Make a Date 2.0: Vom Suchen und Finden der Liebe

Online-DatingTinder, Grindr, Finya – Was ein bisschen nach Kindernamen für Fantasy Fans klingt, sind digitale Orte der modernen Partnersuche. Im Internet Menschen zu finden, um sie zu daten und zu lieben, fällt nicht mehr aus dem Rahmen. Sondern ist eine unter vielen Möglichkeiten, mit potentiellen Liebes- und Sexpartnern in Kontakt zu kommen. Als neue Kulturtechnik und neues Geschäftsmodell beschäftigt Online-Dating Wissenschaftler und Journalisten gleichermaßen wie Business Manager und Entrepreneurs. Ich habe mich gefragt, wer, wie und warum eigentlich auf Online-Partnersuche geht.

The place to be: Von GothicMatch bis Poppen.de.

Da gibt es Dominik. Er ist 33 und kommt aus Münster. Bevor er seine Fast-Verlobte („Der Ring ist schon gekauft“) über die Community- und Dating-Seite metalflirt.de kennengelernt hat, hatte er viele Treffen von sehr unterschiedlicher Qualität. Einige waren mehr oder minder One-Night Stands, andere einfach witzig oder langweilig. Oder sogar tragisch, weil nur er sich in sein Gegenüber verguckt hatte. Mit seiner jetzigen Freundin ging dann aber alles ganz schnell. Gechattet, getroffen, geknutscht und dann irgendwie gleich zusammengekommen.

Von circa 20 Millionen Singles in Deutschland suchen laut Stiftung Warentest 7 Millionen ihr Liebesglück im Netz. Und das offensichtlich nicht ohne Erfolg, denn insgesamt beginnt über ein Viertel aller Partnerschaften im Internet. Im Grunde wenig überraschend, wenn man bedenkt wie viele unserer Lebensbereiche bereits vollkommen oder teilweise digitalisiert sind. Warum sollte also in einer digital vernetzten Welt das Flirten und Kennenlernen weiterhin nur analog ablaufen?

Das erste Online-Dating Projekt hieß TACT (Technical Automated Compatibility Testing) und wurde 1964 von Buchhalter Lewis Altfest und IBM-Programmierer Robert Ross in New York erfunden. Für fünf Dollar konnten Kunden einen Multiple-Choice-Bogen mit über 100 Fragen ausfüllen, deren Antworten auf Lochkarten übertragen wurden. Anhand entsprechender Übereinstimmungen spuckte TACT anschließend fünf Partnervorschläge aus – für Frauen auf blauen, für Männer auf rosa Karten. Gute 50 Jahre später ist Online-Dating zur Dienstleistung geworden, die einen weit ausdifferenzierten Markt bedienen muss. Hier treffen Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung und Vorlieben, unterschiedlichem Alter und völlig unterschiedlichen Erwartungen aufeinander. Wie im Analogen führt Online-Dating je nach Lebenssituation zu ganz verschiedenen Erfahrungen mit ganz verschiedenen Plattformen. So gibt es Online-Dating unter anderem hip verpackt in App-Form für ein jüngeres heterosexuelles Publikum (Tinder), für ein junges schwules Publikum (Grindr), auf klassischen Websites für ältere Semester und “ernsthaft” Interessierte (Friendsout24, Parship), für Akademiker und “Singles mit Niveau” (Elitepartner), bestimmte Berufsgruppen (polizeisingles.de, flirt.landwirt), spezielle Interessensgruppen (GothicMatch), gelangweilte Monogamisten (AshleyMadison) oder die ganz Zwanglosen (poppen.de).

Dabei hat insbesondere die Dating App Tinder Online-Dating einer breiten Masse bekannt gemacht. Da die App, so hört “man”, eher für ein unverbindliches Stelldichein taugt, assoziieren viele Menschen Online-Dating neuerdings generell mit der Suche nach schnellem Sex. Und das obwohl (oder gerade weil?) Tinder verspricht: “it´s like real life, but better”. Daneben gibt es nach wie vor erfolgreiche Dating-Seiten wie Parship oder Elitepartner, die ihren Kunden mit ermutigenden Slogans (“alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Paarship”) mehr Gefühl und Verbindlichkeit versprechen.

