Digitale Zukunft der Hochschulen – Ziele, Voraussetzungen und Herausforderungen

FUDas Hochschulforum Digitalisierung (HFD) ist ein Projekt des Stifterverbandes, des Centrums für Hochschulentwicklung und der Hochschulrektorenkonferenz und versteht sich Impulsgeber zur Hochschulbildung im digitalen Zeitalter. Vom 21. – 28. September veranstaltete das HFD zusammen mit Partnern wie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, dem Verein Deutscher Ingenieure oder Wikimedia Deutschland zum zweiten Mal eine Themenwoche unter dem diesjährigen Titel „Shaping the Digital Turn“ in Berlin. Programmmanager Ronny Röwert erläutert die Arbeit und die Zielsetzungen des HFD und gibt Ausblick auf die zukünftigen Veränderungen unserer Hochschullandschaft.

politik-digital.de: Das Hochschulforum Digitalisierung arbeitet als eine Art Thinktank auf nationaler Ebene, bietet Strategieberatung für Hochschulen an und will den Diskurs über die Digitalisierung an Hochschulen fördern. Was sind Ihre Kernziele, welche langfristigen und unmittelbaren Ziele haben Sie sich gesetzt?

Ronny Röwert: Seit dem Start des Hochschulforums Digitalisierung (HFD) im Jahr 2014 hat sich viel getan. Ganz allgemein hat sich der Diskurs um den Einsatz digitaler Medien in Studium und Lehre weiter bewegt, auch die Praxis an den Hochschulen schreitet weiter voran. Das HFD hat diese Bewegungen antizipiert und arbeitet mit allen Partnern nun fokussiert daran, die nächste Evolutionsstufe der Digitalisierung in der Hochschulbildung zu vollziehen: von der punktuellen Nutzung digitaler Medien in Lehrveranstaltungen einzelner Lehrende geht es nun darum, eine flächendeckende Ausschöpfung der Potenziale digitaler Technologien in der Hochschullehre, aber auch in anderen Leistungsbereichen wie Forschung und Verwaltung zu unterstützen.

Die Vorreiterinnen und Vorreiter sind bereits seit vielen Jahren gut vernetzt. Wir forcieren daher nun Formate, um breitenwirksam neue Akteure im Hochschulsystem dafür zu gewinnen, sich für innovative Lehr- und Lernformate einzusetzen. Eine zentrale Säule neben den Arbeitsgruppen und der Strategieberatung des HFD ist daher das Netzwerk für die Hochschullehre, das den fächer- und hochschulübergreifenden Austausch sowie den Kompetenzaufbau im Bereich des digitalen Lehrens und Lernens fördert. Hier finden sich Möglichkeiten, Handlungsfelder der hochschulischen Arbeitsebenen ganz konkret zu diskutieren. Ich denke da nicht nur an konkrete Themen wie den Datenschutz, sondern auch daran, generell Beispiele guter Praxis auszutauschen.

Welche Themen sind neu auf die Agenda gekommen?

Wir haben die Freude und gleichzeitig den eigenen Anspruch, der Dynamik der digitalen Transformation im Allgemeinen sowie der Hochschulbildung als Kernauftrag des HFD im Speziellen möglichst zeitgemäß gerecht zu werden. Im Vergleich zur ersten Phase des Projektes, in der dreijährige Themengruppen übergeordnete inhaltliche Schwerpunkte bearbeiteten, sind wir nun dazu übergegangen, die Fragen der Zeit durch zeitlich auf ein Jahr und thematisch auf kleinere Themenfelder begrenztere agile Arbeitsgruppen mit renommierten Expertinnen und Experten zu beleuchten.

Im letzten Jahr haben sich die Arbeitsgruppen jeweils mit dem digitalen Wandel in der Lehrkräftebildung, den mit veränderten Kompetenzanforderungen verbundenen Reformen der Curricula sowie Anforderungen und Wege der Anrechnung und Anerkennung digitaler Lehrformate beschäftigt. Aktuell starten drei neue Arbeitsgruppen mit ganz anderen inhaltlichen Fokussen: Die Arbeit dreht sich dabei um Fragen der Gestaltung von Lernarchitekturen und dem Bildungsbegriff für das digitale Zeitalter im europäischen Kontext. Darüber hinaus wollen wir stärker die Perspektive der Studierenden bei der Hochschulentwicklung in den Blick nehmen. Eine Arbeitsgruppe von 13 engagierten Studierenden aus ganz Deutschland wird sich als #DigitaleChangeMaker mit der Hochschule der Zukunft befassen.

