Gesellschaft und Ethik im digitalen Wandel

Die Schule von Athen von Raffael, bearbeitetSeit langem führen wir über das Phänomen der Digitalisierung vielfältige Debatten. Die problemorientierte Betrachtung der digitalen Sphäre führt uns aber auch zu immer wiederkehrenden Diskursen und mehr Fragen als Antworten. Professor Dr. Claus Eurich, Technische Universität Dortmund, sieht uns, analog wie digital, gefangen in einem Labyrinth: Mal schaffe man es zwar um eine neue Ecke zu schauen, aber das große Ganze in Form einer Metaperspektive bleibe dabei auf der Strecke. Der Autor und Dozent setzt sich mit den großen Themen der Ethik, der gewaltlosen Kommunikation und Journalistik auseinander. In einem Interview sprechen ich mit ihm über genau diese Aspekte – bezogen auf den digitalen Wandel, der uns alle umgibt.

 politik-digital: Wenn wir die Themenkomplexe, Digitalisierung und Ethik, fassbar machen wollen: Was ist der erste Gedanke der Ihnen in den Sinn kommt, wenn Sie zunächst die Begriffe Digitalisierung und Gesellschaft miteinander verknüpfen?

Claus Eurich: Zum einen ist es eine rein technische Frage. Was ist Digitalisierung überhaupt, und wie löst sie die analogen Strukturen, die über Jahrhunderte gewachsen sind, allmählich auf? Dann gilt es, verschiedene Ebenen zu betrachten – für mich sind drei Ebenen wichtig: Digitalisierung hat erstens Auswirkungen auf einer infrastrukturellen Ebene, also im Bereich der Ökonomie, der Industrie, des Dienstleistungsbereichs, im Bereich des Verkehrs usw. Die zweite Ebene umfasst Medien, die Herstellung von Öffentlichkeit und das, was wir mit Vernetzung umschreiben. Das Dritte ist die persönliche Ebene: Da wo es den Menschen betrifft, seinen Umgang mit der digitalen Technik und das, was man vielleicht auch als Mensch-Maschine-Symbiose bezeichnen kann.

Individualisierung und Ent-Persönlichung

politik-digital: Bleiben wir mal auf der dritten, der menschlichen, Ebene: Inwiefern glauben Sie, dass dieser Aspekt der Digitalisierung momentan starke Einflüsse auf die Gesellschaft ausübt?

Claus Eurich: Ich glaube, dass wir es im Moment bei der Digitalisierung mit einem Quantensprung in der menschlichen Entwicklung insgesamt zu tun haben – ohne, dass wir bisher eine angemessene Chance gehabt hätten, uns geistig, seelisch und emotional anzupassen. Dadurch ist ein unglaublicher Sog entstanden, der ambivalente Züge zeigt: Einerseits gibt es eine stärkere Vernetzung der Menschen miteinander, gleichzeitig aber auch eine starke Ent-Persönlichung mit verstärkter Individualisierung. Überall sehe ich, wie Menschen in grotesker Weise mit ihren Geräten verschmolzen sind. Und dann wird deutlich: Das ist mehr als nur der Austausch von Informationen und Bildern. Hier geht es auch um tiefe seelische Bedürfnisse, um Sehnsucht nach etwas, nach Begegnung, nach Vertrautheit. Diese Bedürfnisse werden nun projiziert, und sie können sich ausleben in diesen Geräten. Wohin uns das führt, halte ich im Ergebnis momentan noch für recht offen.

politik-digital: Technische Veränderungen prägen nicht nur gesellschaftliche Prozesse, sondern werfen auch neue ethische Fragestellungen auf. Kann man auf menschlicher Ebene generell von einer Bewusstseinsänderung sprechen?

Claus Eurich: Unbedingt. Es ist ein Herausholen aus raumzeitlicher Enge, auch aus dem unmittelbaren Zusammensein und der direkten Kommunikation. Gleichzeitig ist es aber eben auch eine Entfremdung von der direkten Lebensumwelt, in der ich mich befinde. Ich begegne zum Beispiel kaum noch Menschen auf der Straße oder im öffentlichen Raum, die Augenkontakt suchen und halten, weil sie so sehr mit ihren Geräten beschäftigt sind, gleichsam ganz in sie aufgesogen sind. Auch das hat sehr viel mit Bewusstsein zu tun. Die Ethik dahinter ist nun ein ganz eigenes Thema: Wir brauchen bei dem Umgang mit Informationstechnologien keine eigene Informationsethik. Das wäre ein Verkennen der ethischen Grundanforderung! Denn: Das Ethos ist unabhängig von diesen Entwicklungen und meint, dass es immer, in jeder Situation und jeder historischen Phase bestimmte Grundsätze gibt, die es gilt, in das Leben zu integrieren und situativ anzuwenden.

