Politische Kurzfilmtage

Mit TV-Wahlwerbespots verraten die Parteien viel darüber, wie sie sich selber sehen und von den Wählern wahrgenommen werden wollen. Dies gilt auch für die kommende Europawahl, bei der die Überzeugungsstrategien sehr unterschiedlich ausfallen. politik-digital.de hat die Spots der sechs Bundestagsparteien einmal unter die Lupe genommen.

SPD animiert zur Wahl

Der erste der beiden SPD-Spots bildet die kontinuierliche Fortführung einer Negativkampagne, in der CDU, Liberale und Linke karikaturenhaft attackiert werden („Dumping-Löhne würden CDU wählen.“). Die Vermittlung eigener politischer Inhalte wird zugunsten dieses humorvollen, direkten Angriffs hinten angestellt.



 

Der zweite Spot ist dagegen weit weniger polarisierend. Die Wähler sehen einen personalisierenden Wahlwerbefilm konventioneller Machart. Der sozialdemokratische Spitzenkandidat Martin Schulz wendet sich mit zentralen Forderungen in direkter Ansprache an die Wähler. Weil aber Martin Schulz auf bundespolitischer Ebene kein allzu bekanntes Gesicht ist, gibt anschließend Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier eine Wahlempfehlung für Schulz ab.

 



 

Christdemokratisches Gemeinschaftsgefühl

Eine „Wir“-Stimmung schaffen – das will der Fernsehspot der Christdemokraten. Dieser präsentiert sich ohne Ecken und Kanten. In makelloser Werbeästhetik beschwört der Spot den Teamgeist der Partei und des Landes. Man sieht Menschen bei der Arbeit und in der Familie, die zuversichtlich lächeln, aber selbst nicht zu Wort kommen. Einzig Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel wendet sich in direkter Ansprache an die Zuschauer. Der Wiedererkennungswert der Parteimarke im Spot ist gering, dafür passt die „Wir“-Botschaft jedoch zur „teAM“-Strategie der CDU, die ganz auf Gemeinschaftsgefühl setzt.




Bayerische One-Man-Show

Horst Seehofer ist die CSU, und die CSU ist Horst Seehofer. Diese Botschaft jedenfalls vermittelt der puristische Europaspot der Christsozialen, die einzig auf eine direkte Zuschaueransprache durch den bayrischen Ministerpräsidenten vertrauen. Auf Einspielfilme, grafische Elemente oder Hintergrundmusik verzichten die Macher gänzlich. Parteichef Horst Seehofer wendet sich in seiner direkten Ansprache an seine bayerischen Wähler und präsentiert einen umfangreichen Themenkatalog. Und er spricht über Bayern, das seine eigene Stimme in Europa brauche – nämlich die CSU.




Mit Grün aus der Krise

In ihrem Wahlwerbebeitrag pflegen die Grünen das junge und alternative Image ihrer Parteimarke. Die Krise als amüsanter Dominoeffekt: Vor flotter Bluegrass-Musik animiert fallen reihenweise US-Immobilien, Banken und Atomkraftwerke wie Kartenhäuser in sich zusammen – bis die Grünen mit „WUMS“ (Wirtschaft & Umwelt, menschlich & sozial) einschreiten. Wahlkampf im MTV-Format: Der Spot behandelt in eineinhalb Minuten alle grünen Politikfelder und verpackt die Programmatik der Grünen in vier Buchstaben.




Liberale Geschichtsstunde

Der TV-Spot der Liberalen baut vor allem auf zwei inhaltliche Elemente: Die eigene Parteigeschichte und die FDP-Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin. Vor staatstragenden Bildern der bundesdeutschen Historie präsentiert die FDP-Politikerin Errungenschaften und Erfolge liberaler Politik. Der Spot versinnbildlicht die offensichtliche Suche der Partei nach mehr Verantwortung und personalisiert die liberale Spitzenkandidatin, die ihre Partei bereits vor fünf Jahren erfolgreich in das Europaparlament geführt hatte.




 

Großes Kino der Linken

Die Partei als Sprachrohr der Wähler: Auf Emotionen und Mobilisierung setzt die Linke mit ihrem Wahlwerbefilm. Ein Soundtrack, der aus Feder des französischen Komponisten Yann Tiersens entstammen könnte, untermalt die Wünsche besorgter Bürger: keine NATO-Soldaten in Afghanistan, einen solidarischen Umgang miteinander, ein kostenloses warmes Mittagessen für alle Kinder und die Abschaffung von Studiengebühren. Den Kontrapunkt dazu liefern markige Redemitschnitte der Parteifunktionäre Lafontaine, Gysi und Bisky, die „für den Wechsel in Europa“ werben.



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