Internet der Dinge – Teil 5: Smart Country

Bild Smart Country 2 Format 1In der aktuellen Debatte um „Smart Cities“ wird zu Unrecht ausgeklammert, dass der Großteil der deutschen Bevölkerung außerhalb von Metropolen und Ballungsräumen lebt. Es gilt also mehr denn je, die dringenden gesellschaftlichen Probleme, denen sich die Regionen stellen müssen, auf die Tagesordnung einer Digitalen Agenda zu setzen. Im fünften Teil unserer Reihe zum Internet der Dinge geht es um die Herausforderungen des demographischen Wandels und der Landflucht sowie um die Notwendigkeit, digitale Strategien und Anwendungen zu entwickeln, die einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität ausüben können oder neue Wertschöpfungsketten in dezentralen ländlichen Strukturen ermöglichen.

Der Begriff „Smart City“ ist momentan in aller Munde. Jede Megacity und auch deutsche Landeshauptstadt, die etwas auf sich hält, will irgendwie „smart“ werden, doch mittlerweile  wird  die Debatte auch von kritischen Stimmen begleitet. Kürzlich veröffentlichte Evgeny Morozov, ein ausgewiesener Experte zum Thema smarte neue Welt, einen Artikel in der FAZ mit der titelgebenden Forderung: „Wir brauchen mehr intelligente Dörfer“, in dem er neben einer Kritik am Smart-City-Konzept einen Gegenentwurf postuliert: das intelligente Dorf als attraktive Option – Smart Country.

Zur Sache: Was passiert da eigentlich genau?

Erstaunlicherweise wird somit ein bemerkenswerter Aspekt einer digitalen Transformation bislang stiefmütterlich behandelt, wenn nicht sogar ausgeklammert: Welche Ansätze existieren neben dem Smart-City-Hype, den digitalen Wandel in Deutschland für die gesamte Bevölkerung gewinnbringend zu nutzen? Kann es das gewesen sein? Für Deutschland muss die Frage ganz klar mit „Nein“ beantwortet werden, denn es wird außer Acht gelassen, dass nahezu 70 Prozent der Deutschen außerhalb von Großstädten leben, wodurch die Debatte an den eigentlichen Adressaten vorbeiläuft.

Smarte Städte sind nur Leuchttürme in der sie umschließenden Region. Was fehlt, ist der Blick auf die kleineren Städte, die Dörfer hinter dem Speckgürtel der Vorstädte, abseits von Clustern, Ballungsräumen oder des weiteren Pendelbereichs größerer Städte. Wie  begegnet die Politik den Problemen der ländlichen Regionen, wie Arbeitslosigkeit, Abwanderung der hochqualifizierten jungen Menschen oder der Infrastrukturerhaltung? Was lässt sich vom Smart-City-Konzept übertragen, wo sind die Grenzen zwischen Land und Stadt?

Ist der Prozess in Gang gebracht, ergeben sich unzählige Möglichkeiten, die z.B. von der Verbindung von Personen- und Güterverkehr über automatisiertes Fahren bis hin zu einer App und Online-Plattform reichen, auf der Fahrer Transportdienste anbieten. Der angesprochene Bereich von Mobilität und Logistik greift unmittelbar in die Sicherstellung von Gesundheits- und Pflegediensten und die damit zusammenhängende Versorgung hinein. Hier existieren Beispiele wie die App Goderma, die einen Online-Service zum Hautarzt bietet; die Webseite Was hab ich, die medizinische Befunde in eine leicht verständliche Sprache übersetzt; oder die Nutzung des Smartphones für die Erfassung und Weiterleitung tagesaktueller Patientendaten an den mobilen Hausarzt, das zudem den Überblick über die Medikamente behält.