Kants Kategorischer Imperativ als digitale Handlungsmaxime

politik-digital: Wie können wir uns das jetzt genau vorstellen?

Claus Eurich: Nehmen wir zum Beispiel Immanuel Kant. Man kann seinen kategorischen Imperativ modern interpretieren als das Grundgesetz der Achtsamkeit im Leben. Und wenn ich das dann durchdenke in meinem Verhalten, beispielsweise bezogen auf den Umgang mit Smartphones und wie ich mich über Straßen bewege, und mir vorstelle: Das ist jetzt ein allgemeines Gesetz, dass sich alle Menschen so bewegen und sich so voneinander abwenden, dann wird mir vielleicht schnell einiges klar – vorausgesetzt ich bin bereit zur Selbstreflexion.

politik-digital: Von dieser Verdinglichung, die Sie damit auch ansprechen, erzählen Sie ja auch in Ihrem neusten Buch „Aufstand für das Leben“. Sie appellieren, dass es Zeit wird aufzuwachen. Die Zerstörung und die Besinnungslosigkeit, mit der wir dem Leben, nicht nur dem Menschlichen, begegnen, sollen ein Ende haben. Inwiefern finden wir destruktive Energien auch im Internet?

Claus Eurich: Das Internet enthält einfach alles, Helles und Dunkles. Hier ist keine pauschale Aussage möglich. Ich würde daher auch die vielen Formen der elektronischen Kommunikationsweisen als erstes unter dem Vorzeichen sehen, wie sie uns ablenken und aus der direkten Lebenszuwendung und Wahrnehmung von Problemen herausführen. Gleichzeitig machen sie uns auch auf ganz bestimmte Probleme erst aufmerksam. Ich glaube nicht, dass wir auch nur den Hauch einer Chance haben als Gattung zu überleben, wenn wir die globalen Probleme nicht auch auf einer globalen Weise angehen und dazu gehört sicherlich auch eine globale Form der Vernetzung. Sie sehen also, das Dunkle und das Notwendige hängen immanent zusammen. Es gibt kein Internet nur des Lichts oder nur des Schattens.

Journalismus: Wir brauchen mehr Haltung!

politik-digital: Woran fehlt es uns nun in der Gesellschaft, um mehr Licht zu schaffen?

Claus Eurich: Es fehlt vor allem die Vision. Was halten wir für lebenswert? Diesen Diskurs vermisse ich in unserer Kultur. Dafür setzen wir unsere persönlichen Bedürfnisse einfach zu absolut. Wir haben verlernt über uns selber hinauszudenken. Dieser „Ego-Tunnel“, wie Thomas Metzinger es formuliert, in dem wir alle auf allen Ebenen stecken, scheint mir das Problem. Und genau da haben Informationstechnologien eine außerordentliche Kraft, dies auch noch zu verstärken.

politik-digital: Diese Kraft muss auch einen enormen Einfluss auf den Journalismus selbst haben. Inwiefern glauben Sie, dass das Prinzip des Ego-Tunnels auch im Journalismus heutzutage Dinge und Prozesse aufwühlt?

Claus Eurich: Dem Journalismus kommt in diesen ganzen Prozessen eine Schlüsselverantwortung zu, die meiner Auffassung nach höher anzusiedeln ist als die von Politik und Ökonomie. Es ist der Journalismus, der die Weltbilder in den Menschen stiftet und auch das Nachdenken über Handlungsoptionen. Wir haben in Deutschland, gerade auch im internationalen Maßstab, neben allem Defizitärem einen ganz exzellenten Journalismus – auch auf einem sehr hohen, selbstreflexiven Level. Zweifellos lässt sich aber auch da noch immer eine ganze Menge verbessern. Ich würde da eher weniger an den Strukturen ansetzen, sondern vielmehr bei dem Journalist als Person. Denn Ethik heißt für mich in aller erster Linie „Haltung“: Haltung haben, Haltung bewahren und wirklich innere Werte in sich tragen, die mir heilig sind und hinter die ich nicht zurücktrete. Gleichzeitig müssen wir registrieren, dass der klassische professionelle Journalismus im Internetzeitalter und einer völligen Zugangsfreiheit, was Informationen betrifft, an Bedeutung verliert.

