„Verbinden Individuen positive Erlebnisse im Umgang mit Zahlen, verunsichern diese sie auch nicht“

Die schier unendliche Masse an Informationen, mit denen wir tagtäglich überflutet werden, kann überfordern. Wissenschaftler_Innen vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz der Universität Potsdam haben deswegen das Projekt „Risikoatlas“ ins Leben gerufen, das Menschen dabei unterstützen soll, digitale Informationen besser zu verstehen und anhand ihrer Bedürfnisse zu filtern. Wir haben mit dem Projektleiter Felix Rebitschek über das Projekt, Wissenschaftsskepsis und Kapitalismus gesprochen.

Herr Rebitschek, wie ist das Forschungsprojekt entstanden?

Ich bin erst im Jahr 2014 an das Harding-Zentrum für Risikokompetenz gekommen. Damals war es noch am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Bereits zu diesem Zeitpunkt haben meine Kolleg_Innen sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Menschen unter Risiko und Unsicherheit entscheiden und wie man im nächsten Schritt diese Erkenntnisse dazu nutzen kann, damit Individuen bessere Entscheidungen treffen. Unter Probleme des „Risikos“ verstehen wir Daten, die in die Irre führen können, weil sie nicht verstanden werden oder unübersichtlich dargestellt sind. Zum Beispiel Statistiken. „Unsicherheit“ beschreibt einen Mangel an Daten. Das heißt, die Qualität und Quantität der Daten, die präsentiert werden, ist nicht ausreichend genug, um eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Um dieses Problem anzugehen, haben wir eine App und eine Browsererweiterung entwickelt.

Die wie funktionieren?

Die App bietet dem Nutzer einfache Entscheidungsbäume an. Diese Entscheidungsbäume dienen im Wesentlichen dazu, schlechte Optionen von Verbraucher_Innen-Entscheidungsproblemen auszusortieren. Die Browsererweiterung blendet Warnhinweise ein, wenn in deutschsprachigen elektronischen Texten bestimmte statistische Formulierungen gewählt werden, speziell relative Veränderungen. Hierbei werden, so möglich, auch Visualisierungen angeboten.

Es scheint so, als würde das Projekt davon ausgehen, dass der Mensch bei Entscheidungen vor allem rational vorgeht, ähnlich des Konzepts des Homo Oeconomicus. Stimmt das?

Das Projekt geht nicht vom Homo Oeconomicus aus. Der Homo Oeconomicus würde in der digitalen Problemumwelt versagen, weil keine guten und verfügbaren Daten vorliegen. Sie lässt sich nicht durch Verrechnung und Bewertung von Evidenz managen. Er kann nicht abwägen, was relevant ist und was nicht. Hinzu kommen noch die Werbeversprechungen. Tritt der suggerierte Nutzen überhaupt ein? Genau auf diese Problemumwelten fokussiert sich das Projekt.

Auf Ihrer Internetseite kann man lesen, dass Menschen Statistiken nicht richtig einordnen können, weil Zahlen sie verunsichern. Sie sind Kognitionspsychologe, warum denken Sie ist das so?

Das hat etwas mit den Erfahrungen zu tun, die Menschen in ihrer Entwicklung sammeln. Verbinden Individuen positive Erlebnisse im Umgang mit Zahlen, verunsichern diese sie auch nicht. Nun scheint es aber so zu sein, dass viele als Kind negative Erfahrungen machen. Daraus entstehen negative Gefühle. Vor allem bei abstrakten Aufgaben, die nicht viel mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Dafür gibt es verschiedene Gründe. In den USA hat man gezeigt, dass in pädagogischen Studiengängen vor allem die Student_Innen, die in Mathe eher schwächer sind, auf Grundschulniveau ausweichen und somit die Lehrer_Innen, die am meisten Angst vor Mathe haben, die Anfangsjahre in dem Fach begleiten, was sich wiederum auf die Schüler_Innen auswirkt. Ob der Umkehrschluss dann auch gilt, kann ich nicht sagen. Unsere Aufgabe ist es, genau diesen Leuten Zahlen und Fakten so zu präsentieren, dass sie nicht abgeschreckt werden und sich damit beschäftigen.

Können Datenjournalist_Innen dabei helfen, indem sie Statistiken graphisch umsetzen?

Ich denke es ist wichtiger die Grundprinzipien zu erklären und bereits bekannte Diagrammtypen umzusetzen, bevor man irgendwelche fancy Visualisierungen baut. So können Journalist_Innen auch mehr impact haben. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Grafiken sind beeindruckend, man sollte sie allerdings nur benutzen, wenn es auch thematisch passt. Dann bieten sie einen Mehrwert. Ihr Vorteil ist, meines Erachtens, dass sie den Leuten in einer Weise, wie sie bis dato noch nicht möglich war, ihren individuellen Zugangsweg ermöglichen. Man sollte sich beim Visualisieren jedoch immer Zeit lassen und große Datensätze zusammentragen, an denen man sich dann abarbeiten kann.

Wenn man abstrakte Verhältnisse nicht versteht, weil Zahlen einen überfordern, dann entstehen daraus also negative Gefühle. Daraus kann eine ablehnende Einstellung gegenüber Wissenschaft und Expertentum generell entstehen, schreiben Sie auf Ihrer Website, weil man denkt, dass es einem im Alltag sowieso nicht weiterhilft.

