Big Brother – Little Brother


Er balanciert auf Zehenspitzen, hält sich mit der linken Hand an der Türklinke fest. Mit der anderen an der Hand
des großen Bruders. Sein linkes Auge ist an das Schlüsselloch gepresst. Die Wange des kleinen, dreijährigen
Jens spürt nicht das kühle Metall des Türschilds. Sie glüht vor Aufregung.

All seine Aufmerksamkeit liegt im
verzweifelten Bemühen, einen Blick von den geheimnisvollen, aufregenden Dingen im Weihnachtszimmer zu
erhaschen. Von den Dingen, die er nicht kennt, über die in der Adventszeit aber schon so viele Vermutungen
geäußert worden sind.
Er fiebert aber auch nach den Dingen, die es gar nicht geben wird. Den Dingen, die ihm seine Phantasie
vorgaukeln. — Wer kennt so etwas nicht selbst.

Schnitt. Zehn mutige Frauen und
Männer, die sich bislang nicht kannten, werden, abgeschottet von der
Außenwelt,
ab 1.3.2000 drei Monate lang in einem aus Containern gebauten Haus
wohnen. Beobachtet von Millionen TV-Neugieriger. 28 Kameras und 60
Mikrofone zeichnen jede Aktion, jedes Wort, jede Gefühlsregung Tag und
Nacht präzise auf. Die Highlights werden, so RTL 2, täglich zur besten
Sendezeit ausgestrahlt.
Die Kandidaten wagen 100 Tage ohne Privatsphäre, ohne intimen Schutz.

Millionen von neugierigen Schlüssellochguckern können es schon gar nicht abwarten, "der Wahrheit, wenn
die Maske fällt", so der RTL2-Originalton, ins Auge zu blicken. Die Fernsehmacher begreifen ihr kontroverses
Projekt als jung, authentisch und frech. Eben als modern. Eben als spektakuläre Investition in die Zukunft.
Was wird man sehen? Was nicht? Bevor das multimediale Intim-Fenster (über das Internet ist man rund um die
Uhr dabei) zum ersten Mal einen Spalt breit geöffnet wird, ergeht es den meisten der TV-Neugierigen wie dem
kleinen, dreijährigen Jens. Da muß ja was sein. Davon reden ja alle. Wann ist es endlich soweit! — Inzwischen
steigen die Aktienkurse der Produktionsfirma rasant an.
Schaut man jetzt durchs Schlüsselloch, sieht man nichts weiter als die Verpackung. Nichts als die
Ankündigungswahrheit! Nichts als 10 Menschen aus "unserer Mitte, die ernst zu nehmen sind." Man wird
zusammenleben. Man wird auf sich gestellt sein. Man wird zusammenhalten, sich streiten. Lachen und lieben.
Die Angst unter der Bettdecke verstecken. Durchhalten. Und sich vor laufender Kamera in der Nase bohren.

Kennt man ab März erst einmal die Figuren, so wie in den täglichen Soaps, wird man schnell einen diebischen
Spass finden an der modernen Variante von "zehn kleine Negerlein", ohne jedoch gewahr zu werden, dass man
selbst ein Teil des Spiels geworden ist. Die netten Menschen "aus unserer Mitte" mutieren zu willenlosen Figuren,
die wie in oben genanntem Abzählreim sich selbst aus dem Spiel werfen, sich selbst ausschalten. Denn alle zwei
Wochen muß ein Bewohner das Haus verlassen. Zwei der Bewohner werden nämlich von den übrigen durch
geheime, individuelle Nominierung als zu langweilig, zu schwierig oder zu wenig "heldenhaft" erklärt. Während die
begierige TV-Gemeinde den Schlußstrich zieht und einen der beiden aus dem Haus wirft. Die Kandidaten als
"Menschen aus unserer Mitte" angekündigt, dürfen also nicht sie selbst sein. Einen der Kandidaten aus dem
Spiel zu entfernen, meint somit auch, ihn als "Menschen aus unserer Mitte" dem eigenen Spielfieber zu opfern,
ihn abzuwerten. Ihn gerade dafür , weswegen man ihn eingeladen hatte, für nicht spieltauglich zu erklären.
Zum Schluß beim Finale im Juni werden drei übrig bleiben. Der Sieger erhält eine Prämie von 250.000 DM.

Die Kandidaten werden bewußt, und das gehört zum besonderen Thrill des Spiels, dem öffentlichen Gelächter
ausgesetzt. Sie sollen "normal" sein. Sind sie es aber, zeigt man mit dem Finger auf sie und wirft sie aus dem
Haus. Sie sollen"wie Du und ich"sein,. Sind sie es, erfüllen sie nicht mehr den Unterhaltunsgwert der Sendung.
Je höher aber der Unterhaltungswert, desto größer die Quote von RTL2 und umso heißer das Aktienfeuerwerk.
Beschämt werden inzwischen die abgewählten Kandidaten das Haus verlassen. Beschämt, weil sie sich gezeigt
haben, wie sie sich in ihrem Innersten sich fühlen. Diejenigen der Kandidaten, die dies geschickt zu verbergen
wissen, werden aber gefeiert . Sie werden bejubelt, weil sie sich gerade anders geben als die "Menschen aus
unserer Mitte".

Nicht die "Normalität" wie die Fernsehmacher es verkünden ist angesagt, sondern die Als-Ob-Identität der
Kandidaten. Was ist damit gemeint? Die Kandidaten müssen sich so geben, als ob sie "normal" seien.
"Normal", um unter den mehr als 20000 Mitbewerbern bestehen zu können. "Normal" genug, um ausgewählt
zu werden und eine der begehrten Eintrittskarten für das Big-Brother-Haus in Hürth bei Köln zu erhaschen.
"Normal" genug, um dann aber durch die wirkungsvolle Inszenierung der eigenen Maske die Heldenralley zu
bestehen.

