Neben der Twitterwall steht der Dom

Im Schatten von Kölnarena und RTL-Hauptquartier trafen sich am vergangenen Samstag fünfzig Interessierte im Coworkingspace "Cowoco" zum Open Government Meetup. Diskutiert wurden im flexiblen Format einer "Unconference" Themen wie E-Partizipation, der Umgang mit offenen Daten oder "Nerd-Lobbying".  

Drei etwa 45-minütige "Sessions" in je vier "Locations" hatten die Organisatoren Tim Bonnemann und Christian Scholz vorgesehen, mit Inhalten gefüllt wurden diese "Slots" allein durch die Teilnehmer. Zu Beginn der Veranstaltung konnten Gegenstände für eine dieser Diskussionsrunden vorgeschlagen werden, die Abstimmung darüber erfolgte – wie im Rahmen solcher Veranstaltungen üblich – mit den Füßen. Offene Formate wie Unkonferenzen oder Barcamps sind im Umfeld von "Social Media"-Themen keine Seltenheit, der hohe Anteil englischer Vokabeln deutet jedoch an, dass die eher informelle Organisationsform in Deutschland noch nicht so recht angekommen ist.


Twitterwall

(Twitterwall mit Dom / Fotograf: drikkes, Quelle: flickr)

Dazu passt, dass Mitorganisator Tim Bonnemann die mit Abstand weiteste Anreise hinter sich hatte – den Impuls zu diesem Treffen gab er Mitte November, als die endgültigen Reisetermine für seinen einmonatigen "Heimaturlaub" in Deutschland feststanden. Bonnemann lebt seit mehreren Jahren in Kalifornien, arbeitet im Silicon Valley und entwickelt mit seinem Startup Intellitics-Konzepte für digitale Partizipationsformen. Auf seine Anfrage nach Mitstreitern meldete sich der Aachener Entwickler und Blogger Christian Scholz. Mit den Räumen von Coworking Cologne als Austragungsort war schnell eine passende Lösung gefunden, das "Ökosystem für kreative Wissensarbeiter in Köln"“ (Eigenwerbung) machte seinem Namen schließlich alle Ehre.


Christian Scholz

(Christian Scholz / Fotograf: MrTopf, Quelle: flickr)

Noch gut eine Woche vor dem Start sah es in der zugehörigen Etherpad-Notiz eher nach einer Veranstaltung im kleinen Kreis aus – erst kurz vor der Veranstaltung stieg die Zahl der Teilnahmebestätigungen an, am Ende drängten sich gut 50 Teilnehmer in den dritten Stock der alten Gasmotorenfabrik und zwangen das WLAN mehrfach zur Kapitulation. Eine Mitschuld trug daran auch die "Twitterwall", die die vielen unter dem Hashtag #opengovcgn versendeten Twitter-Mitteilungen sammeln sollte. Neben der Live-Berichterstattung zum Event dient dieser Kanal auch der Archivierung besonders wichtiger Links, Projekte oder Kommentare. Und auch einige besonders eindrucksvolle Impressionen fanden den Weg dorthin – etwa ein schöner Blick in Richtung Dom, garniert mit einigen Live-Tweets.

Die von den Teilnehmern gemeinschaftlich entwickelten Themen und Diskussionsansätze lassen sich über die adhoc entstandene Konferenzdokumentation sehr gut nachvollziehen: für die Sessions wurden "öffentliche Protokollnotizen" angelegt, die als Gedächtnisstütze und Grundlage für die weitere Diskussion genutzt werden sollen. Nun kann zum Beispiel die nordrhein-westfälische Landesregierung Anregungen für die Umsetzung ihrer im Koalitionsvertrag notierten netzpolitischen Themen nachlesen: so sieht heute bürgerschaftliches Consulting und online-basierte Gesellschaftsberatung aus.


Diskussionsrunde

("Cowoco"-Diskussionsrunde / Fotograf: igorschwarzmann, Quelle: flickr)

Neben kollektiven Brainstorming-Runden ist der Einblick in konkrete Projekte und Entwicklungen ein anderes typisches Element der informellen Netzwerktreffen. So beschrieb etwa Michael Neutze die Schwierigkeiten bei der Sammlung und Zusammenstellung öffentlicher Daten für sein Projekt wahlatlas.net – vor allem dann, wenn es um Kartenmaterial geht. Neutze kombiniert dabei Wahlergebnisse, demografische Daten und Kartenmaterial, um die bisher meist in trockener Tabellenform vorliegenden Informationen visuell ansprechend zugänglich zu machen. Regelmäßig stößt er dabei jedoch auf Unverständnis und Widerstand seitens der Behörden.

Im Wahljahr 2011 können unter wahlatlas.net interaktive Karten aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt abgerufen werden. Die Bürgerschaftswahl in Hamburg fehlt dagegen in dem Angebot. Dort scheiterte es daran, dass eine geeignete Kartengrundlage der Stadtteile auch auf Nachfrage nicht frei zur Verfügung gestellt wird. In anderen Fällen wurden bestimmte Datenformate nur gegen Gebühr freigegeben oder die Nutzungsbedingungen bleiben unklar oder restriktiv: "Man trifft häufig auf einen exklusiven Umgang mit aus öffentlichen Mitteln erstellten Datensätzen und spürt die Furcht der Behörden vor dem Versuch, damit eigene Projekte zu entwickeln. Dabei gehört der Umgang mit und die Visualisierung von Daten für viele Menschen heute längst zum Alltag", sagt Neutze. Die erfolgreichen Beispiele der Freigabe öffentlicher Daten in den USA und Großbritannien wird bisher nur von einer kleinen Community wahrgenommen – allerdings nicht von den Institutionen und Behörden, die hierzulande ähnliche Datensätze verwalten und zugänglich machen könnten.

