Kampf gegen den Crash

Zum Jahrtausendwechsel drohen Computer
in Firmen, Verwaltungen und Haushalten abzustürzen. Das Beispiel der Hamburger
Phoenix AG zeigt, wie sich Unternehmen gegen die Krise der Superhirne wappnen können.
Von WOCHE-Autorin Christine Oppermann

Der Countdown läuft. In der
Empfangshalle der Phoenix AG in Hamburg-Harburg zeigt eine
Leuchtschrift die verbleibenden Tage bis zum Jahrtausendwechsel. "Wir
wollen, dass jeder Mitarbeiter, Kunde, Lieferant den Ernst der Lage
erkennt", erklärt Phoenix-Finanzchef Hans-Joachim Zwarg.
Die Risiken der Jahreswende 1999/2000 werden auf einer mannshohen
Wandtafel erläutert: Weil "viele Computer auf zweistellige
Jahresangaben programmiert sind, wissen sie nicht, wie sie mit dem Jahr
2000 umgehen sollen. Die Rechner spielen verrückt ­ in ihnen tickt eine
Zeitbombe, die 90 Prozent aller Computer zu (zer)stören droht."
Weltweite Computer-Zusammenbrüche hätten, ergänzt Zwarg, verheerende
Folgen: Sie können Stromausfälle verursachen, die Telekommunikation
ausschalten, die Versorgung der Bevölkerung unterbrechen,
Milliardenverluste, Firmenpleiten und eine Rezession auslösen. "Nur wer
rechtzeitig beginnt seine Datenverarbeitung fit für das Jahr 2000 zu
machen, hat eine Chance, der drohenden Existenzkrise zu entkommen",
mahnt Zwarg, der das Jahr-2000-Programm bei dem Gummi- und
Kautschukhersteller, der auch die Automobilindustrie beliefert, im
Herbst 1997 angeschoben hat.
Damals zählte Zwarg noch zu den Pionieren im deutschen Mittelstand, die
den millennium bug ­ wie der Programmfehler in der Computer-Branche
genannt wird ­ als ernste Gefahr auffassten. Bei den 4000 Kunden und
den 8900 Mitarbeitern lösten seine Warnungen ungläubiges Staunen aus:
"Viele haben gedacht, jetzt ist er durchgeknallt", erinnert sich Ulrich
Jostwerner, der als Logistikfachmann im Herbst 1997 ins Jahr-2000-Team
berufen wurde.
Der Kampf gegen die JahrtausendWanze lief wie in vielen deutschen
Unternehmen auch bei Phoenix langsam an. "Wir stocherten im Nebel",
sagt Jostwerner. Nur eines war schnell klar: Eine geniale Lösung, die
mit minimalem Aufwand das drohende Chaos beseitigen könnte, wird es
nicht geben. "Keiner wird im Oktober 1999 mit einer Diskette wedeln,
die nur in den Computer eingelegt werden muss, und dann ist alles
wieder gut", schärfte Zwarg seinem Team immer wieder ein. Im Gegenteil:
Bei der Suche nach Patentrezepten zeigten sich immer größere Risiken.
Nicht nur die Betriebsprogramme der Personalcomputer und Großrechner
könnten durch den Datumswechsel gestört werden, sondern auch in den
Mikrochips, den embedded systems, die als Speichereinheiten oder
Prozessoren die Funktionsfähigkeit vieler Apparate und Anlagen wie
Telefone, Faxgeräte, Fahrstühle, Mikrowellenöfen oder Klimaanlagen und
Herzschrittmacher überwachen und steuern, kann die Wanze lauern.
Ende 1997 wurde schließlich ein Pilotversuch in der
Rohstoffverarbeitung gestartet, in der eine rechnergesteuerte
Misch-Walz-Anlage Gummi- und Kautschukplatten herstellt und zur
Weiterverarbeitung in Hochregallager einsortiert. Nach den
Inventarlisten aus der Buchhaltung gab es in diesem Bereich 27 Computer
und rechnergesteuerte Geräte. Im März 1998 schien die Arbeit
abgeschlossen zu sein.