Online-Dating ist was für…die anderen

Mit Online-Dating Nutzern ist es offensichtlich ein bisschen wie mit Dschungelcamp-Zuschauern oder Bildzeitungslesern: Wir wissen, dass es sie gibt, aber kaum jemand möchte ernsthaft zur Zielgruppe gehören. So wollten auch die meisten Menschen, mit denen ich im Zuge der Recherche über Online-Dating gesprochen habe, kaum oder gar nicht mit dem Thema in Berührung gekommen sein. Es fielen “verständnisvolle” Sätze wie “Das finde ich überhaupt nicht schlimm, wenn das (andere) Leute machen”, gnadenlose Äußerungen wie “Klingt jetzt blöd, aber Online-Dating ist doch eher was für Verzweifelte” oder auch der “Klassiker”  “Online-Dating ist was für alte Leute”. Letzteres stammt charmanterweise von meiner 22 jährigen Nachbarin. Meine Mutter hingegen, Jahrgang 1954, fühlt sich wiederum zu alt fürs Online-Dating. Nach circa 48 Stunden auf Friendscout24 gab Sie entnervt auf. Da wären nur Freaks unterwegs und das sei ihr in ihrem Alter zu anstrengend, lautete ihre Begründung.
Dann gibt es da noch Sim. Auch die 63 jährige Australierin hat nicht nur positive Erfahrungen mit Männern, die sie über Online-Dating Seiten getroffen hat. Über die Jahre war sie auf mindestens vier verschiedenen Plattformen angemeldet und hatte mehrere “so genannte” Beziehungen, die online entstanden sind, aber alle wieder in die Brüche gingen.“Viele Männer auf den Plattformen haben Minderwertigkeitskomplexe, mentale Probleme oder wollen einfach nur Sex haben”.

Schenkt man dem Gründer der Seite OkCupid Vertrauen, so ist heterosexuelles Online-Dating für Frauen und Männer tatsächlich eine völlig unterschiedliche Erfahrung. In einem Interview mit der Süddeutschen rät er Frauen, gezielt auf Männer zu zugehen, die ihnen gefallen und die zahlreichen, restlichen Anfragen zu ignorieren. Männer hingegen sollten sich zugänglich präsentieren und darauf achten, in ihrer “Liga” zu bleiben. Soll heißen: Keine Supermodels anschreiben, es sei denn man ist selbst eines.

Der Digitale Raum als Prokrastinationsmaschine und Freak-Filter

Dominik bezeichnet sich selbst als okay aussehend, aber nicht wirklich gut. Als Pluspunkte beim Flirten sieht er vor allem seine positive Ausstrahlung und seine kommunikativen Fähigkeiten. Beides sind Attribute, die sich bei einer schnellen Abfuhr in der Bar oder dem Club nicht entfalten können, denen man erst etwas Zeit geben muss. Online-Dating war für ihn also stets eine Möglichkeit, die eigenen vermeintlichen Unzulänglichkeiten in den Hintergrund zu rücken, um der Oberflächlichkeit und Flüchtigkeit der analogen Welt zu entkommen.

Für Sim hingegen nimmt das Netz eher eine Filterfunktion ein. Sie findet es gut, dass vor dem ersten Treffen bereits ein Austausch stattfindet, und sie aussortieren kann, wer ihr gefällt und wer nicht. Tatsächlich gibt es für fast alles Kategorien und Felder zum ausfüllen. Wie alt ist die Person? Welchen Bildungsgrad hat er/sie? Ist er Raucher? Vegetarier? Bevorzugt sie Monogamie oder führt sie eine offene Beziehung? So ist die Chance höher, dem Unpassenden, Gegensätzlichen, Falschen aus dem Weg zu gehen und jemanden zu finden, der oder die das gleiche mag wie man selbst. Daneben gibt es natürlich noch jene allgemein gültigen Attribute des Internets wie ständige Verfügbarkeit und Unverbindlichkeit der Kommunikation, die den digitalen Raum zu einem populären Ort des romantischen Zusammentreffens machen.

