Ranga Yogeshwar: Künstliche Intelligenz als Fortschritt für alle

HGEsch-0008Für seine Dokumentation „Der große Umbruch“ reiste Ranga Yogeshwar in die USA, nach China, Großbritannien und Deutschland und sprach mit Wissenschaftlern und Experten über Künstliche Intelligenz (KI). Über diese Begegnungen und seine Erkenntnisse berichtet er politik-digital.de.

Es war in den 70er-Jahren, als der damals 17-jährige Ranga Yogeshwar ein Programmierspiel des Biochemikers Manfred Eigen entdeckte. Bei Game of Life ging es um Populationsdynamik, also der Veränderung der Größe und Verbreitung biologischer Populationen. Zum ersten Mal, so Yogeshwar, stellte er sich damals die Frage, ob man wohl irgendwann per Computer Organismen simulieren könne, die sich intelligent verhalten.

Die Entwicklung der KI – von Weizenbaum über Musik zu neuronalen Netzen

Seitdem der jugendliche Yogeshwar das erste Mal programmierte, hat sich in der Entwicklung der KI eine Menge getan. Joseph Weizenbaum, lange Zeit Informatiker und Mathematiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat 1966 als erster ein System entwickelt, das sich Fragen stellen ließ und darauf antwortete. Die Antworten von ELIZA beruhten zwar auf simplen Algorithmen, gaben einem aber das Gefühl, verstanden zu werden. Das Prinzip war, so Yogeshwar, relativ leicht zu durchschauen – es wurde lediglich das gespiegelt, was die Person sagte: „Wenn man so will, war es die Illusion einer Künstlichen Intelligenz.“

In den 80er-Jahren fand Yogeshwar durch die Musik erneut einen Zugang zu KI. Man versuchte zu dieser Zeit, Instrumente und Klänge digital darzustellen. Fragen wie: „Inwieweit lässt sich Realität digital abbilden?“, oder: „Ist es möglich, mit einem Algorithmus Musik zu komponieren?“, beschäftigten damals nicht nur ihn. Die nächste Phase der KI kam, so der Wissenschaftsjournalist, im Zuge der massiven Verbesserung der Computer: „Wir sind durch sie in die Lage versetzt worden, Dinge wie neuronale Netze zu entwerfen. Das war uns vorher unmöglich.“

  • Ranga Yogeshwar
Ranga Yogeshwar ist Mitglied des Kuratoriums von politik-digital e.V., Wissenschaftsjournalist, Physiker und Moderator. Seine Dokumentation über Künstliche Intelligenz „Der große Umbruch – wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert” lief am 8.4.19 im Ersten.

Beeindruckende Begegnung 

Im Rahmen der Dreharbeiten für seine Dokumentation sprach Ranga Yogeshwar mit den weltweit führenden Experten und Wissenschaftlern der KI. Eine Begegnung blieb ihm dabei besonders in Erinnerung. Am MIT traf er den Biophysiker und beidseitig amputierten Extrembergsteiger Hugh Herr, der sich mithilfe von KI neue Beine gebaut hatte. Oft würde die Diskussion über KI in einem losgelösten Raum geführt. Mit Hugh Herr lernte Yogeshwar einen Menschen kennen, dem die Intelligenz der Sensoren und die schnelle Datenverarbeitung konkret zu einem besseren Leben verholfen hatten.

China – „der moralische Mülleimer“

„China wird verzerrt dargestellt und fungiert als moralischer Mülleimer“, findet Yogeshwar. Das Land habe, bei aller berechtigten Kritik am politischen System, eine Menge geleistet. Bei seinen Dreharbeiten in China erlebte er eine regelrechte Zukunftseuphorie. Der technische Fortschritt im Land laufe synchron zu einer „unglaublich schnellen Entwicklung.“ China habe sich aus einer Armutssituation zu einer potenten, demnächst vielleicht sogar zu der potentesten Industrienation der Welt hochkatapultiert. Yogeshwar erzählt von einem Erlebnis: „Ich bin in eine der großen Siedlungen gegangen, die wir hier schrecklich finden würden. Ich wollte wissen, wie die Menschen ihr Leben wahrnehmen, und habe an einer Tür geklingelt. Ein älterer Mann öffnete mir. Er erzählte mir, dass er noch vor zehn Jahren ohne fließend Wasser und abgeschnitten vom Rest der Welt auf dem Land gelebt habe. Dann drehte er den Wasserhahn auf und lachte.“ Yogeshwar erklärt, „In Deutschland haben wir vergessen, was es heißt, Fortschritt als Gewinn an Lebensqualität zu erleben. Schließlich leben wir schon längst in zentral geheizten Wohnungen.“

