Virtuelle Teams, Telearbeit – Expertenchat zum Thema in Kooperation mit NADIV



Moderator: Herzlich Willkommen beim Expertenchat von nadiv – Netzwerk
Arbeit durch Innovation – und von politik-digital. Unser heutiger Gast:
Professor Udo Konradt, an der Uni Kiel Lehrstuhlinhaber für Arbeits-,
Organisations- und Marktpsychologie. Unser Thema heute: Führung und
Management virtueller Teams. Hallo Herr Professor Konradt!

Udo Konradt: Hallo!
Moderator: Wir steigen gleich ein in unsere Fragerunde:
Hui9: Was ist eigentlich ein virtuelles Team? Können Sie das konkretisieren?
Udo Konradt: Ein virtuelles Team
ist eine Gruppe von Mitarbeitern, die an verteilten Arbeitsorten
arbeitet und maßgeblich mit I und K Technologie kommuniziert.

Hui9: Wo liegen die Hauptunterschiede zwischen realen und virtuellen Teams?
Udo Konradt: Mitarbeiter in
virtuellen Teams sehen sich nur selten und erledigen einen Großteil
ihrer Aufgaben über die Dienste des Internets.

Engel: Sehen Sie Büroarbeit in Zukunft als Telearbeit?
Udo Konradt: Ja. Die Prognosen
gehen davon aus, dass etwa in 15 Jahren jeder dritte Arbeitsplatz den
Einsatz von Telearbeit erfordert.

Glogo: Was sind die Vorteile von virtuellen Teams?
Udo Konradt: Teams können mit
Mitarbeitern zusammengestellt werden, die die jeweils besten fachlichen
Kompetenzen besitzen, unabhängig von ihrem Standort. Freelancer können
flexibel diesen Teams angeschlossen werden.

Engel: Gibt es auch eindeutig Nachteile der virtuellen Arbeit?
Udo Konradt: Einige Nachteile
werden diskutiert: Vereinsamung, weniger Kontakt zu den betrieblichen
Prozessen und Tendenz zur Selbstausbeutung. Ob es dazu kommt, hängt
ganz entscheidend von der Person, den Aufgaben und der
Arbeitsorganisation ab.

Hierro: Ohne gelegentliche echte Kontakte funktioniert das m.E. nicht. Wie häufig muss sich ein virtuelles Team real treffen?
Udo Konradt: Ein virtuelles Team
sollte sich zu einem Kick-Off Workshop treffen und die Mitglieder sich
untereinander kennenlernen. Weiterhin sollten regelmäßige Treffen
stattfinden, die der Teamleiter fördern sollte.

Zap: wie wichtig ist der
gelegentliche "face to face"-Kontakt und wie können die für Teams oft
sehr wichtigen informellen Beziehungen virtuell gepflegt werden?

Moderator: dazu passend…
Klößchen: Bei Meetings sind doch
auch Mimik, Gestik etc. sehr wichtig, um den Gegenüber einzuschätzen.
Das fällt bei virtuellen Begegnungen doch alles weg. Gibt es Ersatz?

Udo Konradt: Der gelegentliche
"face to face"-Kontakt ist umso wichtiger, je weniger die Mitarbeiter
sich kennen. Auch im Konfliktfall ist persönliche Anwesenheit oft
erforderlich.

Hase: Ist es nicht wesentlich
schwieriger, Teamentscheidungen virtuell zu fällen? Braucht man in
solchen virtuellen Teams nicht eine ganz strenge Hierarchie oder
Zuständigkeiten?

Udo Konradt: Zu Hase: für
bestimmte Aufgaben, wie Projektplanung oder Entscheidungen über die
weitere Projektarbeit ist eine persönliche Anwesenheit erforderlich.
Zahlreiche Aufgaben lassen sich aber auch virtuell erledigen, wie z.B.
Entscheidungsfindung durch Entscheidungsunterstützungssysteme.

Moderator: Gibt es Begrenzungen
der Anzahl von Mitarbeitern? Welche Größe dürfen solche Teams nicht
überschreiten, um "manövrierfähig" zu bleiben?

Udo Konradt: In der Regel sollten Teams 12-15 Mitarbeiter nicht überschreiten.

Klößchen: Zu Ihrem Stichwort
"Selbstausbeutung": Meinen Sie, dass es zukünftig keinen wirklichen
Unterschied mehr zwischen Arbeit und Privatleben geben wird?

