Geld spielt keine Rolle

Multimediaföderung in Berlin/Brandenburg

Berlin ist die Medien-Hauptstadt Nr. 1 – obwohl es dort nicht viel zu holen
gibt. Wollen die Start-ups keine Fördermittel?

Bernd Schiphorst, Leiter des "medienbüros
berlinbrandenburg
", brachte es in einem Interview auf den Punkt: "Was
die neuen Gründer suchen, sind Netzwerke – und da hat die Region Berlin
und Brandenburg einen riesigen Standortvorteil." Die Aussicht auf Fördertöpfe
sei hingegen nicht ausschlaggebend für eine Standortentscheidung. Geld
spielt keine Rolle? Es scheint, als wolle die New Economy sich vom Mief des
hochsubventionierten rheinischen Kapitalismus lossagen; sie setzt auf "networking"
anstatt auf Seilschaften.

Berlin ist auf dem besten Weg zur Medienhauptstadt: "Wachstumsmotor Nr.
1 ist die Internet- und Multimediawirtschaft in Berlin (…). 13 Prozent der
deutschen Online-Startups haben sich in der deutschen Hauptstadt niedergelassen",
so steht es im Wirtschaftsbericht
der Stadt. Innerhalb nur eines Jahres hat sich die Anzahl der Multimedia-Agenturen
in Berlin von 450 auf 900 verdoppelt. Aber: "Die Zahlen, die ich habe,
sind wahrscheinlich schon hoffnungslos veraltet", gibt Dr. Ulrich Schmid
zu, der im medienbüro für den Bereich "Neue Medien" zuständig
ist. Höchstwahrscheinlich sind diese Zahlen inzwischen wieder rückläufig.
Bernd Schiphorst, Leiter des medienbüros bb, ist dennoch zuversichtlich:
"Die derzeitige Krise darf nicht zum Abgesang auf die Internet- und IT-Branche
in unserer Region führen. Nicht das Internet ist in der Krise, sondern
manche unternehmerische Strategien und Visionen."

Geht
man von der Anzahl der Internet-Unternehmen aus, wird Berlin von den anderen
beiden großen Medienstädten Deutschlands, Hamburg und München,
zwar übertroffen. Deutsche und internationale Medien-Unternehmen entscheiden
sich jedoch zunehmend, ihren Hauptsitz nach Berlin zu verlegen. Erst vor kurzem
hat die Universal Music, der weltweit größte Musikkonzern, für
Mitte 2002 seinen Umzug von Hamburg nach Berlin angekündigt. Auch andere
Branchenriesen, vor allem Werbeagenturen, zieht es nach Berlin. Als Gründe
für die Standortwahl werden die "Aufbruchstimmung in der Stadt Berlin"
und der "Spaß, in der Region zu sein und dort etwas aufzubauen"
genannt. Oder wie die Studie von e-startup.org philosophischer formuliert: "Berlin
ist immer und wird nie, das heißt der Wandel ist allgegenwärtig.
[Dies] passt hervorragend zur net-economy!" (aus einer Umfrage von e-startup.org).

Berlins Stärke als Medien-Hauptstadt möchte auch der Senat der Stadt
fördern. Michael-Andreas Butz, ehemaliger Pressesprecher des Senates, beteuerte
noch vor dem Machtwechsel in Berlin: "Die Förderung und Stärke
des Berliner Medienmarkts war und bleibt zentrale Aufgabe der Senatspolitik."

Zuständig für die Vergabe der Fördermittel des Landes ist die
Investitionsbank Berlin (IBB). Aktuelle Zahlen sind von ihr jedoch nur schwer
bekommen. Das liegt vor allem daran, dass die Förderlandschaft umstrukturiert
wird, Fördertöpfe aufgeteilt und zusammengelegt werden. Lediglich
für 1999 läßt sich feststellen, dass 67 Unternehmen gefördert
wurden, mit einem Gesamtetat von 9,1 Millionen Euro. Einer der wichtigsten Töpfe
ist die "Förderung aus der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der
regionalen Wirtschaftsstruktur" (GA). In den letzten zehn Jahren wurden
89 Unternehmen mit insgesamt 30 Millionen DM durch die GA-Förderung unterstützt.

Eines dieser Unternehmen ist das Verbraucherportal dooyoo AG. Das Unternehmen
wurde 1999 gegründet und beantragte gleich eine Förderung. Erst sieben
Monate später flossen die ersten Gelder. Trotz der langen Bearbeitungszeit
ist das Unternehmen aber zufrieden mit der IBB. Zuerst lief die Zusammenarbeit
über einen Anwalt, im persönlichen Gespräch zwischen den Gründern
und der IBB erwies sich die Bank aber als flexibler Partner, so Marcus Piepenschneider,
Vice President im Bereich Finanzen und Rechnungswesen. Der Förderantrag
der dooyoo AG mit einem Umfang von zwischen 1 und 1,5 Millionen DM läuft
noch bis nächstes Jahr, danach möchte dooyoo einen neuen Antrag stellen.

Neben der finanziellen Förderung vergibt die Investitionsbank Berlin jedoch
auch hilfreiches Know-How. Im Rahmen des Business-Plan-Wettbewerbs können
Gründer "mit fachkundiger Unterstützung" (Website
des Wettbewerbs) ein Geschäftskonzept erarbeiten. An diesen Workshops nimmt
die dooyoo AG jedoch nicht mehr teil: "Entweder man kann einen Businessplan
erstellen oder nicht", so Piepenschneider. Über mangelnder Nachfrage
beim Wettbewerb kann sich die IBB dennoch nicht beklagen: Beim diesjährigen
Wettbewerb haben so viele Gründer teilgenommen wie noch nie zuvor.

Noch eine andere Institution hat den guten Ruf der Berlins als Medien-Hauptstadt
geprägt. Das Berliner Business
Location Center
(BLC) ist ein multimediales Informationszentrum für
Gründer, auf dem alle interessanten Daten abgerufen werden können.
In einem bundesweiten Test der Kienbaum Managment Consultants GmbH, in dem die
Internet-Auftritte der Wirtschaftsförderung der 50 größten deutschen
Städte verglichen werden, belegte Berlin vor allem wegen des BLCs den ersten
Platz, gefolgt von Mühlheim an der Ruhr und Dortmund. "Das BLC",
so die Studie, "setzt neue Maßstäbe im modernen Standortmarketing.
Es bündelt umfassend die bislang über die Stadt verteilten Wirtschaftsdaten
und ermöglicht eine individuelle Online-Betreuung (…). Das neue System
wird die Betreuung von Investoren durchgreifend verändern und auf längere
Zeit selbst einen Standortvorteil darstellen."

Das Netzwerke und Gründerkultur nicht alleine standortentscheident sind,
bewies Ende August jedoch die Software-Firma Oracle, nach Microsoft die Nummer
zwei auf dem Weltmarkt. Der Konzern überraschte mit der Verlegung seiner
Internet Sales Division von Dublin nach Potsdam anstatt Berlin. Die Berliner
Behörden seien langsam und wenig zurvorkommend. Rolf Schwirtz, oberster
Geschäftsführer von Oracle Deutschland fordert: "Wir sind ungeduldig
und schnell (…) und wir fordern bei den zuständigen Behörden die
gleichen Attribute." Darüber hinaus habe Brandenburg deutlich mehr
Fördergelder aufgebracht. Manchmal spielt Geld eben doch eine Rolle.

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