Und wenn beispielsweise von Chinas Sozialkredit-System die Rede ist, vergäßen wir, dass social scoring kein chinesisches Phänomen sei, sondern wir längst ähnliche Mechanismen nützten: „Das fängt bei Bewertungen von Shops und Restaurants im Internet an, da werden Punkte und Sternchen verteilt. Das Studieren wird heute als Sammeln von credit points verstanden, und in den USA ist die Finanzauskunft längst prägend bei der Jobsuche.“ Yogeshwar sieht dabei die Gefahr, dass wir im „Zeitalter der besseren Messbarkeit“ Stück für Stück eine „Diktatur der Transparenz“ bauen, bei der ständig alles öffentlich sichtbar bewertet wird. „Wenn wir nicht aufpassen, könnte das irgendwann sogar bei der Bewertung von einzelnen Menschen enden.“

KI in Deutschland: „Wir brauchen reflektierten Fortschritt.“

Yogeshwar erklärt, Deutschland sei in einigen Bereichen der KI, wie etwa der Robotik, sehr gut, würde aber nicht genügend darüber sprechen. Grundsätzlich findet er, sollte Deutschland viel aktiver bei der Erforschung und Entwicklung von KI werden. „Wir warten immer so lange, bis irgendwann die Produkte aus den USA oder China zu uns kommen. Aber wir gestalten nicht mit.“ Schon bei der Ausbildung fange es an: „Es ist heute, im Jahre 2019, immer noch möglich, in Deutschland Abitur zu machen, ohne eine Zeile programmiert zu haben. Das ist für mich eine Unterlassungssünde.“ Yogeshwars Appell an Deutschlands KI-Strategie ist zweistimmig: Man solle aktiv werden, aber gleichermaßen sehr genau überlegen, wie man vorgehen möchte.

Sinnhaftigkeit des Fortschritts 

Die Frage der Sinnhaftigkeit von KI dränge sich auf, wenn „die gesamte Intelligenz der Homo Sapiens in einem profanen Ballerspiel mündet.“ Yogeshwar findet, das Agendasetting werde im Moment sehr stark von technischen Optionen und Businessmodellen bestimmt, weniger von den tatsächlichen Bedürfnissen, die wir als Gesellschaft haben. Er appelliert an Politik und Wirtschaft, sorgfältig auszuloten, in welche Bereiche wir unsere Intelligenz, Technik und Technologien investieren. Für Yogeshwar ist die Antwort klar: „Die Entwicklung muss einen Fortschritt für alle Menschen bedeuten, nicht nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft.“

Ein Blick in die Zukunft: Optimismus überwiegt 

Yogeshwar blickt grundsätzlich optimistisch in die KI-Zukunft und sieht in ihr riesige Chancen, vor allem im Bereich der Medizin: „Wenn eine Person mithilfe von Algorithmen rausfinden kann, dass sie in einem frühen Stadium an Parkinson erkrankt ist, und dadurch ihre Heilungschancen steigen, ist das großartig.“ Er warnt jedoch davor, KI zu überhöhen: „Manche glauben, dass KI in naher Zukunft die Menschheit übernimmt. Wer sich detaillierter damit auseinandersetzt, merkt schnell, dass die Technik, die momentan genutzt wird, Korrelationsmaschinen sind, die in einigen Bereichen ganz gut funktionieren, aber in anderen überhaupt nicht.“

„Die meisten Bergsteiger sterben nicht auf dem Gipfel, sondern auf dem Weg dahin.“

Auf dem Weg zu den langfristigen Chancen sieht Yogeshwar destabilisierende Elemente: Kommunikationsprozesse in den sozialen Medien, die durch intelligente Algorithmen geprägt sind, seien ein Beispiel dafür. Sie könnten dazu führen, dass eine Gesellschaft instabil wird, weil alle nur noch in ihrer eigenen Blase lebten. Das sei der ideale Nährboden für Populismus. „Wenn das unkontrolliert so weiter läuft, reden wir irgendwann nicht mehr über KI, sondern über brennende Städte.“

Das Interview führte Paulina Fried

Titelbild: Ranga Yogeshwar by © H.G. Esch

Creative Commons Lizenz CC-BY-SA 3.0

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