Internetwahlen: In weiter Ferne so nah

Hätten Internetwahlen das
amerikanische Debakel vom letzten Herbst verhindern können? Eine
Studie des Massachusetts Institute of Technology kommt zu dem Schluss,
dass der gute alte Urnengang die sicherste Wahlvariante darstellt.

MIT-Studie: Wahlen per Mausklick sind Zukunftsmusik

Die Blamage war
perfekt: Während die Welt darauf wartete, wer als 43. Präsident der
Vereinigten Staaten ins Weiße Haus einziehen darf, waren die USA, die
letzte
Supermacht, für über einen Monat auf den Status eines
Entwicklungslandes
herbabgesunken. Das amerikanische Wahlsystem hatte technisch versagt:
zahllose ungültige Stimmen und Nachzählungen per Hand liessen
ernsthafte Zweifel an der Legitimität der Präsidentschaftswahlen
aufkommen. Wäre das Debakel durch eine moderne Form der Stimmabgabe,
beispielsweise über das Internet, zu verhindern gewesen? Eine aktuelle
Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) widmet sich der
Frage nach dem Potential von Online-Wahlen.

Grund für das amerikanische
Wahldesaster waren nach Ansicht des California Institute of Technology
(Caltech) und des Massachusetts Insitute of Technology (MIT) technische
Mängel der elektronischen "Wahlhelfer" Zwar benutzt keine Nation so
viel Maschinen zum Einsammeln und Auszählen der Stimmen wie die
Vereinigten Staaten, aber die Technik, vor allem die
berühmt-berüchtigten Lochkarten, weisen eine viel zu hohe Fehlerquote
auf. So sind bei den Präsidentschaftswahlen laut Caltech/MIT allein 4
bis 6 Millionen Stimmen durch technische Fehler
im Auszählungsverfahren verloren gegangen. Ein Caltech/MIT-Team von
IT-Spezialisten, Ingenieuren, Sozialwissenschaftlern und Studenten
suchte deshalb in ihrem jetzt veröffentlichten "Voting Technology
Report" nach Möglichkeiten, die Wahl-Technologie zu verbessern. Das
ernmüchternde Fazit: Amerika braucht dem guten alten Urnengang.

Zusammen mit optisch
eingescannten Stimmzetteln zeigen per Hand ausgefüllte und handgezählte
Stimmzettel den geringsten Fehlerquotienten. Befürworter von
Internet-Wahlen bekommen in der Studie einen Dämpfer verpasst:
"Internetwahlen sind für eine breite Anwendung noch nicht geeignet", so
die Studie. Das Caltech/MIT Team sieht Wahlgänge per Internet mit
erheblichen Sicherheitsrisiken verbunden:

 

  • Ein groß angelegter
    Wahlbetrug sei im Internet wesentlich einfacher durchzuführen als die
    Manipulation von traditionellen
    Wahlverfahren. Durch die kompilzierte elektonische Umwandlung und
    Verarbeitung seien solche Manipulationen zudem wesentlich schwerer
    (womöglich sogar überhaupt nicht) zu enttarnen, so das Fazit der
    Wissenschaftler.

     

  • Internetwahlen fehle es zudem an Transparenz. Stimmenabgabe und -auszählung können nicht mehr durch Wahlhelfer
    kontrolliert werden und der Wähler kann letzten Endes weniger als im herkömmlichen Wahlverfahren
    nachvollziehen, ob seine Stimme auch gewertet wurde. Die Folge: Das
    Vertrauen der Wähler in das Wahlergebnis ist geringer, die Motivation, überhaupt Wählen zu gehen, könnte sinken.

     

  • Die Technisierung des Wahlverfahrens würde
    letzlich dazu führen, dass nur noch eine Handvoll Software-Entwickler
    das Wahlverfahren verstehen kann. Algorithmen und Datenreihen können
    schlechter nachvollzogen werden als der in den USA als "unmodern"
    angesehene
    Urnengang. Die Sicherheit des Wahlverfahrens bei Online-Voting würde in
    die Hände der Entwickler gelegt, auf deren Garantien der Staat
    vertrauen müsste. Denn wirklich kontrollieren kann er die korrekte
    Einhaltung der Wahlgesetze bei Internetwahlen nicht. Das könnte in den
    USA zu einer noch niedrigeren Wahlbeteiligung führen: Wie in
    Deutschland stehen auch in den USA viele Menschen demInternet skeptisch
    gegenüber. Open-Source-Software könnte die Transparenz jedoch erhöhen,
    wie die Studie einräumt.

    Deswegen lautet die Empfehlung der Studie:
    "Internetwahlen sollen verschoben werden, bis geeignete Kriterien für
    die Sicherheit gefunden sind." Offensichtlich befindet man sich in den
    USA zur Zeit auf wahltechnischen Retro-Pfaden: Nachdem man
    jahrzehntelang versucht hatte, das Auszählverfahren mit technischen
    Entwicklungen zu vereinfachen und zu modernisieren, singt man nun das
    Loblied auf Papier und Bleistift.

    Die Einwände der Forscher konzentrieren sich jedoch auf
    technische Argumente. Die Internet-Wahl wird prinzipiell nicht
    abgelehnt sondern als Entwicklungsziel bestätigt. Denn der Anteil
    von Briefwählern, die ihre Stimme von außerhalb der USA oder früher als
    am
    Wahltag abgeben wollen, sei in den letzten zwei Jahrzehnten auf 14
    Prozent
    gestiegen und mit Hilfe des Internet könne den Bedürfnissen dieser
    Wähler leichter entgegen gekommen werden. Auch Blinden könnte das
    Wählen durch den Einsatz des Internets erleichtert werden. Mit einem
    Einsatz von Online-Wahlen in Echtzeit sei vor dem Jahr 2010 allerdings
    nicht zu rechnen.

    Auch für Deutschland dürfte der Einsatz von Internet-Wahlen
    noch auf sich Warten lassen. Prof. Dr. Dieter Otten, Leiter der
    Forschungsgruppe Internetwahlen an der Universität Osnabrück, strebt
    zwar eine Premiere für die Bundestagswahl 2006 an und hat bereits bei
    Wahlen zum Studentenparlament in Osnabrück erfolgreich mit Wahlen per
    Mausklick experimentiert. Der von Otten geplante "Ernstfall" bei den
    niedersächsischen Kommunalwahlen im September ist aber bereits negativ
    beschieden worden. Ursprünglich hatte Otten mit drei Gemeinden über
    eine Alternativ-Abstimmung via Netz verhandelt. Aus dem
    niedersächsischen Innenministerium war zu erfahren, dass das Land nun
    doch so lange keine Projekte in Sachen Online-Voting starten möchte,
    bis eine vom Bundesinnenministerium eingesetze Arbeitsgruppe
    "Internetwahlen" eine Empfehlung vorlegt. Inzwischen hat auch
    Innenminister Schily seine Aussage, Internetwahlen seien demnächst
    möglich, zurückgenommen. Nach dem Ende des euphorischen dotcom-Booms
    rückt die nüchterne Forschung wieder in den Netz-Vordergrund. Der
    Computervirus "Code Red", der zur Zeit die Festplatten attackiert, habe
    wieder einmal gezeigt, dass das Netz noch immer nicht sicher genug sei,
    äußerte ein Mitarbeiter des niedersächsischen Innenministeriums
    gegenüber politik-digital. So bleibt es auch in Niedersachsen diesmal
    noch alles beim Alten: Urnengang mit Zettel und Stift.

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