“Ein Meilenstein in der politischen Kommunikationsforschung”

Buerger_onlineEs ist ein international wohl einmaliges Projekt: Fast ein Jahrzehnt lang haben Wissenschaftler die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation deutscher Bürger untersucht. Jetzt ziehen die Forscher Bilanz – und enttäuschen manch hoffnungsfrohe Vision einer politischen Internetrevolution.

 

Von den Anfängen der massenhaften Verbreitung des Netzes am Beginn des neues Jahrtausends bis zum Siegeszug der sozialen Netzwerke: Die Autoren des im September erschienenen Abschlusswerkes “Bürger Online – Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland” Martin Emmer, Gerhard Vowe und Jens Wolling konstatieren einen relativ geringen Effekt des Netzes auf die politische Kommunikation der Bürger. Aus der Fülle an Daten leiten die Forscher vier zentrale Befunde ab:

1. Eine generelle Abkehr von politischer Kommunikation und politischen Inhalten lässt sich NICHT feststellen. Was oftmals als Abkehr der Jugend von politischen Themen interpretiert wird, erklären die Autoren mit dem Verweis auf die verschobene Gewichtung in der Mediennutzung. Die von Anfang an online sozialisierte und direkt in die “vom Internet geprägte persönliche Medienwelt” hineingeborene Generation bilde neue Kommunikationsmuster aus, die langfristig auch die politische Kommunikation gesamtgesellschaftlich verändern könnten. Für den Großteil der Bürger jedoch gilt: “Sie bleiben bei ihren Gewohnheiten, auch in ihrer politischen Kommunikation”, berichtet Gerhard Vowe im Interview mit Zeit Online.

2. In Sachen Partizipation bleiben mobilisierende Effekte durch das Netz weitgehend aus. Online-Partizipationsmöglichkeiten werden von weniger als fünf Prozent der Bürger genutzt. Das Internet müsse daher eher als Erweiterung der Bandbreite des Zugangs zu Politik begriffen werden. Politisch interessierte Gruppen nutzen die Möglichkeiten des Netzes, während politikferne Schichten durch das Internet nicht zu verstärkter Beteiligung animiert werden können.

3. Die Ergebnisse deuten auf eine Fortsetzung der digitalen Spaltung hin. Dabei offenbart sich eine zunehmende Kluft zwischen Jung und Alt und eine Fortführung der Unterschiede zwischen “Offline-” und “Online-Welt”. Zudem stellen die Forscher fest, dass die Bürger innherhalb einer Altersgruppe in ihrem Kommunikationsverhalten über die Jahre hinweg relativ stabil bleiben.

4. “Die anhaltend rasche Veränderung der Online-Welt hat nicht zu entsprechenden dramatischen Veränderungen der politischen Kommunikation der einzelnen Bürger geführt, wie es spekulative Annahmen über die Wirkungsmächtigkeit des Internet vor allem zu Beginn der Internetdiffusion nahegelegt hatten.” Häufig hätten vielmehr situative Ereignisse wie der 11. September 2001 oder die Hartz IV-Reformen als Katalysatoren für eine vorübergehende Mobilisierung der Bürger gedient.

Ihren Ausgang hatte die Langzeitstudie mit einer Skizze auf einer Serviette in einem Erfurter Café genommen. Martin Emmer von der TU Ilmenau konnte den Düsseldorfer Medienwissenschaftler Gerhard Vowe von der einmaligen Chance einer Langzeitstudie zur Nutzung des Internet überzeugen. “Ab der Jahrtausendwende […] bot sich die Gelegenheit, Wirkungsvermutungen in einem quasi-experimentellen Design durch Feldforschung zu prüfen,” erläutern die Autoren ihre Beweggründe. 2002 lag der Anteil der Internetnutzer in Deutschland bei rund einem Drittel der Gesamtbevölkerung, zum Ende des Untersuchungszeitraumes im Jahr 2009 hingegen bei zwei Dritteln aller Bürger. Durch die Langzeitbeobachtung konnten Onliner und Offliner in ihrem politischen Kommunikationsverhalten verglichen und der Einfluss des Internet auf einen möglichen Wandel der politischen Kommunikation analysiert werden.

