterstützt hat. Ein Grund, den Brodnig für die „verrohenden“ Umgangsformen im Internet identifiziert, ist die fehlende Empathie. Man sieht sein Gegenüber nicht, hat keine non-verbalen Faktoren und kann auch nicht persönlich für seine Äußerungen bewertet werden. Dies verstärke sich durch die sogenannten Filterblasen: Die Algorithmen der sozialen Netzwerke und Suchmaschinen zeigen dem Nutzer vorwiegend Inhalte, die dessen Weltanschauung entsprechen.

„Es gibt kein Grundrecht darauf, andere Menschen zu beleidigen.“

Brodnig, selbst Zeitungsjournalistin, geht auch auf das Löschen von ausfallenden und beleidigenden Kommentaren in Foren und sozialen Netzwerken ein. Wenn diese aufgrund unhöflicher, unsachlicher oder beleidigender Inhalte von den Redaktionen oder Seitenbetreibern gesperrt werden, würde oft der Vorwurf der Zensur vorgebracht. Brodnig betont: „Es gibt kein Grundrecht darauf, andere Menschen zu beleidigen.“

Brodnig, Ingrid: Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Verlag: Brandstätter, 179 Seiten, 17,90 Euro (D), 2016, ISBN: 978-3-7106-0035-7

Denn es ist eindeutig keine Zensur, wenn Zeitungsredaktionen nicht jeden Kommentar freischalten oder ihn im Nachhinein löschen.

Das Buch geht auch auf die Bedeutung von Worten im Internet ein. Denn hinter jedem Wort – beispielsweise „Flüchtlingtsunami“ – stehe eine ein gewisser Frame, ein Gedankenkonstrukt. Und durch Verwendung gewisser Frames würde auch eine gewisse Ansicht übermittelt. Für weitere Informationen empfiehlt sich auf jeden Fall Brodnigs Buch oder unser Artikel zu dem Thema. Die Autorin führt weiter aus: Worte haben eine beeindruckende Macht über das menschliche Denken. Deshalb bietet Brodnig Argumentationsstrategien an und gibt praktische Tipps, die gegen unfreundliche oder provozierende User anwendbar sind – und das nicht nur im Internet.

Der größte Gatekeeper im Internet: Facebook

Abschließend erinnert die Autorin an die Macht der Konsumenten im Internet. Auch wenn diese scheinbar dem Willen der Unternehmen unterworfen seien, bestimmten sie letztlich durch ihr Nutzungsverhalten, welches Unternehmen Gewinn mache und welches nicht. Zwar würde das die Konzerne nicht sofort zum Umdenken bringen, aber in gewissen Punkten kann eine andere Unternehmenspolitik erreicht werden. Und alle Menschen, die über die „Lügenpresse“ schimpften, sollten sich in Erinnerung rufen: Facebook ist der größte Gatekeeper für Informationen im Internet – nicht die Nachrichtenportale!

In ihrem Buch zeichnet die Autorin auch für nicht-netzaffine Menschen ein aktuelles Bild über das Ausmaß von Hass, Hetze und Lügen im Internet. Sie führt viele aktuelle Beispiele auf, die sie verständlich darlegt. Definitionen der wichtigsten Schlagworte können in Ruhe im angehängten Glossar nachgelesen werden. Darüber hinaus gibt Brodnig einen verständlichen Einblick, was man sich an Äußerungen im Internet gefallen lassen muss und wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen. Die Meinungsfreiheit endet beispielsweise dort, wo die Ehre eines anderen angegriffen wird. Im Buch finden sich hilfreiche Tipps und Hilfestellungen zum Verhalten in gereizten und aufgeladenen Situationen, die auch außerhalb des Internet von großem Nutzen sind. Deshalb ist „Hass im Netz“ besonders auch Personen empfohlen, die nicht heimisch im Internet sind, damit diese nicht große Teile  des „öffentlichen“ Internet den Trollen und Glaubenskriegern überlassen.

Titelbild: internet-stop-crime-fight by Alexas_Fotos via pixabay licenced CC0

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