Doch der Probelauf brachte die
große Ernüchterung: Als die Uhren der Mischanlage auf den 1. Januar
2000 vorgestellt wurden, konnte der Rechner zwar noch die Produktion
der Platten steuern, aber kennzeichnen, sortieren und lagern konnte er
die Ware nicht. Unter realen Bedingungen hätte ein Stau von
tonnenschweren Platten die gesamte Produktion stillgelegt. "Die Panne
zeigte, dass die Inventarlisten unvollständig und unser Ansatz falsch
war", sagt Projekt-Manager Jostwerner. Das Jahrtausendproblem ließ sich
nicht mit den Methoden der Datenverarbeitung allein lösen. "Es reicht
nicht, dass einzelne Geräte fit fürs Jahr 2000 sind, sondern der
gesamte Produktionsprozess muss den Jahrtausendsprung schaffen",
erkannte der Projektleiter. Alle für das Überleben der Firma
notwendigen Vorgänge ­ vom Auftragseingang bis zum Versand von Ware und
Rechnung ­ müssen geprüft werden.
Das bisher vierköpfige Jahr-2000-Team wurde um zwei Betriebswirte
erweitert, die sich in der Konzernorganisation auskannten. Ein
Lenkungsausschuss wurde eingesetzt, zu dem neben den
Projektmitarbeitern auch zwei Vorstandsmitglieder, Initiator Zwarg und
Technikchef Burkhard Meister, gehören. In allen 46 Betrieben und
Tochtergesellschaften der Phoenix AG wurde ein Mitarbeiter ernannt, der
vor Ort die Vorbereitungen für das nächste Jahr überwachen muss. Über
ein Intranet können sich alle Projektmitglieder ­ einschließlich der
Vorstände ­ über den aktuellen Stand informieren.
Eine gründliche Bestandsaufnahme förderte 10 400 technische
"Systemkomponenten" zu Tage ­ Computer, Betriebssysteme,
Software-Pakete, Telefonanlagen und Faxgeräte. Die Prozessanalyse ergab
7000 Schritte, die für den Betrieb des Unternehmens erforderlich sind.
Danach begann die Tüftelarbeit: Um alte Rechneranlagen wie die
SAP-R2-Computer in der Lagerverwaltung auf den Jahreswechsel
vorzubereiten, wurden zwei pensionierte Programmierer angeheuert; von
den jüngeren Kräften konnte keiner die komplizierten Programme
entziffern, die größtenteils in der Computer-Sprache Cobol, aber auch
in individuell modifizierten Codes geschrieben waren. Alle Programme
wurden Zeile für Zeile nach Datumsfeldern durchforstet und durch
Fensterlösungen bis zum Jahr 2039 erweitert oder ­ wenn das nicht
gelang ­ auf 1971 zurückgestellt. Weil sich alle 28 Jahre der
Kalenderzyklus wiederholt, stimmen Tages- und Monatsdaten sowie
Wochentage des Jahres 2000 mit denen des Jahres 1972 überein. Von 1000
PCs wurden 100 gleich durch neue Geräte ersetzt.
Doch trotz aller Fleißarbeit gab es immer wieder frustrierende
Rückschläge. Im Herbst 1998 wurde eine Dampferzeugungsanlage im
Thüringer Tochterwerk als für den Jahreswechsel fit gemeldet. Beim
Probelauf zeigte sich jedoch, dass das werksinterne Heizkraftwerk zwar
Dampf erzeugen konnte, aber die Mengen, die die einzelnen Abteilungen
erhielten, konnten nicht erfasst werden. Vorstand Meister nutzte diese
Panne, um der gesamten Belegschaft, vor allem seinem Team "Dampf zu
machen".

