YouTube statt Lexikon: Politische Bildung mit Tutorials

artikelbild kameraSie nennen sich MrWissen2Go, was geht ab!? oder explainity. Das Videoportal YouTube wird immer häufiger zu einem Ort, an dem nicht-offizielle Anbieter neue Formen der politischen Wissensvermittlung etablieren. Mithilfe Erklärungsvideos zu politischen Sachverhalten wird den Zuschauern die Möglichkeit geboten, sich eine eigene Meinung zu verschaffen und diese in einer konstruktiven Auseinandersetzung innerhalb des Kanals zu vertreten. Ist diese Art der Informationsbereitstellung eine zeitgemäßere Form politischer Bildung und können traditionelle Anbieter noch mithalten?

Die Bereitstellung von kostenloser, frei zugänglicher Bildung ist laut dem Grundgesetz die Aufgabe des Staates. Das schließt nicht aus, dass neben diesem Angebot noch weitere private Anbieter zur Vielfalt des Bildungsangebotes beitragen.

Durch die Digitalisierung in sämtlichen Lebensbereichen, entstehen neue Bildungskonzepte, die das bestehende Angebot erweitern. Darunter eine neue Art des sogenannten „non-formalen Bildungsangebotes“, die die Kompetenzen und Fähigkeiten der Bürger außerhalb ihrer formalen und schulischen Bildung erweitern wollen. Sind es zum einen sogenannte „Tutorials“, also filmische Gebrauchsanweisungen, die den Zuschauern das Alltagsleben erleichtern sollen, bieten Personen und Unternehmen über soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und YouTube, Bildungsmöglichkeiten an, die User über aktuelle Themen informieren.

MrWissen2Go, explainity & Co.

Eine Vorreiterfunktion nimmt Mirko Drotschmann mit seinem YouTube-Kanal „Mr Wissen2Go“ ein. Der Moderator der Kindernachrichtensendung „Logo“ ist seit 2012 als sogenannter „Vlogger“ (Video-Blogger) auf seinem YouTube-Kanal „MrWissen2Go“ zu sehen und gibt per Erklärungsvideos sein Wissen weiter. Die Videos dienen dem Zweck, jungen wissbegierigen Menschen politische Prozesse, geschichtliche Ereignisse und komplexe Zusammenhänge übersichtlich und reduziert darzustellen.

Zu seiner Zielgruppe gehören Jugendliche, die sich auf bevorstehende Klausuren vorbereiten müssen oder sich außerhalb schulischer Notwendigkeiten, weiterbilden wollen. Doch was macht ihn so erfolgreich? Weshalb nutzen Bürger die Plattform YouTube, um sich Informationen anzueignen, die sie in der Schule oder auf anderem Bildungsweg erhalten könnten?

Das Angebot profitiert von Glaubwürdigkeit und Komplexitätsreduktion

In der Schule fällt es vielen Kindern und Jugendlichen schwer, aufkommende Fragen in einem Klassenumfeld zu äußern. Faktoren wie Scham und Angst vor dem Spott der Schulkameraden lassen die Schüler lieber schweigen, als ihre Frage zu stellen.

Durch die Möglichkeit, als anonymer Benutzer in sozialen Netzwerken wie YouTube seine eigenen Vorschläge zu Themen einzubringen, Aussagen zu hinterfragen oder unangenehme Fragen zu stellen, wird eine Möglichkeit des Austausches geschaffen, der die User zu einer kritischen Auseinandersetzung  mit dem Thema animiert. Die entstehende Nähe zwischen dem Nutzer und dem Anbieter, führt zu Glaubwürdigkeit und Augenhöhe. YouTube-Stars und ähnliche Influencer (Personen mit starker Präsenz und hohem Ansehen in sozialen Netzwerken) leben von ihrer Glaubwürdigkeit, Authentizität und der Entwicklung zu einer Identifikationsfigur, auch wenn die Glaubwürdigkeit einiger Influencer in der letzten Zeit gelitten hat.

Während traditionelle Nachrichtenformate auf eine Sprache zurückgreifen, die für junge Menschen schwer verständlich ist, füllen politisch informierende YouTube-Formate diese Lücke aus und gestalten ihre Beiträge auf leicht verständliche Weise. Dabei achten sie darauf, dass aktuelle Ereignisse in einen geschichtlichen Kontext eingebunden werden, um Nutzer die Möglichkeit zu bieten, die neue Information in ihr vorhandenes Wissen einzuordnen.

Ein weiterer Anbieter ist der YouTube-Kanal „explainity“. Die Idee: Die Meinungsbildung junger Menschen durch unabhängige, klare und komplexitätsreduzierte Videos zu fördern.

