Berlin von unten

An diesem Samstagnachmittag sind viele Menschen unterwegs in Berlin-Gesundbrunnen.
Einige eilen in das gleichnamige Einkaufscenter oder suchen die nächste Parkbank im Humboldthain;
andere lenken die Autolawine über die Badstraße. Was kaum einer von ihnen ahnt: Unter ihnen, namentlich
im U-Bahnhof Gesundbrunnen, erstreckt sich eine der größten Bunkeranlagen Berlins, in die ein Häuflein
Unerschrockener hinabsteigen wird.

Der Verein "Berliner Unterwelten" hat einen kleinen Teil der Bunkeranlage gemietet und in aufwendiger Arbeit
rekonstruiert. Ziel des Vereins ist die Erforschung und Dokumentation des Berliner Untergrunds. Um auch
interessierte Außenstehende daran teilhaben zu lassen, veranstalten die unterweltbegeisterten Hauptstädter
jeden ersten Samstag im Monat eine Führung durch die unterirdischen Räume, in denen sie eine Ausstellung zur
Berliner Unterwelt aufbauen.

Kurioses in der Unterwelt

Die Ausstellung selbst vermittelt einen knappen Überblick über die Hauptstadtunterwelt, darunter längst
vergangene und vergessene Kuriositäten wie die Rohrpost. Nach Inbetriebnahme der ersten Rohrpostlinie vom
Haupttelegraphenamt in der Oranienburger Straße zur Börse am Hackeschen Markt im Jahre 1865 wuchs das
Streckennetz rasch auf 27 Linien. Die zusammengerechnet 120 Kilometer langen Leitungen verbanden fast 100
Rohrpostämter. Nach einem ausgeklügelten Fahrplan waren die Leitungen jeweils im Viertelstundentakt befahrbar.
Die Briefe wurden in spezielle Büchsen gepackt, 20 Büchsen bildeten dabei einen Zug, der in geschlossener
Formation mit einer Geschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde durch die Leitungen sauste. 1944 wurden auf
diese Weise mehr als 26 Millionen Sendungen verschickt. Durch den technischen Fortschritt der Nachkriegszeit
allerdings verlor die Rohrpost ihre Bedeutung und wurde eingestellt.

Die Teilung der Stadt im Kalten Krieg machte auch vor dem Untergrund nicht halt, was die Ausstellung mit
Grenzsicherungsanlagen in der Kanalisation und Geisterbahnhöfen belegt. Begehbare Abwasserkanäle
sicherten die DDR-Behörden mit speziellen Sperrgittern. Sie bestanden aus einem massiven Metallbolzen, der –
mit Fett eingestrichen – im Innern eines hohlen Stahlrohrs eingelassen war, so dass er sich drehte, falls jemand
versuchen sollte, das Gitter durchzusägen. Zudem war der Bolzen mit einem Meldedraht gesichert.

Die Geisterbahnhöfe der U-Bahn-Linien 6 und 8 sowie der S-Bahn-Linien 1 und 2 sind heute kaum noch
vorstellbar. Diese Linien fuhren von Süden nach Norden, durchquerten dabei aber den Ostteil der Stadt.
Die Bahnhöfe auf Ostberliner Gebiet waren hermetisch abgeriegelt, die Züge hielten dort nicht. Diese
Geisterbahnhöfe beherbergten lediglich ein paar DDR-Grenzschützer, die den vorbeirasenden Zügen nachschauten.
Die einzige Ausnahme war der Bahnhof Friedrichstraße, in dem sich ein Grenzübergang befand.

Geschichte der Anlage

Der Ort dieser Ausstellung, die weit verzweigte Bunkeranlage, verdankt seine Entstehung dem Bau der Linie 8
Ende der 20er Jahre. Aus technischen Gründen wurde sie besonders tief gebaut, so dass über den Gleisen Platz
für Betriebs- und Wartungsräume war. Dazu existierten zahlreiche Nebenräume in dem Verkehrsknotenpunkt, an
dem zwei S- und eine U-Bahn-Linie zusammentreffen.

Im Zweiten Weltkrieg wurden diese Räume zu mehrgeschossigen Luftschutzanlagen umgebaut. Die kleinere
Anlage im südlichen Bereich war offiziell für 1500 Menschen ausgelegt. Während der Bombenangriffe drängt sich
allerdings meist mehr Menschen in den Bunker, denn Schutzräume waren damals knapp.