Udo Konradt: Die Grenze zwischen
Arbeit- und Privatleben wird aus meiner Sicht zunehmend an Schärfe
verlieren. Untersuchungen zeigen, dass die Einstellung zum Fall dieser
Grenze kulturell geprägt sind. Amerikaner haben weit weniger Probleme
damit gegenüber Westeuropäern.

Moderator: Warum wohl?

Udo Konradt: Das hängt sicherlich
mit kulturellen Gegebenheiten zusammen. Aber auch aufgrund der anderen
Topologie müssen z.B. in Amerika in der Regel große Distanzen
überwunden werden, um zusammen zu arbeiten.

DrSchiwago: Meinen Sie nicht,
dass viel von der Kreativität der Teamarbeit durch die Verlagerung in
die Virtualität verloren geht? Können virtuelle Teams sich so ergänzen
wie reale, oder geht hier nicht einfach nur jeder seinen Aufgaben nach?

Udo Konradt: Virtuelle Teams
haben gewisse Vorteile gegenüber realen Teams, die gegenseitig
ausgeglichen werden können. Virtuelle Teams müssen nicht ausschließlich
eingesetzt werden, um kreative Aufgaben zu lösen.

Nebenmann: Hallo! Können Sie vielleicht ein konkretes Beispiel für eine virtuelle Arbeit geben?

Udo Konradt: Ein
Softwaretechniker, der Netzwerkadministration von seinem häuslichen
Arbeitsplatz aus wahrnimmt. Eine Mutter im Erziehungsurlaub, die
Schreibarbeiten von zuhause aus erledigt. Ein Einkäufer, der in einem
virtuellem Team von 10 Kollegen für zahlreiche Tochterunternehmen
Bauteile einkauft.

Erich: Zu den von Ihnen
angesprochenen Zeitzonen: Heisst das wirklich, dass rund um die Uhr
gearbeitet wird, wenn die eine Schicht im einen Land ins Bett geht,
fangen die anderen gerade an, oder wie ist das zu verstehen?

Udo Konradt: Ja, das kann man so sehen, sofern dies die Aufgabe zuläßt.

Gast: Werden Zeitzonen
tatsächlich für mehr Produktivität genutzt, oder ist es für Firmen eher
ein Anreiz, dass in anderen Ländern billigere Löhne bezahlt werden?

Udo Konradt: Es trifft beides
zu.. In den Billiglohnländern spielen sicherlich die geringeren
Lohnkosten eine große Rolle, die im Einzelfall allerdings gegenüber den
Nachteilen bei einer virtuellen Teamarbeit abgewogen werden müssen.

Zap: Was für Qualifikation braucht ein virtueller Teamarbeiter und wie können diese in der Ausbildung stärker gefördert werden?

Udo Konradt: Zu den
Qualifikationen: Selbstmanagement, hohe fachliche Qualifikation und
Integrität. Zur Förderung: Indem in virtuellen Teams gelehrt und
gelernt wird und die Mitarbeiter bereits vor Berufseintritt eigene
Erfahrungen machen können.

Nebenmann: Was interessiert Sie als Psychologen besonders an den virtuellen Teams?

Udo Konradt: Aus psychologischer
Sicht interessiert mich besonders das Verhalten und Erleben virtueller
Mitarbeiter, d.h. Motivation, Arbeitszufriedenheit und Leistung.

Moderator: Wie untersuchen Sie das denn?

Udo Konradt: Empirisch. Wir
untersuchen reale virtuelle Teams und stellen beispielsweise fest,
welche Führungstechniken mit hoher Leistung, Motivation und
Arbeitszufriedenheit einhergeht.

Erich: Wieviel Firmen wenden
"virtuelle Teams" denn bereits an? Gibt es Zahlen? Gibt es bereits
Erfahrungen oder Erkenntnisse, was man besser machen muß?

Udo Konradt: Zu den Zahlen: Es
gibt keine präzisen Zahlen. Allerdings wenden insbesondere
Softwareunternehmen, Unternehmen der Elektronikbranche und
Automobilfirmen seit geraumer Zeit virtuelle Teamarbeit an. Zu den
Erfahrungen: Bisher gibt es nur wenig Erfahrungen damit. Auf dem Portal
www.virtualteamportal.com haben wir einige Erfahrungen und Berichte
zusammengefasst.

Casiopaia: Wie nutzen Sie das Internet? Für welche Bereiche Ihrer Arbeit bzw. Ihres Privatlebens?

Udo Konradt: Ich nutze das
Internet sehr intensiv. Insbesondere die Dienste eMail, www und ftp
sind unverzichtbare Arbeitsmittel meiner Tätigkeit. Zudem setze ich das
Internet in meiner Lehre ein, z.B. in Form von virtuellen Seminaren,
oder in der Forschung in Form von Netzwegen und hypermedialen
Lernsystemen.

