Internet und Philosophie

Mal was anderes, ein Buch über das Internet, das wirklich jeder lesen kann, der der deutschen Sprache mächtig ist und Spaß an verschrobenen Gedankengängen hat. Und nicht vollgepackt ist mit komplizierten technischen Abhandlungen und Fachausdrücken, mit denen nur die Maniacs des Fachs etwas anfangen können.
Sein Titel ist schlicht “Internet”.

Der Schriftsteller, Publizist und Journalist Florian Felix Weyh hat es geschrieben, der damit sein Wissen und die Leidenschaft für das Internet in eine literarische Form gebracht hat. Auf 130 Seiten und in 21 kurzen Kapiteln nimmt der Autor den Leser mit auf eine Odyssee durch die unendlichen Weiten des virtuellen Raums, gespickt mit autobiografischen Anekdoten und ironischen Charakterisierungen der Spezies Internet-User, die auch vor der eigenen Person nicht halt machen. “Auch wenn es mir an praktischen Qualifikationen mangelte, brachte ich einige entscheidende Attribute für ein künftiges Nerd-Dasein mit: Das Talent, sich abstruses Wissen anzueignen, die Verweigerung jeglicher sportlicher Betätigung, sowie die obligate Brille und Zahnspange”.

Was Herrn Weyh davor bewahrte, als IT-Freak zu enden, war allerdings sein früh aufkeimendes Interesse für das weibliche Geschlecht, und er macht nicht den Eindruck, als hätte er dies bereut. Dennoch, die Faszination ist geblieben und so erfährt der Leser nützliches im alltäglichen Umgang mit dem Medium. Beispielsweise, was mit allzu unbedacht ins Netz eingespeisten Informationen passiert. “Inhalte liegen nicht nur auf dem Ausgangsserver, sondern werden bei entsprechender Nachfrage ziemlich schnell von anderen Servern gespiegelt. Man nennt diese Klone Proxies oder Cache und gute Suchmaschinen bieten auch dann noch Zugriff auf die gesuchten Seiten, wenn die Originale schon aus dem Netz verschwunden sind. Sie rufen den kompletten Datensatz aus einem noch vorhandenen Cache ab. Was aber macht man, wenn man etwas vorschnell ins virtuelle Universum entließ und wieder einfangen möchte? Nun – beten Sie!”, lautet der Rat, der vielleicht einigen Unvorsichtigen peinliche Pannen erspart.

Buch-Info
Florian Felix Weyh: Internet
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001
133 Seiten, 8 Euro

An anderer Stelle erfährt man Intereressantes über die sogenannte BCC-Funktion oder dass ein Wissenschaftler des Massachussets Institut for Technology (MIT) errechnet hat, dass “wir in 250 Jahren einen Computer besitzen werden, der einhundert Sextillionen schneller agiert als unsere heutigen Spitzengeräte”. Trotzdem ist der kleine Band, der bei dtv in der Reihe Kleine Philosophie der Passionen erschienen ist, weit davon entfernt, ein laienfreundliches Nachschlagewerk zu sein. Vielmehr beschreibt es in essayistischer Form die Erkenntnisse eines Selbstversuchs des Autors, der ihn zu philosophischen und selbstironischen Erklärungen über das Wesen des Internets geführt hat.

Hier noch eine letzte Kostprobe: “Meistens sind virtuelle Begegnungen jedoch weniger frugale als fragile Gebilde, auch wenn die Werbeagentur Saatchi&Saatchi für eine Internet-Kampagne zynisch-genial textete: \’Meine Online-Verbindungen halten länger als meine Beziehungen\'” Hätte man gerne! Manche glimmen nur für einen kurzen Moment auf, andere schleppen sich über ein paar Monate hin, wobei die Pausen zwischen den Treffen immer größer werden, und manche – die besten, tiefsten, nährreichsten – explodieren wie ein Vulkan, um dann rasch auszukühlen.”

Diese philosophischen Abhandlungen sind nicht immer brilliant, doch meistens amüsant und eignen sich bestens als Bettlektüre.

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