Darüber hinaus starten aktuell viele weitere inhaltliche Initiativen aus dem HFD heraus, deren Umfang ich hier nur grob umreißen kann. So räumen wir der internationalen Sichtbarkeit und Vernetzung eine besondere Bedeutung unter dem Stichwort “Bologna Digital” ein, unter anderem im Rahmen einer Delegationsreise in die Niederlande sowie entstehenden Arbeitspapieren. Außerdem entwickelt das HFD mit dem HFDcert eine Online-Plattform, auf der Lehrende und Mitarbeitende von Didaktik- und Supporteinrichtungen alle ihre Aktivitäten im Bereich der digital gestützten Lehre durch einen Peer-Review-Prozess bescheinigen lassen und in Form eines Online-Portfolios dokumentieren können. Des Weiteren wollen wir mit der Entwicklung eines Kompetenzrahmens für 21st century skills am Beispiel von Data Literacy einen konkreten Beitrag zu diesem sehr aktuellen Diskurs leisten. Und all dies sind nur einige wenige Ausschnitte aus aktuellen Themen und Fragestellungen. Hier empfehle ich allen die Anmeldung für den HFD Newsletter, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Viele Lebenswelten werden digital transformiert, so auch die Bildung. Was hat sich in Zeiten der Digitalität an den Universitäten, die ja auf lange Traditionen zurückblicken können, verändert und was wird sich demnächst verändern?

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Ronny Röwert ist Programmmanager beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Im Hochschulforum Digitalisierung unterstützt er Beratungsprogramme für Hochschulen zur Entwicklung von Strategien für das digitale Zeitalter. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, University of Auckland und Albert-Ludwigs-Universität Freiburg war Ronny Röwert Referent für Projekte der Hochschulforschung und -beratung bei CHE Consult und koordinierte u.a. die Themengruppe Change Management und Organisationsentwicklung im Hochschulforum Digitalisierung. In seiner letzten Tätigkeit verantwortete er die akademischen Beziehungen bei der digitalen Bildungsplattform für Geflüchtete. Kiron Open Higher Education.

Wir sehen bisher in den Hochschulen vor allem, dass der digitale Wandel im Sinne eines technologischen Modernisierungsschritts – ähnlich wie auch in unserem Alltag außerhalb der Hochschule – gewirkt hat und unsere Art der Zusammenarbeit sowie Kommunikation verändert hat und weiter verändern wird, beispielsweise durch elektronisches Buchausleihen, E-Mail-Kommunikation oder digital gestütztes Prüfen. Für einen solchen Modernisierungsschritt bedarf es keiner besonderen Begeisterung an der Institution Hochschule, keiner in langwierigen Prozessen abgestimmten differenzierten Strategie mit in Maßnahmen übersetzten Handlungsrahmen sowie völlig neuer Einrichtungen und Infrastrukturen zur Begleitung des Unterfangens. Noch wenig antizipiert werden jedoch Möglichkeiten der Hochschulen, digitale Technologien für die eigene Profilbildung einzusetzen und so im Sinne einer wettbewerblichen Verbesserung im Wissenschaftssystem zu nutzen.

Im Bereich der Hochschullehre wäre die Weiterentwicklung des hochschulischen Lernmanagementsystems ein Modernisierungsschritt. Die Etablierung von Online-Weiterbildungsstudiengängen oder digital gestützte Studienvorbereitungskurse bzw. mit digitalen Medien individualisierte Studieneingangsphasen können hingegen das eigene Profil schärfen und die wettbewerbliche Position verbessern. Diese Beobachtung zeigt die wissenschaftspolitische Brisanz des Handlungsfeldes der digital gestützten Innovationen in der Lehre für die Zukunft der Hochschulbildung an. Gleichzeitig wird klar, dass für diese Entwicklungsschritte keine gewöhnlichen Entwicklungspläne reichen, sondern die Hochschulen neue Strategien für das digitale Zeitalter zu entwickeln haben. Den Anforderungen der aktuellen Zeit an eine entsprechende zukunftsfähige Lehre können Hochschulen durch eher kosmetische und kleinteilige Digitalisierungsstrategien nicht mehr gerecht werden.

Können Sie uns an ein, zwei konkrete Beispiele veranschaulichen, wie sich das Studium in Deutschland gewandelt hat? Und wie stark ändern sich neben den Lernmethoden auch die Lerninhalte?

Leuchtturmprojekte gibt es dank der letzten beiden Jahrzehnte an Projektförderung für den Einsatz von digitalen Medien in Studium und Lehre viele. Wenn es um die Übertragbarkeit von Beispielen guter Praxis geht, so kann man beispielsweise zur RWTH Aachen schauen. Im Rahmen einer für viele Einführungsveranstaltungen stellvertretenden Vorlesung „Einführung in die Betriebswirtschaftslehre“ mit über 700 Studierenden wurde durch den Einsatz digitaler Medien die begrenzte gemeinsame Zeit der Studierenden mit dem Lehrenden Prof. Piller dadurch strukturell anders genutzt, dass den Studierenden vorab eigens produzierte Lernvideos zur Vorbereitung zur Verfügung gestellt wurden. Während der gemeinsamen Präsenzveranstaltung hat der Professor so mehr Zeit für die Reflektion sowie Diskussion der Inhalte und die Interaktion mit den Studierenden. Die sonst durch die zeitliche und räumliche Begrenzung zentralisierte Wissensvermittlung wurde somit mit Hilfe digitaler Medien flexibilisiert. Studierende bewerteten genau diese Flexibilisierung der Inhaltsvermittlung durch das mediendidaktische Konzept des Flipped Classroom als großen Mehrwert.