Erich: Sie sind ja selbst
Professor. Meinen Sie, dass die Zukunft von Veranstaltungen an der Uni
auch in der Virtualität liegt, also dass vielmehr Seminare etc. nur
noch im Internet stattfinden?

Udo Konradt: In Zukunft wird das
Angebot an virtuellen Veranstaltungen deutlich zunehmen. Die
Wachstumsrate wird wesentlich davon abhängen, in wie weit zuverlässige
Qualitätsstandards formuliert werden können.

Moderator: Wer müsste diese Standards festlegen?

Udo Konradt: Eigentlich müssten
sich Verbände sowie die Länder über Standards einigen und Institutionen
einsetzen die diese Standards überprüfen.

Trixi Neuhaus: Ich bin
alleinerziehende Mutter und arbeite seit zwei Jahren fast nur von zu
Hause aus. Aber wenn ich mal im Unternehmen bin, merke ich, wie der
menschliche Kontakt zum Team abgenommen hat – das ist ein
Riesennachteil, finde ich.

Udo Konradt: Diese Erfahrung
trifft insbesondere auch Teleheimarbeiterinnen zu, die ausschlieslich
zuhause arbeiten. Für alternierende Telearbeiterinnen gilt: Sie sollten
mindestens 2 Tage in der Woche im Betrieb anwesend sein und lernen den
Kontakt zu den Kollegen zu intensivieren.

Hase: Meinen Sie, dass Telarbeit besonders für Frauen (berufstätige Mütter) oder Behinderte sinnvoll ist?

Udo Konradt: Nein, nicht
ausschließlich. Z.B. sind große Teile von Vertriebstätigkeiten,
Bürotätigkeiten und Programmieraufgaben von wechselnden Arbeitsorten
aus zu erledigen.

Globo: Herr Konradt, warum
braucht es einen Psychologen, um virtuelle Teams zu leiten? Sind die
psychischen Verfassungen der Arbeitenden anders als in herkömmlichen
Teams?

Udo Konradt: Das ist eine
provokante Frage. Warum sollte ein Psychologe weniger als ein
Betriebswirt geeignet sein die Effizienz und Zufriedenheit in
virtuellen Teams zu beschreiben und zu gestalten?

Engel: Haben Sie auch die Art der
Kommunikation von virtuellen Teams beobachtet? (Sprache etc.)
Unterscheidet sie sich von herkömmlicher direkter Kommunikation?

Udo Konradt: Ja, das haben wir
auch untersucht. Es zeigt sich, dass die virtuelle Kommunikation
kürzer, prägnanter und gleichberechtigter abläuft im Vergleich zu
"face-to-face"-Kommunikation.

Hardy: Funktioniert die Arbeit mit virtuellen Teams eigentlich auch beim Militär?

Moderator: Hintergrund der Frage sind wohl Bedenken bei der Verschlüsselung von Daten, nehme ich an …

Udo Konradt: Ich denke, das
Militär hat eine Menge von Hausaufgaben zu erledigen, bis die
Bedingungen für effiziente virtuelle Teamarbeit vorliegen. Diese liegen
insbesondere in der Führung und der Hierarchie des Militärs.

Engel: Welche technischen Verbesserungen muss es noch geben, damit virtuelle Teams verstärkt eingesetzt werden?

Udo Konradt: Zu den
Verschlüsselungsgedanken: Aus meiner Sicht sind verläßliche
Verschlüsselungen von Daten bereits möglich. Im übrigen muss nicht an
jede Information ein hoher Sicherheitsstandard angelegt werden.

Moderator: Folgt noch eine Antwort auf Engel?

Udo Konradt: zu Engel: In jedem
Fall müssen die Bandbreiten vergrößert werden. Es müssen bessere
Groupwaresysteme verfügbar sein und die Übertragungskosten müssen
reduziert werden.

Braindamage: Meinen Sie, dass
Telearbeit dazu beiträgt, die einzelnen Mitglieder eines Teams
gleichberechtigter zu machen oder eher zu einen klaren Rangfolge
(Entscheider – Befolger) führt?

Udo Konradt: Die Praxis zeigt,
dass die Mitarbeiter in virtuellen Teams in der Regel
hochspezialisierte Profis sind, die viel Freiraum für eigene
Entscheidungen suchen. Dies schließt im Einzelfall nicht aus, dass ein
einzelner Telearbeiter geringere Spielräume nach Einführung der
virtuellen Arbeit zugewiesen bekommt.

