“Die Arbeitgeber haben noch nie etwas freiwillig hergegeben”

Katja Karger, Betriebsratsvorsitzende bei Pixelpark und Erich Klemm, Betriebsratsvorsitzender
bei DaimlerChrysler im Chat am 19.06.2001

DGB

Moderator: Herzlich willkommen beim Chat mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund
und politik-digital. Heute zu Gast in Berlin und Sindelfingen: Katja Karger,
Betriebsratsvorsitzende bei Pixelpark in Berlin und Erich Klemm, Betriebsratsvorsitzender
bei DaimlerChrysler in Sindelfingen. Herzlich willkommen an Sie beide! Ich schlage
vor, wir steigen gleich mit der ersten Frage ein:

ErichKlemm: Gruß zurück von Sindelfingen!

pixelito: Was hat eine New Economy Firma von einer Mitarbeitervertretung?

Moderator: das geht eher in die Richtung von Frau Karger…

KatjaKarger: Die selben Geschichten wie in der Old Economy auch, d.h.
alles, was Mitbestimmung für die Kollegen angeht, z.B. geregelte Urlaubszeiten,
eine angemessene Regelung für Überstunden, Aushandeln eines Sozialplanes bei
Entlassungen zusammenfassend also die faire Behandlung der Beschäftigten zu
gewährleisten.

Moderator: nun etwas genereller, zum Einstieg …

streikbrecher: Frage an beide: Arbeiten Sie überhaupt noch?

KatjaKarger: Frage zurück: Was meinst Du mit arbeiten?

Moderator: und Sie, Herr Klemm?

ErichKlemm: Ja, manchmal mehr als meiner Familie lieb ist.

Siemens: Zu welcher Gewerkschaft zählen Leute wie Screendesigner, Grafiker
und Programmierer?

ErichKlemm: Das hängt vom Betrieb ab, dem Sie angehören: Wenn es Metall
ist, dann ist es die IG Metall. Innerhalb des DGB gibt es Absprachen, die auch
mit der neuen ver.di konfliktfrei zu lösen sind. Siemens ist aber eindeutig
ein Betrieb der Metallindustrie. Es muss das Prinzip gelten, dass für einen
Betrieb eine Gewerkschaft zuständig ist. Das müssen die Gewerkschaften untereinander
vereinbaren.

KatjaKarger: Aus meiner Position würde ich sagen, natürlich gehören
sie zu connexx, also grundsätzlich zu ver.di. Womit wir gleich bei dem Streit
wären zwischen IG Metall und ver.di – wer ist denn nun zuständig. Meine Empfehlung
wäre immer, darauf zu gucken, wer meine Interessen am besten vertritt bzw. vertreten
kann.

Moderator: Zum Streit: Ist der durch die Neugründung von ver.di entstanden?
Alte Pfründe sichern?

KatjaKarger: Wenn es um die Elektronikindustrie geht, ist klar die
Zuständigkeit der IG Metall gegeben…

ErichKlemm: Ja, stimmt!

KatjaKarger: Den Dienstleistungsbereich, d.h. Agenturen etc. betreut
ver.di. Bei Streitigkeiten gibt es ein Schlichtungsverfahren beim DGB.

mickey: Worin unterscheiden sich denn nun T.I.M, connexx.at und Pixel
und Bits…die sind doch alle von IG Medien, oder?

KatjaKarger: Jein…

ErichKlemm: Ich habe keine Ahnung – ich bin Betriebsrat bei DaimlerChrysler.

Moderator: Frau Karger grübelt, sie wird das beantworten …

KatjaKarger: connexx ist klar die Projektgruppe von IG Medien und DAG
(in ver.di aufgegangen), T.I.M. ist auch eine Projektgruppe, die sich aber vornehmlich
mit der Telekommunikation beschäftigt und Pixel und Bits ist wohl eher ein Freundschaftskreis,
wenn man so will … Es ist tatsächlich so, dass in allen drei Kreisen mehr
oder weniger die selben Leute ihre Finger drin haben.

streikbrecher: Was soll denn diese "Zuständigkeitsfrage"? Wenn ich
noch in keiner Gewerkschaft bin, und es keinerlei Vertretung bisher gibt, was
mache ich dann?