Gleichzeitig wird deutlich, wie der Einsatz digitaler Medien neben den Lernmethoden auch die Lerninhalte beziehungsweise vermittelten Kompetenzen verändert, indem bei der Bereitstellung der Lerninhalte als Videos beispielsweise auf unterschiedliche Wissensquellen zugegriffen werden kann oder generell andere Kompetenzprofile (Stichwort 21st century skills) gestärkt werden. In den Wirtschaftswissenschaften ist so beispielsweise denkbar, dass die Inhalte unterschiedlicher Denkschulen für die Stoffvermittlung nutzbar gemacht werden können und auch internationale Beispiele der Aufbereitung der Inhalte möglich sind, beispielsweise durch Nutzung von MOOCs.

Welche politischen, juristischen und infrastrukturellen Maßnahmen sind erforderlich, um die Digitalisierung der Hochschulen vertiefen zu können?

Die Aufmerksamkeit für das Thema der Digitalisierung in der Hochschullehre ist mittlerweile bei den Entscheidungsträgerinnen und -trägern in den Hochschulleitungen sowie auf politischer Verantwortungsebene gestiegen. Das ist zunächst einmal zu begrüßen, denn so stellt sich nun für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Lehre, die die Potenziale der Digitalisierung bestmöglich ausschöpft, nicht mehr die Frage des Ob sondern des Wie. Handlungsempfehlungen, die auf Umsetzung warten, gibt es auch genug. Da politische Agenden und Ressourcen gerade in der Hochschulbildung begrenzt sind, möchte ich daher nur wenige übergeordnete Maßnahmen hervorheben.

Wo drückt also der Schuh? Thema Kooperationen: Die Zusammenarbeit über Hochschulgrenzen hinweg sowie mit außerhochschulischen Akteuren ist im digitalen Zeitalter mehr denn je ein Schlüssel für Erfolg! Hochschulen müssen einerseits noch stärker untereinander zusammenarbeiten, um gemeinsam Breitenwirksamkeit zu erreichen. Andererseits sollten sie verstärkt über den eigenen Tellerrand schauen und mit innovativen außerhochschulischen Akteuren (z. B. aus der freien Wirtschaft) zusammenarbeiten, um den Anschluss nicht zu verlieren. Förderprogramme sollten diese Prozesse unterstützen.

Punkt zwei: die Mehrwerte des Einsatzes digitaler Medien für alle Leistungsbereiche müssen erkannt und gefördert werden. Nur wenn die Digitalisierung der Hochschulbildung als Querschnittsthema im Dienst der übergreifenden Hochschulstrategie und zentralen Handlungsfeldern wie dem Lebenslangen Lernen gestellt wird, kann eine Breitenwirksamkeit erzielt werden. Es geht also zukünftig weniger um eine Digitalisierungsstrategie, die als Selbstzweck entwickelt wird, weil man das nun so macht. Viel eher gilt es differenziert zu schauen, wie eine zeitgemäße Hochschullehre in der digitalen Welt jeweils zweckmäßig durch den Einsatz digitale Medien angereichert werden kann, abhängig von Kontextbedingungen wie dem Hochschulprofil, Anforderungen der jeweiligen Fachdisziplinen und der Heterogenität der Studierendenschaft.

Und drittens ein besonderes persönliches Anliegen von mir: Digitale Technologien haben immer auch internationalen Charakter und sind insbesondere europäisch zu verstehen und zu denken. Hochschulen haben vor allem eine besondere Verantwortung für den europäischen Zusammenhalt. Im Sinne von einem “Bologna Digital” sollten sie etwa verstärkt auch Möglichkeiten von digitalen Medien für die Internationalisierung der Hochschulbildung nutzen, beispielsweise durch virtuelle Austauschformate. Hier hat die Europäische Kommission mit dem “Digital Education Action Plan” bereits eine Idee entsprechender Leitlinien der Politik vorgegeben. Sie sehen: es gibt viel zu tun, packen wir’s gemeinsam an!

Titelbild: Freie Universität Berlin (Free University of Berlin, Germany): Rost- und Silberlaube, by torinberl via wikicommons, CC BY-SA 3.0

Bild des Interviewpartners: © Ronny Röwert

CC-BY-NC 2.0

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