Engel: Meinen Sie, dass virtuelle
Teams besonders in der Wirtschaft geeignet sind, oder auch in der
Politik? Virtuelle Enquetekommissionen und so was?

Udo Konradt: Die Idee,
Kompetenzen via Internet zu bündeln, ist universell einsetzbar und
nicht auf Branchen oder gesellschaftliche Bereiche begrenzt.

Moderator: nochmal zur Politik…

Kenobi: Wie schätzen Sie die Effizienz von virtuellen Parteitagen ein? So etwas haben die Grünen ja schon vorgemacht!

Udo Konradt: Ich denke, dass auf
Parteitagen die persönliche Anwesenheit und die Atmosphäre wichtige
Funktionen erfüllen. Ich könnte mir vorstellen, dass im Vorfeld eines
Parteitages ein Meinungsbild der Mitglieder via Internet eingeholt
werden könnte, welches die Entscheidungsbasis verbreitern kann.

Moderator: Noch eine Nachfrage zu den Besonderheiten der virtuellen Teams…

DrSchiwago: Wie sieht es aus mit
der "Arbeitsmoral" und der damit verbundenen Produktivität von Teams?
Manche Menschen können nur unter Aufsicht gute Leistungen erbringen,
für die sind virtuelle Teams doch dann nichts!

Udo Konradt: In virtuellen Teams
kann nicht über Anwesenheit, sondern nur über Zielvereinbarungen und
Förderung der Kompetenz geführt werden. Die Ansicht, da? Mitarbeiter
nur dann eine hohe Leistung zeigen, wenn der Chef sie beaufsichtigt ist
archaisch.

Moderator: noch einmal zur Politik…

DrSchiwago: Ein Meinungsbild ist
aber kein virtuelles Team! Warum halten sie diese Organisationsweise
für einen Parteitag nicht für sinnvoll?

Udo Konradt: Ich halte einen
virtuellen Parteitag nicht für sinnvoll, weil die hohe
Interaktionsdicht nicht hergestellt werden kann. Ausserdem werden
klimatische Aspekte via Internet nur unzureichend vermittelt.

Moderator: Ich erinnere mich,
dass es eine gutlaufende "Kaffee-Ecke" gab, in der immer reger Betrieb
herrschte. Ist das zu wenig?

Udo Konradt: Wollen Sie eine Kaffee-Ecke einem Parteitag gleichsetzen?

Moderator: Nun, in der Kaffee-Ecke werden die wichtigen Deals ausgehandelt, oder? ;-)

Udo Konradt: Informelle persönliche Treffen sind durch nichts zu ersetzen.

Lexi: Was genau ist eigentlich das Multimedia-Labor in Kiel? Was machen Sie da?

Udo Konradt: Im Labor entwickeln
wir Software die wir in Forschung und Lehre einsetzen, u.a. eine
virtuelle Seminarumgebung, hypermediale Lernsysteme und Tools zum
online-assessment.

Pooh: Wo kann man sich über Ihre Arbeit informieren? Internetadressen?

Udo Konradt: Unter:
www.psychologie.uni-kiel.de/aom/ oder www.virtualteamportal.com Vielen
Dank für die nette Frage. Ich beantworte auch gerne Anfragen
persönlich.

Moderator: Zum Abschluss diese Frage:

Gast: Welche Teams lassen sich denn nicht über das Internet organisieren, wo ist eine Form überflüssig?

Udo Konradt: Z.Zt. sehe ich
Grenzen bei Arbeitstätigkeiten die einen hohen maschinellen Einsatz
erfordern und bei Tätigkeiten, die eine sehr geringe Qualifikation der
Mitarbeiter erfordern. Aber durch eine sinnvolle Arbeitsorganisation
und Personalentwicklung lassen sich diese Nachteile kompensieren.

Moderator: Das war es schon
wieder im Expertenchat von nadiv und politik-digital. Wir haben viel
über die Potenziale virtueller Teams erfahren und freuen uns, dass
Professor Konradt bei uns zu Gast war . Wir bedanken uns auch bei den
Chattern. Leider konnte nicht jede Frage beantwortet werden. Nächste
Woche ist im nadiv/politik-digital Chat Dr. Stephan Klein zu Gast. Er
ist Geschäftsführer der Bremen Online Services und für das media@komm
Projekt zuständig. Herr Konradt, gute Heimreise! Der Termin für den
Chat mit Herrn Klein: 25.4., 17 bis 18 Uhr.

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