Michael Seemann – Im Herzen der digitalen Boheme

Sein Beruf: Blogger, Journalist, Redner, Denker, vielleicht sogar digitaler Philosoph. Michael Seemann lebt vom und im Netz und ist Teil einer Community, die sich von vielen Selbstverständlichkeiten verabschiedet hat: von einer klassischen Erwerbsarbeit, von finanzieller Sicherheit und dem Schutz der eigenen Privatsphäre. Porträt eines digitalen Bohemien.

Sich mit Michael Seemann zu verabreden ist nicht schwierig. Das liegt zum einen daran, dass er nicht wie ein Großteil der Welt unter chronischem Zeitmangel leidet. Zum anderen weiß man dank einer Location App und einer Karte auf seinem Blog aber auch immer genau, wo er sich gerade aufhält. Seemann findet es praktisch, dass Leute jederzeit bei ihm zuhause (oder wo auch immer er sich gerade befindet) vorbeikommen und ihm Gesellschaft leisten können. Wen das jetzt bereits irritiert, muss beim Weiterlesen mit weiterem Unbehagen rechnen, denn Michael Seemann macht sich nicht viel aus Privatsphäre und Datenschutz.

Der Internethype und die Selbstfindungsphase

Ende der 1990er Jahre, zu Beginn des Internethypes und der „New Economy“, in der Informationen erstmals wichtiger wurden als materielle Güter, war Michael Seemann zunächst nur technikaffiner Kulturwissenschaftler. Nach seinem Studienabschluss an der Universität Lüneburg arbeitete er anfänglich als Programmierer in Hamburg. Zum Bloggen kam er 2005 durch seine ehemalige Freundin, die ihre anstehende Weltreise online dokumentieren wollte. Um eine Alternative zu den bereits altmodisch gewordenen „Rundmails“ zu finden, erstellte Seemann ihr ein Blog und richtete sich bei der Gelegenheit gleich sein erstes eigenes ein.

Dass er damit bereits den Weg für seine berufliche Zukunft ebnete, war dem gebürtigen Wolfsburger damals aber noch nicht sofort klar. Nach dem Studium begann für den heute 35-Jährigen nämlich zunächst eine Phase der Selbstfindung, in der er sich die klassischen Zukunftsfragen stellte: „Was mache ich jetzt, was will ich eigentlich werden?“. Über viele Berufsoptionen dachte er damals nach, um sie alle wieder zu verwerfen, weil sie ihm zu eng und eingeschränkt erschienen. Zur selben Zeit veröffentlichte ein gewisser Sascha Lobo gemeinsam mit Holm Friebe das Buch „Wir nennen es Arbeit“, eine kritische Bestandsaufnahme klassischer Arbeitsverhältnisse und eines sich neu herausbildenden Milieus, das sie als „Digitale Boheme“ bezeichneten. Wer Teil dieser Welt ist, lebt in thematisch selbstbestimmten, digitalen Arbeitsverhältnissen jenseits von Festanstellung und geregeltem Arbeitsalltag. Ein Lebensentwurf, der Michael Seemann inspirierte: „Es war tatsächlich so, dass mir das Buch damals eine Idee davon gegeben hat, wie ich leben möchte“.

Der Kontrollverlust-Freak

Seit dem Umzug nach Berlin 2008 und einem kurzen Intermezzo als Blogger bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zwei Jahre später, das im Streit um Bildlizenzen endete, ist Seemann nun freier Blogger, Journalist, Berater, Aktivist, Meinungsmacher und vor allem Teil der „Digitalen Boheme“.

Und davon kann man leben? Michael Seemann kann es offensichtlich. Geld verdient er unter anderem mit seinem Blog mspr0 über Flattr, einem Bezahlsystem nach Belohnungsprinzip. Wem Inhalte gefallen, der kann mit sogenannten Mikrospenden die jeweiligen Produzenten unterstützen. Den größten Teil seiner finanziellen Einnahmen erzielt Seemann aber durch öffentliche Vorträge, Twitterlesungen oder journalistische Artikel und andere Publikationen.