Nahostkonflikt YouTube

Der Kanal explainity veröffentlich einmal pro Monat einen maximal 10-minütigen Beitrag über gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Phänomene. So werden beispielsweise der Syrien-Konflikt oder die Datenschutzgrundverordnung in animierten Clips anschaulich erklärt. Entscheidend ist dabei die Reduzierung komplexer Sachverhalte auf einfache Erklärungen, die zu einer Auseinandersetzung mit der Thematik anregen sollen. Ähnlich wie bei MrWissen2Go werden Themenvorschläge via Facebook aufgegriffen und in einem Themenpool gesammelt und umgesetzt. Ziel des Angebotes ist, Menschen mit geringem Vorwissen bei der Information und Meinungsbildung zu unterstützen. Andreas Ebert, Geschäftsführender Gesellschafter von explainity, geht davon aus, dass das Aufkommen alternativer Bildungsangebote voranschreiten und das deutsche Bildungswesen durch neue Bildungsansätze herausfordern wird. 

Die neuen Herausforderungen für traditionelle Weiterbildungsanbieter

Immer weniger Menschen schlagen ein Lexikon auf, um die Definition eines Begriffes nachzulesen. Knapp jeder zweite Erwachsene in Deutschland nutzt ein digitales Medium, um sich außerhalb des beruflichen Kontextes weiterzubilden. Dass Interessierte dabei problemorientiert und nicht anbieterorientiert vorgehen, stellt Julia Behrens, Project-Managerin von „Monitor Digitale Bildung“ der Bertelsmann Stiftung, in einem Interview klar: „Wenn jemand digitale Weiterbildung nutzt, dann passiert das meist aus Eigeninitiative und von zu Hause aus. Dabei wird selten konkret nach „Weiterbildung“ oder einem bestimmten Anbieter gesucht“. Das Projekt forscht mit Befragungen digitaler Nutzer die Ausprägungen und Auswirkungen digitalen Lernens. Die Webportale  Google oder YouTube stützen durch die Masse ihrer Beiträge und die Vielfalt ihres Angebotes diese Vorgehensweise. Grund hierfür ist, dass die Nutzer an qualitativ hochwertigen, komplexitätsreduzierenden und spannenden Beiträgen von engagierten Anbietern interessiert sind und es für sie keinen hohen Stellenwert mehr hat, dass die Information von einer unabhängigen Institution zur Verfügung gestellt wird. Ein weiterer Vorteil kostenfreier Online-Angebote ist, dass dabei kein Risiko besteht, in eine falsche oder unzureichende Weiterbildung investiert zu haben.

Selbstverständlich greifen viele Lernende weiterhin auf traditionelle Anbieter zurück, allein, weil z.B. die Hilfe durch einen Tutor ein wichtiger Faktor für die individuelle Weiterbildung ist.

Doch wie können sich traditionelle Anbieter gegen die neuen Angebote durchsetzen? „Mit einer individuell und maßgeschneiderten Begleitung, die Online-Anbieter nicht gewährleisten können“, so Julia Behrens. Außerdem müssen auch die traditionellen Anbieter die neuen Möglichkeiten der digitalen Vermarktung für sich nutzen.

Immer wichtiger wird auch die Medienkompetenz der User, damit diese sicher zwischen unvoreingenommenen und parteiischen Anbietern unterscheiden können. Außerdem müsse der Bildungsbeitrag in den Schulen zum Thema Digitalisierung verbessert werden und neben dem Einsatz neuer Techniken die Neugestaltung der pädagogischen und didaktischen Konzepte ins Zentrum gerückt werden, so Andreas Ebert von explainity.

Aufgabe von Schulen und weiterer staatlicher Institutionen muss künftig sein, den Usern einen Weg aufzuzeigen, konstruktive und sachlich richtige Informationen von manipulativen Beiträgen unterscheiden zu können.

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Titelbild: PhotoMIX-Company via pixabay, CC0, bearbeitet.

Beitragsbild: YouTube Screenshot.

2 Antworten auf YouTube statt Lexikon: Politische Bildung mit Tutorials

  1. Konstantin sagt:

    Eltern oder Lehrer in Schulen sollten immer der erste Ansprechparter für politischr Bildung von jungen Erwachsenen sein, YouTuber haben ein Geschmäckle.

  2. Marie Adolph sagt:

    Natürlich spielen Eltern und Lehrer eine wichtige Rolle bei der politischen Bildung. Oft haben Eltern keine umfassende Sachkenntnis, sodass Jugendliche zu Alternativen wie YouTube zurückgreifen um sich weitere Meinungen einzuholen. Auch Lehrer sind natürlich Ansprechpartner, können aber ebenfalls nicht immer auf einzelne Themen und Fragen aller Schüler eingehen.

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