„Gefährliche Ideen“ – die Digitalisierung als Chance für mehr soziales Engagement?

Social Media Heart Collage by Cathleen Donovan via Flickr CC-BY-NC 2.0 editedWie kann Technologie zum Gemeinwohl beitragen? Diese Frage stellen sich fünf junge Menschen aus der Berliner Start-Up-Szene und haben die Ideenfabrik „DangerousTech“ gegründet. Am vergangenen Dienstag, den 28.11.2017, haben sie zu ihrer ersten Veranstaltung eingeladen: Kreativer Ideenaustausch bei Bier und Pizza mit dem Ziel, die digitalisierte Welt zu einem besseren Ort zu machen.

„Herzlich Willkommen, schön, dass du gekommen bist. Nimm dir erstmal ein Bier, die Pizza ist auf dem Weg!“ So begrüßt mich Lilli, eine der Gründerinnen von DangerousTech. Ich folge der freundlichen Aufforderung, schnappe mir ein Bier und schaue mich um. Der kleine Seminarraum in dem renovierten Fabrikgebäude in Kreuzberg ist erstaunlich voll. Es sind um die 60 Leute gekommen, die meisten zwischen 25 und 35 Jahren. Viele unterhalten sich angeregt auf Englisch, man kennt sich hier in der Berliner Start-Up-Szene.

„Dangerous Talk #1: Can Tech Help Scale Social Good?”

So lautet das Motto des heutigen Abends. Die Gründer von DangerousTech möchten wissen, wie die heutige Digitalisierung unsere Gesellschaft verbessern kann. Ihr Motto: Mit „gefährlichen“ Ideen für Veränderungen sorgen. An diesem Abend hören wir drei Beispiele, wo dies bereits in vollem Gange ist.

Mozilla Common Voice – Seine Stimme spenden für einen guten Zweck

Als erstes kommt Michael nach vorne. Er ist Entwickler bei Mozilla und arbeitet an dem Projekt Common Voice, einer Initiative, die Maschinen das Erlernen von menschlichen Sprachen leichter machen soll. Wie soll das funktionieren? Michael erklärt zunächst den Hintergrund der Aktion: „Aktuelle Spracherkennungsprogramme sind sehr teuer und kompliziert zu entwickeln, sodass sie bis dato nur den „Großen“ wie Android, Apple oder Amazon vorenthalten sind. Kleinere Startups können sich dadurch nicht oder nur sehr schwer an der Entwicklung beteiligen oder eigene Ideen kreieren“.

Durch Common Voice jedoch kann jeder dazu beitragen. Und Michael beschreibt wie: Auf der Webseite des Projektes liest man ein paar einfache Sätze vor, die durch das Mikrofon des Computers aufgezeichnet werden. Dadurch entstehen nach und nach Tausende von Datensätzen, die allen interessierten Entwicklern frei zum Download zur Verfügung stehen. Momentan ist dies nur auf Englisch möglich, es sollen aber viele weitere Sprachen folgen. Ein kritischer Besucher stellt die obligatorische Frage nach dem Datenschutz. Michael antwortet darauf ganz cool: „Jeder, der seine Stimme zur Verfügung stellt, tut das freiwillig. Außerdem dringt dies doch viel weniger in meine Privatsphäre ein, als wenn ich ein Bild von mir bei Facebook hochlade“. Ein schlagkräftiges Argument.

Technologie für alle –  Women Techmakers für mehr Diversität

Anna hat Informatik in Polen studiert, sie ist Entwicklerin für Android und vor allem ist sie sehr motiviert. Sie engagiert sich für Women Techmakers und die Präsenz von Frauen in der IT-Branche. Women Techmakers bietet kostenlose Fortbildungen in verschiedenen Programmiersprachen an und organisiert Veranstaltungen mit dem Ziel, sich auszutauschen und zu vernetzen. Anna berichtet, wie sie immer wieder auf Ablehnung stößt, wenn sie mit anderen über ihren Beruf spricht. Viele Frauen denken, Informatik sei zu schwer oder zu kompliziert für sie. Dies will Anna ändern. Jedoch möchte sie nicht nur Frauen animieren: „Auch Flüchtlinge, Menschen der LGBTQ + Gemeinschaft (Menschen mit einer alternativen sexuellen Orientierung oder Identität) oder andere Interessierte sind herzlich willkommen. Das Ziel von Women Techmakers ist es, mehr Diversität in die bis heute von Männern dominierte Welt der IT-Branche zu bringen“, erzählt sie stolz.

Airbnb Open Homes –  Die Türen öffnen für Menschen in Not

Nachdem Airbnb in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten ist, den ohnehin schon schwer bezahlbaren Wohnraum in den Großstädten weiter einzuschränken, kann der mittlerweile milliardenschwere Riese aus dem Silicon Valley an diesem Abend nur punkten:

„Öffne dein Herz und deine Tür für Menschen in Not“, so lautet der Leitspruch des Projektes Open Homes. Emilia kommt nach vorne, eine junge Frau von Airbnb, die uns mehr darüber berichtet. „Jeder von uns kann mal in eine Notlage geraten, sei es durch ein Erdbeben, eine Sturmflut oder einen Terroranschlag“, sagt sie. „Airbnb hat mittlerweile Tausende von Kooperationen mit seinen Gastgebern, die in solchen Fällen eine kostenlose Notunterkunft für Betroffene bereitstellen“. Die Idee klingt einfach und wirkungsvoll. Allerdings stellt dies auch eine nicht ganz uneigennützige Form der Werbung dar. Heiligt der Zweck die Mittel? Darüber kann man diskutieren.

Soziales Engagement und Digitalisierung Hand in Hand?

Nach diesen drei äußerst interessanten Vorträgen gibt es endlich die versprochene Pizza und natürlich noch mehr Bier. Alle machen einen äußerst zufriedenen Eindruck. Lilli ist begeistert. „Ich habe nicht erwartet, dass so viele Leute kommen und ich freue mich schon auf unser nächstes Treffen“, sagt sie freudestrahlend.

Mir wird klar: Es ist nicht die Technologie, die die Welt besser oder schlechter macht. Es sind die Menschen, die hinter den Monitoren und Touchscreens sitzen. Natürlich gibt es weiterhin eine Menge negativer Beispiele für den Einfluss, den die Technologie auf uns hat. Jugendliche, die sich aufgrund von Hass und Mobbing im Netz das Leben nehmen. Oder Menschen, die aufgrund zunehmender Digitalisierung ihren Arbeitsplatz verlieren. Dies sind alles Probleme, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss. Jedoch ist es sehr beruhigend zu wissen, dass es so viele junge Menschen gibt, die sich nicht hinter ihren Bildschirmen verstecken. Die das Potenzial der Digitalisierung nutzen möchten, um sich zu vernetzen und mit ihrem „sozial-technischen“ Engagement die Welt vielleicht ein bisschen besser zu machen.

 

Titelbild: Social Media Heart Collage by Kathleen Donovan via Flickr, CC-BY-NC 2.0, edited

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