KatjaKarger: Ich würde das praktisch lösen … Frage 1: Willst Du eine
Vertretung gründen? Frage 2: Mit Unterstützung einer Gewerkschaft (was zu empfehlen
ist wegen Kompetenz und Unterstützung)? Frage 3: Wer ist mir am sympathischsten?

ErichKlemm: Mitglied in der zuständigen Gewerkschaft werden. Das kann
durch einfache Abfrage geschehen, ob sich die Gewerkschaft zuständig fühlt,
oder nicht.

Moderator: An Sie beide: Was halten Sie von alternativen Modellen von
Mitarbeiter-Mitbestimmung statt Betriebsräten?

KatjaKarger: Nichts.

ErichKlemm: Überhaupt nichts – warum sollten Arbeitnehmer auf die Rechte
verzichten, die sich aus dem Betriebsverfassungsgesetz ergeben?

ErichKlemm: Es kann keinen Widerspruch zwischen einer Beteiligung der
Mitarbeiter und der Wahl von Betriebsräten geben.

mickey: Könnte der Pixelpark BR nicht mal eine Veranstaltung für Kabel,
I-D media, etc machen?

KatjaKarger: Antwort 1: Da sprach ich hier gerade von … Antwort 2:
Wenn das die Kollegen von Kabel und ID Media für sinnvoll, halten, sehr gern.
Wir geben da gerne jede Hilfestellung und Argumentation, die sie brauchen.

Moderator: Wir haben hier ja die interessante Konstellation, dass eine
Betriebsrätin einer New Economy auf einen Betriebsrat der Old Economy trifft.
Wenn sie ein Abendessen miteinander hätten: Was würden Sie vom Gegenüber lernen
wollen? Was glauben sie können sie vom anderen lernen?

ErichKlemm: Mir wäre schon wichtig, über die Möglichkeit zu diskutieren
wie man die scheinbare Individualität in der New Economy zu solidarischen Aktionen
und Handlungen verbinden kann. Gerade durch den Einsatz neuer Medien (Internet,
…) können auch wir lernen, schneller zu informieren und Diskussionen zu führen.
Ich glaube aber, dass es schwierig ist, dies zu verbinden das müssen wir lernen.

KatjaKarger: Was ich bisher von allen Betriebsräten der Old Economy
gelernt habe, ist die Positionierung, das Standing, das Selbstbewusstsein und
das Wissen um die alten Kämpfe, die immer noch aktuell sind. Also, es ist ein
Irrtum zu glauben, dass die Individualität nicht zu dem Solidaritätsgedanken
passt. Wir arbeiten jeden Tag in Teams und sind auf Gedeih und Verderben aufeinander
angewiesen und so agieren wir auch, mit dem einzigen Unterschied, dass wir es
nicht Solidarität, sondern Teamgeist nennen.

Moderator: Herr Klemm, direkt eine Antwort auf Frau Karger?

ErichKlemm: Das ist bei unseren Entwicklern auch so, trotzdem ist es
für sie nicht selbstverständlich zusammen mit den Arbeitern zu Kundgebungen
auf den Hof zu gehen.

KatjaKarger: Das ist auch nicht mehr zeitgemäß! Im Zeitalter des Internets
gibt es weitaus effektivere Protestformen.

Moderator: Zum Beispiel?

ErichKlemm: Ohne dieses nicht zeitgemäße Mittel gäbe es keine Tarifabschlüsse.
Die Arbeitgeber haben noch nie etwas freiwillig hergegeben.

Moderator: Keine Angst liebe Chatter, gleich geht es mit Fragen weiter,
wir lassen den Gedankengang noch zu Ende gedeihen.

KatjaKarger: Wir müssen da sehr klar unterscheiden: Erstens, Tarifverträge
werden nicht vom Betriebsrat, sondern von der Gewerkschaft ausgehandelt. Zweitens
hat die New Economy mit Tarifverträgen überhaupt noch keine Erfahrung. Drittens
werde ich mit Sicherheit hier keine genauen Beispiele nennen – alles zu seiner
Zeit!

ErichKlemm: Ich habe heute Nacht bis um 3h an Tarifverhandlungen teilgenommen,
ob als Gewerkschafter oder Betriebsrat weiß ich nicht so genau. Wir haben einen
Qualifizierungstarifvertrag erreicht der auch für die New Economy. von großem
Interesse sein wird.

pixelparkplatz: Haben sich Hierarchien wie in der alten in der neuen
Ök. nicht überlebt, und damit auch die BRs? Ich kann in einem 30 Mann Betrieb
doch zu meinem Chef gehen und direkt mit ihm reden …

ErichKlemm: Im 30 Mann Betrieb geht vieles sicher direkt. Bei Kündigungen
oder sonstigen Dingen, die nur der BR behandeln kann, nützt alle Individualität
nichts.