Der TV-Konsument täuscht sich ebenso durch sich selbst. Fühlt er sich doch durch die RTL2-Verkündigung
beruhigt, es handele sich ja doch nur um "normale Menschen". Wenn er ab 1.3. sein Fernsehgerät einschaltet,
wird er die Kandidaten aber an Heldenkriterien messen.

Regie und täglicher Zusammenschnitt der interessantesten, in TV-Sprache reibungsvollsten Szenen auf
45 Minuten komplettieren die (Selbst)-Täuschung.

Als ob der normale Tag nur 45 Minuten hätte!

All dies bekommt durch das Gütesiegel der psychologischen Wissenschaft den Geruch von Serio sität.
Gründliche Auswahl der Teilnehmer, Betreuung vor Ort versprechen Sorgfalt und Fingerspitzengefühl im
Umgang mit den Emotionen der Kandidaten. Die sonntägliche psychologische Kommentierung im Big-
Brother-Talk soll die nötige wissenschaftliche Distanz, Neutralität suggerieren.

Das psychologische Team um den Kölner Diplompsychologen und niedergelassenen Psychotherapeuten
Ulrich Schmitz begreift sich als "Sicherheitssanitäter auf seelischer Ebene", ohne jedoch die Kriterien
preiszugeben, die die Notwendigkeit der psychologischen Betreuung überhaupt transparent sowie den
jeweiligen individuellen Einsatz für Außenstehende verstehbar machen. Eine solche Transparenz ergibt sich
jedoch für jeden Psychotherapeuten allein schon aus seiner Berufsethik.

Stattdessen verteidigt Schmitz, der sich als "freidenkender Psychologe" begreift, vehement das
Medienexperiment. Zum erstenmal würden die Medien der Gesellschaft ihren eigenen Spiegel vorhalten.
Die Befriedigung der grenzenlosen Neugier, die heutzutage üblich sei, sei angesagt, "nicht die große Moral".
So gesehen wird Big Brother zur bundesweiten Selbsterfahrungsgruppe, die, so Schmitz, der "Provokation der
Politik" dient. Die Fernsehmacher instrumentalisieren ,und das verschweigt Schmitz, Kandidaten und Zuschauer
zugleich. Sie missachten hierdurch die intersubjektive Menschenwürde. Und decken ihre eigenen Kriterien von
Moral nicht auf. Es reicht, so RTL2-Chef Josef Andorfer, wenn man nicht gegen ein objektives Gesetz verstosse.
Im übrigen würde "niemand gequält oder in eine Not- oder sonstige Leidenssituation gebracht". Kein Mensch
sei ja schließlich gezwungen, die Show anzusehen.

Hatte Orwell Big Brother eher als ständig präsente aber nicht zu identifizierende Bedrohung von außen
beschrieben (Big Brother is always watching you), weiß im Big-Brother-Haus heute jeder um die Kameras,
die Mikros und die Menschen, die ihm zuschauen werden. Das was auf RTL2 wie ein lustiges freiwillig gespieltes
Gesellschaftsspiel aussehen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung aber als subtile Verkleidungsgeschichte,
bei der man sich vor sich selbst verstecken muss, will man nicht aus dem Haus fliegen. Der Möchte-gern-Held,
der man sein will, muss also gegen die Bedrohung ankämpfen , die aus den eigenen inneren "normalen"
Regungen erwächst. Während man sich sonst im Alltag mal zurückzieht, um sich ungestört zu besinnen,
gilt Intimität bei Big Brother als Ort für Verlierer.

Man ist der Radikalität der ständigen Präsenz der von RTL2 bewusst ausgesuchten Kontrahenten ausgesetzt
("Zoff macht Quote"). Oder aber man droht Opfer der eigenen inneren "normalen" Regungen zu werden.
Diese werden unterdrückt oder unbewusst emotional abgespalten, stören sie doch die Als-ob-Identität des
"normalen" Helden. Der verinnerlichte elektronische Rund-um-die-Uhr-Blick wandelt sich inzwischen lautlos,
makabererweise vom bedrohlichen orwellschen Feind hin zum vermeintlichen Freund.("Wenn ich genügend
den Helden spiele, steigt meine Gunst beim Zuschauer").

Hier liegt das besondere Gefahrenpotential von Big Brother: Einerseits täuscht man sich selbst und handelt
in vermeintlich persönlicher Souveränität. Fremdbestimmt, ohne es selbst zu merken. Andererseits
wird persönliche Intimität als Raum der Diskretion zu einem gnadenlos öffentlichen Raum, zur frei verfügbaren
Ware pervertiert. Die Als-ob-Identität täuscht schließlich über die Illusion hinweg, man hätte selbstbestimmt
gehandelt. Man könnte sich hinreichend, das heißt ohne Gesichtsverlust gegen ein zu viel an Voyeurismus
abgrenzen und zur Wehr setzen..

Big Brother ist nicht das Leben sondern eine Beschreibung von Leben. Im Unterschied zu jeder anderen Soap
stellt man Akteure und Zuschauer zugleich auf die Bühne und beläßt sie im Glauben, beide seien die Macher
des Stücks, das sie gerade selbst erleiden.

Ulrich Sollmann arbeitet psychotherapeutisch in Bochum. Er ist Berater von Führungskräften und Unternehmen,
Buchautor ("Begierige Verbote","Schaulauf der Mächtigen" u.a.) und Publizist (FAZ, Der Spiegel u.a.)

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