Gleiches gilt für Projekte der Regionalentwicklung wie der brandenburgische Oderbruch Pavillon; die Verbindung von Produzenten und Konsumenten aus der Region im deutschlandweiten Projekt Ernte teilen; oder etwa die Idee von Mundraub, in der User „Fundorte“ markieren, wo Früchte eigentumsfrei zur Ernte bereit stehen. Die transparente Nutzung regionaler und dezentraler Ressourcen ist insbesondere im Komplex von Energie und Umwelt ein bedeutendes Thema: Hier ergeben sich neue Ideen und Unternehmen, die Erzeuger und Verbraucher von regionalem Ökostrom vernetzen. Aber auch der Bildungsbereich ist in Zeiten von „Braindrain“ und Fachkräftemangel von immenser Bedeutung, weshalb neue Formen von Online-Lernumgebungen und digitaler Leseförderung vorangetrieben werden müssen, oder z.B. Fortbildungen für Mitarbeiter über mobile Endgeräte in einer sicheren Cloud, um so der Dezentralität Rechnung zu tragen.

Komplettiert werden diese Ansätze durch die dem Bereich Politik und Verwaltung zugehörigen Komponenten von kommunalem E-Government, wie das Projekt Rathaus 2.0, das den Aspekt „Social Media“ in den Vordergrund rückt, oder E-Partizipation, Open Government und Open Data.

Nötige Voraussetzungen schaffen

Allein die Voraussetzung einer zukunftsorientierten Digitalen Agenda ist zuallererst die Gewährleistung einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur. Am 18. Juli 2014 ist die Halbjahresbilanz von eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e. V. erschienen, und sie fällt ernüchternd aus: „Es gibt aktuell vielleicht kein anderes Politikfeld mit einem so großen Gestaltungsspielraum wie die Internet- und Netzpolitik. Diesen Gestaltungsspielraum füllt der Gesetzgeber derzeit nicht aus. Ich vermisse eine ganzheitliche Perspektive darauf, wie die Bundesregierung den vielfältigen Herausforderungen der Digitalisierung künftig begegnen will“, so das Fazit von Oliver Süme, eco-Vorstand für den Bereich Politik und Recht.

Der umfassende Breitbandausbau darf dieser Tage nicht mehr zur Diskussion stehen, er ist schlicht obligatorisch und deshalb Grundvoraussetzung für die digitale Aufwertung strukturschwacher Räume. Auch hier ist die Einschätzung von eco wenig optimistisch: „Vielversprechend gestartet, dann in der Versenkung verschwunden – so lassen sich die Erfolge der Bundesregierung beim Thema Breitbandausbau zusammenfassen.“ Doch was, wenn wir am Ende flächendeckende Internetversorgung haben? Letztendlich wird in jedem Winkel des Landes nutzbare Internet-Konnektivität verfügbar sein. Welche Chancen eröffnen sich dadurch? Welche Folgeeffekte sind zu erwarten?

Wozu das Ganze?

Bislang fehlt es an konkreten Maßnahmen, und das ist bei der Bedeutung der digitalen Infrastruktur für den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht nachvollziehbar. Um es zu verdeutlichen: Durch umfassende Breitbandversorgung erreicht der digitale Wandel auch kleine und mittlere Städte sowie die ländlichen Regionen. Damit eröffnen sich dort ebenfalls neue Chancen für soziale und wirtschaftliche Entwicklungen, sei es z.B. durch internetbasierte Anwendungen, die zur Transparenz und Vereinfachung einer kommunalen Verwaltung beitragen, oder mobile Technologien, die ihren Nutzen in den Bereichen Mobilität oder Gesundheit und Pflege entfalten. Denn die fortschreitenden Veränderungen in der Altersstruktur, im quantitativen Verhältnis von Männern und Frauen, beim Verhältnis von Geburten- und Sterberaten sowie bei Zuzügen und Fortzügen haben teils gravierende Auswirkungen auf die Lebensqualität vor Ort und lassen kein weiteres Zögern zu.

Eine wirklich düstere Zukunftsprognose zeichnet der Journalist Tomasz Konicz in einem aktuellen Artikel über die Entvölkerung der deutschen Peripherie. Ein Raum ohne Volk, inmitten einer „Ödnis der europaweit um sich greifenden Monokulturen für Energiepflanzen wie Mais und Raps“ und stinkenden Hühner- und Schweinemastanlagen riesigen Ausmaßes. Er vergleicht die Situation einiger Landstriche mit der Pestepidemie des 14. Jahrhunderts, nach der sich die „aufgegebenen Siedlungen (…) in Wüstungen“ wandelten, „in denen die gesamte Bausubstanz und Infrastruktur verfiel und letztendlich von der Natur ‘zurückerobert’ wurde – bis nur noch Ruinen, alte Urkunden oder lokale Überlieferungen an diese inzwischen größtenteils vergessenen Ortschaften erinnern.“