Herzstück der Untersuchung war ein repräsentatives Panel von Untersuchungsteilnehmern, die jährlich telefonisch zu ihrer Internetnutzung befragt wurden. Dabei wurde ein breites Spektrum vom Lesen des Politikteils der Tageszeitung bis zur Teilnahme an Demonstrationen und dem Schreiben von Leserbriefen erhoben. Diese in ihrer zeitlichen Länge einmalige Längsschnittanalyse hebt sich damit von den bisher veröffentlichten punktuell erhobenen Datensätzen und Einzelfallstudien ab.

Das nun beim UVK-Verlag erschienene Buch bilanziert in 14 Kapiteln das 2010 abgeschlossene Forschungsprogramm. Dabei bildet die deskriptive Darstellung der Ergebnisse den zentralen Teil. Vorangestellt wurden folgende Fragestellungen: Wie wird das Internet für die politische Kommunikation genutzt? Verändert es die politische Kommunikation und wie sind potenzielle Veränderungen zu erklären? Ändert sich die generelle Einstellung zur Politik? Welche Personengruppen können die Veränderungen am ehesten für sich nutzen? Die Untersuchung bewegt sich dabei stets auf der Mikroebene der einzelnen Bürger und blendet die Wirkung des Internet auf Parteien, Verbände oder die gesellschaftlichen Strukturen aus. Die Informationskommunikation umfasst rezeptive Aktivitäten wie das Sehen von Nachrichtensendungen oder die Suche nach politischen Informationen im Netz. Daneben werden interpersonale Kommunikationsmuster wie die Teilnahme an politischen Chats oder “herkömmlichen” Gesprächen mit Freunden und Bekannten über Politik erfasst. Die Partizipationskommunikation wird schließlich durch die Teilnahme an Demonstrationen und öffentlichen Veranstaltungen oder das Schreiben von Online-Leserbriefen definiert.

Die Auswertung der Daten offenbart die über den Zeitverlauf erhalten gebliebene soziale Spaltung in der Nutzung des Netzes. Nach wie vor gelten junge, männliche Nutzer mit hohem Bildungsgrad und überdurchschnittlichem Einkommen als digitale Avantgarde. Kaum mehr als fünf Prozent nutzen das Internet regelmäßig als Diskussionsplattform, und der Anteil derjenigen, die ausschließlich online diskutieren, liegt bei unter einem Prozent aller Befragten – das Internet wird hier demnach mehr als zusätzliche Möglichkeit und weniger als Alternative betrachtet. Auch das partizipative Potenzial des Netzes bleibt demnach nach wie vor weitestgehend ungenutzt. Die zentrale Frage, ob es eine direkte Kausalbeziehung zwischen der Internutzung und einer sich ändernden politischen Kommunikation der Bürger gibt, beantworten die Forscher mit einem unentschiedenen  “jein”. In der jüngsten Gruppe der unter 35-Jährigen zeigte sich insbesondere im Bereich der Informationskommunikation der stärkste Einfluss des Internet. Bei allen anderen Altersgruppen konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen Onlinezugang, politischer Kommunikation und politischen Einstellungen festgestellt werden. Auf Basis der gesamten statistischen Befunde prognostizieren die Autoren deshalb lediglich für die jungen Altersgruppen einen Wandel in den politischen Kommunikationsmustern.