Zusätzlich spricht der Filmkritiker und Autor von “Digitales Dating. Liebe und Sex in Zeiten des Internets“ Georg Seeßlen von der Möglichkeit, die digitalen Ereignisse vollständig von der analogen Welt zu entkoppeln. Online-Dating könne auch als einfache Rückzugsmöglichkeit oder Ersatz des “realen” Ereignisses fungieren. So nutzt auch die Berlinerin Nicole (30) ihren Online-Dating-Account überwiegend als „Prokrastinationsmaschine“, wie sie mir erzählt. Als sie vor ein paar Monaten auf der Suche nach Ablenkung war (sie schrieb gerade an ihrer Masterarbeit), hat sie sich auf einer Online-Dating Plattform angemeldet. Insgesamt hatte sie vier Dates, die alle weder toll waren noch ihren Erwartungen entsprachen. Inzwischen hat sie ihre Masterarbeit abgegeben und kein Interesse mehr daran, jemanden „aus dem Internet“ zu treffen. Trotzdem chattet Nicole weiter mit verschiedenen Männern, zumindest so lange bis sie einen Job oder ihren Traummann beim Feiern findet: „Manche Unterhaltungen verlaufen lediglich über einen Abend, wie ein spaßiges Ping-Pong Spiel, mit anderen wechselt man täglich ein, zwei Sätze. Manche Unterhaltungen reißen einfach ab. Die Frage nach dem “warum” stellt man sich nach ein paar Mal nicht mehr“.

Geschäftsmodell, Datenkrake und andere Hintergedanken

Der zusätzliche Raum, den das Internet in puncto Dating anbietet, hat umgekehrt auch seine speziellen Tücken und problematischen Aspekte. Wie jede soziale Beziehung setzen Kontakte, die über das Netz geschlossen werden, ein gewisses Maß an Vertrauen ins Gegenüber voraus. Nur dass beim Online-Dating das verlangte Maß ungleich höher ist. Da erstmal niemand genau wissen kann (und soll), wer da am anderen Ende des Chatfensters sitzt, muss darauf vertraut werden, dass der  Flirtpartner erstens „echt“ ist und er oder sie (zweitens) keine zweifelhaften Absichten verfolgt. Fake-Profile, Stalker, Erpresser, Datensammler, Heiratsschwindler- Die Liste der möglichen Täuschungen und Enttäuschungen ist lang.

Dazu kommt die Möglichkeit, die Wahrnehmung der eigenen Person im Internet besser steuern zu können als in der analogen Welt. Nicht nur Papier, auch Bildschirme sind geduldig. Ähnlich wie Facebook auffallend viele schöne, beliebte, kreative Userprofile verzeichnet, werden viele Menschen das eigene Online-Dating-Profil wahrscheinlich vorteilhaft gestalten. Die Australierin Sim hat selbst keine Erfahrungen mit „gepimpten“ Profilen gemacht, aber Geschichten von Freunden gehört, deren Dates auf ihren Fotos deutlich jünger oder schlanker aussahen als beim ersten physischen Zusammentreffen. Das wurde auch mir mehrfach berichtet. Ein Freund hatte neulich sogar ein Date mit einer Frau, die ihre Transsexualität bis zum ersten Treffen verschwiegen hatte. Er fühlte sich reingelegt und hatte danach erst einmal keine Lust auf weiter Dates. Auch wenn dieses Beispiel extrem sein mag, die Frage ist doch, kann man solche kleinen und größeren Schummeleien in einer sich selbst gnadenlos optimierenden Gesellschaft eigentlich jemandem übel nehmen?

Darüber hinaus verlangt digitales Dating ebenfalls einen Glauben an die Sicherheit und Integrität der Vermittlungsmaschinen. So produziert das Anbandeln im Netz Unmengen an sensiblen Daten: Fotos, sexuelle Vorlieben, persönliche Nachrichten. Ende Juli wurde bei einem Hack der Seitensprung Plattform „Ashley Madison“ die Daten aller 37 Millionen Kunden aus 46 Ländern gestohlen und teilweise veröffentlicht. Da es häufig nicht schwer ist, die Identität einer Person über ihr Profil festzustellen, mussten viele User der Plattform um Enttarnung ihrer Affären bangen.

Im Zuge des Hacks kam außerdem heraus, dass das kostenpflichtige Löschangebot der Profildaten offensichtlich ein Fake war. Trotz der erhobenen Gebühr von 19 Dollar blieben die wichtigsten Daten weiterhin gespeichert und konnten so auch von den Hackern abgerufen werden. Dieser Skandal erinnert daran, dass Online-Dating auch ein Geschäftsmodell ist, das ähnlich wie andere Kommunikationsdienste und Social Media Plattformen nicht aus Nächstenliebe betrieben wird, sondern aus ökonomischen Interessen. Kostenpflichtige Dienste bezahlen wir mindestens mit Geld, kostenlose Angebote in jedem Fall immer mit unseren Daten. Der Aufbau von intimen und persönlichen Bindungen im digitalen Raum wird wohl immer mit einem gewissen Datenschutzrisiko verbunden sein.