KatjaKarger: Zu pixelparkplatz: Natürlich sind viele Schwierigkeiten
in einem 30-Mann-Betrieb unmittelbarer und leichter zu lösen. Was letztlich
nichts an der Tatsache ändert, dass Du auf das Goodwill des Arbeitgebers angewiesen
bist.

ErichKlemm: Ja, stimmt! Wir sind uns wie immer einig!

9to5job: welche New Economy Firma ist denn in einem Jahr noch ernsthaft
größer als 30 Leute? Die gehen doch alle pleite (s. Pixelpark demnächst).

ErichKlemm: Davon kann man nicht ausgehen.

KatjaKarger: Na, das mit dem Pleitegehen ist albern. Kabel und ID Media
und GFT sind immer noch größer als 30 Leute.

9to5job: Wer?

9to5job: Katja, so albern auch nicht. In Amerika hat die dotcom-rückwelle
auch zig Firmen weggeputzt

KatjaKarger: Ja, was soll ich dazu sagen?! Den Kopf in den Sand stecken

ErichKlemm: Deswegen braucht Ihr doch den Schutz von Gewerkschaften
und Betriebsrat. Genauso wie die Automobil-Arbeiter oder der Kohlebergbau.

KatjaKarger: Es mag ja sein, dass es einen Haufen Firmen im Moment
total beutelt, aber Weglaufen war noch nie meine Stärke.

Moderator: Herr Klemm, Frau Karger: Wo sie sich immer so einig zu sein
scheinen: Was leuchtet Ihnen denn gar nicht ein in der Ausrichtung/Arbeitsweise
des anderen/der anderen?

KatjaKarger: Das kann ich gar nicht beantworten… dazu weiß ich zu
wenig über den BR von DaimlerChrysler.

ErichKlemm: Wir bräuchten Möglicherweise doch das Abendessen, weil
wir uns noch nicht genug kennen.

KatjaKarger: Ja, genau!

ErichKlemm: Ich habe gelernt, von unseren Kolleginnen und Kollegen
bei der Debis, dass dort traditionelle BR-Arbeit noch immer die beste Voraussetzung
für eine Interessenvertretung ist. Natürlich mit neuen Arbeitsformen und Ideen.

pixelparkplatz: Die Arbeitgeber geben denjenigen etwas, die ihr Geld
wert sind,. Gerade in der New Economy ist der Bedarf groß, daher brauche ich
keine Tarife sondern kann zwischen 10 Jobs den lukrativsten wählen. Warum dann
Gewerkschaft?

KatjaKarger: Das kann auch inzwischen nur noch ein Bruchteil, nämlich
die spezialisierten ITler.

ErichKlemm: An pixelparkplatz: Wenn das so ist, dann viel Glück in
der Zukunft.

letztenacht de: Was ist denn traditionelle BR-Arbeit?

ErichKlemm: Anwendung der gesetzl. Bestimmungen, gut gewerkschaftlich
organisierte Belegschaft, die notfalls auch zusammen mit ihrer Gewerkschaft
auf den Hof kann. Eine gute Informationspolitik die mgl. viele KollegInnen in
Entscheidungen einbezieht und die Möglichkeit zur Mitarbeit von mgl. vielen.

letztenacht de: Könnten Sie das etwas konkreter machen? Und bei Katja?

KatjaKarger: Ich habe den Begriff der traditionellen BR-Arbeit nicht
ins Spiel gebracht…

ErichKlemm: In Baden-Württemberg wurde zwischen IG-Metall und SW-Metall
ein Qualifizierungsvertrag abgeschlossen genaue Unterlagen im Internet: IG-Metall
Baden-Württemberg.

KatjaKarger: Für uns geht es darum, neue Formen der Mitbestimmung zu
entwickeln, die den Ansprüchen unserer Kollegen gerecht werden. Eine hervorragende
Informationspolitik gehört aber z.B. dazu.

