Das Gedächtnis in der Hosentasche

Seit wenigen Tagen sind Datenschützer und Politiker in heller Aufregung. Auf einem Vortrag in Washington wurde von zwei Informatikern eine Funktion des aktuellen iPhone-Betriebssystems offengelegt, welche die nachträgliche Lokalisierung erlaubt. Auch Google-Handys sind offenbar betroffen. Über die Datensammlung der IT-Unternehmen und die Rolle der Politik sprach politik-digital.de mit Lasse Becker, dem Bundesvorsitzenden der “JuLis”.

 

Ein visualisierter Beitrag des Grünen-Politikers Malte Spitz führte vor etwas mehr als einem Monat zu breiter Resonanz unter Datenschützern und Politikern verschiedener Parteien in Deutschland. Spitz hatte bei seinem Mobilfunkanbieter die Herausgabe von Verbindungsdaten und eines darauf aufbauenden Bewegungsprofils erwirkt. Besitzer von aktuellen iPhone- und iPad-Modellen sowie verschiedener Android-basierter mobiler Endgeräte müssen sich diese Mühe überhaupt nicht mehr machen. Grund ist eine verborgene Datei in Apples aktuellstem, seit März verfügbarem mobilen Betriebssystem iOS 4. Das Betriebssystem funktioniert auf allen aktuelleren iPhone-Modellen sowie auf den iPad-Geräten. Die gespeicherten Positionsdaten werden beim Verbinden des iPhones (ab Version 3G) oder iPads vermittels der Software iTunes automatisch auf den heimischen PC übertragen.

Mithilfe eines inzwischen im Internet frei verfügbaren Programms (Download für Windows und Mac OS) ist es möglich, diese Datei auszulesen und auf Grundlage der Daten der Mobilfunkbetreiber ein Bewegungsprofil des jeweiligen Smartphone-Nutzers zu erstellen. Nachdem diese verborgene Funktion zuerst bei den Apple-Handys und -Tablet-Computern durch die beiden US-amerikanischen IT-Experten Alasdair Allan und Pete Warden aufgedeckt worden ist, scheint inzwischen festzustehen, dass ebenfalls Smartphones, die auf Googles Android-Betriebssystem basieren, von dieser Datenschutzlücke betroffen sind. Kritik an der langfristigen Speicherung kommt jedoch nicht nur von Datenschützern und aus der IT-Wirtschaft, auch Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) äußerte bereits ihren Unmut.

iPhone-Tracker

Quelle: iPhone Tracker

Der Diplom-Volkswirt Lasse Becker, seit vergangenem Jahr Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, sieht die jüngst bekannt gewordene Datensammelung der Handy-Hersteller kritisch, wie er im Gespräch mit politik-digital.de deutlich macht: “Auch wenn noch nicht endgültig klar ist, ob die Bewegungshistorie des Nutzers an die Hersteller übertragen wurde, stellt eine solche Datenbank ein prinzipielles Risiko dar – auch wenn sie lediglich auf dem Mobiltelefon liegen sollte. Die Hersteller müssen eine umfassende Aufklärungs- und Sorgfaltspflicht haben.Lasse Becker (Foto: Philipp Wehrend) Letztere hat zumindest Apple klar vernachlässigt.”

Das Unternehmen Apple war bereits in der Vergangenheit immer wieder durch das umfangreiche Archivieren von Nutzerdaten und Kundenprofilen in den Fokus von Datenschützern und Politikern geraten. Auch der Suchmaschinenbetreiber Google, der mit dem System Android ebenfalls ein verbreitetes Betriebsystem für internetfähige Mobiltelefone bereithält, lässt mittels dieses Systems die Aufenthaltsorte von Android-Nutzern speichern. Google-Pressesprecher Kay Oberbeck bestätigte inzwischen entsprechende Pressemeldungen.

Auch wenn sich die Kritik aktuell hauptsächlich auf die genannten Unternehmen der Computer- und Telekommunikationsindustrie bezieht, sieht der JuLi-Vorsitzende Lasse Becker zusätzlich die Politik und vor allem die Nutzerinnen und Nutzer internetfähiger Handys in der Verantwortung: “Die ungewollte und dauerhafte Speicherung von Ortsdaten zeigt, dass wir dringend mehr für den Verbraucherschutz und den kommerziellen Datenschutz tun müssen. Eine ‘Stiftung Datenschutz’ – wie sie übrigens schon im Koalitionsvertrag steht – muss endlich kommen, damit weder Apple noch Google die Bürgerrechte und den Datenschutz der Bevölkerung so eklatant missachten können und Transparenz beim Daten- und Verbraucherschutz herrscht. Es geht aber eben auch um ein Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger im Umgang mit Neuen Medien. Man kann nicht alle Verantwortung auf den Hersteller abwälzen. Auch die User müssen begreifen, dass sie mit modernen Smartphones und dauerhafter Internetverbindung einen signifikanten Umschlagspunkt privater Daten in der Hosentasche haben.”

Mit Blick auf die zwischen den Koalitionsparteien auf Bundesebene aktuell geführte Debatte über die Notwendigkeit einer Vorratsdatenspeicherung stellt Becker aus Sicht des FDP-Nachwuchses des weiteren klar: “Das ist ein akutes Problem, das unabhängig von aktuellen Speicherpraktiken der Industrie zu diskutieren ist. Trotzdem dürfen wir diese nicht außer Acht lassen. Die Bundesregierung muss hier mit gutem Beispiel voran gehen und darf nicht den Anschein erwecken, jeden Big-Brother Award-Gewinner noch rechts überholen zu wollen. Es macht aber einen Unterschied, ob der Nutzer selbst für sich entscheidet, manche eigene Daten im Zuge der Nutzung mancher Dienste preiszugeben, wenn er das eben vorher klar weiß, oder ob der Staat pauschal 82 Millionen Bundesbürger komplett unter Generalverdacht stellt und überwachen lässt.”

Da vor allem die Firma Apple sich mit offiziellen Erklärungen seit dem Bekanntwerden des Datenlecks noch zurückhält, kann über die Ziele, die mit den gewonnen Daten erreicht werden sollen, nur spekuliert werden. Denkbar ist – folgt man enschlägigen Technik-Blogs -, dass diese Daten für die Produktentwicklung oder die bereits verfügbare App zum Wiederfinden verlorengegangener iPhones verwendet werden. Denkbar ist aber ebenso eine gezielte Datensammlung, mit deren Hilfe das kalifornische Unternehmen seinen Kunden zielgruppenspezifische Werbeanzeigen zukommen lassen will.

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