Risiken und Nebenwirkungen

Risiken existieren keine, nur Chancen, die es zu nutzen gilt. Durch eine transparent geführte, direkte und offene Kommunikationsstrategie in Richtung der Adressaten, der Bürger in der Region, muss eine breite Akzeptanz der zur Verfügung gestellten Möglichkeiten sichergestellt werden. Die Lösungen müssen sich an den Anwendern orientieren und praktikabel sein, dann werden die Nebenwirkungen nur in der Hinzugewinnung von Lebensqualität liegen.

Die Debatte richtet nicht von ungefähr ihr Brennglas auf die Region, wie eine aktuelle Allensbach-Umfrage deutlich zeigt: Die Region bleibt nicht nur attraktiv, sie gewinnt sogar an Sehnsuchtspotential: Die Sehnsucht der Städter nach dem Land! Es gilt nun, die aktuelle Resonanz und mediale Aufmerksamkeit für die Entwicklung einer Strategie zu nutzen und mit der Produktion praktischer Handlungsempfehlungen den bereits eingeschlagenen Weg konsequent weiterzuverfolgen, um eine nachhaltig positive Entwicklung dezentraler, ländlicher Regionen in Deutschland sicherzustellen.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang ein multiperspektivischer und ganzheitlicher Ansatz in der Analyse. Es ist unbedingt notwendig, im weiteren Prozess Akteure zu vernetzen und Bemühungen zu bündeln, denn nur so wird eine breite Akzeptanz sichergestellt. Welche internetbasierten Innovationen können verschiedenste Lebensbereiche außerhalb der Großstädte positiv beeinflussen, sei es Umwelt, Energie, Bildung, Wirtschaft, Politik und Verwaltung, Kultur, Landwirtschaft, Logistik und Mobilität? Wie sehen ganzheitliche Strategien für Innovationspolitik in den Regionen aus? Weshalb ist z.B. nur eine geringe Anzahl deutscher Regionen Mitglied in der Smart Specialisation Platform der EU? Wer bringt all diese Insellösungen und partikularen Pilotprojekte zusammen, damit diese voneinander lernen können? Wer bringt (noch) exotische Themen wie Big Data in der Landwirtschaft, MOOCs in der Dorfschule, Telemedizin per LTE usw. auf die Agenda? Das sind die drängenden Fragen, wenn es um die Entwicklung von „Smart Country“ geht.

Fazit

„Smart City“ ist nur die eine Seite der Medaille – wenngleich die momentan glänzende. Die Renaissance der Region als bewusste Abgrenzung zum „Siegeszug der Städte“ würde jedoch für den Wirtschaftsstandort Deutschland und die Lebensqualität der Menschen langfristige Vorteile bringen. Nicht zu vergessen: Die Autobahn, die so viele qualifizierte junge Menschen aus den ländlichen Regionen in die Städte führt, ist keine Einbahnstraße. Damit sich der Trend umkehrt, darf die Debatte nicht im luftleeren Raum verlaufen, sie muss anwendbare Resultate hervorbringen. Doch nicht nur als Leitfaden für Entscheider, sondern auch als gesellschaftspolitischer Beitrag zur Aufwertung strukturschwacher Regionen, deren Zukunft durch Landflucht und demographischen Wandel gefährdet ist. Die Bundesregierung hat mit der Digitalen Agenda einen ersten Impuls ausgesandt und nun sind im Speziellen die Länder in der Pflicht, die sich bietenden Möglichkeiten von Vernetzung und Digitalisierung aufzugreifen, die ihnen durch Experten aufgezeigt werden sollten, um die vorhandenen Potentiale ihrer Regionen zu nutzen.

Alle Teile der Sommerreihe Internet der Dinge:

Einführung: Leben in der smarten Welt
Teil 1
: Smart Wearables
Teil 2: Intelligentes Shopping
Teil 3: Smart Home
Teil 4: Smart Cars
Teil 6: Smart City
Teil 7: Industrie 4.0

Teasergrafik: Nemo

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