ErichKlemm: wie könnten diese neuen Formen der Mitbestimmung aussehen?

letztenacht de: Ja gut, aber, Katja, wie sieht es denn "New" – traditionell
aus? Die BR-Arbeit meine ich …

KatjaKarger: Wir sind am ersten Tag gleich mit der Massenentlassung
konfrontiert gewesen, arbeiten von daher an einem "klassischen Sozialplan",
bei dem wir aber z.B. versuchen, viel mehr auf die individuellen Bedürfnisse
unserer Kollegen einzugehen und nicht nach Musterplänen zu verfahren oder z.B.
nutzen wir für unsere gesamte interne Kommunikation ausschließlich E-Mail und
das Intranet.

ErichKlemm: Ihr macht echt Old Economy Arbeit!

KatjaKarger: Zu ErichKlemm: Hmm, klar. Das Betriebsverfassungsgesetz
ändert sich ja nicht, und das wäre auch ein bisschen viel verlangt von einem
BR der New Economy, der gerade mal 4 Wochen im Amt ist, fertige tolle Konzepte
zu erwarten …

ErichKlemm: Das stimmt …

KatjaKarger: Das entwickeln wir sukzessive mit unserer Arbeit und wird
in dem Moment funktionieren, wo uns der Vorstand akzeptiert hat.

ErichKlemm: ich wünsche euch bei der schwierigen Aufgabe viel Glück,
aber das zeigt, wie wichtig es auch in der New Economy ist, BRs zu haben.

Moderator: Apropos Betriebsverfassungsgesetz: Wie stehen Sie jeweils
zu der Novelle?

KatjaKarger: Unsere Dortmunder Kollegen haben bereits jetzt nach dem
neuen BtrVerfG ihren Betriebsrat gewählt.

ErichKlemm: Es wurden heute noch Änderungen beschlossen, die ich begrüße,
z.B. bei der Geschlechter-Quote … mal gucken, was passiert. Leider bekommen
wir – so wie es aussieht – kein Mitbestimmungsrecht bei befristeten Arbeitsverhältnissen.
Das ärgert mich maßlos! Insgesamt sind ein paar vernünftige Ansätze drin, so
dass es sich lohnt, ein neues Gesetz zu machen.

Moderator: Hätte die Bundesregierung sehr viel weiter gehen können?

ErichKlemm: Ja, natürlich, der Souverän ist der Bundestag – nicht die
Arbeitgeberverbände.

Moderator: Der DGB hat auch sein Gewicht in die Waagschale geworfen,
oder?

ErichKlemm: Da habe ich auch kräftig mitgeholfen.

zweifler: Katja, wie steht es denn mit dem Idealismus? Mit irgendwelchen
Ideen muss diese BR-Gründung doch verbunden gewesen sein …

KatjaKarger: Oh, ja! Ohne Idealismus geht es nicht. Ich glaube an die
Pixel, ich glaube an die Menschen, die sich da jeden Tag für die Projekte den
Arsch aufreißen, ich glaube an ihre Kompetenz, an ihr Wissen, und ich glaube,
dass letztlich immer Wahrheit und Gerechtigkeit siegt …

Moderator: Eine Nachfrage zu der Ablehnung alternativer Modelle:

ErichKlemm: Wieso Ablehnung alternativer Modelle?

Moderator: Warum boomen diese Modelle denn dann so?

KatjaKarger: Na weil die Arbeitgeber da ziemlich drauf stehen und dementsprechend
die Modelle reinbringen. Das wiederum trifft durchaus auf Gegenliebe bei Beschäftigten,
die das Ideal im Kopf haben, dass man mit seinem Chef reden kann und die das
Wesen des Interessenskonfliktes nicht verstanden haben.

Moderator: Ist es aber nicht auch so, dass Konflikte so auch hochgepeitscht
werden?

KatjaKarger: Nein. Diese immer latent vorhandenen Konflikte werden
nur endlich offen thematisiert und ausgefochten. Es wird nicht mehr runtergespielt.

zweifler: Wie kommen Sie dazu, einfach so Alternative Modelle abzulehnen.
Kann es nicht auch besseres als BRs geben?

ErichKlemm: Es gibt nichts besseres, weil nichts anderes geregelt ist.
Ein Verzicht auf gesetzliche Ansprüche ist blöd. Beteiligung der KollegInnen
an Entscheidungsprozessen kann ein Betriebsrat auch organisieren.