Die Wandbeschriftung ist noch erhalten und weist jedem einzelnen Raum eine Nummer und eine vorgesehene
Belegungszahl zu. Was für bizarre Szenen sich hier vor 60 Jahren abspielten, das ist heute schwer auszumachen.
Während der Bombenangriffe verbrachten die Schutzsuchenden häufig mehrere Tage in den Bunkern, dabei war
eine Belüftung nicht immer möglich. Der damit verbundene Sauerstoffmangel zwang die Menschen in der Anlage
kontinuierlich festzustellen, wo sich noch Sauerstoff befand: Sie stellten daher Kerzen in verschiedenen Höhen
auf. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer und schwindendem Sauerstoff erloschen die Kerzen im unteren Bereich,
so dass die Schutzsuchenden schlussendlich auf die Sitzbänke stiegen, um überhaupt noch atmen zu können.

Von den üblichen Sprengungen nach Kriegsende blieb die Bunkeranlage verschont, weil sie in den Bahnhof
integriert war. Einen kleinen Teil nutzten fortan die Berliner Verkehrsbetriebe, der Hauptteil der Anlage blieb
ungenutzt und geriet in Vergessenheit, bis der Unterwelt-Verein ihn 1988 wieder entdeckte.

Lediglich der nördliche Bereich wurde in den 70er Jahren zur Zivilschutzanlage umgebaut. Dieser Teil der
Anlage ist gut erhalten. Noch heute packt wohl jeden Besucher ein ungutes Gefühl, wenn er durch die
Gasschleuse mit den schweren Stahltüren in den inneren Bereich kommt. Das radioaktive Tritium in der
nachleuchtenden Farbe weist bei Dunkelheit mit Pfeilen den Weg durch die Gänge des verwinkelten Baus,
jeder Türrahmen und jede Treppe ist markiert; die Lüftungsanlage mit Sandfilter und Bleiverkleidung ruht in
einem dunklen Gewölbe; Türen gibt es im Innern der Anlage nicht, da sie bei einer Explosion verkanten
könnten – mit jedem Detail der Einrichtung komplettiert sich das Bild des Bunkers und macht den Kalten Krieg,
seine Bedrohung noch einmal erfahrbar. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, wenn dem Besucher bewusst wird:
Ein Platz in diesem Bunker war purer Luxus, denn nur für jeden 125. Westberliner war Platz in den Schutzanlagen
der geteilten Stadt!

Ungeklärte Nutzung

Der Kalte Krieg ist bekanntlich Geschichte und nach Lage der Dinge werden Anlagen wie der
Gesundbrunnen-Bunker heute nicht mehr gebraucht. Was soll also damit geschehen? Ihn zuzuschütten ist
technisch nicht möglich, ohne die darunter liegende U-Bahn zu gefährden. Also muss er erhalten werden.
Eine dauerhafte Nutzung gestaltet sich jedoch sehr schwierig: Das Bezirksamt Wedding lagerte hier seine
Akten, verwarf dieses Vorhaben aber wieder. Die Räume waren zu schlecht aufgeteilt, die Brandgefahr war zu
hoch. Geplant ist, unterirdische Bunkeranlagen instand zu halten, um sie bei Großveranstaltungen oder
schweren Unglücken als Notlazarette zu nutzen.

Darüber hinaus stellt sich die grundsätzlichere Frage, ob solche Anlagen nicht systematisch einer breiteren
Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssten, da sie Zeugnisse der jüngsten Geschichte darstellen.
Bis heute sind sie sichtbares Zeichen des Kalten Krieges oder der Nazizeit, deren Verklärung entgegengewirkt
werden könnte durch die Dokumentation des Lebens unter der Erde während des Krieges.

Erschwerend kommt hinzu, dass nicht feststeht, wie viele vergessene Tunnel und Bunker an welchem Ort im
Erdreich schlummern. Nach Schätzungen befinden sich 40 Prozent der Bauwerke im Innenstadtbereich unter
der Erde. Zugeschüttete oder teilweise gesprengte Bunker sind darunter, Tiefbauvorhaben aus der teilweise
umgesetzten Planung der Nationalsozialisten für die Reichshauptstadt Germania; auch "blinde" U-Bahn-Tunnel
und Bahnhöfe, die Anfang des Jahrhunderts für geplante Strecken gebaut wurden, aber ungenutzt blieben und
vergessen wurden, harren ihrer Wiederentdeckung.

Vielleicht trägt der Verein "Berliner Unterwelten" mit seiner Arbeit dazu bei, eine adäquate Lösung für das
Problem des unterirdischen Erbes der Stadt zu finden.

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