Hektisch flackert das Hakenkreuz. Martialisch blinken altdeutsche Buchstaben:
"Radio Wolffschanze – deutsch, national,unzensiert " – und illegal. Zumindest in
Deutschland, wo dieses Symbol verboten ist. Aber nicht im World Wide Web. Ausgerechnet
jenes Medium, das die Welt zum global village umwandeln könnte, dient als Tummelplatz
für jene, deren Denken an nationalen Grenzen aufhört.

Die Anzahl der Homepages mit rechtsextremem Inhalt ist erschreckend hoch. Dem
Bundesverfassungsschutz sind 330
entsprechende Seiten aus Deutschland bekannt, hinzu kommen 130 europäische und rund
200 amerikanische "Gesinnungsgenossen". Das Simon Wiesenthal Center,
das seit 1977 gegen das Vergessen des Holocaust kämpft, beziffert die Anzahl
"problematischer Seiten" im Netz sogar auf rund 2000 Stück.

Es sind sowohl rechte Parteien, wie die NPD, die vom Bundes- bis zum Ortsverband
vertreten ist, als auch Einzelpersonen oder Zusammenschlüsse von mehreren Personen mit
rechtsextremer Gesinnung, die das Internet als Forum nutzen. Dies gilt besonders für
die Neonazi-Szene, die im Gegensatz zu ihrer Ideologie recht international ist. Die
geographische Palette reicht von der Nationalsocialistisk Front Schweden,
über die südafrikanische Herstigte Nationale Party
bis zu den Skinheads of the Racial Holy War aus Florida.

So nimmt es auch nicht Wunder, dass sich im Internet wirklich alles findet. Selbst
Volksverhetzung der übelsten Sorte. Aber die deutsche Justiz kann die Täter oftmals
nicht belangen, da das Internet international und somit nicht ausschließlich an
bundesrepublikanisches Recht gebunden ist. Inhalte, die gegen deutsche Gesetze
verstoßen, können ganz einfach über ausländische Provider ins Netz gestellt werden.
Dabei tut sich besonders der amerikanische Provider "Yonderanium" hervor, der im Namen
der sogenannten uneingeschränkten Meinungsfreiheit ganz bewusst rechte Sites
unterstützt. Ist die Seite erst einmal im Netz, wird sie unter einem Pseudonym
betrieben, was strafrechtliche Verfolgung nahezu unmöglich macht.

Auch rechten Usern bietet das Internet den Schutz der Anonymität. Diesen
unschätzbaren Vorteil hat die Szene früh erkannt. Auf den Startseiten entsprechender
Homepages kann man sich häufig Programme herunterladen, die ein anonymes
surfen im Internet ermöglichen. Besonders beliebt ist dabei die Nutzung der
"Anonymus-Remailer-Funktion", bei der eine Nachricht zunächst an einen Server versand
wird, der die Absenderkennung so verändert, dass sie nicht mehr identifiziert werden
kann. Erst dann wird sie an den eigentlichen Empfänger weitergeleitet.

Überhaupt sind rechtsextreme Gruppierungen ausgesprochen findig, wenn es darum geht
sich technische Rafinessen im Netz zu Nutze zu machen. Man kommuniziert über
einschlägige Mailboxen, wie sie zum Beispiel das Thule-Netz
anbietet. Zugang haben nur eingetragene Benutzer, deren persönliche Daten durch den
Boxbetreiber vorher genau überprüft werden. Darauf ist man – neben der Tatsache
deutsch zu sein – stolz, O-Ton Thule-Netz: "Gleichgesinnte Initiativen, die an
verschiedenen Orten bestehen, müssen engen Kontakt halten, voneinander wissen,
einander helfen. Wir wollen durch Vernetzung eine befreite Zone im Mailbox-Bereich
schaffen!"

Doch was steht denn eigentlich drin in den Sites vor denen viele Politiker warnen,
ohne ihrer jemals ansichtig geworden zu sein? Und ist es tatsächlich so einfach
"zufällig" darauf zu geraten, nur weil man "Deutschland" in die Suchmaschine eingegeben
hat? Letztere Frage muss wohl mit nein beantwortet werden. Rechtsextreme Seiten findet
nur der, der sie auch sucht, sei es über einschlägig bekannte Webadressen oder per
"domain"-Raten mit entsprechenden Begriffen. Ist er allerdings einmal auf einer
angelangt, steht dem Besucher eine Fülle anderer Angebote gleicher Couleur zur
Verfügung. Die meisten Sites sind weitläufig miteinander vernetzt.

Einen Dreh- und Angelpunkt stellt dabei das bereits erwähnte Thule-Netzwerk dar. Neben
rechtsextremistischen Texten, Sounddateien mit größtenteils verbotenen Musiktiteln
und antisemitischen Computerspielen, bietet es eine spezielle Suchmaschine an, über
die man ganz gezielt Homepages mit rechtsradikalem Inhalt finden kann. Hinzu kommt
eine ausführliche Linkliste zu gleichgesinnten Parteien und Organisationen, sowie
Adressen von politischen Gegnern wie der Antifa, was wahrscheinlich als eine Art
"Veranstaltungstipps" für den Samstagabend des surfenden Skinheads verstanden werden
soll.