KatjaKarger: Weil wir Unmengen alternativer Modelle bei Pixelpark ausprobiert
haben in den letzten 10 Jahren. Das ist eine Erfahrung und ein frustrierendes
Learning, wenn die hart erarbeiteten Konzepte in der Schublade vom Board verschwinden.

zweifler: Was für Sanktionsmittel stehen ihnen, Frl. karger eigentlich
zu Verfügung, wenn der Vorstand sie nicht akzeptieren würde? Computerkabel klauen?

KatjaKarger: Den ersten Prozess vor Gericht hatten wir bereits nach
5 Tagen … und Computerkabel klauen ist eigentlich eine gute Idee! Und bitte
nicht Frl. Karger – ich bin eine erwachsene Frau!

ErichKlemm: Na, keine gute Idee, dem Arbeitgeber darf man keine Angriffsfläche
bieten.

Moderator: worum ging es in der gerichtlichen Auseinandersetzung und
wer gewann?

KatjaKarger: Das war eine Unterlassungsklage im Zuge der geplanten
Entlassungen. Vom Gericht wurde verfügt, dass wir voll beratend in die Information
und Beratung einzubeziehen sind, den Sozialplan verhandeln und bei Nichteinigung
erneut vor Gericht ziehen.

Moderator: Zum Kabelklau:

Intec: Das klingt aber schon sehr nach Krieg und nicht nach gemeinsamer
Arbeit.

KatjaKarger: Zu gemeinsamer Arbeit gehören immer zwei …

ErichKlemm: Stimmt.

KatjaKarger: Solange der Vorstand uns nicht akzeptiert und uns unsere
Rechte zugesteht, solange werden wir um Akzeptanz kämpfen.

sOuRcEcOdEr: Hallo? Leben Sie eigentlich umringt vom "bösen" Kapitalismus?
Klassenkampf etc.?

KatjaKarger: Wir leben mitten im Kapitalismus, das ist Fakt.

ErichKlemm: Ich habe es mit Arbeitgebern zu tun, …

Moderator: Und: Ist er auch böse?

ErichKlemm: … die ihre Interessen vertreten …

ErichKlemm: das ist normal und legitim – aber dann sollen die Arbeitnehmer
ihre auch vertreten dürfen.

KatjaKarger: Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

pixelparkplatz: Frau Karger, ehrlich gesagt finde ich sie ziemlich
überzogen. So wie sie das ganze darstellen finde ich BRs eher eine Belastung.
Sie haben noch kein Wort über inhaltliche Auseinandersetzung verloren. Und mit
dieser Einstellung wundert es mich nicht, dass sie bei Verhandlungen außen vor
bleiben …

KatjaKarger: Ich werde mit Sicherheit an dieser Stelle nichts über
die inhaltliche Auseinandersetzung erzählen. Das ist Sache zwischen Vorstand
und Betriebsrat.

Moderator: Herr Klemm, gibt es Kämpfe in Betriebsräten der New Economy,
die Sie eigentlich als längst "abgefeiert" gesehen haben? Wenn ja, welche?

ErichKlemm: Ich verstehe die Frage nicht. Wer kämpft in BR’s?

Moderator: Nun, ich denke zum Beispiel an die Formen der Auseinandersetzung:
Das klingt bei Frau Karger kämpferischer, bei Ihnen dialogischer …

ErichKlemm: Ach so – das gibt es leider überall noch, ich war neulich
in einem Druckbetrieb Pate, wo es um die Wahl des BR ging, da wollte der Arbeitgeber
auch mit aller Gewalt die Wahl dessen verhindern. Bei uns haben wir schon die
Voraussetzungen, dass das Unternehmen mit den BRs spricht, und wir haben die
Fähigkeit entwickelt, Kompromisse zu suchen und zu finden. Aber wir können auch
Konflikte austragen.

guest01: wie kann ein Arbeitgeber das versuchen zu verhindern?

ErichKlemm: Dem sind viel Schweinereien eingefallen! Wir wollen nicht
im Internet verbreiten " wie verhindere ich einen Betriebsrat".

KatjaKarger: Die Palette ist groß. Kündigungen der Interessierten,
Bestechung, Einschüchterung, Mobbing. Es gibt ein Seminar für Arbeitgeber "Wie
verhindere ich einen Betriebsrat", viel besucht und dermaßen bekannt, dass man
auch hier im Netz offen darüber reden kann. Das ist einfach Fakt. Jeder sollte
wissen, was ihm blühen kann, wenn er sich damit beschäftigt.

guest01: was denn?