Angelika Füting nutzte die Daten der Langzeitstudie, um einen Wandel der Nutzertypologien im Zeitverlauf zu überprüfen. Ihr Fazit: Trotz der massenhaften Verbreitung des Internet bleiben die Typologien und die Anteile der Bürger, die diesen zuzuordnen sind, sehr stabil. Insbesondere die Gegenüberstellung des stabil bleibenden Anteils an internetaffinen “bequemen Modernen” mit der sinkenden Zahl an kommunikationsfreudigen, aber eher in “Offline-Kanälen” kommunizierenden “organisierten Extrovertierten” symbolisiere jedoch den partiellen Wandel politischer Kommunikationsmuster: Klassische Partizipationsformen wie Wahlen, Mitgliedschaften in Organisationen oder Teilnahme an Versammlungen verlören zunehmend an Bedeutung und würden teilweise duch individuellere und häufig auch internetbasierte Beteiligungsformen abgelöst.” Auf der Basis der Typen individueller politischer Kommunikation lässt sich prognostizieren, dass es keine neue Form der elektronischen Demokratie mit Einbeziehung aller in die politische Willensbildung geben wird, sondern einen Wandel in der Kommunikation von – auch neu entstehenden – politischen Kommunikationseliten”, resümiert Füting abschließend. Die Gesellschaft werde zwar internetaffiner, aber auch in Zukunft werde es Unterschiede in der Intensität und Vielfalt der politischen Kommunikation geben. Zumal der Anteil der “passiven Mainstreamer”, die von generellem Desinteresse an politischen Inhalten geprägt sind und sich kaum engagieren, mit den Jahren auf 53 Prozent gestiegen ist.

Getestet haben die Autoren auch akteurszentrierte Theorien zur Erklärung des Kommunikationsverhaltens der Bürger. Dabei wird die “persönliche Wichtigkeit einzelner politikbezogener Motive” erfragt, die für die Nutzung von Online-Angeboten relevant sein könnten. Dieser Ansatz würde sich aufgund des “pull-Medium”-Charakters des Internet, das zielgerichtet genutzt würde, besonders für die Erklärung der individuellen Nutzung der Bürger eignen. Die Forscher entwickelten ein statistisches Messverfahren zur Überprüfung von Kosten-Nutzen-Theorien. Nach Auswertung der Daten konnte jedoch keine klare Aussage über die Erklärungskraft der Theorien getroffen werden. Es sei festzuhalten, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielten. “So bleiben etwa das politische Interesse oder der Bildungsstand nach wie vor dominante Erklärungsfaktoren für individuelles politisches Handeln,” erklären die Autoren.

Mit der Theorie der subjektiven Qualitätsauswahl soll zudem ein Erklärungsansatz für die Auswahl politischer Informationsangebote gefunden werden. Damit beschränken die Autoren sich jedoch auf der rezeptiven Kommunikationsebene, womit die Erkenntnisse aus demokratietheoretischer Perspektive weitestgehend irrelevant bleiben. Ferner scheint der Kosten-Nutzen- Ansatz der Forscher überholt. Auch wenn in ihrem erweiterten Modell altruistische Motive berücksichtigt werden, bleibt der Ansatz auf die Akteursperspektive verengt. Neuere Mediennutzungs- und Medienwirkungsansätze berücksichtigen hingegen akteurszentrierte und medienzentrierte Ansätze in einen zusammenhängenden Kommunikationskreislauf. Medienzentrierte Ansätze fragen nach dem Einfluss des Mediums auf den Nutzer. Denn der Nutzer wird auch im Internet durch das vorhandene Medienangebot in seinem Nutzungsverhalten beeinflusst. Allerdings betonen die Autoren auch mehrfach, dass sie sich in ihrer Untersuchung auf die Mikroebene der Individuen beschränken, weshalb die Auswahl der theoretischen Ansätze legitim ist. Zudem wollen sie mit diesen Ansätzen lediglich erste Anregungen für die weitere theoretische Auseinandersetzung mit dem politischen Kommunikationsverhalten der Bürger liefern. Die Stärke des Buches liegt demnach weniger im theoretischen Teil, als in der ausführlichen analytischen Aufbereitung der erhobenen Daten. Winfried Schulz von der Universität Erlangen-Nürnberg prognostiziert daher zu Recht, dass die Langzeitstudie “als Meilenstein in die Geschichte der politischen Kommunikationsforschung eingehen wird”. Das Buch selbst leistet hingegen einen weitaus geringeren Beitrag zur politischen Kommunikationsforschung. Allerdings ist es aufgrund seiner guten Lesbarkeit auch für ein breiteres Publikum geeignet und Vertretern aus Politik und Medien zu empfehlen.

Kommentar verfassen