Was die Inhalte angeht, so warnen Politiker zu recht: faschistische Polemik,
anti-demokratische Hetzte und Aufrufe zur Gewalt sind der Stoff aus dem diese Sites
gemacht sind. So empfiehlt das Thulenetz zum Beispiel seinen Usern "Paintball"-Vereinen
beizutreten, um für den anstehenden Kampf um’s Vaterland gerüstet zu sein. In einer
beigefügten Liste mit "Verhaltensregeln für deutsch-nationale Farbball-Spieler" heißt
es mit unverholenem Zynismus:"Laßt euch nicht von Ausländern in Farbball-Vereinen
irritieren. Seht es als Gelegenheit (…) am lebenden Objekt zu trainieren."

Das weniger professionelle, aber ebenso radikale OSTARA-Netz
räsoniert offen gegen die "von den Zionisten gekauften Freimaurermedien" der
Bundesrepublik, in der "die Moerder, Diebe, Kinderschaender und Drogenhaendler frei
herumlaufen, während Menschen mit unterschiedlicher rechter Gesinnung auf ewig hinter
Gitter verschwinden." Auf dem Board: Allianz 88
schanzt man sich gegenseitig Informationen zu, wie man strafrechtlicher Verfolgung entgehen
kann und enthüllt dabei (unfreiwillig?) einige Details über die angesprochene Klientel. So
rät man zum Verhalten bei Hausdurchsuchungen: "Mit Schreien (deine Mutter), Toben,
Brüllen und mit aggressivem wie ohnmächtigem Verhalten machst du es nur den
Polizeibeamten schwer, ihrer langweiligen Routinearbeit nachzukommen."

Richtig gruselig wird es auf pseudo-wissenschaftlichen Seiten, deren Autoren zwischen
kruden "Umvolkungs"-Theorien und "Holocaust Lüge" delirieren. Dabei sind leider nicht
alle Eintragungen so offensichtlich tendenziös wie die eines gewissen Dr. Reinhold Oberlercher,
der das deutsche Volk bereits "untergehen und unsere Enkel in Bitternis und unter
Tränen das trockene Brot der internationalen Knechtschaft essen" sieht, "mit Orientalen
und Negern als Aufsehern über sich."
Besonders die sogenannten Revisionisten, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den
Holocaust und die Existenz der Gaskammern zu "widerlegen", bemühen sich um einen
scientistischen Anstrich. Sie hüten sich vor plumpem "Blut-und-Boden"-Vokabular und
präsentieren anstattdessen zweifelhafte Studien. Entlarvend ist bei ihnen in der
Regel jedoch der permanent mitschwingende Antisemitismus, was bisweilen in
menschenverachtenden Äußerungen wie "There’s no business like Shoa business." gipfelt.

Als einer der bekanntesten Vertreter ist hier Ernst Zündel zu nennen. Der in Kanada
lebende Deutsche verbreitet auf der Zündelsite
(der Name ist Programm) seine Ansichten zur sogenannten "Auschwitz Lüge" und stilisiert
sich selbst zum Märtyrer, dem das Recht auf freie Meinungsäußerung genommen wird.
Freilich nicht, ohne um finanzielle Unterstützung zu bitten. Ein Anliegen, das auch
unter seinen Kollegen, wie beispielsweise David Irving, weit verbreitet ist, die im
wesentlichen mit laufenden Prozesse wegen Volksverhetzung und Verleumdung beschäftigt
sind.

Doch glücklicher Weise bleiben rechte Netzaktivitäten nicht immer unkommentiert
stehen. So liefert zum Beispiel der freie Journalist und Autor Burkhard Schröder
auf seiner Homepage umfangreiche Informationen zum Thema "Rechtsradikalismus im Internet",
samt einer ausführlichen Linkliste zu Sites mit entsprechenden Inhalten. Besonders
lesenswert ist ein Link auf die Leuchter-FAQ (frequently asked questions), eine Auseinandersetzung mit dem berüchtigten
Leuchter-Report, dessen Behauptungen über nicht vorhandene Gaskammern
und erfundene Holocaust-Opfer Stück für Stück seziert und falsifiziert werden. In diesem
Zusammenhang sollte auch die Nizkor Organisation
nicht unerwähnt bleiben, die sich online regelmäßig Diskussionsschlachten mit Ernst
Zündel liefert und viele seiner Argumente in den
66 Questions and Answers about the Holocaust widerlegt.

Die Tatsache, dass Rechtsradikale das Internet für ihre Zwecke missbrauchen, wird sich
wahrscheinlich niemals ganz aus der Welt schaffen lassen. Weder durch drakonische
Zensurforderungen, wie sie in der momentanen Sommerloch-Hysterie gerne erhoben werden,
noch durch das bisher praktizierte Totschweigen und Schlimmfinden. Man muss sich
ansehen, worüber man spricht. Rechtsradikale Sites gehören nicht ins stille Kämmerlein,
sondern in die Öffentlichkeit, in die Diskussion, in der sie niemals ernsthaft bestehen
können. Das ist auch der Grund, warum auf dieser Seite ganz bewusst die Links zu
entsprechenden Homepages vorhanden sind. Wie meinte einmal der Kabarettist Matthias
Deutschmann: "Küßt die Faschisten – irgendwie muss man ja an die Halsschlagader
drankommen."