Moderator: verweis auf oben: Kündigung, Mobbing …

anton: Noch ein Versuch: Wie kam es zu den Entlassungen oder dem Vorhaben,
ging es der Firma schlecht, wollte wer höhere Gewinne, waren die Arbeitsstrukturen
nicht gut, worüber haben sich die Leute aufgeregt, was fanden sie gut … ich
bin einfach neugierig auf die Situation, weniger auf die Hackerei

guest01: Was ist denn ein "Kompromiss" zu einem BR, wenn sie doch alternativen
ablehnen?

ErichKlemm: zu guest 01: es braucht keinen Kompromiss – Betriebsrat
ist gesetzlich geregelt.

KatjaKarger: zu anton: Wie allgemein bekannt ist, geht es den Unternehmen
der "New Economy" nicht besonders gut. Maßnahme Nr. 1 in solchen Fällen ist
immer die Entlassung, egal wer letztlich die Verantwortung zu tragen hat. Höhere
Gewinne wollen sie sowieso. die Arbeitsstrukturen sind durchaus optimierbar,
die Kommunikation hausintern ist in die Kritik geraten. das ganze Klima hat
sich so wesentlich verändert, dass allen klar war, dass da etwas mit mehr Konsequenz
passieren muss.

bohrer: Frau Karger, haben sie eigentlich was erreicht? Denken Sie
etwas erreichen zu können? Ohne Computerkabel in der Hand und Messer zwischen
den Zähnen? Und wie steht es "nach Ihnen" um Pixelpark?

KatjaKarger: Ja, wir haben – dafür dass wir erst 4 Wochen im Amt sind
– eine Menge erreicht. Die Mitarbeiter, die von den Maßnahmen betroffen sind,
haben wir in ihrem Sinne umfassend beraten und deutlich verbesserte Konditionen
erreicht. Der Vorstand setzt sich mit uns zu Beratungen an einen Tisch. Wir
arbeiten an Betriebsvereinbarungen, zur Überstundenregelung, zum persönlichen
Datenschutz und den obligatorischen Mitarbeitergesprächen.

bohrer: Doofe Frage, was kann man denn einem Sagen nach dem Pink Slip?
Welche Beratung kann da ein BR noch geben?

Moderator: pink slip: Entlassung

KatjaKarger: Eine Menge. Eine Kündigung geht immer über den Tische
des BR …

ErichKlemm: Betriebsrat muss bei Kündigungen gehört werden. Ein echtes
Widerspruchsrecht gibt es nur bei bestimmten Voraussetzungen. Aber wir können
in der Praxis viel Kündigungen verhindern.

KatjaKarger: … (ohne den ist die Kündigung unwirksam). Der BR kann
der Kündigung widersprechen und verbessert damit die Chancen des Gekündigten
bei einer Kündigungsschutzklage erheblich …

ErichKlemm: Ja, auch das!

KatjaKarger: Bis das Gericht entschieden hat (das kann u.U. Monate
dauern), hat der Beschäftigte Anspruch auf Weiterbeschäftigung.

bohrer: Herr Klemm: sind sie eigentlich auch für Amerika zuständig?
Wenn ja, wie sieht der Handlungsspielraum da aus? Und wenn nein: wer dann und
wieso nicht?

ErichKlemm: Ich bin formal nicht zuständig. Wir arbeiten sehr eng mit
der UAW zusammen, der amerikanischen Automobilarbeiter Gewerkschaft. Diese hat
einen vergleichsweise hohen Einfluss auf das betriebliche Geschehen bei Chrysler
– so ist bei dem aktuellen Personalabbau (26.000) kein Arbeitnehmer klassisch
gekündigt worden. Weil es Tarifverträge mit weitgehendem Schutz gibt … Auch
das ist Amerika.

achdlfjah: Wie ist denn die Zusammenarbeit mit amerikanischen Unions?
Die sind doch traditionell eher schwach …

ErichKlemm: die UAW nicht.

KatjaKarger: Ich würde sie nicht unterschätzen. Ich kenne die Leute
von der CWA, das ist die Mediengewerkschaft, und den AFL/CIO, das ist die Dachgewerkschaft.
Einen schwachen Eindruck hatte ich von denen nicht, in Anbetracht dessen, dass
sie ohne klassische BRs auskommen müssen.

