Wer archiviert eigentlich Twitter?

„Soziale Netze in der digitalen Welt“, ein Buch über soziale Netzwerke und deren Eingebundenheit in soziale, ökonomische und juristische Kontrollstrukturen. Unser Autor Jochen Zenthöfer hat es gelesen, und findet es nicht nur für Web 2.0-Laien interessant.

Zu Bundestagsdebatten oder Abstimmungen gibt es Protokolle. Hier lässt sich noch Jahre später nachlesen, was geschehen ist oder wie entschieden wurde. Ebenso werden Wahlkämpfe dokumentiert, Flugblätter archiviert und Fernsehspots der Parteien aufbewahrt. Chronisten finden in den unterschiedlichsten Bibliotheken und Archiven ausreichend Material. Selbst Radiosendungen versenden sich nicht – sie werden aufgezeichnet. Erfassen wir damit die gesamte öffentliche Debatte? Nein. Denn wer archiviert zum Beispiel Twitter?

Auch Bundespräsidenten twittern

Schon eine Viertelstunde vor Veröffentlichung des Ergebnisses der Bundespräsidentenwahl 2009 twitterte der SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber – ja was denn eigentlich? In diesem Buch kann man es nachlesen: „Auszählung dauert lange. Gerücht: Köhler hat 613 Stimmen. Das wäre genau die kleinste Mehrheit.“ Ein Gerücht, das er selber zwei Minuten später bestätigte: „Nachzählung bestätigt: 613 Stimmen. Köhler ist gewählt!“

Ein Buch für die Enkel und Web 2.0-Laien

Unsere Enkel werden uns einmal fragen, was Twitter war und weshalb man früher auf Papier abgestimmt ab. Ihnen, aber nicht nur ihnen, sei der Blick in das Werk „Soziale Netze in der digitalen Welt“ empfohlen (zu twitternde Politiker der Beitrag von Andreas Jungherr ab Seite 99). Es gibt einen Einblick in die Diskussionen über politische Partizipation, Veränderungen des Urheberrechts, Kunden als Koproduzenten und Persönlichkeitsentfaltung im Netz nach Stand 2009. Wie es mit dem Internet so ist: nach Drucklegung bereits in Teilen überholt, aber dennoch spannend, beobachtend, erklärend, einordnend, und zwar insbesondere für den Web 2.0-Laien (wie viele unserer Politiker), die das lieber auf Papier studieren wollen als am Bildschirm.

Praktisch orientiert und juristisch fundiert

Insofern protokolliert dieses Buch den Stand der sozialen Netze in der digitalen Welt – und das nicht rein wissenschaftlich, sondern praktisch orientiert und juristisch fundiert. Das ist vor allem dem Autorenteam zu verdanken. Die Herausgeber Martin Eifert und Thomas Groß sind Professoren für Öffentliches Recht an der Universität Gießen; Christoph Bieber ist dort wissenschaftlicher Assistent am Institut für Politikwissenschaft. Jörn Lamla ist Akademischer Rat am Institut für Soziologie der Universität Jena. Gemeinsam veranstalteten sie Herbsttagung des Zentrums für Medien und Interaktivität der Universität Gießen im Oktober 2008. Die Beiträge sind auf dem Stand von Sommer 2009.

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