Aus dem Leben eines Netzaktivisten

Neustart-TeaserVom Außenseiter zum Netzaktivisten: Die Geschichte von Stephan Urbach scheint idealtypisch zu verlaufen. Doch die schreckliche Realität eines Bürgerkrieges wirft ihn in tiefe Depressionen. In “.NEUSTART” erzählt der Autor seine düstere Geschichte zwischen Idealismus und Selbstmordplänen.

„Meine Geschichte ist eine Geschichte, wie sie immer wieder vorkommt. Durch Zufall findet ein junger Jemand eine Aufgabe, nach der er sich so lange gesehnt hat. Eine Aufgabe, die ihm die Freiheit gibt, etwas gestalten zu können. Eine Aufgabe, die nicht konsumfördernd ist, sondern Seelenfutter. Er stürzt sich in diese Aufgabe mit aller Energie, weil sie so wertvoll ist, weil es selten ist, dass man solch eine überwältigende Aufgabe findet. Wer etwas mit Liebe tut, der läuft Gefahr, sich zu erschöpfen und daran womöglich zu zerbrechen.“

Vom Außenseiter zum Aktivisten

Stephan Urbach kommt aus einer Hessischen Provinz und beschreibt sich als den typischen Außenseiter. Jemand der nicht wirklich dazu gehört und dann anfängt, sich selbst abzugrenzen. Mit Büchern und Rollenspielen schottet er sich von der Außenwelt ab – Ende der Achtziger bekommt er seinen ersten Computer. Mit diesem revolutionären Gerät macht er zwei wichtige Erfahrungen: Freiheit und das Gefühl, Baumeister einer neuen Welt zu sein.

Schon in der frühen Phase der Oberschule fängt Urbach an, sich über politische Ereignisse in der Welt zu informieren und eine gewisse Frustration aufzubauen.

Mit dem Zugang zum Internet ändert sich plötzlich viel in Urbachs Leben. Die Gleichheit aller Menschen im Netz wird dem Protagonisten heilig und führt ihm vor Augen, was wirklich wichtig für ihn ist. Die Rolle des Internets für die gesamte Gesellschaft und vor allem für die Demokratie bewegt Urbach dazu, der Piratenpartei und später den Netzaktivisten Telecomix beizutreten. Er beginnt, ein Leben zwischen Zigaretten, Kaffee, Bier und Internet zu führen, ist regelrecht angefixt von der Hektik und den schlaflosen Nächten.

Vom Arabischen Frühling in die tiefe Depression

Urbach, Stephan: .NEUSTART – Aus dem Leben eines Netzaktivisten. Verlag: Droemer Knaur, 256 Seiten, 12,99 Euro (D), 2015, ISBN: 978-3-426-78729-8

Im Jahr 2010 beginnen die ersten Proteste in den arabischen Ländern, breiten sich von Tunesien über Ägypten, Libyen und weitere Länder aus. Urbach beobachtet mit anderen so genannten Agenten von Telecomix die Ereignisse bis zu dem Tag, an dem Ägyptens Staatschef Mubarak das Internet im ganzen Land lahm legt. Für diejenigen, denen das Internet ein heiliger Ort der Selbstentfaltung ist, darf dieser Akt nicht einfach tatenlos akzeptiert werden. Schnell wird klar, das Internet spielt nicht nur in ihrer Welt eine große Rolle, für die Proteste in den arabischen Ländern ist das Internet der Grundbaustein, um sich zu organisieren und aktuelle Geschehnisse in die Welt zu tragen.

Telecomix beschließt kurzerhand, mit alten Modems wieder eine Verbindung für das Land herzustellen und die Widerständler so zu unterstützen. Diese Aktion bleibt nicht unbemerkt und dankbare Aktivisten und interessierte Journalisten kontaktieren Telecomix, aber auch Drohungen erreichen die Gruppe.

Als dann ein befreundeter Syrer während eines Skypegesprächs vor Urbachs Augen erschossen wird, überfällt ihn die schon immer da gewesene Depression wie nie zuvor. Aller Sinn aus Urbachs Leben verschwindet – er plant seinen Selbstmord.

Ein Gedanke kann Urbach von seinem Vorhaben abbringen: Er will seine Geschichte erzählen, nur wenn Geschichten erzählt werden, können sie etwas ändern.

Schonungslos ehrlich

NEUSTART ist ein Buch, das hemmungslos ehrlich von einem Leben erzählt, in dem es um so vieles und eigentlich nur um eines geht: diese Welt zu verstehen, zu verändern und daran eben nicht zugrunde zu gehen. Stephan Urbach ist Nerd, Sohn, Mitbewohner, Politiker und Freund, aber vor allem eins: Aktivist. Er erlebt hautnah einen hoch politischen Umschwung, trägt selbst dazu bei, durchlebt Höhen und Tiefen eines Aktivisten – und das alles übers Internet. Dieses Buch ist definitiv lesenswert, es verschafft einen Einblick in Gedanken, die normalerweise verschlossen bleiben. Es berührt und erschreckt, denn schonungslos beschreibt der Autor seine Empfindungen, die größtenteils alles andere als schön sind. Und dennoch, oder wahrscheinlich gerade darum fühlt sich diese extreme und surreale, aber eben doch geschehene Geschichte so echt an und zeigt uns, was Aktivismus erreichen kann.

Bild: Gigi Ibrahim (CC BY-NC 2.0)

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