Zeit für Entscheidungen: Der Kairos-Moment

politik-digital: Eine lösungsorientierte Perspektive nimmt auch der sogenannte Kairos-Moment in Ihrem aktuellen Buch ein. Was genau beschreibt der Kairos-Moment und befinden wir uns auch in der digitalen Welt in einem Moment des Entscheidens?

Claus Eurich: Ich würde nicht sagen, dass wir uns in der digitalen Welt in einem besonderen Moment des Entscheidens befinden, denn die digitale Welt ist ein Teil der Welt. Sie ist Teil der Handlungsmaxime und der -optionen, die wir auf allen Ebenen haben. Von daher können wir das nicht trennen. Als Kairos verstehe ich Geschichtsmomente, in denen sich Wege und Richtungen entscheiden. Kairos meint: In jedem Moment gibt es eigentlich immer alles an Optionen, die Möglichkeiten sind da – es entscheidet nur die Art und Weise, wie wir darauf schauen. Und wenn ich mal versuche eine Summe zu bilden aus den globalen Herausforderungen, die wir haben, dann glaube ich, stehen wir im Herzpunkt eines solchen historischen und globalen Kairos-Moments. Die Digitalisierung und die Möglichkeit, dass wir uns in hoher Geschwindigkeit und in hoher Zahl auf diesem Planeten vernetzen, das ist für mich der entscheidende Punkt, der das Digitale betrifft und in alles miteinbezieht. Das Gefühl der Vernetzung und der Solidarität im positiven Sinne sind dabei von größter Bedeutung.

politik-digital: Dass wir und selbst eher als findende, lösungsorientierte Menschen wahrnehmen, spiegelt also eine Notwendigkeit wider, auch um im Digitalen den Kairos-Moment nicht zu verpassen. Bei einem Interview mit Radio evolve bezeichnen Sie sich trotz der intensiven Auseinandersetzung mit destruktiven Energien, Krisen und Unheil dennoch als Optimist. Wie können Sie mir und den LeserInnen helfen, unseren Optimismus nicht zu verlieren oder gar wiederzufinden?

Claus Eurich: Wir haben gar keine andere Chance als optimistisch zu sein, denn sonst wird der Sog des Destruktiven auch in der Wahrnehmung einfach zu stark. Wenn ich das Leiden auf unserem Planeten immer in allen Dimensionen und Facetten an mich heranlassen würde, dann wäre das schlicht und einfach nicht auszuhalten. Optimismus meint, das zu integrieren und trotzdem weiterzugehen und ganz im Sinne der existenzialistischen Ethik, sich immer wieder neu zu entwerfen. Wir brauchen eine Vision vom Leben, die uns durch alle Katastrophen hindurchzieht und weiter aufrecht gehen lässt.

Optimismus als einzige Chance, auch online

politik-digital: Um seinen Optimismus auch in den digitalen Sphären nicht zu verlieren, hat das Institut für Digitale Ethik der Hochschule für Medien in Stuttgart sogenannte 10 Gebote veröffentlicht. Sie sollen uns helfen, uns in der digitalen Welt zurechtzufinden durch Gebote wie „Messe deinen Wert nicht an Likes und Posts“ oder „Glaube nicht alles, was Du online siehst und informiere Dich aus verschiedenen Quellen“. Welche (digitale) Handlungsmaxime geben Sie uns mit auf den Weg?

Claus Eurich: Mir liegt besonders am Herzen, ein eigenständiger Mensch zu sein und nicht zum Anhängsel oder Opfer einer Technik zu werden. Und wenn ich merke, hier läuft etwas ungut im Bereich der digitalen Nutzung, sollte ich mich in der Lage sehen, zu reagieren und auch andere Wege zu gehen. Im eigenständigen Denken und Entwickeln ethischer Maßstäbe beginnt für mich alles. Hier erst entsteht Menschsein. Und dann versuche deine Lebenswelt so zu gestalten, dass du wirklich das Gefühl hast: Es ist gut für mich und es dient dem Leben insgesamt. Einen anderen Ratschlag kann ich nicht geben.

politik-digital: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Eurich.

 

Titelbild: Die Schule von Athen von Raffael, public domain, verändert

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