Mikrokredite, soziale Medien, aber auch politische Bewegungen wie Occupy – all dies sind soziale Innovationen: teils geplante, teils unerwünschte neue Handlungsweisen. Was haben diese Phänomene gemeinsam und wie wirken sie sich auf die Gesellschaft aus? Der Dortmunder Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Jürgen Howaldt gibt Antworten.

Prof. Dr. Jürgen Howaldt ist Direktor der Sozialforschungsstelle Dortmund an der Technischen Universität Dortmund und Professor an der dortigen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Organisationsberatung und -entwicklung, Unternehmensnetzwerke und die Erforschung sozialer Innovationsprozesse. Gemeinsam mit weiteren Kollegen beschäftigt er sich derzeit sehr intensiv mit dem Forschungsfeld der “Sozialen Innovation”. Im Interview legt er dar, worum es sich dabei handelt.

Weitere Beiträge zum Thema “Soziale Innovation” in unserem Dossier.

 

Herr Prof. Howaldt, was ist eine soziale Innovation? 

Soziale Innovation bedeutet die absichtsvolle Veränderung bestehender sozialer Praktiken – also die Abweichung von bisherigen Routinen des Handelns und Verhaltens. Dabei ist nicht entscheidend, ob diese neue Handlungsweise „gut“ oder „sozial erwünscht“ ist. Das sind technologische Innnovationen auch nicht immer. Wichtig ist, dass die neue Handlungsweise absichtsvoll eingesetzt wird und auch Wirkung erzielt – also etwas verändert. Soziale Innovationen unterscheiden sich von technologischen Innovationen, die auf ein greifbares Produkt zielen, und auch von sozialen Wandelsprozessen wie der demografischen Entwicklung. 

Das klingt sehr theoretisch. Ein Beispiel bitte.

Ein bekanntes Beispiel sind die Mikrokredite von Nobel-Preisträger Muhammad Yunus. Sie stellen eine Veränderung von Handlung dar: Banken geben nicht mehr große, sondern kleine Kredite. Und diese neue Handlungsweise wird von Menschen angenommen, entfaltet also Wirkung. Das ist sicher gleichzeitig auch eine „sozial erwünschte“ soziale Innovation. Aber nehmen Sie zum Beispiel neue Arbeitskonzepte wie etwa Leiharbeit oder Mini-Jobs. Auch das ist eine soziale Innovation, auch wenn sie von vielen nicht gewünscht wird.

Sie beschäftigen sich mit neuen Managementkonzepten, auch mit dem Thema Wissensmanagement – worin besteht in diesem Bereich die soziale Innovation?

In einer frühen Phase wurde darunter zunächst die Einführung von IT-Produkten im Unternehmen verstanden – also neue Software und Datenspeicher. Dieses technologischen Neuerungen führten im Unternehmen jedoch zu einem großen Problem: Die Software wurde zwar entwickelt, aber das Wissensmanagement verbesserte sich nicht. Im Gegenteil führten diese Versuche zu einer Verschärfung der Wissensprobleme. Wir wollten verstehen, woran das liegt, und kamen zu der Erkenntnis, dass die Einführung von Wissensmanagement veränderte kommunikative und kulturelle Handlungspraktiken in einem Unternehmen mit sich bringt.

Welche Lehren sollte man daraus ziehen?

Die Technologie muss in die grundlegenden sozialen Veränderungen, die sie mit sich bringt, eingebunden werden, damit sie überhaupt sinnvoll genutzt werden kann. In einem hierarchisch strukturierten Unternehmen, in dem die Mitarbeiter nie gelernt haben, ihr Wissen einzubringen, bringt es wenig, eine Datenbank zu installieren. Wir gehen vielmehr davon aus, dass die Einführung von Wissensmanagement als „soziale Innovation“ zu gestalten ist. Hier spielen Technologien selbstverständlich eine Rolle – zentral ist aber die Veränderung der Kommunikations- und Kooperationsstrukturen, also der Handlungspraktiken.

Technologische Innovationen können nur dann funktionieren, wenn sie in die entsprechenden sozialen Innovationen eingebettet werden. Unsere Gesellschaft setzt aber viel zu oft auf Technologien, ohne die Interessen der Bürger zu berücksichtigen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit sozialen Innovationen hilft uns hier, hinter die Phänomene zu blicken und zu verstehen, warum bestimmte Abläufe funktionieren, und was noch zu tun ist.

Warum sind soziale Innovationen gerade heute wichtig?

Mit dem Übergang von der Industrie zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft verlieren technologische Innovationen – neue Maschinen und Produkte zum Beispiel – auch wirtschaftlich an Bedeutung, dafür werden Dienstleistungen wichtiger, also Handlungsweisen wie eben Mikrokredite oder neue Formen der Unternehmens- und Organisationsberatung. Es ist nicht mehr der einzelne Unternehmer, der Innovationen vorantreibt, sondern erfolgreiche Innovationen erfordern eine Vielzahl von Akteuren und entsprechende Rahmenbedingungen. Dabei werden auch potenzielle Anwender zunehmend in Innovationsprozesse einbezogen, wie es etwa bei dem Konzept „Open Innovation“ der Fall ist. Innovationen entstehen also nicht mehr vorwiegend in einem Unternehmen, sondern in Netzwerken zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen bzw. zwischen Unternehmen und Anwendern und so weiter.

In welchen anderen Bereichen wirkt sich diese Entwicklung aus?

Wir sehen diesen Prozess auch in der Politik: Viele der aktuell zu beobachtenden politischen Bewegungen wie Occupy, Indignado oder die Piraten zielen auf eine Einbeziehung von gesellschaftlichen Gruppen in Prozesse, die ihnen bisher versperrt sind. Sie wollen politische Handlungsweisen verändern. Insofern öffnen sich die Innovationen zur Gesellschaft.

Wo ist die Relevanz für die Politik?

Nehmen wir den Lissabon-Prozess, also das Ziel der Europäischen Union, zur weltweit wettbewerbsfähigsten Region zu werden. Hier sehen wir, dass wesentliche Ziele nicht erreicht wurden. Darüber haben sich die sozialen Probleme weiter verschärft. Beispiele hierfür sind Arbeitslosigkeit oder die Ausgrenzung bestimmter Schichten vom Bildungssystem. Ein rein auf technologische und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtetes Innovationsverständnis führt also weder zu den wirtschaftlichen Zielen noch löst es soziale Probleme wie manche neo-liberale Theoretiker meinen. Ich denke, hier ist das Konzept der Sozialen Innovation von großer Bedeutung. Denn es zeigt, dass die Frage der sozialen Entwicklung als eigenständiges Phänomen mit in die Betrachtung einbezogen werden muss. Darüber sollte Politik nachdenken – am besten gemeinsam mit einer Beteiligung der Betroffenen und vielleicht sogar begleitet von der Forschung.

Was wünschen Sie sich für die Sozialwissenschaften?

Die bisherige Arbeitsteilung in der Innovationsforschung sieht so aus, dass die Ingenieur- und Naturwissenschaften Innovationen gestalten. Die Sozialwissenschaften beobachten sie dabei und analysieren die Prozesse – im Grunde ist es Begleitforschung. Nach unserem Verständnis würde sich dies im Hinblick auf Soziale Innovationen anders darstellen. In dieser Sichtweise sind die Sozialwissenschaften auch Gestalter dieser Innovationsprozesse. Sozialwissenschaftler können Unternehmen, Gesellschaft und Politik helfen, soziale Innovationsprozesse zu organisieren.