Moderator: Sollte sich die New Economy auch mit den Betroffenen in
Übersee zusammentun? Was könnte man hier aus Betriebsratssicht im Silicon Valley
von organisierten Beschäftigten lernen?

KatjaKarger: Man könnte eine Menge voneinander profitieren. Gerade
wenn man das unterschiedliche politische Herangehen betrachtet.

ErichKlemm: Die Auto-Industrie ist nicht in Silicon V. — deswegen
kenne ich mich nicht so aus.

achdlfjah: gibt es in sv überhaupt organisierte beschäftigte?

Moderator: sv: Silicon Valley

KatjaKarger: Eine gute Frage – ich weiß es auch nicht.

achdlfjah: Herr Klemm, werden sie nicht manchmal beneidet von ausländischen
Kollegen? Sollte da nicht auch mal das Gefühl einsetzen, das es in D schon eine
ganze Menge Rechte für Arbeitnehmer gibt?

ErichKlemm: Wir arbeiten im europäischen BR und im internationalen
Arbeitskreis mit Kollegen vieler Nationen zusammen. Die Voraussetzungen in Europa

ErichKlemm: sind teilweise sehr unterschiedlich, aber überall gibt
es wirksame Interessensvertreter-Strukturen, selbst in Brasilien und Südafrika
haben wir Kollegen in BR-ähnlichen Funktionen.

achdlfjah: Und wie stehen sie zu ILO und Versuchen, in Asien etc. gewerkschaftsähnliche
Strukturen aufzubauen? Bringt das was von außen? Oder muss sich das entwickeln?

Moderator: das an beide Chatgäste …

ErichKlemm: Wir versuchen zur Zeit eine Art Code of Conduct mit dem
Unternehmen zu besprechen.

KatjaKarger: Also, ich bin kein Freund davon, etwas von außen aufzusetzen.
Die Grundvoraussetzungen müssen sich von innen entwickeln. Trotz allem muss
die Information für die Möglichkeit geschaffen werden.

achdlfjah: wirksam hin oder her, aber geht ein land noch weiter als
Deutschland?

ErichKlemm: Im Grundsatz muss ich aber die gewerkschaftliche Struktur
vor Ort entwickeln. Es lässt sich schwer vergleichen, wir sind in Sachen Mitbestimmung
und sozialer Standard keineswegs Weltspitze.

KatjaKarger: Die BRs einiger europäischer Länder haben durchaus noch
größere Handlungsmöglichkeiten.

Moderator: Und hier eine abschließende Frage:

Intec: Die Fähigkeiten und Fertigkeiten für Konflikte und Kompromisse
und Ihre Lösung scheint bei der Old Economy auf beiden Seiten stärker ausgeprägt
als bei der New Economy?

ErichKlemm: Das hat mit Erfahrung zu tun. Wer oft genug blutige Nasen
hatte, wird vorsichtiger.

KatjaKarger: Na ja, klar. Die Old Economy hat damit seit 50 Jahren
Übung, die New Economy mal gerade eben seit jetzt.

Moderator: Liebe Chatter und Chatterinnen! Vielen Dank für Ihr Interesse
am Chat mit Erich Klemm und Katja Karger. Es liegt wohl an der Medienpräsenz
von Pixelpark, dass wir mehr Fragen an Frau Karger bekommen haben; aber die
Mischung war sehr interessant. Der DGB und politik-digital.de bedanken sich
bei allen Netizen für die Teilnahme. Wir hoffen, dass Frau Karger und Herr Klemm
tatsächlich mal die Gelegenheit haben, miteinander essen zu gehen

Moderator: Wollen Sie nicht gleich einen Termin ausmachen? Sie sind
beide so schwer zu erreichen …

ErichKlemm: Vielen Dank! Für mich war es das erste mal im Chat-Room
… vielleicht wird’s mit dem Essen tatsächlich mal was.

KatjaKarger: Frage an Herrn Klemm: wann ist er denn in Berlin?

ErichKlemm: Ich werde mich melden.

KatjaKarger: Das ist ein Angebot.

Moderator: Wir verabschieden uns und wünschen Ihnen allen einen schönen
Tag!

ErichKlemm: Tschüss!!

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