Die digitale Übersättigung: Was ist anders mit Online-Dating?

Als neue Kulturtechnik und gesellschaftliches Phänomen wird Online-Dating häufig kritisch in die übergeordnete Debatte um die Auswirkungen von Internet auf Gesellschaft eingeordnet. Oft geht es dabei um das „Verschwinden des öffentlichen Raums“, die „Unnatürlichkeit“ der virtuellen Kommunikation oder einer prognostizierten tiefgreifenden Transformation sozialer Interaktion.

Der Feuilletonist und Filmkritiker Georg Seeßlen sieht die Bedingungen der Paar-Bildung durch Digitalisierung fundamental verändert. Dabei funktionierten im Netz alle Komponenten einer Liebesgeschichte, das Sehen und Erzählen, der Körper und die Biografie, die Sprache und das Bild auf eine andere, unkontrollierbare Weise. Auch Nicole findet es problematisch, dass online so viele Dinge, die Attraktivität ausmachen unsichtbar bleiben. Eine angenehme Stimme, eine herzliche Geste oder eine lustige gemeinsam erlebte Situation sind nicht virtuell übertragbar. Durch das Überangebot in einer Stadt wie Berlin wird so ein Profil, das einem nicht vollständig zusagt, im Zweifelsfall einfach weggeklickt. Dort, wo Dates wie ein schneller Snack konsumiert werden können, kann man schnell das Gefühl bekommen satt zu sein bzw. das wahre Hungergefühl nicht mehr zu kennen, befürchtet sie.

Ob nun zur ernsthaften Partnersuche, zum Herausfiltern der potentiellen Nieten auf dem Dating-Markt oder einfach zum Zeitvertreib – letztlich wird der eigene, romantische und sexuelle Handlungsspielraum durch das Internet in erster Linie erweitert und sicherlich auch transformiert. Oder um noch einmal Georg Seeßlen zu zitieren:„ Jetzt haben wir eine postbürgerliche, digitale und finanzkapitalistisch hegemonialisierte Gesellschaft. Und jetzt müssen wir sehen, wo wir bleiben, mit der Liebe (…)“.

Weitere Beiträge unserer Sommerreihe “Zusammen im Netz – Beziehungen in Zeiten neuer Medien” lesen Sie hier.

Bild: Gisela Giardino

CC-BY-SA

2 Antworten auf Make a Date 2.0: Vom Suchen und Finden der Liebe

  1. Dirk sagt:

    Steckt Online Dating in der Schmuddel-Ecke?
    Es ist schon richtig das sich keiner dazu bekennt. Jedoch, hat man erstmal seinen passenden Deckel gefunden, posaunt man es stolz heraus: “Wir haben uns im Internet kennen gelernt.”
    Und erstaunte Blicke sind einem sicher.
    Jedoch haben es Männer sehr viel schwerer. Während Frauen aus der Masse der Zuschriften nur noch durch- und wegklicken brauchen, müssen Männer graben was das Zeug hält. Dabei verwundert es fast, das dann doch jeder vierte Mann vom Erfolg gekrönt wird.
    Respekt.

  2. angelika schaegner sagt:

    Online Dating ist, wie das Netz selber, Fluch und Segen zugleich.In einer Welt, in der Zeit ein knappes Gut geworden ist, kann es sicher hilfreich sein, sich per Klick ein paar menschliche Attribute ins Haus zu holen und letzlich anonym zu bleiben in der Auswahl.

    Wie die Autorin schon erwähnt, besteht die Gefahr des “Überangebotes”, wo schon der kleinste Makel dazu führt die “Ware” als Ausschuss zu betrachten und wir nicht mehr bereit sind, uns mit dem Menschen in seiner ganzen Komplexität zu beschäftigen.

    Aber glücklicherweise haben wir ja immer noch unseren freien Willen und können selber entscheiden, ob wir nicht vielleicht doch den/die Briefträger(in) spontan zu einer Tasse Kaffee einladen.

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