Die Themen, mit denen er sich beschäftigt: Datenschutz, Post- Privacy, Plattformneutralität, Urheberrecht und Informationshoheiten von Medien und Politik. Bekannt wurde er vor allem mit seiner Theorie über den „Kontrollverlust“, über die er unter „ctrl-verlustbloggt. Die Etablierung des Internets und dessen unaufhörliche Datenproduktion gehen für Seemann zwangsläufig mit einem Verlust von Kontrolle der eigenen Daten einher. Diesem unvermeidlichen Prozess entgegnet er mit der sprichwörtlichen „Flucht nach vorne“, der Forderung nach Transparenz und prinzipieller Offenlegung von Daten.

Dazu zählen auch seine persönlichen Daten. So lebt Seemann frei nach der Handlungsmaxime „Ich kann keine Kontrolle über Dinge verlieren, über die ich keine Kontrolle habe“. Als Anhänger der Post-Privacy- Bewegung, für die Privatsphäre in der digitalen Welt immer weniger realisierbar wird, lässt er sich eben nicht nur virtuell „verfolgen“, sondern twittert zum Beispiel auch jährlich seine Steuererklärung. Das erklärt er mit einer solchen Selbstverständlichkeit, der jegliche Koketterie abgeht, dass man sich zu fragen beginnt, was denn eigentlich dagegen sprechen soll, die eigenen finanziellen Verhältnisse vor aller Welt offen zu legen. Auch der Technik-Enthusiasmus für die Location-Apps Foursquare und Google Latitude, die Seemann im Übrigen anfangs gruselig fand, wirkt ansteckend. Grund dafür ist wohl die Glaubwürdigkeit, die Seemann ausstrahlt, weil er Ideengeber, und Versuchskaninchen für die eigenen Theorien zugleich ist. Er versucht das umzusetzen, worüber er schreibt und spricht. Auf die Frage, ob er sich denn auch selbst als Aktivist für seine Überzeugungen verstehe, antwortet er mit einem Schmunzeln: „ Ich verstehe mich schon auch als Aktivist, aber ich arbeite eben nicht besonders gerne“.

Dass es Menschen gibt, die sich an solchen Aussagen aufreiben und diese Lebenseinstellung naiv finden, damit kann Michael Seemann leben. Wer weiß, insgeheim beneiden ihn vielleicht auch einige seiner Kritiker ein wenig.

 Die Kunst der Ignoranz

Seemann selbst ist nicht immun gegen Kritik, sieht das Ganze aber eher gelassen. Er habe zwar schon ordentliche Shitstorms einstecken müssen, das sei aber in letzter Zeit weniger geworden und stresse ihn auch nicht so sehr wie andere Menschen. Auch von einer Überforderung durch Kommunikationsdruck in sozialen Netzwerken spürt er wenig. Den Twitter-Rückzug des Piraten Christopher Lauer könne er zwar verstehen, denn er habe auch in etwa so viele Follower wie Lauer sie hatte, doch stehe er ja nicht so sehr unter öffentlichem Druck wie ein Politiker. Zudem hält Seemann die Kunst des Ignorierens von nicht konstruktiver Kritik für eine der wichtigsten Kulturtechniken der heutigen Zeit. Kann man eigentlich überhaupt jemanden kritisieren, der alles von sich preis gibt und sich mit dem eigenen Kontrollverlust abgefunden hat?

Und was ist, wenn Kritiker versuchen, ihn in eine Schublade zu stecken? Michael Seemann polarisiert gerne, und wenn die einen ihn als „Kommunisten“ und die anderen als „Neoliberalen“ bezeichnen, ist das für ihn nicht unbedingt ein Widerspruch und erst recht kein Grund, sich klar zu positionieren. „Ein bisschen stimmt ja auch beides“, meint er und lacht. Am wohlsten fühle er sich sowieso „zwischen den Stühlen“.

Neuerdings ist Seemann übrigens auch unter die Koch-Blogger gegangen. Nudeln mit mspr0 ist Seemanns erstes Videoformat, in dem es „um Nudeln und bescheuerte Gespräche“ geht. Noch weiß er nicht, ob das anfänglich als „Gag“ gedachte Format sich auf Dauer tragen wird.

Es bleibt zu hoffen, dass es sich hierbei nicht um eine Eintagsfliege handelt, denn der Kochblog ist wie das Treffen mit Michael Seemann: „ eine Sozialstudie aus dem Herzen der digitalen Boheme“.

Bild:  Alexa Schaegner, politik-digital.de

Buch-Cover von Marina Weisband

Kommentar verfassen