Im Oktober erhielt jeder
Mitarbeiter mit der Gehaltsabrechnung ein Faltblatt, auf dem die
Gefahren des Jahrtausendwechsels aufgelistet wurden. Für die
Projektmitglieder begann eine neue Runde der Detektivarbeit: Sie
mussten versuchen von den Herstellern aller Geräte und Anlagen die
Herkunft der eingebauten Mikrochips und Steuerungseinheiten zu
ermitteln oder sich bescheinigen lassen, dass diese Chips auch nach dem
Jahreswechsel funktionieren. Doch die Sisyphusarbeit schafft
bestenfalls juristische Sicherheit: Hersteller, die Jahr-2000-Fähigkeit
für ihre Geräte garantieren, müssen haften, wenn die Anlagen ausfallen.
Verlässliche Angaben über die tatsächliche Funktionsfähigkeit hingegen,
die den Phoenix-Mitarbeitern die Arbeit erleichtert hätte, gab es
selten. Die Hersteller von Steuerungssystemen hatten die Mikrochips
zugekauft, eine Dokumentation der fest eingebrannten Programme hat es
nie gegeben, und viele der Chip-Produzenten gibt es nicht mehr: Sie
sind aufgekauft worden oder haben wie jüngst vier asiatische
Unternehmen Pleite gemacht.
Deshalb will Jostwerner die Anlagen der Phoenix in Langzeittests
prüfen, bei denen der Kalender mindestens bis März 2000 simuliert wird.
Dann weiß er auch, ob die Anlagen die nächste Hürde nehmen können: den
29. Februar 2000. Nur jeder vierte Jahrhundertwechsel fällt mit einem
Schaltjahr zusammen ­ dass dies ausgerechnet nächstes Jahr der Fall
ist, potenziert die Herausforderung für die Computerwelt.
Rund 16 Millionen Mark (8,2 Millionen Euro) hat Phoenix für den Kampf
gegen die Jahrtausend-Wanze mittlerweile ausgegeben, doch ganz sicher
kann das Management nicht sein, dass der Betrieb am 3. Januar 2000
reibungslos läuft. Im Zeitalter der Just-in-time-Produktion, wo alle
Rohstoffe und Teile erst dann angeliefert werden, wenn sie auch
gebraucht werden, genügt schon der Ausfall eines Lieferanten, um die
gesamte Produktion zu stoppen. Wenn Phoenix seine Kunden nächsten
Januar pünktlich bedienen will, müssen auch die 1700 wichtigsten
Zulieferer des Unternehmens den Jahrtausendwechsel geschafft haben.
Finanzchef Zwarg hat deshalb im Herbst 1998 begonnen, seine Lieferanten
unter die Lupe zu nehmen.
Was er da sah, hat ihn nicht beruhigt. In vielen Fällen sei ­ so der
Phoenix-Manager ­ zu spät mit der Umstellung begonnen worden. "Wer
jetzt noch nicht angefangen hat, wird bis zum Jahresende nicht mehr
fertig", warnt Zwarg. Kundige Computer-Fachleute sind rar, und auch bei
den Computern wird es spätestens ab Sommer Engpässe geben. Bis zum
Jahresende 1999 wird Phoenix deshalb die Vorräte um 50 Prozent
aufstocken. Zusätzliche Lagerflächen wurden bereits angemietet. Auch
für den Transport von Rohwaren und Fertigprodukten wurde Vorsorge
getroffen, falls der millennium bug die Spediteure der Phoenix
ausbremsen sollte: "Wir haben Lastwagen vorbestellt und fahren zur Not
mit eigenen Leuten", sagt Jostwerner.
Große Sorgen bereitet Zwarg und seinem Team derzeit aber die
Energieversorgung. Ein Test der Stadtwerke Hannover im vergangenen
Frühling, der unter realen Bedingungen in der Neujahrsnacht, drei
Minuten nach Mitternacht, zu einem kompletten Computerausfall geführt
hätte, sorgte auch bei Phoenix für neue Aufregung: "Wie steht es um die
HEW?", fragte Zwarg. Den Hamburgischen Electricitäts-Werken hat der Tüv
Rheinland, Institut für Software, Elektronik, Bahntechnik, zwar jüngst
bescheinigt, dass sie "Erfolg versprechend" einen Prozess durchliefen,
damit "Störungen in Computern und Mikroprozessoren zuverlässig und
flächendeckend auszuschließen sind". Aber für sein Privathaus hat Zwarg
bereits einen Generator erworben.
Dennoch könnte er in der Neujahrsnacht im Kalten sitzen. Denn den
Jahrtausendwechsel wird er wie alle Mitglieder des Teams im Betrieb
verbringen. Da ist Zwarg ganz Hanseat: "In turbulenten Zeiten müssen
die Offiziere auf der Brücke sein."

HINTERGRUND: Gefahr für Heim und Herd
Die
Jahrtausend-Wanze lauert auch im trauten Heim: Telefonanlagen,
Radiowecker, Kaffeemaschinen, Videorekorder und Fernseher können ebenso
Probleme mit dem Millenniumswechsel haben wie PCs oder Bordcomputer im
Auto. Wer am Neujahrstag nicht abgeschnitten von der Welt in einer
kalten Wohnung hocken will, sollte sich jetzt bei den Herstellern
erkundigen, ob seine Geräte "2000-fähig" sind, und eine schriftliche
Garantie fordern. Von Bankkonten, Versicherungen und Vermögensanlagen
sollte der jeweils aktuelle Stand kurz vor Jahresende schriftlich
abgefragt werden. Empfehlenswert ist es, einige Tage vor Silvester ’99
eine Bargeldreserve anzulegen ­ auch Kreditkarten- und Geldautomaten
können am 1. Januar 2000 ausfallen.

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