Wir haben das Risiko benannt, aber noch nicht in der Tiefe erforschen können. Also den Zusammenhang zwischen Wissenschaftsskepsis und der eigenen Erfahrung mit Zahlen über die Lebensspanne. Der Punkt ist: Der wissenschaftlichen Erkenntnis und den Zahlen der Statistik, diesem Statement „Studien haben gezeigt“, räumen Menschen ja eine gewisse Bedeutung ein und die wiederum basiert natürlich auf der Frage danach, in wieweit hat das für mein Leben eine Relevanz. Wird man oft mit irrelevanten oder negativen Kontroversen konfrontiert, die nicht begleitet werden, dann hinterlässt das schnell den Eindruck streitender Kinder, die eigentlich nichts wissen. Das kann dazu führen, dass Leute sich abwenden. Wird dieser Prozess aber begleitet, indem beispielsweise der Unterschied zwischen einer Stichprobe und der Grundgesamtheit erklärt wird, kann man dem entgegenwirken. Das versuchen wir.

Gefühlt hat Wissenschaftsskepsis und Anti-Expertentum gerade weltweit Hochkonjunktur. Haben Sie und Ihr Team das auch schon erfahren?

Grundsätzlich sehe ich das genauso. Wir haben diese Erfahrung allerdings nicht gemacht. Im Gegenteil. Man muss auch zwischen berechtigter Kritik und genereller Ablehnung unterscheiden. Meiner Meinung nach wird Expertentum nicht abgelehnt, weil den Expert_Innen nicht geglaubt wird, sondern weil das, womit sie sich beschäftigen zu selten etwas mit der Lebensrealität der Menschen zu tun hat. Deswegen haben wir die App und das Browser-Addon für die Praxis entwickelt. Immer wieder mit den Testpersonen gesprochen und dann nachjustiert. Aber es sind noch nicht alle Ergebnisse da, die Studien laufen ja teilweise noch. Richtig fertig sind wir erst im Sommer.

Und was ist dann der Plan?

Mehrere Sachen. Formell werden wir einen Projektbericht an das Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz liefern. Ausgewählte Studien und Ergebnisse werden dann durch unsere Haus-PR veröffentlicht und vor allem an Verbraucherschutzorganisationen kommuniziert. Die erreichen Bürger_Innen und Verbaucher_Innen am besten.

Kostenlos?

Alle Sachen werden kostenlos zur Verfügung gestellt und, wenn nötig, auch aktualisiert, ja.

Glauben Sie, dass Internetuser_Innen kompetenter sind als noch vor 5-10 Jahren?

Dafür müsste man Kompetenz erst einmal einheitlich definieren. Alleine das ist schon schwierig genug. Deswegen kann man das so pauschal nicht beantworten. Eine Quelle in diesem Zusammenhang wäre der D-21-Digital-Index, der jedes Jahr eine Auswahl beleuchtet, was Kompetenz sein könnte. Generell sollte man daraus aber keinen zu großen Punkt machen. Die digitale Umwelt hat sich einfach zu stark verändert. Ein Vergleich ist da wenig sinnvoll. Ich für meinen Teil beschäftige mich eher damit, wie viele Leute heutzutage einen Nutzen aus digitalen Angeboten ziehen können und welche Gründe es dafür gibt. Wie viele können es nicht und warum?

Ist das Projekt nur für erwachsene Verbraucher_Innen ausgelegt?

Im ersten Schritt, ja. Wir haben aber mittlerweile auch Kontakt zu Bildungsträgern und anderen Gruppen. Einige Werkzeuge, die wir entwickelt haben, könnten auch in der Schulbildung funktionieren. Zum Beispiel das Prinzip der Häufigkeitsbäume, mit denen man mit Stift und Papier bedingte Wahrscheinlichkeiten besser nachvollziehen kann. Da kommt es allerdings auf den richtigen Zugang an.

Denken sie, dass Ihr Forschungsprojekt für Verbraucher_Innen nützlicher ist, als für Unternehmen, weil Erstere dann nur noch Produkte kaufen, aus denen sie einen Mehrwert ziehen können? Im kapitalistischen Sinne wäre das für Firmen ja eher schlecht.

Das glaube ich nicht. Vielleicht für einige, wenige. Viele Unternehmen sind ja davon überzeugt, dass sie etwas sehr Sinnvolles anbieten oder, dass sie ihre Konkurrenten ausstechen. Also grundsätzlich: Wir sehen unser Projekt nicht als antikapitalistisch.

Das wollte ich ihnen auch nicht in den Mund legen.

Nein, nein. Ich habe darüber so noch nie nachgedacht. Es wäre einfach witzig, wenn jemand das so bezeichnen würde. Es ist nur einfach so: Wenn das Projekt solch eine Reichweite und Effektivität hätte, dass bei Unternehmen die Alarmglocken läuten, dann kann man sich glücklich schätzen.

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Dr. Felix Rebitschek studierte Medienwissenschaft und Psychologie in Stuttgart, Leipzig und Greifswald. Seit 2015 ist er Wissenschaftler am Harding-Zentrum für Risikokompetenz

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Photo by Tim Gouw on Unsplash

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