Co:llaboratory: „Lernen mit Neuen Medien“ oder „Neues Lernen mit Medien“?

Copyright: Brad Flickinger via Flickr Was passiert, wenn LehrerInnen, MedienpädagogInnen, SchulbuchverlegerInnen, TechnikerInnen und Internet-EnthusiastInnen zusammenkommen? Das Internet und Gesellschaft Co:llaboratory präsentiert in seinem Abschlussworkshop die Ergebnisse der 7. Initiative „Lernen in der digitalen Gesellschaft“.

Digitalisierung ist längst nicht mehr nur ein technischer Begriff, sondern Ausdruck eines sozialen Transformationsprozesses, der politische und gesellschaftliche AkteurInnen  zum Handeln auffordert. Und wie die meisten Veränderungsprozesse läuft auch die Digitalisierung nicht ganz reibungslos. Neben Hoffnungen auf mehr Partizipation und Transparenz bietet sie viel Raum für Kritik und Überforderung. Letzteres vor allem deshalb, weil die Digitalisierungswelle in relativ kurzer Zeit alle Lebensbereiche erfasst hat, die nun an die neuen Gegebenheiten angepasst werden müssen. Die deutsche Bildungslandschaft ist einer dieser Kolosse, der digital in Angriff genommen werden muss und bei dem konkrete Umsetzungspläne vergleichsweise weit hinterher hinken.

Der von Google initiierte Think Tank „Internet&Gesellschaft Co:llaboratory“, kurz Co:lab, stellte sich dieser Herausforderung und beschäftigte sich mit der Frage, was Lernen mit digitalen Medien für die deutsche Bildungslandschaft bedeuten kann. In seiner bereits siebten Initiative „Lernen in der digitalen Gesellschaft“ lud das Co:lab 35 renommierte ExpertInnen ein, um in einem mehrmonatigen Prozess ausführlich den gesellschaftlichen Mehrwert der Digitalisierung zu erörtern und Potentiale und Herausforderungen auszuwerten. Auf dem Abschlussworkshop, der gestern in Berlin stattfand, wurden nun die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.

Förderung von Medienkompetenz und “Open Educational Resources”

Zentrales Ergebnis sei das Zusammendenken von Digitalisierung und Medienkompetenz, so Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen und Mitglied des Kernteams der Initiative. Traditionelle Bildungsorganisationen, aber auch Lehrende und Lernende würden durch Digitalisierung herausgefordert und müssten in einen Veränderungsprozess einbezogen werden.

Initiative-Wolke

Zentrales Thema der Initiative waren außerdem „Open Educational Resources“ (OER), Lernmaterialien, die offen und frei zugängliche für eine breite Masse zur Verfügung gestellt werden, was nicht nur die die Schulbuchverlage herausfordert. Der Umgang mit dem Urheberrecht muss in diesem Zusammenhang ebenso neu verhandelt werden wie die Vergabe von Lizenzen. Derzeit gebe es noch ein Problem mit dem Aspekt „Open“ in Open Educational Resources, so Luise Ludwig, Geschäftsführerin des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz der Uni Mainz und eine der Expertinnen des Kernteams.

Medienskepsis als Hürde

Eine generelle Hürde bei der Umsetzung digitaler Lernkonzepte ist dem Medienpädagogen Prof. Stefan Aufenanger zufolge die deutsche Bildungskultur. Medienskepsis sei in Deutschland ein weit verbreitetes Phänomen, obwohl unser Alltag längst von Digitalisierung durchzogen sei und private wie berufliche Kommunikation ganz selbstverständlich online ablaufe.

Phillip Schmidt, Fellow des MIT Media Lab und Mitbegründer der Peer2Peer University, sieht in den USA beispielsweise einen deutlich fortschrittlicheren Umgang mit Konzepten wie Open Educational Resources. Schmidt ist bekennender Internetenthusiast und wünscht sich in Deutschland mehr Mut zum innovativen Handeln im Sinne von “Learning to be rather than learning about”.

Handlungsbedarf bestehe für Aufenanger auch in der Politik sowie an den Hochschulen selbst. Da in Deutschland über Bildungspolitik größtenteils auf Länderebene entschieden würde, seien bundesweite Konzepte schwer umsetzbar. Auch die Medienkompetenz der LehrerInnen und DozentInnen ließe oftmals zu wünschen übrig, ebenso die Bereitschaft zur Weiterbildung in diesem Bereich.

Motivationszuwachs durch Digitalisierung

Aufenanger plädiert insgesamt dafür, digitales Lernen nicht als „Lernen mit neuen Medien“ sondern als „Neues Lernen mit Medien“ zu begreifen. So könne sich ein Zuwachs an Motivation, Softskills und kooperativen Fähigkeiten sinnvoll aus den neuen Lernstrukturen ergeben. Durch eigene Zeitpläne und Lernorte fühlten die SchülerInnen sich freier und seien daher auch motivierter, ergänzte Luise Ludwig.

Die Begeisterung von den Möglichkeiten des digitalen Lernens überwog insgesamt bei Weitem die kritischen Positionen, die auf dem Abschlussworkshop des Co:lab kaum zur Sprache kamen. Dafür mag es aber auch andere Räume geben. Wenn der Koloss „deutsche Bildungslandschaft“ durch die Co:lab-Initative auch noch nicht ganz gebändigt werden konnte, so wurden dennoch viele zukunftsweisende Ideen hervorgebracht.

 

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