Mit diesem Kernproblem haderte das Kölner Open Government Meetup an ganz unterschiedlichen Stellen: bei der Vorstellung und Diskussion von Bürgerhaushalten, einer Debatte zur Performance der Internet-Enquête im Deutschen Bundestag oder der Frage, ob es so etwas wie eine spezialisierte Lobby-Organisation für Nerds braucht. Ein grundsätzliches Problem stellt ganz offensichtlich eine kulturelle Differenz zwischen einem allmählich sichtbar werdenden Milieu aktiver Netzbürger und der etablierten Institutionenpolitik dar. Zwar widmen sich die klassischen Akteure des politischen Systems immer häufiger den verschiedenen Facetten der Netzpolitik, doch können Parteien, Parlamente und Regierungen "die Community" noch längst nicht davon überzeugen, dass sich "die Politik" in naher Zukunft in angemessener Weise mit der politischen Dimension der Vernetzung auseinandersetzen wird.  

Ungeklärt blieb dabei allerdings auch die zentrale Frage nach Zusammenarbeit und Repräsentation: das Wort "wir" war als Klammer für eine sich langsam findende Gemeinschaft in vielen Beiträgen zu hören. Nur wer damit gemeint sein könnte, ist nach wie vor offen – und zugleich die zentrale Frage für die weitere Politisierung der Szene.

 

4 Antworten auf Neben der Twitterwall steht der Dom

  1. Droid Boy sagt:

    Excellenter Beitrag! Ich kann die hier vorgetragenen Fakten nur bestätigen und möchte hinzufügen, das die Stimmung eine sehr gute war.
    Sehr kommunikationsfreudige Menschen unterhielten sich konstruktiv und sachlich. Teilnehmer aus allen möglichen Gebieten, der Politik, Wissenschaften oder einfachere Textarbeiter und Podcaster.

    Hinzuweisen wäre auch noch auf die Folgeveranstaltungen, die bis in 3 Monaten schonmal angedacht ist.

    Gruß!

  2. Danke für den ausführlichen Bericht. Habe selbst ebenfalls ein paar sehr aufschlussreiche Sessions genossen und jede Menge interessante Gespräche geführt. Dank auch nochmal an alle, die sich am Samstag z.T. von sehr weit her auf den Weg nach Köln-Deutz gemacht haben.

  3. Sebastian sagt:

    Schade dass ich nicht dabei sein konnte. Toller Bericht.

  4. Alexander sagt:

    @Bieber

    Vielen Dank für die Zusammenfassung und super Orga an Tim & Christian. Bevor jedoch pauschale Aussagen über die Verwaltung wie dieser vorgenommen werden, rate ich zu etwas mehr Hintergrund Recherche…

    “Die erfolgreichen Beispiele der Freigabe öffentlicher Daten in den USA und Großbritannien wird bisher nur von einer kleinen Community wahrgenommen – allerdings nicht von den Institutionen und Behörden, die hierzulande ähnliche Datensätze verwalten und zugänglich machen könnten”

    Die Aussage, dass diese nicht wahrgenommen werden, stimmt einfach nicht. Die Politik hat auf Bundes (Regierungsprogramm), Land (NRW, Koalitionsvereinbarung, S. 81) und EU Ebene (Digital Agenda, Malmoe Deklaration, PSI Directive, INSPIRE) zahlreiche Policy Rahmenbedingungen bereit gestellt. Bis diese Dinge in Maßnahmen umgesetzt werden dauert es eben und open government data (OGD) ist eben nur eines von vielen Themen.

    Sicherlich, ein Datenportal a la data.gov oder usspending.gov seitens der Verwaltung gibt es noch nicht. Aber das ist in Planung. Aber die Verwaltung erfüllt an zahlreichen Stellen viele der Open Data Kritieren, die gerne von der Community herangezogen werden. Beispiel Statistisches Bundesamt oder vor Ort: NRW Umweltdaten vor ort
    http://www.gov20.de/open-data-%E2%80%93-vielleicht-schon-naher-als-man-denkt/

    Wenn wir OGD fordern, was sinnvoll ist und auch z.B. seitens der PSI Direktive ökonomisch verargumentiert ist, dann müssen wir aber auch die Rahmenbedingungen in der Verwaltung verstehen und überlegen wie wir A. innerhalb dieses Rahmens agieren und B. die Rahmen längerfristig ändern können.

    Die Community ist alles anderes als organisiert, die Kenntnisse über die historisch gewachsene Verwaltung, das was es schon gibt und das was man machen könnte gehen sehr weit auseinander. Argumente wie “Die Verwaltung soll mal mehr Daten online stellen…” reichen nicht au einem Barcamp. Der 101 Verweis auf data.gov führt auch nicht weiter. Wir benötigen lokale Beispiele und lokale Ideen. Ebenso müssen wir uns alle klar sein, dass Wikileaks, auch wenn sinnvoll, der Open Government und OGD Bewegung nicht in die Hände spielt. Es geht hier auch um einen kulturellen Wandel mit verständlichen Ängsten und Barrieren, die abgeholt werden müssen. Anstelle diese zu Verurteilen, kann die Community den Personen in der Verwaltung, welche OGD unterstützen (davon gibt es einige!), dabei helfen.

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