9/11 – Standardisierte Erinnerungskultur im Netz?

Bereits direkt im Anschluss an die Anschläge vom 11. September 2001 entwickelte sich spontan eine Erinnerungskultur im Netz: Befördert durch Digital-Fotografie und die Möglichkeiten der Online-Kommunikation kam es zu einer Ausdifferenzierung und Pluralisierung des Gedenkens – sowohl individueller Opfer als auch diverser Gruppen von Getöteten (etwa der verschiedenen Hilfsdienste oder ethnischen Gemeinschaften).

Diese spontane Entwicklung wurde dann unter dem Motto “Collecting Today for Tomorrow” rasch institutionalisiert. Ein Beispiel dafür war “The September 11 Digital Archive“. Ebenso entstand etwa “The Sonic Memorial Project“: Die Audio-Aufzeichnungen zum historischen Geschehen wurden hier nicht nur archiviert, sondern auch als eine Art interaktives Hör-Denkmal arrangiert.

Zum zehnten Jahrestag 2011 wurde dann nicht nur das 9/11-Memorial am ehemaligen Ground Zero eröffnet, sondern es gab eine Vielzahl von Online-Angeboten. Diese widmeten sich dem Ereignis teils erinnernd und brachten dabei wieder unterschiedliche Perspektiven zur Geltung. Prototypisch dafür waren vor allem Formen des Crowdsourcing, bei denen nutzgernerierte Inhalte zu patchworkartigen Panoramen individueller Erinnerungen an diesen Tag kompiliert wurden (vgl. 10 Jahre 9/11: Crowdsourced Memory).

Handreichung zum Online-Gedenken

Zum diesjährigen Jahrestag hat das 9/11-Memorial in New York nun eine Handreichung zum Online-Gedenken (PDF zum Download) herausgegeben. In diesem dokumentiert die Einrichtung zunächst ihre Präsenz vor allem in den sozialen Medien. Für die aufgeführten Kanäle werden dann Vorschläge zur Kommunikation am Gedenktag gemacht. Nachvollziehbar erscheint für Twitter, Google+ und Pinterest die Nennung von Hashtags zur Bündelung von Beiträgen. Auch die Bereitstellung eines Cover-Fotos zur Gestaltung der eigenen Facebook-Timeline kann noch als Zeichen symbolischer Solidarisierung nachvollzogen werden. Und für die besonders für visuelle Inhalte geeignete Plattform “Pinterest” wurde ein Wettbewerb ausgelobt, bei dem die Teilnehmenden ein Zitat und eine Illustration aus dem Buch “September Morning: Ten Years of Poems and Readings from the 9/11 Ceremonies New York City” auswählen und an ihrer virtuellen Pinwand publizieren sollen.

Im Gegensatz dazu wirken aber Vorschläge für Status-Updates bei Facebook oder vorformulierte Tweets eigentümlich. Befremdlich erscheint auch eine Vorlage für Einträge im eigenen Blog mit der Überschrift “THIS SEPTEMBER 11: HONOR, REMEMBER, REUNITE” (PDF zum Download). Darauf folgt dann ein Text, in den nur noch der Name des eigenen Blogs eingetragen werden muss. Diese Entwicklung zum standardisierten individuellen Erinnerungs-Eintrag im Netz könnte ein Thema für McLuhan-Biograf Douglas Coupland sein. Dieser machte bereits am 4. September bei Twitter auf einen Video-Clip aufmerksam, der gerade weil er ohne expliziten Bezug zum “Elften September” auskommt, geeignet ist, eine eindrückliche Erinnerung an das World Trade Center zu evozieren: Depeche Mode liefern darin eine Darbietung ihres Titels “Enjoy the Silence” – aufgenommen auf der Aussichtsplattform eines der beiden Twin Towers…


Der Beitrag basiert auf einem Posting im Blog des Autors.

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